Perlen der Vorentscheidungen: Ein Fisch namens Dracula

Am vergangenen Sonntag ging im Gastgeberland des diesjährigen Eurovision Song Contest, in Portugal, die erste von zwei Halbfinalen des Festival da Canção über die Bühne. Auf der Halbinsel glaubt man noch fest an das Konzept des → Komponistenwettbewerbs, und so lud der Sender 26 Songschreiber ein, ein Lied für Lissabon zu komponieren und entweder selbst zu singen oder einen passenden Interpreten mitzubringen. Die Hälfte von ihnen, also 13, durften gestern ihre Ergebnisse vorstellen. Und wie zu erwarten, wurde es ein langer, lahmer Abend voll von sanften Balladen und introvertierten Auftritten. Wie ein Fanal stach da die völlig bizarre Darbietung des Singer-Songwriters JP Simões hervor, der – Halbplayback oder technischer Trick? – zweistimmig gewissermaßen gegen sich selbst sang und dabei vollkommen stoisch wirkte, auch als sein ohnehin ziemlich schräger, irgendwie latent bedrohlicher Beitrag ‚Alvoroço‘ (‚Hooligan‘) an der Zwei-Minuten-Marke plötzlich in eine wilde Kakophonie aus schrillen Trompeten und sich überschlagenden Trommeln abdriftete, begleitet von einem epilepsieauslösenden Blitzlichtstakkato. Ungerührt starrt JP weiter mit seinem „Verpiss Dich“-Blick in die Kameras und brachte die Nummer zurück in ruhigere Fahrwasser. Ganz großes Grand-Prix-Kino!

JP: der verheimlichte, noch bösere Zwillingsbruder des Film-Schurken Otto (Kevin Kline) aus ‚Ein Fisch namens Wanda‘ (PT).

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Hörprobe: unsere Lieder für Lissabon

Der Datumsgrenze, den Wundern des World Wide Web und den findigen Prinzen sei Dank können wir seit heute Abend bereits in fünf der sechs deutschen Vorentscheidungsbeiträge 2018 hineinhören. Denn bei iTunes stehen die Lieder zum Stichtag weltweit zum Probehören (und kaufen) parat, und da es in Neuseeland bereits seit 18 Uhr deutscher Zeit Dienstag ist, kommen wir bereits jetzt in den Genuss von neunzigsekündigen Ausschnitten aus den Songs. Grund genug für ein erstes, überraschend erfreuliches Probehören und natürlich ein spontanes Ranking, von dem lediglich Ryks ‚You and I‘ ausgenommen bleiben muss. Denn der Titel fehlt aus unbekanntem Grunde noch. Daher nachfolgend die aufrechtgehn.de-Top 5 der Unser-Lied-für-Lissabon-Beiträge!

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Fünfter Supersamstag 2018, Teil 2: morgens bin ich immer müde

Bin ich mittlerweile einfach zu verwöhnt, zu überkritisch? Ist es vermessen von mir, zu verlangen, dass das Rad mit jeder Performance neu erfunden wird? Kann ich mich mit meiner ständigen Originalitätserwartung einfach nicht mehr erfreuen an solide gemachten Liedern und Auftritten? Oder woran liegt es, dass mir das Melodifestivalen, der heilige Gral der Eurovisionsvorentscheidungen, in diesem Jahr so über die Maßen lahm vorkommt, die Songs so schwach, die Darbietungen so uninspiriert? So, als läge eine einzige, abgrundtiefe Müdigkeit über dem schwedischen Vorauswahlverfahren, ein Mehltau, über den keine Choreografie, kein Glanz und Glitter mehr hinwegtäuschen kann? Am augenfälligsten wehte dieser Eindruck am gestrigen Samstagabend beim Auftritt der im dritten MF-Semi Letztplatzierten Barbi Escobar herüber, die ein wenig aussah wie Sabrina Setlur (→ Vorentscheid DE 2004) nach exzessivem Schlafentzug: so fahl und ausgezehrt, dass man sich nicht wunderte, warum sie für ihren Titel ‚Stark‘ das wichtigste Requisit vergaß, nämlich einen Refrain. Da half es auch nichts mehr, dass ihre Tänzer/innen versuchten, auf der Mello-Bühne neue Langstreckenrekorde aufzustellen.

Lass mich raten, Barbi: Dein Kind ist jetzt vier Monate alt und Du hast seit der Geburt kein Auge mehr zugemacht (SE)?

