Conchita Wurst: „Ich bin HIV-positiv“

In einem Instagram-Posting outete sich die Siegerin des Eurovision Song Contest 2014, Conchita Wurst, heute als positiv. Wurst erläutert: „Heute ist der Tag gekommen, mich für den Rest meines Lebens von einem Damoklesschwert zu befreien: ich bin seit vielen Jahren HIV-positiv. Das ist für die Öffentlichkeit eigentlich irrelevant, aber ein Ex-Freund droht mir, mit dieser privaten Information an die Öffentlichkeit zu gehen, und ich gebe auch in Zukunft niemandem das Recht, mir Angst zu machen und mein Leben derart zu beeinflussen“. Sie habe ihren Status bislang auch mit Rücksicht auf ihre Familie nicht kommuniziert, die sie aber jederzeit „bedingungslos unterstützt“ habe. Nach eigener Aussage befindet sie sich seit der Diagnose in medizinischer Behandlung und liegt „seit vielen Jahren unterbrechungsfrei unter der Nachweisgrenze“, ist „damit also nicht in der Lage, den Virus weiter zu geben“. Die österreichische Grand-Prix-Kaiserin hoffe nach eigenen Worten, mit ihrem Coming Out „Mut zu machen und einen weiteren Schritt zu setzen gegen die Stigmatisierung von Menschen, die sich durch ihr eigenes Verhalten oder aber unverschuldet mit HIV infiziert haben“. Und auch, wenn ich immer dachte, dass ich die vorbildliche Wurst nicht noch stärker lieben und respektieren könnte als nach ihrem Eurovisionssieg: heute hat sie mir bewiesen, dass das geht!

Unbeugsam und nicht kleinzukriegen: die tolle ♥ Conchita.

Trickkleiddrama um Elina Netšajeva

Exakt einen Monat vor dem ersten Semifinale des Eurovision Song Contest 2018 entspannt sich ein Finanzierungsproblem rund um die Teilnahme der estnischen Popera-Diva Elina Netšajeva. Die trat beim heimischen Vorentscheid Eesti Laul bekanntlich in einem Projektionskleid auf, also einem Dress mit einem textilreichen grauen Unterteil, das als Leinwand für sehr eindrückliche, aufgespielte Visuals fungiert und das einen nicht unerheblichen Teil zum beeindruckenden audiovisuellen Gesamtkonzept beitrug. Das wollte Elina in Lissabon eigentlich so beibehalten, was aber am Geld scheitern könnte: wie der estnische Delegationsleiter Mart Normet nach einem Bericht von Wiwibloggs vorrechnet, summieren sich die geschätzten Kosten für die Miete leistungsstarker Projektoren während der Eurovisionswochen in Portugal auf mindestens 65.000 €, auch weil man für den vollen Effekt gleich drei der Geräte benötigt. Der Sender ERR sieht sich jedoch nicht in der Lage, solch einen Betrag aufzubringen.

Wird aus ‚La Forza‘ ohne das Trickkleid nun ‚La Furza‘?

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Eine Ära endet: Lys Assia ist tot

Für altgediente Eurovisionsfans kam die Nachricht wie ein Schock: am gestrigen Samstag verstarb Medienberichten zufolge die dreifache schweizerische Grand-Prix-Teilnehmerin und Siegerin der Premierenausgabe des Wettbewerbs von 1956, Lys Assia, im Alter von 94 Jahren in einem Krankenhaus in Zollikon bei Zürich. Damit geht eine Ära unwiederbringlich zu Ende, denn Assia hatte unter eingeschworenen Anhängern des europäischen Liederfestivals den Status einer Galionsfigur inne, die den selben Rang einnahm wie Cher im Bereich der Popmusik oder Keith Richards im Rock: dass die unverwüstliche „Grand Dame des Chanson“ (Blick) selbst einen Atomkrieg unbeschadet überleben würde, auf jeden Fall aber uns gewöhnliche Sterbliche, galt als unerschütterliche Gewissheit. Und so trauert die Grand-Prix-Gemeinde nicht nur um ein eurovisionäres Aushängeschild, das auf keiner Festveranstaltung rund um den Eurovision Song Contest fehlen durfte, sondern auch um eine Identifikationsfigur. Wenn selbst Lys Assia das Zeitliche segnen muss, so die bange Frage, ist es dann auch vorstellbar, dass es den Eurovision Song Contest womöglich nicht ewig geben wird?

Lys Assia mit ‚Giorgio‘, dem besten ihrer vier Grand-Prix-Beiträge und einem echten Kulthit.

