DE 1957: Wenn Dein Ruf erklingt

Margot Hielscher, DE 1957
Das Fräulein vom Amt

1957, im zweiten Jahr seines Bestehens (und zehn Jahre vor meiner Geburt), sollte der Grand Prix in meiner herrlichen Heimatstadt gastieren, in Frankfurt am Main! Im prachtvollen großen Sendesaal des hässlichen Hessischen Rundfunks, nach Kriegsende ursprünglich mal als Domizil für den Deutschen Bundestag geplant, bevor ein rheinländisches Kaff namens Bonn auf heimtückisches Hintertreiben von Erstkanzler Konrad Adenauer den Hauptstadt-Zuschlag bekam, traf die europäische Chanson-Elite (*räusper*) zusammen. Und auch der deutsche Vorentscheid fand an selbiger geheiligter Stätte statt, integriert allerdings in eine ARD-Unterhaltungsshow mit dem beliebten Showmaster Hans-Joachim „Kuli“ Kulenkampff. Aus lediglich vier handverlesenen Finalteilnehmer/innen erwählte die Senderjury Margot Hielscher (→ Vorentscheid 1956, DE 1958) mit ihrer melancholischen Ballade über eine technische Errungenschaft, über die damals nur wenige europäische Haushalte verfügten, und die in diesem Jahr erstmals bei der Ermittlung des Ergebnisses eine wichtige Rolle spielen sollte: ‚Telefon, Telefon‘! Das melancholische Chanson über eine Strippenzieherin, die tagsüber am Arbeitsplatz beim Fernsprechamt die große weite Welt am Hörer hat, um abends zu Hause vergeblich auf einen Anruf zu warten, der sie aus der Einsamkeit erlöst, vermochte die Juroren zu becircen. Frau Hielscher, die bereits in den Vierzigerjahren an der Seite von Zarah Leander und Curd Jürgens in UFA-Filmen mitwirkte, konnte ihre Schauspiel- und Gesangskarriere nach Ende des Dritten Reichs nahtlos fortsetzen und empfing in den Sechzigern als Gastgeberin einer Talkshow im Bayerischen Fernsehen Stars aus aller Welt. Einem breiteren TV-Publikum ist sie daneben als stets tadellos gestylte Gräfin in der Achtzigerjahre-Serie Rivalen der Rennbahn bekannt. Die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes verstarb 2017 im biblischen Alter von 97 Jahren in München.

Zur Punktevergabe brauchen wir den Apparat aber wieder, gelle, Frau Hielscher!

Den Text des putzigen Liedes über die zwiespältigen Segnungen der modernen Kommunikationstechnik, die in den späten Fünfzigern, ebenso wie das Fernsehen, gerade erst am Beginn ihres Siegeszuges durch deutsche Wohnstuben stand, verfasste übrigens ein gewisser Ralph Maria Siegel – Sie ahnen es bereits: der Vater des späteren Mister Grand Prix, der erstmals 1972 kompositorisch beim deutschen Vorentscheid in Erscheinung treten sollte und der nach eigener Aussage in einem Feddersen-Interview einst „als Bub bei der Margot auf dem Schoß gesessen“ hatte. Der Grand Prix ist doch ein Dorf! Eigentlich hätte der Siegel-Senior-Schlager thematisch viel besser zu der ebenfalls bei dieser Auswahlrunde angetretenen Renée Franke (→ Vorentscheid 1961) gepasst, die in den Nachkriegsjahren tatsächlich einige Zeit als Telefonistin in der Fernsprechvermittlung der britischen Militärregierung in Hamburg gearbeitet hatte, während sie parallel ihre Gesangskarriere verfolgte: eine Geschichte, die sowohl die Vorlage für den Schlagerfilm ‚Das Fräulein vom Amt‘ von 1954 lieferte als möglicherweise auch für Hielschers Eurovisionslied. Die 2011 verstorbene Frau Franke indes musste sich mit dem Schlager ‚Ich brauche Dein Herz‘ begnügen, sowie mit nur halb so vielen Punkten wie ihre Konkurrentin und dem zweiten Platz.

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben: der nachbarsgeplagte Paul Kuhn

Knapp dahinter landete der 2013 verstorbene Jazzmusiker und Bandleader Paul Kuhn, einem breiteren TV-Publikum unter seinem Kosenamen „Paulchen“ vor allem bekannt als Sketchpartner des TV-Entertainers und führenden deutschen Alkoholikers Harald Juhnke. Doch auch als Schlagersänger konnte Kuhn Erfolge zeitigen, so beispielsweise 1963 mit dem Stimmungstitel ‚Es gibt kein Bier auf Hawaii‘, aber auch mit ‚Jeden Tag, da lieb ich Dich ein kleines bisschen mehr‘, einem Duett mit der niederländischen ESC-Repräsentantin von 1961, Greetje Kauffeld. Außerdem trat Paulchen 1972 (Sie erinnern sich, das erste Siegel-Jahr) nochmals bei der deutschen Vorentscheidung in Erscheinung: da als Dirigent und Arrangeur der zwölf Beiträge, die dank seines professionellen Geschickes live größtenteils lebendiger und prägender klangen als in der Studiofassung. Sein fünfzehn Jahre zuvor bei dem Vorentscheid vorgetragenes, so amüsantes wie flottes ‚Klavier über mir‘ stammte jedoch, sehr hörbar, aus der Feder des Komponisten Lothar Olias, der schon ‚So geht das jede Nacht‘ für Freddy Quinn verfasst hatte, mit dem sich das deutsche Fernsehen bei der Grand-Prix-Premiere 1956 bei den europäischen Juroren in die Nesseln gesetzt hatte, wo diese doch frankophile Chansons bevorzugten, aber um Himmels keine amerikanische Hottentottenmusik! Und obschon die umsatzstärkste Single des Jahres 1957 in Deutschland, der ‚Banana Boat Song‘ von Harry Belafonte, genau in diese Rubrik fiel, wollte man sich seitens der ARD einen solchen Schnitzer nicht noch einmal erlauben. Daher hatte Der Mann am Klavier bei den Juroren das Nachsehen.

Chart-Watch 1957: Die erfolgreichste deutschsprachige Hit-Single 1957 in Deutschland war ‚Heimatlos‘ von Freddy Quinn (DE 1956), hier als musikalische Untermalung in einem der sehr beliebten Schlagerfilme. Und achten Sie mal drauf, ob Sie erraten können, welche Plattenfirma Freddys Lied verlegte (kleiner Tipp: der Name reimt sich auf ‚Il pleut de l’Or‘)! 

Deutsche Vorentscheidung 1957

Zwei auf einem Pferd. Sonntag, 17. Februar 1957, aus dem Großen Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main. Vier Teilnehmer/innen, Moderation: Hans-Joachim Kulenkampff.
#InterpretTitelPunktePlatzCharts
01Renée FrankeIch brauche Dein Herz182-
02Illo SchiederWas machen die Mädchen in Rio094-
03Paul KuhnDas Klavier über mir173-
04Margot HielscherTelefon, Telefon361-

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1 Gedanke zu “DE 1957: Wenn Dein Ruf erklingt

  1. Illo Schieders Flamenco-Schlager wäre unter den ganzen lahmen Chansons beim ESC 1957 sicher auch positiv aufgefallen. War aber vielleicht doch etwas zu wild für die deutschen Juroren.

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