Per­len der Vor­ent­schei­dun­gen: Vira­le Schlach­ten

Mit der übli­chen Ver­spä­tung folgt heu­te noch der Nach­schlag zum ver­gan­ge­nen Super­sams­tag, an dem neben gleich drei natio­na­len Fina­len wei­te­re vier Vor­run­den und Semis über die Büh­ne gin­gen. Begin­nen wir im hohen Nor­den beim islän­di­schen Söng­vakepp­nin, wo sich im zwei­ten Semi zwei der Favorit:innen auf den Sieg im Fina­le nächs­ten Sams­tag durch­setz­ten. Der eine von ihnen, der fan­tas­ti­sche Daði Freyr, gewinnt gera­de inter­na­tio­nal Momen­tum: sowohl der ein­fluss­rei­che deut­sche Sati­ri­ker und Talk­show-Host Jan Böh­mer­mann als auch der neu­see­län­di­sche Schau­spie­ler Rus­sell Cro­we (sowie der deut­sche ESC-Ver­ant­wort­li­che Tho­mas Schrei­ber) teil­ten heu­te auf Twit­ter den super­lus­ti­gen, herr­lich selbst­iro­ni­schen Video­clip zu ‘Think about Thinks’. So der eng­li­sche Ori­gi­nal­ti­tel des wun­der­bar ein­gän­gi­gen Elek­tro-Pop-Songs (mit euro­vi­si­ons­ge­rech­ter Rückung!), den der lang­haa­ri­ge Hip­sterz­ot­tel im Söng­vakepp­nin-Semi frei­lich auf­grund der dort gel­ten­den Lan­des­spra­chen­pflicht noch als ‘Gagna­ma­gnið’ (‘Die Men­ge’) vor­tra­gen muss­te. Auf den glei­chen Namen hört auch Dad­dy Fires fünf­köp­fi­ge Begleit­band, die ihn, bewaff­net mit klo­bi­gen Mul­ti-Fake-Instru­men­ten, bei sei­ner extrem läs­si­gen Euro­vi­si­ons-Cho­reo­gra­fie unter­stütz­te, wel­cher das Kunst­stück gelang, deren klas­si­sche Ele­men­te gleich­zei­tig ernst und auf die Schip­pe zu neh­men.

Sogar die Wind­ma­schi­ne kommt zum Ein­satz: Dad­dy Fire weiß, wie ESC geht!

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Bel­gi­en 2020: Let the Sky fall

Lan­ge muss­ten wir auf den Song war­ten: am heu­ti­gen Mor­gen fei­er­te der bel­gi­sche Bei­trag der bereits im Okto­ber ver­gan­ge­nen Jah­res vom flä­mi­schen Sen­der Één intern nomi­nier­ten Band Hoo­ver­pho­nic in einer Radio­show Pre­miè­re. Und seit heu­te Mit­tag steht auch ein You­tube-Video bereit. Doch zum Lied: ‘Release me’ sei diver­sen Ver­laut­ba­run­gen zufol­ge dem vor kur­zem ver­stor­be­nen Vater des Band­lea­ders Alex Cal­li­er gewid­met, ent­puppt sich bei genaue­rer Betrach­tung lyrisch aller­dings als klas­si­sche Tren­nungs­schmerz­bal­la­de. Es folgt in die­ser ver­wun­der­li­chen Text-Bedeu­tungs­sche­re dem letzt­jäh­ri­gen Sie­ger­song von Dun­can Lau­rence, der zu ‘Arca­de’, einer Betrach­tung über Spiel­sucht, ja eben­falls durch den Tod eines nahe ste­hen­den Men­schen inspi­riert wor­den sein will. Und noch mehr ver­bin­det bei­de Lie­der: wie ‘Arca­de’ schwebt das von einem ele­gi­schen Strei­cher­tep­pich getra­ge­ne ‘Release me’ zwi­schen edler Ele­ganz und ein­schlä­fern­der Lan­ge­wei­le, ver­mag jedoch eben­falls über den Gesang zu fes­seln: die einer­seits völ­lig ent­rückt und unbe­tei­ligt wir­ken­de, gleich­zei­tig tief­trau­rig-ange­kratz­te Stim­me der Lead­sän­ge­rin Luka Cruys­berghs ver­leiht dem von einem leich­ten James-Bond-Flair durch­zo­ge­nen Song eine unbe­streit­ba­re Fas­zi­na­ti­on. Ob die­se aus­reicht, auch live über drei Minu­ten zu tra­gen und das völ­li­ge Feh­len jeg­li­cher musi­ka­li­scher Vari­anz oder dyna­mi­scher Stei­ge­rung wett­zu­ma­chen, wage ich aller­dings zu bezwei­feln. Und so fürch­te ich, dass der bel­gi­sche Bei­trag Rot­ter­dam bereits im Semi­fi­na­le in Schön­heit ster­ben könn­te. Immer­hin: die Heim­fahrt ist nicht weit.