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GE 2018: Neues aus Porada Ninfu

Liebes georgisches Fernsehen, nur so als Tipp: wenn man schon mit voller Absicht als Letzter auf der Party einläuft, so für das standesgemäß große Entree, dann sollte der Auftritt auch überzeugen. Gespannt waren die Erwartungen, nachdem Ihr, mit schon seinerzeit wirklich unnachahmlichem Gefühl fürs Timing, am vergangenen Silvesterabend, nur wenige Stunden vor Mitternacht, Eure intern ausgewählte Vertreter verkündetet: Iriao, eine siebenköpfige Ethno-Jazz-Band rund um den um den auch in Deutschland tätigen Komponisten David Malazonia, welche laut Eigenbeschreibung die von der UNESCO zum immateriellen Weltkulturerbe gezählte, nur im Kaukasus praktizierte polyphone Gesangstechnik des Chakrulo, eines „dreiteiligen Trinkliedes zur Vorbereitung auf die Schlacht, mit zwei reich verzierten individuellen Parts gegen einen sich langsam bewegenden Drohen-Chor“ (Wikipedia) pflegt und sie mit traditioneller Folklore, persischen Einflüssen und westlichem Jazz verschmilzt. Von all dem fehlt allerdings in dem heute endlich veröffentlichten Lied für Lissabon jegliche Spur.

Als habe Herr Malazonia ein Praktikum bei Jupiter Records absolviert: der georgische Beitrag 2018.

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BG 2018: Es lebe der Zentralfriedhof

Als „düster“, „mystisch“ und „spirituell“ kündigte das bulgarische Fernsehen den als strenge Verschlusssache gehandhabten und massiv gehypten Beitrag des Landes für den Eurovision Song Contest 2018 an, den es heute Morgen enthüllte. Um 7:30 Uhr in der Frühe, an einem Montagmorgen, dem denkbar unspirituellsten und nüchternsten Punkt der Woche. Gutes Timing, BNT! Dementsprechend ernüchtert fielen die meisten Reaktionen auf den Titel ‚Bones‘ aus. Eine etwas glibbrige Variante von Dihajs ‚Skeletons‘ (→ AZ 2017), so könnte man es vielleicht zusammenfassen, dargeboten von einem Quintett mit dem Namen Equinox (Sonnenwende), deren Mitglieder – eine bulgarische X-Factor-Siegerin, ein rumänischer X-Factor-Teilnehmer, einer der Chorsänger des Vorjahresvertreters Kristian Kostov und zwei Amerikaner – man im mitgelieferten Lyric-Video nur schemenhaft zu sehen bekommt. Soll wohl Internationalität demonstrieren, erinnert als Konzept aber ein wenig an Ralph Siegels Retortenkappelle Six4One (→ CH 2006). Mit dem Unterschied, dass zumindest einer der Fünf, Trey Campbell nämlich, dem Komponistenkollektiv Symphonix angehört, das auch für Kostovs Silbermedaillensong verantwortlich zeichnete. Sowie für den aktuellen österreichischen Beitrag.

Könnten auch im namensgebenden US-Krimi Bones mitspielen, ob als Medizinstudenten, Kriminelle oder Opfer: Equinox.

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LT 2018: Der Berg kraist… und gebiert eine Zasimauskaitė

Über zehn Wochen erstreckte sich das notorisch überlange litauische Vorentscheidungsverfahren, die Eurovizija, auch 2018 wieder. 50 Songs (!) nahmen ursprünglich daran teil, die man für das gestrige Finale, übrigens das letzte dieser Saison (fühlt Ihr bereits den Entzugsschmerz?), in einem epischen, hochkomplizierten Verfahren auf sechs reduzierte, mit denen der Sender LRT dann, anders als die in dieser Beziehung die Nerven ihrer Zuschauer/innen nicht über Gebühr strapazierende ARD, nochmals gute drei Stunden in der Primetime füllte. Es siegte, nachdem die Litauer/innen in den Vorrunden bereits sämtliche guten Beiträge bis auf einen herausgewählt hatten, leider nicht dieser, sondern wie erwartet die klare Favoritin Ieva Zasimauskaitė mit der stimmlich ausgesprochen zart dahingehauchten Liebesballade ‚When we’re old‘, mit welcher der Eurovizija-Dauergast es im fünften Anlauf schaffte. Und zwar mit dem Segen und der Unterstützung ihres eigenen Ehemannes, der beim Finalauftritt mit auf die Bühne hinzutrat, um sie verliebt anzuschmachten, was die Authentizität des Crowd-Pleasers ungemein erhöhte. Denn merke: das Heteropärchen siegt immer!

Konkurrenz für das spanische Pärchen in Sachen Gefühlskitsch: die Ieva.

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MK 2018: So many Songs, so little Time

Nicht einen, sondern gleich vier Songs präsentierte uns das mazedonische Fernsehen am heutigen Abend der Beitrags-Enthüllungen. ‚Lost and found‘, so heißt das Stück des bereits vor geraumer Zeit intern bestimmten Duos Eye Cue. Und es klingt auch ein bisschen so, als habe man sich die Zutaten für das mazedonische Lied im städtischen Fundbüro zusammengesammelt. Es beginnt als nicht weiter auffällige Midtempo-Ballade – für die ersten 20 Sekunden. Dann klopft es auf einmal an der Tür. Wer da draußen wohl steht? Oh, es ist ein verspielter Reggae-Track! Wollen wir ihn hereinlassen? Eigentlich nicht, denn nur wenig ist (mit wenigen Ausnahmen) nach dem Empfinden des Blogbetreibers nervtötender als ein aus zwei unterschiedlichen musikalischen Stilen zusammengelöteter Song. Doch zu spät: für die nächste halbe Minute wabern die virtuellen Haschischwolken durch die Gegend, dann legt Leadsängerin Marija Ivanovska einen scharfen U-Turn hin und kehrt zur Ballade zurück, die nun zusätzlich noch den Refrain beinhaltet.

