NL 1957: Iwan, der Messerwerfer

Business as usual bereits im zweiten Jahr des niederländischen Eurovisionsvorentscheides, dem Nationaal Songfestival: erneut traten vier Künstler/innen gegeneinander an, die jeweils zwei Lieder vortragen durften, erneut stimmte in vorbildlich demokratischer Weise das Publikum per Postkartenzuschrift ab, erneut kam die Sendung aus den AVRO-Studios in Hilversum und erneut führte Karin Kraaykamp durch den Abend. Mit Corry Brokken (→ NL 1956, 1958) fand sich sogar eine der Teilnehmer/innen des Vorjahres erneut im Line-up, und erneut machte diese das Rennen. Und zwar mit der so geschmack- wie dezent schwungvollen Ballade ‚Net als toen‘, die in Frankfurt am Main, wo der Grand Prix 1957 stattfand, sogar die Krone holen sollte.

Zwei Minuten tun es auch: Corry mit ihrem Siegerlied.

Knapp 7.000 Postkarten schickten die Holländer/innen dafür ein, fast zweieinhalbtausend mehr als für den zweitplatzierten Song, der ebenfalls von Corry gesungen wurde und der die (jedenfalls der Musik nach zu urteilen) dramatische Geschichte von ‚Iwan, de Messenwerper‘ erzählte, eines russischen Zirkusreisenden, in den sich die Erzählerin verguckt hatte. Da keine Aufzeichnung existiert, ist nicht überliefert, ob sich die baumlange Sängerin während ihres Vortrags von einem Varietékünstler mit dem Schneidwerkzeug bewerfen ließ – in meinem Kopfkino sehe ich es allerdings förmlich vor mir! Vermutlich aber untersagte der niederländische Sender eine solche Show aufgrund von Sicherheitsbedenken, musste er doch fürchten, dass Corrys Mitkandidat/innen die Chance nützen würden, ihre unbezwingbare Konkurrentin in die ewigen Jagdgründe schicken zu lassen.

Leider nur als Audio: Iwan, der Messerwerfer.

Dazu zählten der weithin unbekannte flämische Trompeter und Sänger Marcel Thielemans; die noch viel weniger bekannte und von ihrem Ehemann, der im Auswahlkomitee des Senders saß, heimlich in die Vorentscheidung geschmuggelte Hea Sury, die unter anderem ein ‚Liedje van niets‘, also ‚Ein Lied über nichts‘ zum Vortrage brachte und damit auf dem letzten Platz landete; sowie der Schlagersänger John de Mol, der mit dem Titel ‚Hiep hiep hiep hoera‘ (allesamt leider im Netz nicht auffindbar) einen ersten Vorgeschmack auf noch folgende holländische Meisterwerke der Linguistik wie beispielsweise ‚Ding A Dong‘ (→ NL 1975) gab. John sollte zwei sehr erfolgreiche Kinder in die Welt setzen: zum einen die blonde TV-Moderatorin Linda de Mol, welche in Deutschland vor allem durch die RTL-Show ‚Traumhochzeit‘ Berühmtheit erlangte. Und dadurch, dass sie 2001 in der Gameshow Deal or no Deal einen Kandidaten, der den Komponisten der deutschen Nationalhymne nicht kannte und deswegen 9 Millionen Gulden verlor, mit den Worten „Ach, das ist eh ein Scheißlied“ tröstete.

Der Senior blieb dem Kinderliedhaften verbunden: hier mit seinem 1960er Vorentscheidungsbeitrag über das Karussell.

Johns Statthalter John de Mol jr. brachte es als TV-Produzent (Big Brother, Fear Factor, The Voice) und Finanzjongleur, dem zeitweilig eigene TV-Sender gehörten, zu Ruhm und (sehr großem) Reichtum: seine Firma Endemol hält die Hand auf praktisch allen quotenträchtigen Unterhaltungsformaten, bis auf den Eurovision Song Contest. Doch auch zum Grand Prix gibt es eine Verbindung: der Junior war vier Jahre lang mit Willeke Alberti (→ NL 1994) verheiratet. Die Eurovisionswelt, sie ist ein Dorf!

Vorentscheid NL 1957

Nationaal Songfestival. Sonntag, 3. Februar 1957, aus dem AVRO-Studio in Hilversum. Vier Teilnehmer/innen. Moderation: Karin Kraaykamp.

#Interpret/inTitelPostkartenPlatz
01Hea SuryDe Bromtol05327
02Hea SuryEen Liedje van niets01408
03John de MolHavannah is zo ver08146
04John de MolHiep hiep hiep hoera08195
05Marcel ThielemansIk weed nog goed09654
06Corry BrokkenIwan (de Messenwerper)46922
07Corry BrokkenNet als toen69271
08Marcel ThielemansSimpe sampe sompe25443

< NL 1956 Jedem Ende wohnt ein Anfang inne

> NL 1958 Über den Wolken

Oder was denkst Du?