DE 1956: Ach die armen, armen Leute

Walter Andreas Schwarz, DE 1956
Die Winselstute

Zugegeben: 1956, als der Eurovision Song Contest zum ersten Mal stattfand, damals im schweizerischen Lugano, weilte ich noch nicht auf diesem Planeten – da war ich noch nicht mal in der Planung. Der erste Grand Prix, den ich mit Sicherheit live sah, war der von 1979. Für die Zeit davor kann ich mich nur auf Videoaufzeichnungen stützen, wobei für 1956 allerdings keine solche existiert. Oder wiedergeben, was andere Quellen offenbaren, insbesondere Jan Feddersens kompetente (und sehr empfehlenswerte) Eurovisionsbibel ‚Ein Lied kann eine Brücke sein‘. Doch für das Gründungsjahr des Grand Prix Eurovision de la Chanson stochern auch diese ziemlich im Nebel. Und so schwebt ein kleines Fragezeichen über der allerersten deutschen Vorentscheidung: zwar sei im Premierenjahr des europäischen Wettbewerbs vonseiten der veranstaltenden EBU ein vorgeschaltetes nationales Finale in allen Teilnehmerländern verbindlich vorgeschrieben gewesen, wie erst im Jahre 2017 ausgegrabene Dokumente aus dem Stadtarchiv von Lugano nahelegen. Und die Programmzeitschrift HörZu verzeichnet nach den fleißigen Recherchen Feddersens für den 1. Mai 1956 auch eine solche ARD-Sendung, mit arrivierten Stars dieser Zeit wie den beiden Schlager-Margots (Hielscher→ DE 1957, 1958 und Eskens, → DE 1966), dem Quartett Friedel Hensch & die Cyprys (→ Vorentscheid 1961, großartige Wirtschaftswunder-Hits: ‚Egon‘, ‘Die Fischerin vom Bodensee’, ‚Mein Ideal‘, ‚Wenn ich will, stiehlt der Bill‘) und anderen. Die sich aber, soweit von Feddersen befragt, an einen deutschen Vorentscheid allesamt nicht erinnern können oder wollen.

Nur eine Coverversion und damit nicht der Vorentscheidungsbeitrag, dafür aber eine fabelhafte Nummer: ‚Der Novak‘ in der Bearbeitung von Friedel Hensch (Repertoirebeispiel, im Original von Cissy Kraner).

Pragmatisch sieht das der in Wien geborene deutsche Seemann vom Dienst, Freddy Quinn, den das deutsche Fernsehen letztlich als einen von zwei Vertretern nach Lugano entsandte (aufgrund der geringen Zahl von nur sieben Ländern, die sich zur Grand-Prix-Premiere zusammenfanden, musste ein jedes gleich zwei Songs zum Abend beisteuern). Quinn erinnert sich im Feddersen-Interview zwar auch nicht mehr genau, an einer Vorentscheidung teilgenommen zu haben, meint aber: „Es muss eine stattgefunden haben. Wie hätte es Walter Andreas Schwarz sonst schaffen sollen? Er war vorher nicht bekannt und hinterher hatte er auch keinen Hit“. Das mag ein bisschen herablassend klingen, trifft in der Sache aber zu. Während Plattenmillionär Freddy, der mit dem legendären ‚Heimweh‘ den meistgespielten Song des Jahres 1956 landete, es auch mit ‚So geht das jede Nacht‘ bis auf Rang 10 der Musikbox-Charts (der monatlichen Liste der umsatzstärksten Titel der deutschlandweit in Kneipen stationierten Jukeboxen, eine Verkaufshitparade gab es erst ab 1959) schaffte, wandte sich der 1992 verstorbene Schwarz nach dem Song Contest dem Hörspiel und dem Kabarett zu: sicherlich eine weise Entscheidung.

Freddy Quinns ‚So geht das jede Nacht‘, hier hingebungsvoll interpretiert vom Team Merci Grand Prix.

Bizarrerweise soll laut HörZu auch die schweizerische Grand-Prix-Vertreterin (und – Vorsicht, fieser Spoiler: – Siegerin!) Lys Assia (→ CH 1956, 1957, 1958) an der deutschen Vorauswahl 1956 teilgenommen haben, was die betroffene Künstlerin auf Nachfrage durch Jan Feddersen weder bestreiten noch bestätigen wollte, was aber seinerzeit durchaus vorkam. Man stelle sich vor, sie hätte auch diese gewonnen: wäre sie daraufhin im malerischen Tessin, wo das erste europäische Wettsingen stattfand, gleich für zwei Nationen angetreten? Rein theoretisch durchaus denkbar, denn tatsächlich erließ die Europäische Rundfunkunion EBU – die Ausrichterin der mittlerweile heißgeliebten jährlichen Liederfestspiele – erst im Jahre 2003, als es die polnische Band Ich Troje (→ PL 2003, 2006) zeitgleich sowohl in der Heimat als auch bei der deutschen Vorentscheidung versuchte, eine verbindliche Regelung, wonach ein/e Künstler/in beim Hauptwettbewerb immer nur ein Land pro Jahrgang repräsentieren darf. Für ihre Vorauswahlen lässt die EBU den jeweiligen nationalen Rundfunkanstalten aber bis zum heutigen Tage völlig freie Hand, was das Format, die Gestaltung und die Bestückung mit Sänger/innen (oder deren Nationalität) betrifft. Und auch die senderinterne Auswahl ohne öffentlichen Vorentscheid ist mittlerweile gestattet.

Chart-Watch 1956: Freddy Quinn mit ‚Heimweh‘, dem deutschen Top-Hit des Jahres 1956.

Deutsche Vorentscheidung 1956
Grand Prix Eurovision – Schlager & Chansons
. Dienstag, 1. Mai 1956, aus dem Großen Sendesaal des NWDR in Köln. Zwölf Teilnehmer/innen, Moderation: Heinz Piper.

Teilnehmerliste
(über die Titel der übrigen Teilnehmer, die Auftrittsreihenfolge und die Platzierungen ist nichts bekannt):

  • Lys Assia
  • Rolf Baro
  • Eva Busch
  • Angèle Durand
  • Margot Eskens
  • Friedel Hensch & Die Cyprys
  • Margot Hielscher
  • Bibi Johns
  • Freddy Quinn (‚So geht das jede Nacht‘)
  • Walter Andreas Schwarz (‚Im Wartesaal zum großen Glück‘)
  • Hans Arno Simon
  • Gerhard Wendland

2 Gedanken zu “DE 1956: Ach die armen, armen Leute

  1. Es mag ja sein, das Lys Assia an der möglichen deutschen Vorendscheidung teilgenommen hat, aber dann eher nicht mit diesem Titel. Nach meinen Recherchen stammt der Titel „Ein kleiner gold’ner Ring“ aus dem Jahre 1961 und startete bei den Deutschen Schlagerfestspielen 1961. Dort kam er auf den 3. Platz.

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