Un peu du Poivre / un peu du Sel / un peu d’Amour / un peu du Miel: Eye Cue nehmen von allem ein bisschen.

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RU 2018: Sticks and Stones won’t break your Bones

Und auch im Falle der russischen Repräsentantin für den Eurovision Song Contest 2018, Julia Samoylova, und ihrem Grand-Prix-Beitrag hielten die Dämme nicht: bereits vor der offiziellen Vorstellung in den heutigen Hauptabendnachrichten des Senders leakte der Song. Der heißt ‚I won’t break‘, stammt vom selben Komponistentrio, das bereits Dina Garipovas (→ RU 2013) gruselige Gehirnwäsche-Hymne ‚What if we‘ verbrach und entpuppt sich musikalisch als belanglosester Radiopop ohne den geringsten Funken von Authentizität. Zumindest in der Studiofassung stellt er dennoch eine leichte Verbesserung zu Julias letztjährigem Lied ‚Flame is burning‘ dar, was vor allem daran liegt, dass ein mehrstimmiger Frauenchor ihr den Refrain weitestgehend abnimmt, währenddessen sie lediglich das titelgebende Versprechen ihres immerwährenden Widerstands dahinmurmelt. Und selbstverständlich nutzten die Texter die naheliegende Gelegenheit, die Interpretin in ihren leicht düsteren Lyrics zu einer Art wie Phönix aus der Asche steigenden Märtyrerin zu stilisieren.

Die Propagandamaschine rollt wieder: die heldenhafte Freiheitskämpferin Julia Samoylova.

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IL 2018: Kukuriku

Schon des Nächtens suppte er durch, der eigentlich bis zur offiziellen Präsentation heute Abend unter Verschluss zu haltende israelische Eurovisionsbeitrag 2018. Woraufhin das Land in den Wettbüros sofort auf den Spitzenplatz schoss. Kein Wunder: Netta Barzilais feministische Hymne ‚Toy‘ vereint einen außergewöhnlichen, authentischen Gesangsstil mit einem aktuellen gesellschaftspolitischen Anliegen – der in Hollywood gestarteten, aber mittlerweile globalen #metoo-Bewegung – und, am Wichtigsten, einem starken, Spaß machenden Pop-Track. Zusammengehalten wird das von Doron Medalie (‚Golden Boy‘, IL 2015) komponierte und aus 140 Einsendungen ausgewählte ‚Toy‘ von der naturgewaltigen Persönlichkeit der Wuchtbrumme Netta, einer Art israelischer Beth Ditto: dick, laut, talentiert und absolut fabelhaft! Die berechtigte Siegerin der vom Sender rein zur Ermittlung der Repräsentantin genutzten Eurovisions-Castingshow HaKokhav Haba scheut weder vor dem Einsatz eines Loopers noch vor ironisch eingesetztem Gackern zurück. Und unterstreicht damit nur die lässige Ernsthaftigkeit ihrer Message, dass Frauen keine Spielzeuge für Jungs sind.

Eine Hen Night der anderen Art: Netta gackert für mehr Freiheit.

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SE 2018: Lass die Neon-Sonne in Dein Herz

Mit dem erwarteten Sieg des Favoriten Benjamin Ingrosso ging am gestrigen Samstagabend das Finale des schwedischen Melodifestivalen zuende. So überraschungsarm das Ergebnis, so unspannend sein Song ‚Dance you off‘: ein gemächlich vor sich hin pluckerndes, dampfstrahlgebügeltes Musikbett, über dem eine infantil hochgepitchte, komplett emotionslose Stimme schwebt. Mit anderen Worten: die Art von Track, die ein DJ am frühen Abend auflegt, wenn das Personal die Überzahl der Menschen im Club stellt und die zahlenden Gäste erst tröpfchenweise eintrudeln; wenn es also Verschwendung wäre, bereits jetzt einen echten Tanzflächenfüller aufzulegen. Dazu bewegt sich ein charismafreies Milchbübchen halbherzig vor einem Hintergrund aus bunten, leuchtenden Neonröhren: was womöglich als Reverenz an den Achtzigerjahre-Trash-Film Tron gedacht war, erinnert allerdings mehr an das Innenleben eines Assi-Toasters oder UV-Lichtsarges. Und so unecht wie Solariumsbräune wirkt auch der diesjährige schwedische Eurovisionsbeitrag.

So steril, man könnte glauben, er käme aus Dänemark: der schwedische Kaufhausmusik-Track von Benjamin Inkasso.

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