Legt sich als Film­sound­track wie Bal­sam auf die Ohren, dürf­te im Wett­be­werb aber unter­ge­hen: Hoo­ver­pho­nic.

Frank­reich 2020: La Vie en jau­ne Bon­bon

Und dafür schmiss das fran­zö­si­sche Fern­se­hen die Desti­na­ti­on Euro­vi­si­on, Euro­pas bes­ten Vor­ent­scheid der letz­ten zwei Jah­re, weg? Ernst­haft? Heu­te ver­öf­fent­lich­te Fran­ce 2 das Prä­sen­ta­ti­ons­vi­deo für den Bei­trag des im Janu­ar 2020 intern aus­ge­wähl­ten Ver­tre­ters Tom Leeb. Der heißt ‘The Best in me’, fällt, wie bei einem der­ar­ti­gen Song­ti­tel nicht anders zu erwar­ten, in die Kate­go­rie der bereits eine Mil­li­on Mal gehör­ten pom­pö­sen Power­bal­la­de, ver­fügt über eine Rückung und besteht aus fran­zö­si­schen Stro­phen und einem eng­li­schen Refrain. Wie heut­zu­ta­ge üblich, wer­kel­ten gan­ze sechs (!) Per­so­nen dar­an her­um, damit nie­mand allei­ne die Ver­ant­wor­tung für die Mala­desse über­neh­men muss: die in Spu­ren­ele­men­ten vom Secret-Gar­den-Cas­ting­show­klas­si­ker ‘You rai­se me up’ inspi­rier­te Musik stammt aus der Feder der bei­den schwe­di­schen (!) Euro­vi­si­ons-Seri­en­tä­ter Tho­mas G:son und Peter Boström; den Text ver­bra­chen neben dem Inter­pre­ten selbst noch Léa Ivan­ne sowie die Euro­vi­si­ons­kol­le­gen Amir und John Lundvik. Und wo schon der Inhalt einer beschä­men­den kul­tu­rel­len Kapi­tu­la­ti­on der einst­mals stol­zen Gran­de Nati­on gleich­kommt, ver­such­te man, wenigs­tens mit einer schö­nen Ver­pa­ckung davon abzu­len­ken: der fest­lich ange­strahl­te nächt­li­che Eif­fel­turm muss­te her­hal­ten als Kulis­se für die staats­tra­gen­de Insze­nie­rung des schau­spie­lern­den Schön­lings Leeb. Frank­reich hat sich, anders lässt sich die Mer­de musi­ca­le nicht zusam­men­fas­sen, offen­sicht­lich auf­ge­ge­ben. Zût alors!

Ein Lied wie ein kleb­ri­ges Kara­mellbon­bon: beim Aus­wi­ckeln glänzt das Gold­pa­pier noch, der Inhalt jedoch schmeckt nach kur­zer Zeit total aus­ge­lutscht.