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Fünfter Supersamstag 2018, Teil 1: schönes Haar ist Dir gegeben

Es war ein Abend der endlosen eurovisionären Überforderung, der gestrige Supersamstag, an dem gleich acht Vorrunden und ein nationales Finale gleichzeitig um die Aufmerksamkeit des Grand-Prix-Fans rangen. Darunter mit den Semis der slowenischen EMA und der Eesti Laul diejenigen aus gleich zwei meiner liebsten Perlen-vor-die-Säue-Ländern, in denen jedes Jahr die allerschönsten Lieder unter die Räder kommen und stattdessen (fast) immer der größte Mist zum Song Contest geschickt wird. Die Esten trugen ihre Finalchancen ja bereits vergangenen Samstag zu Grabe (und vergaben gestern eine weitere Gelegenheit), in Ljubljana hingegen rettete man zu meinem großen Erstaunen gleich mehrere vielversprechende Titel ins EMA-Finale. Dennoch musste die Hälfte der 16 im EMA-Semi vorgestellten Songs draußen bleiben, und auch unter ihnen fanden sich Musterbeispiele dafür, was den Vorentscheid des ehemals jugoslawischen Bundeslands so wertvoll macht: der unerschütterliche Glaube nämlich an essentielle eurovisionäre Grundgerüste wie die Synchrontanz-Choreografie, die Windmaschine und das Bühnenrequisit, vor allem aber an musikalische Tugenden wie zügiges Tempo und eine Melodie.

Nuša Derenda hat angerufen und will ihr Bühnenoutfit zurück: die komplementärfarbene Anabel (SI).

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ME 2018: Vanja spielt auf dem Bajan

Dass sich Kultur nicht demokratisch organisieren lässt, belegte heute Abend der erstmals seit zehn Jahren wieder ausgetragene offene Vorentscheid des rund 600.000 Einwohner starken Balkanstaates Montenegro. Bis dato bestimmte der Sender RTCG seine Eurovisionsvertreter/innen nämlich direkt und traf dabei oft sehr mutige Entscheidungen, die das kleine Land zu einem Innovationsmotoren des Grand Prix machten, auch wenn sich das leider nur selten in adäquaten Platzierungen auszahlte. Nun sollte es 2018 die Montevizija sein, bei der fünf durch die Bank schwache Songs um die Gunst der alleine entscheidungsberechtigten Zuschauer/innen buhlten. Es gewann der einzige Mann, der trotz seiner über 30 Jahre sehr bübchenhaft wirkende Vanja Radovanović mit seiner eigenkomponierten, klassischen Balkanballade ‚Inje‘ (‚Raureif‘): ein düster gestimmtes Klavier leitet eine verhaltene erste Strophe ein, die sanft mäandernd in einen violingeschwängerten Refrain mündet. In welchem der vom Band kommende Chor den eine Art von Hotelpagenuniform tragenden Vanja beinahe erschlägt. Und auch eine → Rückung darf nicht fehlen, die mit der Zwei-Minuten-Marke sogar recht früh in Lied daherkommt.

Das wäre wohl selbst Željko Joksimović (RS 2004, 2012) zu altbacken und kitschig: Vanja sülzt sich die Seele aus dem Leib.

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BY 2018: Chasing Russians

Sie haben schon einen besonderen Sinn für Humor, die Belarussen. Einen großen nationalen Vorentscheid aufzuziehen mit zehn Teilnehmer/innen und noch einmal zehn Interval Acts, und das alles, obwohl der Beitrag für Lissabon bereits lange vorher feststand: sicherheitshalber mit zwei Mal 12 Punkten im Tele- und Juryvoting siegte heute Abend erwartungsgemäß der in Moskau lebende Ukrainer Nikita Alekseev mit dem umstrittenen Titel ‚Forever‘. Mit dem bewarb er sich zunächst erfolglos beim Vorsingen in seinem Herkunftsland und wechselte, als er dort abblitzte, nach Minsk. Das sorgte für erheblichen Unmut bei den weißrussischen Konkurrent/innen; sechs von ihnen drohten mit Boykott (und eine zog es tatsächlich durch), falls er nicht ausgeschlossen würde, da er den Song in einer russischen Sprachfassung bereits vor dem 1. September 2017 live auf Konzerten gesungen habe. Alekseevs Produzenten schraubten daraufhin so lange an dem Beitrag herum, bis er sich genügend von der beanstandeten Live-Version unterschied. Und trieben ihm dabei auch noch das letzte bisschen an melodischer Harmonie aus.

Wenn es in Lissabon schon keine LED-Wand gibt, dann bringt Alekseev halt eine LED-Jacke mit.

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GR 2018: Was vom Tage übrig blieb

Da war es nur noch Eine: eurovision.tv bestätigte heute unter Berufung auf den griechischen Sender ERT die Spekulationen der letzten Tage, wonach die ursprünglich geplante öffentliche Vorentscheidung Eurosong 2018 mangels Masse ausfallen musste und die Hellenen die einzige verbleibende Bewerberin nach Lissabon entsenden. Nämlich Yianna Terzi mit ihrem midtemporären, sphärisch-panflötig gewürzten ‚Oneiro mou‘ (‚Mein Traum‘), einem weiteren Grand-Prix-Beitrag in Landessprache. Das griechische Auswahlverfahren entfaltete in diesem Jahr alle Züge eines klassischen Dramas: nach einem entsprechenden Aufruf des hellenischen Fernsehens an die Plattenfirmen des Landes reichten diese zunächst 20 Vorschläge beim Sender ein, darunter Acts wie Stereo Soul (→ GR 2011) und Giannis Dimitras (→ GR 1981). Die Fan-Favoritin Eleni Foureira, die es in der Vergangenheit mehrfach versuchte und immer wieder abblitzte, fand sich heuer nicht im Bewerberkreis: sie geht stattdessen in Lissabon für Zypern an den Start. ERT wollte wohl lieber Helena Paparizou (→ GR 2005), die aber winkte ab.

