ESC 1956: Da hilft auch kein Flattiern

Logo des Eurovision Song Contest 1956
Das Jahr des Anfangs

„Wer hat’s erfunden?“: der bekannte Werbeclaim eines schweizerischen Hustenpastillenherstellers bildet die perfekte Überschrift zur Illustration des Disputes um die Urheberschaft des beliebtesten und erfolgreichsten Unterhaltungsevents der Welt, des Eurovision Song Contest. Gilt nach allgemeiner Übereinkunft und offizieller Geschichtsschreibung der seinerzeitige eidgenössische TV-Generaldirektor und verantwortliche Programmbeauftragte der Europäischen Rundfunkunion (EBU), Marcel Bezençon, als geistiger Vater des paneuropäischen Events, so reklamiert der britische Buchautor Gordon Roxburgh in seiner 2012 erschienenen Fibel Songs for Europe, Volume 1, zumindest eine Mittäterschaft des heimischen Schauspielers Michael Brennan und des BBC-Generaldirektors Sir Ian Jacob an der Einführung des europäischen Gesangswettbewerbs.

Nur als Audiomitschnitt erhältlich: der Premierencontest von 1956.

So habe Brennan bereits im Jahre 1954 der BBC die Idee eines Fernsehformats für einen nationalen Popmusikwettbewerb mit regionalen Jurys (kommt uns das bekannt vor, Herr Raab?) angeboten, die – wie der Grand Prix Eurovision selbst – auf dem Vorbild des italienischen San-Remo-Festivals basierte. Jacob, der das Konzept für die BBC kaufte, saß auch der Generalversammlung der EBU am 19. Oktober 1955 in Rom vor, auf der das zuvor von einer dreiköpfigen Arbeitsgruppe unter Leitung von Bezençon erstellte Projekt „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ beschlossen wurde. Im „Geiste freundschaftlicher Rivalität“ sollten Musikschaffende aus ganz Europa, gewissermaßen wie Sportler/innen bei den Olympischen Spielen, fortan miteinander wetteifern, zum Wohlgefallen des Publikums und zum Zwecke der kulturellen Befriedung des vormals eher kriegerischen Kontinentes. Sowie zur engeren Bindung Westeuropas an die USA, die sich, wie die BBC 2010 in einem Eurovisionsspecial offenlegte, beim Aufbau sowie bei der technischen und finanziellen Unterstützung der öffentlich-rechtlichen Sender im Nachkriegseuropa stark engagierte, wissend um die Macht des neuen Mediums Fernsehen bei der Verbreitung der kapitalistischen Heilsbotschaft im noch Jahrzehnte andauernden Kräftemessen mit dem systemkonkurrierenden Kommunismus.

Europas größtes Friedensprojekt: der Eurovision Song Contest. Oh, und gute Einschaltquoten bringt er auch.

Unterdessen suggerieren Dokumente, die der schottische Eurovisionsfan David A. Allen nach jahrzehntelangem beharrlichen Drängen 2017 endlich aus dem Stadtarchiv von Lugano, wo der allererste Wettbewerb stattfand, loseisen konnte, dass man sich bei der besagten Sitzung in Rom deswegen für die Eidgenossenschaft als erste Ausrichterin der Festspiele entschied, weil das neutrale Land so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg über die intakteste und fortschrittlichste TV-Infrastruktur verfügte und die Sendung eben auch eine Leistungsschau des Fernsehens sein sollte. Woran sich bis heute nichts geändert hat: gerne nutzen die nationalen Sender den Song Contest für die Vorführung der neuesten technischen Spielereien und Tricks, was mittlerweile gelegentlich leider zu Lasten des Sehgenusses geht, wenn man als Zuschauer/in beispielsweise vor lauter hektischen Schnitten und kreiselnden Kameras kaum noch etwas von der → Choreografie mitbekommt. Die Ausgestaltung des Wettbewerbs und die Regeln für die Premierensendung von 1956, wo man von solcherlei Schnickschnack allerdings noch unbehelligt blieb, überließ man seitens der EBU erstaunlicherweise weitestgehend der ausrichtenden italoschweizerischen TV-Station RSI.