Euro­vi­zi­jos 2020: The Roop is on Fire

Herr­schaf­ten! Auch, wenn zum jet­zi­gen Zeit­punkt erst ein gutes Sechs­tel der Songs für Rot­ter­dam fest­ste­hen, lege ich mich fest: der Sie­ger­ti­tel des Euro­vi­si­on Song Con­test 2020 ist gefun­den! Und zwar, wer hät­te es für mög­lich gehal­ten, im gest­ri­gen Fina­le des litaui­schen Vor­ent­scheids, der Nacio­na­linė Euro­vi­zi­jos Atran­ka, wel­che in die­sem Jahr unter dem trot­zig-mut­ma­chen­den Mot­to “Paban­dom iš nau­jo!” (“Ver­su­chen wir’s noch­mal”) stand und sich nicht nur durch ein gestraff­tes Ver­fah­ren aus­zeich­ne­te, son­dern tat­säch­lich mit einem über­ra­schend hoch­klas­si­gen musi­ka­li­schen Ange­bot auf­fiel. Und einem hoch erfreu­li­chen Ergeb­nis: mit einer für den Bal­ti­kums­staat his­to­ri­schen Rekord­zahl an Anru­fen obsieg­te dort ges­tern das Trio The Roop mit ihrem mini­ma­lis­ti­schen Elek­tro­pop­song ‘On Fire’. Noch nicht ein­mal die Jury, deren Pla­zet bei einem Gleich­stand den Vor­rang beses­sen hät­te, mach­te ihnen – wie zunächst weit­hin befürch­tet – einen Strich durch die Rech­nung. Und das ist geil, denn an ‘On Fire’ stimmt ein­fach alles: die simp­le, ein­präg­sa­me Melo­die mit ihrer Anlei­he an den Syn­thie­pop der Acht­zi­ger­jah­re; das ent­spannt-trei­ben­de Elek­tro­bett; die ori­gi­nel­le Stimm­füh­rung; der nicht über­trie­be­ne, aber effek­ti­ve Ein­satz von LED-Wand und Pyro; die sen­sa­tio­nel­le, so läs­sig-iro­ni­sche wie hoch­prä­zi­se Cho­reo­gra­fie sowie das hin­rei­ßen­de Out­fit des hoch­gra­dig cha­ris­ma­ti­schen Front­manns Vai­do­tas Vali­uke­viči­us, bestehend aus einem eng­an­lie­gen­den wei­ßen Roll­kra­gen­pull­over und einem schwar­zen Hosen­rock.

12 Punk­te allei­ne für das Augen­brau­en­spiel: Vai­do­tas kriegt mich sofort. Den Gitar­ris­ten Man­tas Banišaus­kas wür­de ich aber auch nicht von der Bett­kan­te sto­ßen.

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Depi Evra­tes­il 2020: Mama, du sollst doch nicht um dei­ne Per­len wei­nen

Nach dem Semi­fi­nal-Aus für die intern bestimm­te Srbuk beim Euro­vi­si­on Song Con­test 2019 kehr­te das erfolgs­ver­wöhn­te und ‑hung­ri­ge Arme­ni­en in die­sem Jahr zum Vor­ent­schei­dungs­for­mat Depi Evra­tes­il zurück. 12 hoff­nungs­vol­le jun­ge Talen­te ver­sam­mel­te der Sen­der ARMTV am gest­ri­gen Sams­tag­abend in Jere­wan, die fast aus­nahms­los mit selbst geschrie­be­nen Lie­dern antra­ten. Tra­gi­scher­wei­se alle­samt in eng­lisch, auch wenn sich, wie an Song­ti­teln (‘What it is to be in Love’), Sil­ben-zu-Melo­die-Ratio und Into­na­ti­on erkennt­lich, die Sprach­kennt­nis­se der meis­ten Teilnehmer:innen rein auf das Pho­ne­ti­sche beschränk­ten. Die musi­ka­li­sche Qua­li­tät des Ange­bo­tes glich der einer weiß­rus­si­schen Vor­auswahl­run­de, mehr­fach ertapp­te man sich beim Zuschau­en, wie man nach weni­gen Sekun­den laut “Spa­si­ba!” rief, in der Hoff­nung, damit dem Auf­tritt ein Ende zu set­zen. Ein leich­tes Spiel somit für das ein­zi­ge pro­fes­sio­nel­le Ange­bot des Abends, vor­ge­tra­gen von der in der hel­le­ni­schen Haupt­stadt gebo­re­nen, arme­nisch­stäm­mi­gen Athena Manou­ki­an. Seit 2007 im Geschäft, kann sie in Grie­chen­land bereits etli­che Top-Hits vor­wei­sen. 2008 nahm sie, damals noch im zar­ten Alter von 14, an der hel­le­ni­schen Vor­auswahl zum Juni­or-ESC teil. Zuletzt schrieb sie einen Titel für Hele­na Papa­riz­ou. Auch ihr Euro­vi­si­ons­bei­trag ‘Chains on you’, in dem sie sinn­ge­mäß davon singt, ihren Gespie­len als Auf­be­wah­rungs­sta­ti­on für ihr dia­man­te­nes Geschmei­de zweck­zu­ent­frem­den, stamm­te aus eige­ner Feder.

