Deut­scher Vor­ent­scheid 1957: Wenn Dein Ruf erklingt

Margot Hielscher, DE 1957
Das Fräu­lein vom Amt

1957, im zwei­ten Jahr sei­nes Bestehens (und zehn Jah­re vor mei­ner Geburt), soll­te der Grand Prix Euro­vi­si­on in mei­ner herr­li­chen Hei­mat­stadt gas­tie­ren, in Frank­furt am Main! Im pracht­vol­len gro­ßen Sen­de­saal des häss­li­chen Hes­si­schen Rund­funks, nach Kriegs­en­de ursprüng­lich mal als Domi­zil für den Deut­schen Bun­des­tag errich­tet, bevor auf heim­tü­cki­sches Hin­ter­trei­ben von Kanz­ler Kon­rad Ade­nau­er (CDU) ein rhein­län­di­sches Kaff namens Bonn völ­lig absur­der­wei­se den Haupt­stadt-Zuschlag bekam, traf die (*hüs­tel*) euro­päi­sche Chan­son-Éli­te zusam­men. Der deut­sche Vor­ent­scheid fand an sel­bi­ger gehei­lig­ter Stät­te statt, inte­griert aller­dings in eine ARD-Unter­hal­tungs­show mit dem belieb­ten Show­mas­ter Hans-Joa­chim “Kuli” Kulen­kampff.

Zur Punk­te­ver­ga­be brau­chen wir den Appa­rat aber wie­der, gel­le, Frau Hiel­scher!

Aus ledig­lich vier hand­ver­le­se­nen Finalteilnehmer/innen erwähl­te die Sen­der­ju­ry Mar­got Hiel­scher mit ihrer melan­cho­li­schen Bal­la­de über eine tech­ni­sche Errun­gen­schaft, über die sei­ner­zeit nur weni­ge euro­päi­sche Haus­hal­te ver­füg­ten, und die beim euro­päi­schen Haupt­wett­be­werb in die­sem Jahr erst­mals bei der Ermitt­lung des Ergeb­nis­ses eine wich­ti­ge Rol­le spie­len soll­te: das ‘Tele­fon, Tele­fon’! Hiel­schers melan­cho­li­sches Chan­son über eine nach den dama­li­gen stren­gen Regeln zum Erhalt ihres Jobs stets ledig blei­ben müs­sen­de (!) Gesprächs­ver­mitt­le­rin, die tags­über am Arbeits­platz beim Fern­sprech­amt die gro­ße wei­te Welt am Hörer hat, um abends zu Hau­se ver­geb­lich auf einen Anruf zu war­ten, der sie aus ihrer Ein­sam­keit erlöst, ver­moch­te in sei­ner char­man­ten Sen­ti­men­ta­li­tät die Juro­ren zu becir­cen.

Mar­got Hiel­scher über die Geschich­te des Andrews-Sis­ters-Hits ‘Bei mir bist Du schön’ (Reper­toire­bei­spiel).

Frau Hiel­scher, die in den Vier­zi­ger­jah­ren an der Sei­te von Zarah Lean­der und Curd Jür­gens in etli­chen UFA-Fil­men mit­wirk­te, konn­te ihre Schau­spiel- und Gesangs­kar­rie­re auch nach dem Ende des Drit­ten Reichs naht­los fort­set­zen und emp­fing in den Sech­zi­gern als Gast­ge­be­rin einer Talk­show im Baye­ri­schen Fern­se­hen Stars aus aller Welt auf der Plau­der­couch. Einem brei­te­ren TV-Publi­kum ist sie dane­ben als stets tadel­los gestyl­te Grä­fin in der Acht­zi­ger­jah­re-TV-Serie Riva­len der Renn­bahn bekannt. Die Trä­ge­rin des Bun­des­ver­dienst­kreu­zes ver­starb 2017 im bibli­schen Alter von 97 Jah­ren in Mün­chen. Den Text ihres put­zi­gen Lie­des über die zwie­späl­ti­gen Seg­nun­gen der moder­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­nik, die in den spä­ten Fünf­zi­ger­jah­ren, eben­so wie das Fern­se­hen, gera­de erst am Beginn ihres Sie­ges­zu­ges durch deut­sche Wohn­stu­ben stand, ver­fass­te übri­gens ein gewis­ser Ralph Maria Sie­gel.