(c) Vincenzo Vicari / David A Allen Michèle Arnaud (LU) beim Eurovisionsauftritt im Theatro Kursaal vor einer Almdudler-Reklametafel und hinter einem Blumenwall. Ganz rechts, auf einem der Balkone, ist die TV-Kamera zu erkennen, die das Geschehen für die Fernsehzuschauer/innen einfing und in die europäischen Wohnstuben übertrug.

Die Hauptstadt des malerischen Tessin stellte den Unterlagen zufolge den Veranstaltungsort, das Theatro Kursaal (mitsamt angeschlossenem Kasino), kostenlos zur Verfügung und steuerte mit 7.000 Schweizer Franken – damals eine beachtliche Summe – zudem ein gutes Siebtel der veranschlagten Kosten bei. „Nicht nur, dass der Name Lugano wiederholt in den nationalen Vorentscheiden in den meisten europäischen Ländern Erwähnung findet: die TV-Übertragung des Finales wird die Aufmerksamkeit von Millionen von Menschen auf Lugano lenken,“ so warb das Schweizer Fernsehen bei den Stadtvätern erfolgreich um den Zuschuss. Ein vierundzwanzigköpfiges Orchester und üppige Blumenarrangements nahmen über die Hälfte der Kursaal-Bühne ein. Vermittels handbemalter Hintergrundtafeln mit wechselnden Motiven schuf man für die verschiedenen Nationen jeweils ein eigenes Entree. Die einzige Bedingung, welche die Genfer an die ursprünglich zehn teilnahmewilligen Länder stellte, sei Allen zufolge die Ausrichtung eines nationalen Vorentscheids gewesen. Großbritannien scheiterte auf spektakuläre Weise an dieser Hürde (dazu später mehr). Dänemark und Österreich fehlten ebenfalls: damit der Abend nicht zu früh endete, mussten die verbliebenen sieben Nationen daher jeweils zwei Lieder beisteuern.

Machte auch später noch erfolgreiche Hörspiele: W.A. Schwarz (DE).

Die gastgebende Schweiz ließ ihre beiden Beiträge kostensparend von derselben Interpretin vortragen, wie auch das Großherzogtum Luxemburg. Deutschland schickte hingegen zwei Sänger zum allerersten Grand Prix ins gebirgige Nachbarland, wie sie gegensätzlicher nicht sein konnten: den seinerzeit äußerst erfolgreichen und noch heute populären ‚Heimweh’-Romantiker Freddy Quinn sowie den vor und nach dem Wettbewerb gleichermaßen unbekannten Kabarettisten und Lyriker Walter Andreas Schwarz. Doppelte Chance: kein Sieg. Schwarz hatte seine textlich anspruchsvolle, enervierend weinerlich vorgetragene Moritat ‚Im Wartesaal zum großen Glück‘ selbst verfasst. Kernaussage seines Beitrags war der hörbar von den bitteren Kriegsjahren geprägte, dennoch zeitlos goldene Rat, sich nicht ans Gestern zu klammern oder auf eine diffuse, bessere Zukunft zu hoffen, sondern besser im Hier und Jetzt zu leben und die Dinge so anzunehmen, wie sie sind. Und das aus dem Munde eines KZ-Überlebenden: soll noch mal jemand sagen, Schlager seien banal! Als verwirrend erwies sich jedoch die Diskrepanz zwischen Geschlecht und Stimme des Sängers. Hört man die Audioaufnahme, tippt man nämlich eher auf eine depressiv gestimmte Lale Andersen (→ DE 1961) als auf einen Mann. Obwohl Lale deutlich tiefer singt als W.A. Schwarz, für den die Loriotsche Invektive „Winselstute“ wie erfunden zu sein scheint.

Am Xylofon: Buddy Casino! (DE)