Der per­fek­te Sound­track zum Stan­gen­tanz in der Tit­ten­bar: die Alpharü­din Athena legt ihre Ker­le an die Ket­te.

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Melo­di Grand Prix 2020: der App-Sturz

Was für eine Bla­ma­ge! Groß und gla­mou­rös soll­te es wer­den; in einem tech­ni­schen Fias­ko ende­te es für den nor­we­gi­schen Sen­der NRK, der aus Anlass des sech­zig­jäh­ri­gen Jubi­lä­ums sei­ner stets unter der sel­ben Mar­ke orga­ni­sier­ten Euro­vi­si­ons­vor­ent­schei­dung Melo­di Grand Prix (liest du mit, NDR?) tief in die Tasche griff und das For­mat auf sechs Shows erwei­ter­te. In fünf regio­na­len Vor­run­den (Nord, Süd, Mit­te, Ost und West, was merk­wür­dig wirkt in einem Land, des­sen Geo­gra­fie eher wurm­för­mig anmu­tet als qua­dra­tisch) sieb­te man aus 20 Kandidat:innen im Duell­ver­fah­ren jeweils eine:n Teilnehmer:in für das gest­ri­ge Fina­le her­aus, wo sie auf wei­te­re fünf fix gesetz­te Konkurrent:innen tra­fen. Bereits in die­sen Vor­run­den zeig­te sich, war­um das MGP aus gutem Grund sonst nur aus einer ein­zi­gen Sen­dung besteht: so viel Talent ver­mag das skan­di­na­vi­sche Land nicht auf­zu­bie­ten, dass sich damit belie­big vie­le Run­den fül­len lie­ßen, das musi­ka­li­sche Ange­bot erwies sich als größ­ten­teils arg dürf­tig. Kein Wun­der, dass der NRK die Zahl der Semifinalist:innen bereits im Vor­feld von 40 auf 20 gekürzt hat­te und die Sen­dun­gen mit lus­ti­gen Archiv­clips über Plei­ten, Pech und Pan­nen aus 60 Jah­ren MGP-Geschich­te streck­te. Das soll­te sich jedoch als schlech­tes Omen erwei­sen…

Wenn Du schon seit 25 Jah­ren unter stän­di­ger Migrä­ne lei­dest: die MGP-Sie­ge­rin Ulrik­ke Brand­s­torp sehnt sich nach ärzt­li­cher Auf­merk­sam­keit.

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Per­len der Vor­ent­schei­dun­gen: I should be strai­ght

Bevor heu­te in weni­gen Minu­ten der nächs­te Super­sams­tag beginnt, gilt es noch etli­che Per­len vom letz­ten Wochen­en­de nach­zu­lie­fern, an wel­chem ich im Zuge des längs­ten Vor­ent­schei­dungs­ta­ges der bis­he­ri­gen Euro­vi­si­ons­his­to­rie aus arbeits­ka­pa­zi­tä­ren Grün­den lei­der gezwun­gen war, etli­che Vor­run­den und Semis zu ver­nach­läs­si­gen. Den herbs­ten Ver­lust gab es dabei in der Ukrai­ne zu bekla­gen. Dort hat­ten wir das sel­te­ne Ver­gnü­gen, einem knapp vier­mi­nü­ti­gen scha­ma­nis­ti­schen Ritu­al bei­woh­nen zu dür­fen, zu dem uns Kat­ya Chil­ly und ihr Geist­hei­ler­zir­kel ein­lu­den. Der bestand aus einem pit­to­resk geklei­de­ten Drui­den, der völ­lig in sich ver­sun­ken hei­li­ge Ver­se mur­mel­te; drei Damen, die den, wenn man so will, ent­fernt an die wei­ßen Schrei­ge­sän­ge der letzt­jäh­ri­gen pol­ni­schen Ver­tre­te­rin­nen Tulia erin­nern­den Refrain tru­gen; sowie der in einer Tracht ange­ta­nen Front­frau, die selbst ledig­lich hin und wie­der ein paar tie­fe Töne bei­steu­er­te, zu den Gesän­gen ihrer Backings aber stets lip­pen­syn­chron den Mund öff­ne­te, so dass es wirk­te, als sei sie beses­sen und träl­ler­te in Zun­gen. Ein Ambi­ent-Tran­ce-Musik­bett mit syn­the­ti­schem Vogel­ge­zwit­scher und ein psy­che­de­li­scher Back­drop ver­stärk­ten den audio­vi­su­el­len Gesamt­ein­druck eines exqui­si­ten Magic-Mushroom-Trips, der einen die über­ra­schen­de War­te­zeit zu Beginn des Auf­tritts, als für eine knap­pe hal­be Minu­te ledig­lich wei­ßes Rau­schen zu hören war und sonst nichts pas­sier­te, ver­ges­sen ließ.