Gise­la Bay­er ali­as Renée Fran­ke fand spä­ter ihr Aus­kom­men als Radio­mo­de­ra­to­rin beim Baye­ri­schen Rund­funk (Reper­toire­bei­spiel).

Sie ahnen es bereits: es han­del­te sich hier­bei um den Vater des spä­te­ren Mis­ter Grand Prix, wel­cher erst­mals 1972 kom­po­si­to­risch beim deut­schen Vor­ent­scheid in Erschei­nung tre­ten soll­te und der nach eige­ner Aus­sa­ge in einem Fed­der­sen-Inter­view einst “als Bub bei der Mar­got auf dem Schoss geses­sen” hat­te. Der Grand Prix ist doch ein Dorf! Eigent­lich hät­te der Sie­gel-Seni­or-Schla­ger the­ma­tisch viel bes­ser zu der eben­falls bei die­ser Aus­wahl­run­de ange­tre­te­nen Renée Fran­ke gepasst, die in den Nach­kriegs­jah­ren tat­säch­lich eini­ge Zeit als Tele­fo­nis­tin in der Fern­sprech­ver­mitt­lung der bri­ti­schen Mili­tär­re­gie­rung in Ham­burg gear­bei­tet hat­te, wäh­rend sie par­al­lel ihre Gesangs­kar­rie­re ver­folg­te: eine Lebens­ge­schich­te, die sowohl die Vor­la­ge für den Schla­ger­film ‘Das Fräu­lein vom Amt’ von 1954 lie­fer­te als mög­li­cher­wei­se auch für Frau Hiel­schers Euro­vi­si­ons­lied. Die 2011 ver­stor­be­ne Frau Fran­ke indes muss­te sich mit dem (lei­der unauf­find­ba­ren) Schla­ger ‘Ich brau­che Dein Herz’ begnü­gen, sowie mit nur halb so vie­len Punk­ten wie ihre Kon­kur­ren­tin und dem zwei­ten Platz.

Es kann der Frömms­te nicht in Frie­den leben: der nach­bars­ge­plag­te Paul Kuhn.

Knapp dahin­ter lan­de­te der 2013 ver­stor­be­ne Jazz­mu­si­ker und Band­lea­der Paul Kuhn, einem brei­te­ren TV-Publi­kum unter sei­nem Kose­na­men “Paul­chen” vor allem bekannt als Sketch­part­ner des TV-Enter­tai­ners und füh­ren­den deut­schen Alko­ho­li­kers Harald Juhn­ke. Doch auch als Schla­ger­sän­ger konn­te Kuhn Erfol­ge zei­ti­gen, so bei­spiels­wei­se 1963 mit dem Stim­mungs­ti­tel ‘Es gibt kein Bier auf Hawaii’, aber auch mit ‘Jeden Tag, da lieb ich Dich ein klei­nes biss­chen mehr’, einem Duett mit der nie­der­län­di­schen ESC-Reprä­sen­tan­tin von 1961, Greet­je Kauf­feld. Außer­dem trat Paul­chen 1972 (Sie erin­nern sich, das ers­te Sie­gel-Jahr) noch­mals bei der deut­schen Vor­ent­schei­dung in Erschei­nung: da als Diri­gent und Arran­geur der zwölf Bei­trä­ge, die dank sei­nes pro­fes­sio­nel­len Geschi­ckes live größ­ten­teils leben­di­ger und prä­gen­der klan­gen als in der jewei­li­gen Stu­dio­fas­sung.

Ach, Du hei­ßes Fern­weh: die ‘Mäd­chen aus Rio’ in einer Cover­ver­si­on.

