San-Remo-Fes­ti­val 1957: Kein Ent­kom­men

Das wohl­mei­nen­de Expe­ri­ment war geschei­tert: hat­te man 1956 beim San-Remo-Fes­ti­val (SRF), dem als ita­lie­ni­schem Vor­ent­scheid genutz­ten ligu­ri­schen Musik­fes­ti­val, die eta­blier­ten Künstler:innen mit den gro­ßen Namen raus­ge­wor­fen, um dem musi­ka­li­schen Nach­wuchs eine Chan­ce zu geben, so hol­te der ver­ant­wort­li­che Sen­der Rai auf­grund des aus­ge­spro­chen gerin­gen öffent­li­chen Zuspruchs bereits ein Jahr spä­ter die Stars wie­der zurück. Es gab heu­er zwei Semi­fi­na­le mit jeweils zehn Titeln, die Hälf­te davon kam ins sams­täg­li­che Fina­le (das Kon­zept kommt uns heu­te sehr bekannt vor, nicht wahr?). Aller­dings wur­de jedes Lied gleich zwei Mal von ver­schie­de­nen Künstler:innen unter­schied­lich inter­pre­tiert, eine gera­de in den Anfangs­jah­ren des Wett­be­werbs weit ver­brei­te­te und auch von ande­ren Län­dern kopier­te Her­an­ge­hens­wei­se. Den­noch bewer­te­ten die Jurys in der End­ab­stim­mung nur den Song und nicht den Sän­ger.

Da läuft der Schmalz liter­wei­se aus dem Laut­spre­cher: Clau­dio Vil­la mit dem San-Remo-Sie­ger­lied, hier in einer segens­reich stark gekürz­ten Ver­si­on bei einem Gala­kon­zert von 1980.

Jeden­falls nach offi­zi­el­ler Les­art: tat­säch­lich okku­pier­ten zwei von Clau­dio Vil­la, dem San-Remo-Sie­ger von 1955 und mit Abstand popu­lärs­ten Teil­neh­mer des Wett­be­werbs, dar­ge­bo­te­ne Bei­trä­ge punkt­gleich die bei­den ers­ten Rän­ge und beleg­ten so, dass auch Juror:innen nicht gefeit sind vor Star­power. Vil­la hat­te in der Jugend eine Tuber­ku­lo­se über­stan­den, die ihm auf die Stimm­bän­der schlug und sei­ne cha­rak­te­ris­tisch hohe Fal­sett­stim­me ver­ur­sach­te. Mit eben die­ser schnulz­te er sich durch das mit knapp sechs Minu­ten (!) Spiel­dau­er kaum zu Ende kom­men­de ‘Cor­de del­la mia Chi­tar­ra’ (‘Akkor­de mei­ner Gitar­re’), wel­ches die Rai – nach wel­chen Kri­te­ri­en auch immer – unter den bei­den Ex-Æquo-Ers­ten zum offi­zi­el­len Sie­ger­ti­tel erklär­te und als ita­lie­ni­schen Bei­trag zum Grand Prix 1957 nach Frank­furt am Main ent­sandt. Aller­dings in der zwei­ten, nur unwe­sent­lich kür­ze­ren Fas­sung des aus­ge­bil­de­ten Opern­teno­res Nun­zio Gal­lo. Ver­mut­lich, weil die­ser den Song mit weni­ger Schmacht in der Stim­me prä­sen­tier­te, was ihn aller­dings auch etwas lang­wei­li­ger mach­te.

Die etwas tro­cke­ne­re Euro­vi­si­ons­fas­sung von Nun­zio Gal­lo.