Quinns ‚So geht das jede Nacht‘ vermochte die Chanson-Krone ebenso wenig zu erringen. Der Beitrag des gebürtigen Wieners (!) in deutschen Diensten, der einem Zeitungsbericht zufolge wie auch Schwarz im Kursaal zu Lugano lediglich „diskreten Applaus“ erntete, fiel deutlich aus dem Rahmen der steifen und von Konventionen geprägten Gala-Veranstaltung. Sein Text beschreibt relativ unverstellt eine offene Beziehung, in der seine Frau sich schamlos durch alle Betten vögelt, während Freddy zunächst die Schwiegermutter in den Zoo ausführt (um sie den Löwen zum Fraß vorzuwerfen?). Allerdings rächt er sich dann in der letzten Strophe durch eigenes serielles Fremdgehen. Schockierend! Auch musikalisch verletzte der Wahl-Hamburger sämtliche ungeschriebenen Eurovisionsregeln, wurde der Grand Prix von seinen Gründervätern doch vor allem als europäisches Bollwerk gegen amerikanische Musikeinflüsse begriffen, insbesondere gegen den von vielen damaligen Rundfunkverantwortlichen als „schreckliche Negermusik“ (deren Worte, nicht meine!) verfemten Rock ’n‘ Roll. ‚So geht das jede Nacht‘, der flotteste Eurovisionsbeitrag der gesamten fünfziger Jahre, entpuppte sich aber als genau das: ein quirliger Boogie! Revolution gleich zu Beginn, und dann noch aus Deutschland: man mag es kaum glauben, und doch ist es wahr!

Ausgefeilte Kameratechnik: Lys‘ Siegerreprise (CH).

Den Wettbewerb eröffnete die 2013 verstorbene Niederländerin Jetty Paerl, die während des zweiten Weltkrieges als Kabarettistin Jetje van Radio Oranje im kulturellen Widerstand gegen die Nazis mitgearbeitet hatte, mit einer von einigen „Tüdelüdelü“s begleiteten ornithologischen Betrachtung über die ‚Vogels van Holland‘. Über ihr Abschneiden ist ebenso wenig bekannt wie über das der Deutschen: auch wenn Gerüchte besagen, dass W.A. Schwarz den zweiten Platz belegt haben soll, so bleibt die Wahrheit für immer im Dunkeln. Nach einer geheimen (!) Abstimmung gaben die damaligen Jurys nur die Siegerin bekannt – die Schweizerin Lys Assia (→ CH 1957, 1958) mit ihrem behäbig-eleganten Lied ‚Refrain‘ – und vernichteten anschließend alle Stimmzettel! Erst- und letztmalig beim Grand Prix durfte man auch für das eigene Land votieren. Luxemburg, das den von RSI gesetzten Anmeldetermin verpasst hatte und sich anschließend tot stellte, zu Beginn der Proben jedoch überraschend mit der aus Frankreich importierten, regelwidrig intern ausgewählten Interpretin Michèle Arnaud (†1998) und ihren beiden Liedern vor der Tür stand, und das man aus Höflichkeit dennoch nicht abwies, sandte keine eigene Jury, sondern ließ die Gastgeber für sie mitstimmen.

Erhielt für ihre kulturellen Verdienste den französischen Orden der Ehrenlegion: Micheline Caré alias Michèle Arnaud, Chansonsängerin und TV-Regisseurin, hier mit ihrem ESC-Beitrag für Luxemburg.

Ob es daran lag, dass Lys Assia gewann? Ich denke nicht: ihr ‚Refrain‘ arbeitete in einem breiten Feld sehr getragener (lies: langweiliger) Chansons als einziges Lied mit einem Begleitchor und ging melodisch sofort ins Ohr, war also für damalige Grand-Prix-Verhältnisse beinahe schon ein Popsong. Von Freddys ‚Rock around the Clock‘-Kopie mal abgesehen, aber die war für die Jurys natürlich viel zu wild. Kein Wunder, dass Lys knapp 73% der maximal erzielbaren Stimmen kassieren konnte. Neben ihrem Siegertitel steuerte die heutzutage bei keinem Eurovisionsevent als Ehrengast fehlende Frau Assia auch den zweiten schweizerischen Beitrag bei. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Eidgenossen bereits in den Fünfzigern aus keinem allzu großen Vorrat unterhaltungsgewerblich versierten Personals schöpfen konnten: ein Zustand, der bis heute fortdauert. ‚Das alte Karussell‘, eine betuliche Rührschnulze über eine spürbar in die Jahre gekommene Rummelplatzattraktion (etwaige Parallelen zu den gescheiterten erneuten Bewerbungen der Premierensiegerin in den Jahren 2012 und 2013 möge bitte jeder selbst ziehen), vermochte die Jurys jedoch nicht zu überzeugen. Selbst so hübsche Textstellen wie „Da hilft auch kein flattier’n“ (=schmeicheln) stießen auf taube Ohren.