In der Tat aus­ge­spro­chen chil­lig: Kat­ya nimmt uns mit zu einer hei­len­den scha­ma­nis­ti­schen Geis­ter­be­schwö­rung.

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ARD-Zuschauer:innen zu alt für ein Tele­vo­ting

Nach mona­te­lan­gem, hart­nä­cki­gen Still­schwei­gen und einer “Ende Janu­ar” unele­gant geris­se­nen Dead­line bestä­tig­te der NDR am heu­ti­gen Mor­gen in einer offi­zi­el­len Pres­se­er­klä­rung ledig­lich, was wir im Prin­zip ohne­hin schon wuss­ten: es gibt 2020 kei­nen deut­schen Vor­ent­scheid, die oder der Repräsentant:in des Lan­des beim Euro­vi­si­on Song Con­test in Rot­ter­dam wur­de samt Bei­trag bereits Mit­te Dezem­ber 2019 intern aus­ge­wählt. Wer es nun ist, hält der Sen­der aber wei­ter­hin geheim. Was dafür spricht, dass wir uns alle (ohne­hin absur­den) Hoff­nun­gen auf eine ech­te Sen­sa­ti­on in der Hele­ne-Fischer-Preis­klas­se end­gül­tig abschmin­ken kön­nen, denn sonst wäre das bereits längst durch­ge­si­ckert. Die Ver­kün­dung erfolgt – auch das war bereits bekannt – am 27.02.2020 ab 21:30 Uhr im Rah­men einer 45minütigen, von der ARD-All­zweck­waf­fe Bar­ba­ra Schö­ne­ber­ger mode­rier­ten Show auf dem Digi­tal­ka­nal One. Zwei ver­schie­de­ne Jurys such­ten laut NDR den Bei­trag aus: 20 inter­na­tio­na­le “Musik-Expert:innen”, jede:r von ihnen bereits ein­mal Teil einer natio­na­len ESC-Jury, sowie 100 vom Sen­der hand­ver­le­se­ne Zuschauer:innen. Die­se muss­ten ihre Eig­nung für den Job dadurch unter Beweis stel­len, dass sie die Ergeb­nis­se des ESC 2019 bereits im März ver­gan­ge­nen Jah­res mög­lichst prä­zi­se vor­her­sag­ten.

Mode­riert Bab­si am Ende nicht nur ‘Unser Song für Rot­ter­dam’, son­dern singt ihn auch? Zuzu­trau­en wäre es ihr, schließ­lich kann die Frau ein­fach alles.

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San-Remo-Fes­ti­val 2020: Hun­de, wollt ihr ewig leben?

