San-Remo-Fes­ti­val 1957: Kein Ent­kom­men

Rin in die Kar­tof­feln – raus aus die Kar­tof­feln: hat­te man 1956 beim San-Remo-Fes­ti­val (SRF), dem als ita­lie­ni­schem Vor­ent­scheid genutz­ten ligu­ri­schen Musik­fes­ti­val, die gro­ßen Namen raus­ge­wor­fen, um dem Nach­wuchs eine Chan­ce zu geben, so erklär­te der ver­ant­wort­li­che Sen­der Rai die­ses Expe­ri­ment auf­grund des gerin­gen öffent­li­chen Zuspruchs schnell als geschei­tert und hol­te bereits 1957 die Stars wie­der zurück. Es gab zwei Semi­fi­na­le mit jeweils zehn Titeln, die Hälf­te davon kam ins sams­täg­li­che Fina­le (das Kon­zept kommt uns heu­te sehr bekannt vor, nicht wahr?). Aller­dings wur­de jedes Lied gleich zwei Mal von ver­schie­de­nen Künstler/innen unter­schied­lich inter­pre­tiert, eine in den Anfangs­jah­ren des Wett­be­werbs weit ver­brei­te­te und auch von ande­ren Län­dern kopier­te Her­an­ge­hens­wei­se. Den­noch bewer­te­ten die Jurys in der End­ab­stim­mung nur den Song und nicht den Sän­ger.

Da läuft der Schmalz liter­wei­se aus dem Laut­spre­cher: Clau­dio Vil­la mit dem San-Remo-Sie­ger­lied.

Jeden­falls nach offi­zi­el­ler Les­art: tat­säch­lich okku­pier­ten zwei von Clau­dio Vil­la, dem San-Remo-Sie­ger von 1955 und popu­lärs­ten Teil­neh­mer des Wett­be­werbs, dar­ge­bo­te­ne Bei­trä­ge punkt­gleich die bei­den ers­ten Rän­ge. Den lieb­lich-schmal­zi­gen Schmacht­fet­zen ‘Usi­gno­lo’ teil­te sich Vil­la mit dem nicht min­der belieb­ten, mehr­fa­chen San-Remo-Teil­neh­mer Lucia­no Tajo­li. Sei­ne ande­res Spit­zen-Lied, das mit sei­ner von einer frü­he­ren Tuber­ku­lo­se-Erkran­kung her­rüh­ren­den, hohen Fal­sett­stim­me sehn­suchts­voll geschnulz­te, mit knapp sechs Minu­ten Lied­dau­er kaum zu Ende kom­men­de ‘Cor­de del­la mia Chi­tar­ra’ (‘Akkor­de mei­ner Gitar­re’) erklär­te die Rai zum offi­zi­el­len Sie­ger­ti­tel und ent­sandt es dann auch nach Frank­furt am Main, zum Grand Prix 1957. Aller­dings in der zwei­ten, nur unwe­sent­lich kür­ze­ren Fas­sung von Nun­zio Gal­lo.

Eben­falls reich an unge­sät­tig­ten Fett­säu­ren: ‘Usi­gno­lo’, der zwei­te Sie­ger­ti­tel, in der Fas­sung von Lucia­no Tajo­lo.

Ton­i­na Tor­ri­el­li, eine der bei­den ita­lie­ni­schen Vor­jah­res­ver­tre­te­rin­nen, fand sich eben­falls mit zwei Lie­dern im Line-up wie­der, von denen die drö­ge Bal­la­de ‘Scu­sa­mi’ den drit­ten Platz erreich­te. Zu gro­ßer Popu­la­ri­tät beim Publi­kum und zu einer Art ita­lie­ni­schem Ever­green brach­te es der viert­plat­zier­te Titel des Wett­be­werbs, der pos­sier­lich-leb­haf­te Sam­ba ‘Caset­ta in Cana­dà’, inter­pre­tiert von den Ehe­leu­ten Car­la Boni und Gino Latil­la mit Unter­stüt­zung des Duos Fasa­ni. Der Song erzähl­te zu flot­ten Rhyth­men und kin­der­lied­haft fröh­li­cher Musik die irri­tie­ren­de Geschich­te eines offen­sicht­lich von der Mafia ver­folg­ten und nach Kana­da geflo­he­nen Ita­lie­ners, dem ein Schur­ke namens Pin­co Pan­co immer und immer wie­der das Häus­chen anzün­det. Wor­auf­hin der Held der Sto­ry stets ein wei­te­res errich­tet, das unver­meid­lich erneut den Flam­men zum Opfer fällt. Tra­gisch!

Auch auf einem ande­ren Kon­ti­nent ist kein Ent­kom­men: das Häus­chen in Kana­da.

Zu den etwas pep­pi­ge­ren Bei­trä­gen des Abends zähl­te auch das eben­falls von Clau­dio Vil­la im Duett mit Gino Latil­la into­nier­te, sechst­plat­zier­te Il Per­i­co­lo Núme­ro uno’ (‘Die Gefahr Num­mer eins’), womit natür­lich nur eine gemeint sein konn­te: “La Don­na” näm­lich, also die Frau, schon immer die Wur­zel allen Übels. In den Fünf­zi­gern durf­te man sol­cher­lei augen­zwin­kernd vor­ge­tra­ge­nes, sexis­ti­sches Gedan­ken­gut halt noch unge­straft ver­brei­ten! Vil­la (†1987) führ­te anschlie­ßend noch bei dem am Sonn­tag geson­dert abge­hal­te­nen Wett­be­werb für Autoren ohne Plat­ten­ver­trag das Lied ‘Onda­ma­ri­na’ zum Sieg: vor dem Pin­co Pan­co des San-Remo-Fes­ti­vals von 1957 gab es schlicht­weg kein Ent­kom­men.

Hier in der Fas­sung des Vokal­quar­tet­tes Cetra: die Frau, Gefahr Num­mer Eins.

Vor­ent­scheid IT 1957

Fes­ti­val del­la Can­zo­ne ita­lia­na di San­re­mo. Sams­tag, 9. Janu­ar 1957, aus dem Casinò Muni­ci­pa­le in San Remo. Elf Teilnehmer/innen. Mode­ra­ti­on: Nun­zio Filo­ga­mo.
Interpret/inInterpret/inTitelPunk­tePlatz
Clau­dio Vil­laNun­zio Gal­loCor­de del­le mia Chi­tar­ra6301
Clau­dio Vil­laGior­gio Con­so­li­niUsi­gno­lo6302
Gino Latil­laTon­i­na Tor­ri­el­liScu­sa­mi4303
Car­la Boni + Gino Latil­laGlo­ria Chris­ti­anCaset­ta in Cana­dà3204
Clau­dio Vil­laGior­gio Con­so­li­niCan­cel­lo tra le Rose3005
Clau­dio Vil­la + Gino Latil­laNata­li­no OttoIl Per­i­co­lo Núme­ro uno2406
Tina All­oriTon­i­na Tor­ri­el­liIntor­no a te (È semp­re Pri­ma­ve­ra)1607
Car­la BoniNun­zio Gal­loPer una Vol­ta anco­ra1208
Gino Bal­diNata­li­no OttoUn Filo di Spe­r­an­za0709
Car­la BoniGlo­ria Chris­ti­an + Nata­li­no OttoLe Tro­te blu0410

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