„Man muss es einmal schmiern“: Lys wird damit doch nicht etwa die Jurys gemeint haben? (CH)

Womöglich auch, weil sie diese auf deutsch vortrug: eine für die meisten europäischen Ohren wenig musikalisch klingende Sprache. Lys im Feddersen-Interview: „Ich habe schon [damals] gesagt, dass es unfair ist, wenn die Länder nicht die Chance haben, auf englisch oder französisch zu singen“. Ein Heimvorteil der linguistisch dreigeteilten Schweiz, die auch nach dem Festzurren der → Sprachregel stets auf das weichere, melodischere Italienisch oder Französisch ausweichen konnte. Und in letztgenannter Sprache dann auch ihre beiden einzigen Siege einsackte. Das eingangs erwähnte Großbritannien glänzte bei der Premiere mit unfreiwilliger Abwesenheit: dort verwendete man das von Brennan gekaufte Format zwar als nationale Vorentscheidung (unter dem Titel Festival of the British popular Song), dessen Finale jedoch aufgrund später Terminierung und zahlloser Vorrunden erst am 22. Oktober 1956 über die Bühne ging: mithin fünf Monate zu spät für eine Teilnahme am Eurovision Song Contest! Immerhin übertrug die BBC den Wettbewerb aus Lugano dennoch live, wenn auch erst ab der 46. Minute, also dem zweiten Liederdurchgang. So, als wollte man dem heimischen Publikum im Mutterland der Popmusik, wo man die Show bis heute ausschließlich als befremdliches Kuriosum wahrnimmt, nicht gleich zu viel zumuten.

Da war die Messe schon gesungen: Der Siegertitel der britischen Vorentscheidung, hier in einer Aufnahme von Matt Monro (UK 1966).

Die Reaktionen der von der BBC im Anschluss befragten Zuschauer/innen fielen dennoch desaströs aus: diese Lieder seien es ja wohl nicht wert, dass man sie sich anhöre, zumal in einer anderen Sprache! Ein Lamento, das auch die ARD-Verantwortlichen zur Genüge zu hören bekamen. Dennoch bewarb sich der in Sachen Eurovision innerhalb des deutschen Senderverbundes seinerzeit federführende Hessische Rundfunk um die nächste Ausrichtung in Frankfurt am Main. Und bekam, da die 1956 zugleich gastgebende wie siegreiche Schweiz ein zweites Mal in Folge nicht wollte, erstaunlicherweise den Zuschlag. Trotz der damals noch gar nicht so weit zurückliegenden Erinnerungen an den Tod und die Verwüstung, welche die Deutschen über Europa gebracht hatten, und – viel schwerwiegender – auch trotz des unverzeihlichen Freddy-Quinn-Faux-Pas. Der sich dann auch so schnell nicht mehr wiederholen sollte.

Die Frau mit der Frühlingsfrische: Franca Raimondi (IT).

Eurovision Song Contest 1956

Gran Premio Eurovisione della Canzone Europea. Donnerstag, 24. Mai 1956, aus dem Theatro Kursaal in Lugano, Schweiz. Sieben Teilnehmerländer (mit jeweils zwei Liedern). Moderation: Lohengrin Filipello.
#LandInterpret/inSongPunktePlatz
01NLJetty PaerlDe Vogels van Holland--
02CHLys AssiaDas alte Karussell--
03BEFud LeclercMessieurs les noyés de la Seine--
04DEWalter Andreas SchwarzIm Wartesaal zum großen Glück--
05FRMathé AltéryLes Temps perdu--
06LUMichèle ArnaudNe crois pas--
07ITFranca RaimondiAprite le Finestre--
08NLCorry BrokkenVoorgoed voorbij--
09CHLys AssiaRefrain10201
10BEMony MarcLe plus beau Jour de ma Vie--
11DEFreddy QuinnSo geht das jede Nacht--
12FRDany DaubersonIl est la--
13LUMichèle ArnaudLes Amant de Minuit--
14ITTonina TorrielliAmani se vuoi--

> ESC 1957: Hallo, Kopenhagen?

Was waren Deine Lieblingstitel im Grand-Prix-Premierenjahr? (Maximal 5 Stimmen)

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1 Gedanke zu “ESC 1956: Da hilft auch kein Flattiern

  1. Schön geworden, das neue Layout und viel neues Material !! Sehr gut geschrieben ist Dein Blog ja sowieso !

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