Auch im Jah­re 2020 hat­ten die Ita­lie­ner mal wie­der den Längs­ten. Euro­vi­si­ons­vor­ent­scheid aller Natio­nen näm­lich. Geschla­ge­ne fünf­ein­halb Stun­den (!) ließ man sich Zeit im Fina­le des 70. Fes­ti­val del­la Can­zo­ne Ita­lia­na di San­re­mo, bis end­lich der 39jährige Sin­ger-Song­wri­ter Anto­nio Dio­d­a­to mit der selbst­kom­po­nier­ten Sülz­bal­la­de ‘Fai Rumo­re’ (‘Lärm machen’) als Sie­ger des ligu­ri­schen Lie­der­wett­be­werbs und ita­lie­ni­scher Ver­tre­ter beim Euro­vi­si­on Song Con­test in Rot­ter­dam fest­stand. Vor der Ver­kün­di­gung des End­ergeb­nis­ses des San-Remo-Super­fi­na­les gegen 2:30 Uhr (!) in der Nacht trieb es der Sen­der Rai mit einem mehr als sech­zig­mi­nü­ti­gen (!) Pau­sen­pro­gramm auf die Spit­ze, zu des­sen abso­lu­ten Tief­punk­ten der Auf­tritt eines pudel­fri­su­ri­gen Tenors gehör­te, der zwei Pop­klas­si­ker von Queen schän­de­te, deren Titel sich an die­ser Stel­le des Abends nur noch als absicht­li­che, dia­bo­li­sche Pro­vo­ka­ti­on der im Saal des Aris­ton-Thea­ters und vor den Bild­schir­men zuhau­se lang­mü­tig aus­har­ren­den Zuschauer:innen begrei­fen lie­ßen, näm­lich ‘The Show must go on’ und ‘Who wants to live fore­ver’. Ein der­ar­ti­ges Maß an tief­sit­zen­der Publi­kums­ver­ach­tung sucht euro­pa­weit wirk­lich sei­nes­glei­chen! Für pas­sio­nier­te Euro­vi­sio­nis­ti wog die Gedulds­pro­be um so schwe­rer, da der gest­ri­ge Super­sams­tag mit ins­ge­samt neun Ver­an­stal­tun­gen und dem Fina­le von Aus­tra­lia deci­des bereits um 10:30 Uhr vor­mit­tags begann und somit in eine prak­tisch sech­zehn­stün­di­ge, fast unun­ter­bro­che­ne Mara­thon­sit­zung mün­de­te, an deren ermü­de­tem Ende eine glei­cher­ma­ßen ermat­ten­de Ent­schei­dung stand.

Hält nicht, was der Song­ti­tel ver­spricht: Lärm erzeugt Dio­d­a­to höchs­tens durch das lau­te Schnar­chen der ein­ge­schlä­fer­ten Zuschauer:innen. (Der Live-Video­clip wur­de von der Rai depu­bli­ziert. Wer immer dafür die Ver­ant­wor­tung trägt, soll bit­te ster­ben.)

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Super­no­va 2020: Mei­ne Schwes­ter, die Poly­es­ter

Zähig­keit zahlt sich aus. Seit 2012 ver­sucht es die let­ti­sche Sän­ge­rin Saman­ta Poļa­ko­va, bes­ser bekannt unter ihrem Künst­le­rin­nen­na­men Saman­ta Tīna, prak­tisch durch­gän­gig beim Vor­ent­scheid in ihrer Hei­mat (und gele­gent­lich auch im Nach­bar­land Litau­en). Nun hat sie es geschafft: die dies­mal allei­ne abstim­mungs­be­rech­tig­ten Zuschauer:innen der Super­no­va wähl­ten sie ges­tern Abend zu ihrer Reprä­sen­tan­tin für Rot­ter­dam. Viel­leicht nah­men sie den sub­ti­len Hin­weis ihres Titels ‘Still breat­hing’ zum Anlass, der 30jährigen ihren Her­zens­wunsch end­lich zu erfül­len. An ihrem selbst­ge­schrie­be­nen und mit einem Text aus der Feder von Ami­na­ta Sava­do­go ver­edel­ten Song kann es kaum gele­gen haben, denn der erwies sich vor allem als aggres­si­ve Atta­cke auf die Sin­ne: lau­tes Geschrei, auf­dring­li­cher Dub­step und epi­lep­sie­för­der­li­che Licht­blit­ze bil­de­ten ein Gesamt­pa­ket, des­sen Nerv­fak­tor es mit der Sei­ten­ba­cher-Radio­wer­bung auf­zu­neh­men ver­mag. Den Löwen­an­teil der Gesangs­parts, ins­be­son­de­re den Refrain, steu­er­ten drei mit faschis­toi­den Gesichts­vi­so­ren und Sprüh­fla­schen mit asep­ti­schem Haus­halts­rei­ni­ger bewaff­ne­te Chor­sän­ge­rin­nen bei, die ihre Vokal- und Rei­ni­gungs­ar­bei­ten aus uner­find­li­chen Grün­den nur mit einem Kor­sett beklei­det ver­rich­te­ten. Frau Tīna war unter­des­sen haupt­säch­lich damit beschäf­tigt, die Fran­sen ihres Salo­mé-Gedächt­nis­dres­ses durch wil­de Zuckun­gen in per­ma­nen­ter Wal­lung zu hal­ten und gele­gent­li­che, unver­mit­tel­te Kiek­ser und Schreie aus­zu­sto­ßen, so als sei sie beses­sen.

Voll auf die Zwölf: SamT­am­ta Tīna.

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