Toni­na Tor­ri­el­li, eine der bei­den ita­lie­ni­schen Vor­jah­res­ver­tre­te­rin­nen, fand sich eben­falls mit zwei Lie­dern im Line-up wie­der, von denen die drö­ge Bal­la­de ‘Scu­sa­mi’ den drit­ten Rang erreich­te. Zu gro­ßer Popu­la­ri­tät beim Publi­kum und zu einer Art hei­mi­schem Ever­green brach­te es der viert­plat­zier­te Titel des Wett­be­werbs, der pos­sier­lich-leb­haf­te Sam­ba ‘Caset­ta in Cana­dà’, inter­pre­tiert von den Ehe­leu­ten Car­la Boni und Gino Latil­la mit Unter­stüt­zung des Duos Fasa­ni. Der Bei­trag erzähl­te zu flot­ten Rhyth­men und infan­til fröh­li­cher Musik (tat­säch­lich mach­te der Song Jahr­zehn­te spä­ter eine zwei­te Kar­rie­re als Kin­der­lied) die irri­tie­ren­de Geschich­te eines offen­sicht­lich von der Mafia ver­folg­ten und nach Kana­da geflo­he­nen Ita­lie­ners, dem ein Schur­ke namens Pin­co Pan­co immer und immer wie­der das Häus­chen anzün­det. Wor­auf­hin der Held der Sto­ry stets ein wei­te­res errich­tet, das unver­meid­lich erneut den Flam­men zum Opfer fällt. Tra­gisch!

Car­lo und Gina mit einer alters­an­ge­passt etwas trä­ge­ren Ver­si­on ihres San-Remo-Bei­trags bei einem Gala­kon­zert.

Zu den musi­ka­lisch etwas pep­pi­ge­ren Bei­trä­gen des Abends zähl­te auch das eben­falls von Clau­dio Vil­la im Duett mit Gino Latil­la into­nier­te, sechst­plat­zier­te Il Per­i­co­lo Núme­ro uno’. Ein Kampf­lied gegen den Kom­mu­nis­mus? Aber wo! Mit der “Gefahr Num­mer eins” konn­te natür­lich nur eine gemeint sein: “La Don­na” näm­lich, also die Frau, nach Mei­nung der Kir­che und des Patri­ar­chats schon immer die Wur­zel allen Übels. In den heu­te so ger­ne als gol­den ver­klär­ten Fünf­zi­gern durf­te man sol­cher­lei augen­zwin­kernd vor­ge­tra­ge­nes, hoch­gra­dig sexis­ti­sches Gedan­ken­gut halt noch unge­straft ver­brei­ten! Vil­la (†1987) führ­te anschlie­ßend noch bei dem am Sonn­tag geson­dert abge­hal­te­nen Wett­be­werb für Autoren ohne Plat­ten­ver­trag das Lied ‘Onda­ma­ri­na’ zum Sieg: vor dem Pin­co Pan­co des San-Remo-Fes­ti­vals von 1957 gab es schlicht­weg kein Ent­kom­men.

Ein klas­si­scher Fall von Täter-Opfer-Umkehr: die Frau als Wur­zel allen Übels..

Vor­ent­scheid IT 1957

Fes­ti­val del­la Can­zo­ne ita­lia­na di San­re­mo. Sams­tag, 9. Janu­ar 1957, aus dem Casinò Muni­ci­pa­le in San Remo. Elf Teilnehmer:innen. Mode­ra­ti­on: Nun­zio Filo­ga­mo.
Interpret:inInterpret:inTitelPunk­tePlatz
Clau­dio Vil­laNun­zio Gal­loCor­de del­le mia Chi­tar­ra6301
Clau­dio Vil­laGior­gio Con­so­li­niUsi­gno­lo6302
Gino Latil­laToni­na Tor­ri­el­liScu­sa­mi4303
Car­la Boni + Gino Latil­laGlo­ria Chris­ti­anCaset­ta in Cana­dà3204
Clau­dio Vil­laGior­gio Con­so­li­niCan­cel­lo tra le Rose3005
Clau­dio Vil­la + Gino Latil­laNata­li­no OttoIl Per­i­co­lo Núme­ro uno2406
Tina All­oriToni­na Tor­ri­el­liIntor­no a te (È semp­re Pri­ma­ve­ra)1607
Car­la BoniNun­zio Gal­loPer una Vol­ta anco­ra1208
Gino Bal­diNata­li­no OttoUn Filo di Spe­r­an­za0709
Car­la BoniGlo­ria Chris­ti­an + Nata­li­no OttoLe Tro­te blu0410

Letz­te Über­ar­bei­tung: 06.05.2020

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