Sanft klagende Flöten und eine elektronisch subtil modifizierte Stimme über einem mystisch wabernden Soundteppich: der hellenische ESC-Beitrag 2018 verfügt über viel Atmosphäre und wenig Melodie.

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IL 2018: Vorsprung durch Technik

Da kommt eine spannende Grundsatzdebatte auf uns zu: wie weit darf der Einsatz von Technik beim Eurovision Song Contest gehen? Am gestrigen Abend gewann die 25jährige Wuchtbrumme Netta Barzilai mithilfe der Jury ziemlich knapp die israelische Grand-Prix-Castingshow HaKokhav Haba, hierzulande gefloppt unter dem Titel Rising Star. Nettas Markenzeichen in der Show war der exzessive Einsatz eines Loopers, also eines manuell gesteuerten technischen Trickkästchens, mit dessen Hilfe man Instrumente, Geräusche oder die eigene Stimme aufnehmen, elektronisch beliebig bearbeiten (sprich: mit Hall unterlegen, verstärken, verdoppeln, verfremden) und in Dauerschleife gewissermaßen als selbstgemachten Begleitchor oder musikalische Untermalung zum eigenen Live-Gesang abspielen kann. Diese relativ preisgünstigen Geräte erfreuen sich seit Jahren zunehmender Beliebtheit, besonders virtuose Anwender/innen sind damit in der Lage, acapella und live ein Lied mit kompletter Instrumentierung und allen Finessen zu bauen. Netta beeindruckte bei HaKokhav Haba dank des Loopers mit sensationellen Bearbeitungen von Hits wie ‚Rude Boy‘ oder ‚Gangnam Style‘.

Erklärt mehr als tausend Worte: Netta führt der israelischen Jury die Einsatzmöglichkeiten des Loopers vor (Repertoirebeispiel).

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MK + HR 2018: (You drive me) Crazy

Gleich zwei Balkanstaaten gaben heute ihre jeweils intern bestimmten Vertreter/innen für den Eurovision Song Contest 2018 bekannt. Die frühere jugoslawische Republik Mazedonien, die derzeit (hoffentlich!) auf eine baldige Lösung des jahrzehntelangen, ermüdenden Namensstreits mit den in dieser Angelegenheit bis zuletzt sturen Griechen zusteuert, ernannte das phonetisch clever benannte Duo Eye Cue (lies: IQ bzw. „I q“ = ich qualifiziere mich [für das Finale]), bestehend aus dem Komponisten Bojan Traikovski und der Leadsängerin Marija Ivanoska. Die beiden machen seit mehr als zehn Jahren gemeinsam Musik. Und zwar, wie eine schnelle Youtube-Werkschau bestätigt, in der Hauptsache zähen, handgeklampften, midtemporären, leicht melancholischen Middle-of-the-Road-Seich (seufz). Wie sich das bei dem ebenfalls von Bojan geschriebenen Wettbewerbsbeitrag ‚Lost and found‘ verhält, bleibt jedoch abzuwarten, denn der Sender will den Titel der ungeduldig mit den Hufen scharrenden Weltöffentlichkeit erst später vorstellen. Die verwendete Anpreisung „contemporary“ („zeitgemäß“) lässt jedoch nichts Gutes hoffen, übersetzt sie sich in der Regel doch als „formatradiotaugliches Gedudel“.

Eines ihrer ansprechenderen Stücke: das von der Balkan-Queen Kaliopi (MK 2011, 2016) geschriebene ‚Ne zaboravaj‘ (Repertoirebeispiel).

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Lettisches Voting-Chaos: Riga-Reggae-Foto rettet Riva

Ein falsch platziertes Foto rettet dem lettischen Vorentscheidungsveteranen Markus Riva den Arsch: wie der Sender LTV heute bekannt gab, darf der am vergangenen Samstag im zweiten Semifinale der Supernova eigentlich bereits ausgeschiedene Sänger und stets erfolglose Dauerbewerber nun doch am Finale des Vorauswahlverfahrens teilnehmen. Der Sender hatte beim Onlinevoting versehentlich das Foto der Band Riga Reggae beim Abstimmungslink für den Konkurrenten Ritvars platziert, welcher daraufhin als Zweitplatzierter der Gesamtwertung weiterkam, während Riva mit Rang 3 den Kürzeren zog. Nunmehr annullierte LTV die Internet-Ergebnisse für alle Teilnehmer/innen und sortierte die Liste anhand der restlichen Faktoren – Telefonanrufe, SMS, Spotify-Abrufe und Jurystimmen – vollständig neu.

Was nicht passt, wird passend gemacht: Riva ist im Finale.

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