IT 1956: Das Paradies der Lügen

Das Festival della Canzone Italiana, hierzulande eher bekannt unter dem Namen San-Remo-Festival, gilt nach herrschender Lehre als Mutter des Eurovision Song Contests, denn der erstmalig im Februar 1951 in der ligurischen Kurstadt ausgetragene Liederwettstreit diente der im Jahre 1950 in Genf gegründeten European Broadcasting Union (EBU), dem Zusammenschluss der europäischen Rundfunkanstalten, als Blaupause für ihre Suche nach einem attraktiven TV-Event als Publikumsköder für das damals noch verhältnismäßig neue Medium Fernsehen. Anfänglich nur im Radio übertragen, brachte der italienische Staatssender RAI das Festival im Jahre 1955 erstmalig auf den Bildschirm. Mit Ausnahme Luxemburgs übertrugen sämtliche Teilnehmerländer des ersten Grand Prix von 1956 das San-Remo-Festival (SRF) sogar als Eurovisionssendung in ihren Programmen, gewissermaßen zum praktischen Üben. Dennoch richtete sich die Show musikalisch natürlich in erster Linie an das Publikum auf der stiefelförmigen Halbinsel. Der dort in den Fünfzigern extrem populäre und dementsprechend vorab stark favorisierte Claudio Villa (→ IT 1962, 1967), mit insgesamt fünfzehn San-Remo-Auftritten (darunter vier Siege und zwei Gigs als Stargast) der fleißigste Teilnehmer der italienischen Liederfestspiele überhaupt, gewann den ersten TV-Wettbewerb von 1955 auch prompt mit der dramatisch-melancholischen Depressionsballade ‚Buongiorno Tristezza‘.

I got it bad / You don’t know how bad I got it: Villa mit dem San-Remo-Siegersong 1955.

Und das, obwohl Villa am Finalabend mit einer Grippe das Bett hütete und sein Lied von Schallplatte vorgespielt werden musste! Nach dieser unerfreulichen TV-Premiere entschied sich die RAI, beim San-Remo-Festival von 1956, das zugleich als Vorentscheid für den allerersten Eurovision Song Contest diente, im Sinne der Chancengleichheit ausschließlich Nachwuchskünstler/innen zuzulassen. Im Hinblick auf die kommerzielle Verwertbarkeit der zehn Finaltitel bedeutete dies allerdings mehr oder minder den Todeskuss, lediglich das vom späteren dreifachen Grand-Prix-Vertreter Domenico Modugno (→ IT 1958, 1959, 1966) für den Sänger Gianni Mazzocchi komponierte ‚Musetto‘ erlangte in einer Sketch-Version des Vokalquartettes Cetra eine gewisse Bekanntheit auf der Halbinsel. Die Männer haben es in solchen Wettbewerben halt seit jeher schwerer, gerade wenn wie hier → Jurys am Werke sind: wie schon Mazzocchi, so konnte auch der weitere Teilnehmer Ugo Molinari keinen Stich machen, obschon er vier der insgesamt zehn Finaltitel stellte (eine Qualifikationsrunde war zwei Tage zuvor über die Bühne gegangen). 

Der ‚Strom der Worte‘ (IT 1997) ertönt in Italien natürlich auch am ‚Telefon‘ (DE 1957).

Die ersten drei Plätze – die Ergebnisse unterhalb der Medaillenränge gaben die Veranstalter nicht bekannt – teilten sich dementsprechend ausschließlich Damen untereinander auf. ‚La Vita é un Paradiso di Bugie‘ behauptete eine Luciana Gonzales: nein, kein flotter Lobgesang auf den amerikanischen Boogie, wie man denken könnte, sondern die zu einer einschläfernd lieblichen Geigenmelodei vorgetragene Moritat, das Leben sei ein „Paradies der Lügen“. Ah ja. Da jedes der sieben Teilnehmerländer bei der Eurovisionspremiere von 1956 im schweizerischen Lugano zwei Beiträge zu stellen hatte, delegierte die RAI die beiden Erstplatzierten des SRF, namentlich die nachfolgend noch mehrfach am San-Remo-Festival teilnehmende Silbermedaillistin Tonina Torrielli mit der extrem zähen Ballade ‚Amami se vuoi‘ sowie die mit einem aparten Längsstreifenkleid angetane Franca Raimondi. Die später nicht mehr maßgeblich in Erscheinung getretene, 1988 verstorbene Siegerin dieses Festivals blieb mit dem possierlich-fröhlichen Durchlüftelied ‚Aprite le Finestre‘ die Königin eines Abends: die frische Frühlingsbrise, die sie ihrem Liedtext zufolge nach einem besonders langen, harten Winter durch das geöffnete Fenster ins Haus wehen lassen wollte, entpuppte sich dann doch nur als laues Lüftchen.

Das Fenster auf, das Tor macht weit, im Frühling hat die Franca Freud!

Vorentscheid IT 1956

Festival della Canzone italiana di Sanremo. Samstag, 10. März 1956, aus dem Casinò Municipale in San Remo. Fünf Teilnehmer/innen. Moderation: Fausto Tommei und Maria Teresa Ruta.

#Interpret/inTitelPlatz
01Ugo MolinariAlbero caduto--
02Tonina TorielliAmami se voui2
03Franca RaimondiAprite le Finestre1
04Ugo MolinariDue Teste sul Cuscino--
05Tonina TorielliIl Bosco innamorato--
06Tonina TorielliIl Cantico del Cielo--
07Ugo MolinariLa Colpa fu--
08Luciana GonzalesLa Vita è un Paradiso di Bugie3
09Gianni MazzocchiMusetto--
10Ugo MolinariNota per Nota--

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