Sein beim Vor­ent­scheid 1957 vor­ge­tra­ge­nes, so amü­san­tes wie flot­tes ‘Kla­vier über mir’ stamm­te jedoch, sehr hör­bar, aus der Feder des Kom­po­nis­ten Lothar Oli­as, der schon ‘So geht das jede Nacht’ für Fred­dy Quinn ver­fasst hat­te. Und mit dem sich das deut­sche Fern­se­hen bei der Grand-Prix-Pre­miè­re 1956 bei den euro­päi­schen Juro­ren in die Nes­seln gesetzt hat­te, wo die­se doch fran­ko­phi­le Chan­sons bevor­zug­ten, aber um Him­mels kei­ne ame­ri­ka­ni­sche Hot­ten­tot­ten­mu­sik! Und obschon die umsatz­stärks­te Sin­gle des Jah­res 1957 in Deutsch­land, der ‘Bana­na Boat Song’ von Har­ry Bela­fon­te, genau in die­se Rubrik fiel, woll­te man sich sei­tens der ARD einen sol­chen Schnit­zer nicht noch ein­mal erlau­ben. Daher hat­te Der Mann am Kla­vier bei den Juro­ren das Nach­se­hen.

Woher hier­zu­lan­de die Vor­ur­tei­le über den Musel­ma­nen stam­men? Illo Schie­ders Wett­be­werbs­bei­trag zu den Deut­schen Schla­ger­fest­spie­len 1963 erklärt es ein wenig (Reper­toire­bei­spiel).

Genau­so übri­gens wie das letzt­plat­zier­te Lied die­ses Vor­ent­scheids, das pos­sier­li­che ‘Was machen die Mäd­chen in Rio’ von Illo Schie­der, ihres Zei­chens Fabri­kan­ten­toch­ter und ver­hin­der­te Opern­sän­ge­rin. Natür­lich bestand im engen, spie­ßi­gen Nach­kriegs­deutsch­land ein Markt für sol­che exo­ti­schen Fern­weh­schla­ger, die eine aus­ge­spro­chen homöo­pa­thi­sche Dosis süd­ame­ri­ka­ni­scher Lebens­freu­de in den öden ger­ma­ni­schen All­tag trans­plan­tier­ten. Doch als reprä­sen­ta­ti­ver Wett­be­werbs­ti­tel beim staats­tra­gend insze­nier­ten Natio­nen­wett­be­werb Grand Prix? Völ­lig undenk­bar! Oder resul­tier­te die Jury-Ableh­nung gar aus der etwas fül­li­ge­ren Figur der Sän­ge­rin, wel­che sie in ihrem 1962er Hit ‘Rund und gesund’ selbst the­ma­ti­sier­te? Frau Schie­der, die nach ihrem Aus­schei­den aus dem Schla­ger­busi­ness zeit­wei­lig Cafés in Ben­i­dorm und im Müns­ter­land betrieb, ver­starb im Jah­re 2004. Womit heu­te kei­ner der dama­li­gen Vor­ent­schei­dungs-Teil­neh­mer/in­nen mehr am Leben ist.

Die erfolg­reichs­te deutsch­spra­chi­ge Hit-Sin­gle 1957 in Deutsch­land war ‘Hei­mat­los’ von Fred­dy Quinn, hier als musi­ka­li­sche Unter­ma­lung in einem der sehr belieb­ten Schla­ger­fil­me. Und ach­ten Sie mal drauf, ob Sie erra­ten kön­nen, wel­che Plat­ten­fir­ma Fred­dys Lied ver­leg­te. Klei­ner Tipp: der Name reimt sich auf ‘Il pleut de l’Or’ (Reper­toire­bei­spiel)! 

Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1957

Zwei auf einem Pferd. Sonn­tag, 17. Febru­ar 1957, aus dem Gro­ßen Sen­de­saal des Hes­si­schen Rund­funks in Frank­furt am Main. Vier Teilnehmer/innen, Mode­ra­ti­on: Hans-Joa­chim Kulen­kampff.
#Inter­pretTitelPunk­tePlatzCharts
01Renée Fran­keIch brau­che Dein Herz182-
02Illo Schie­derWas machen die Mäd­chen in Rio094-
03Paul KuhnDas Kla­vier über mir173-
04Mar­got Hiel­scherTele­fon, Tele­fon361-

Wer hät­te Dei­ner Mei­nung nach 1957 Deutsch­land reprä­sen­tie­ren sol­len?

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2 Gedanken zu “Deut­scher Vor­ent­scheid 1957: Wenn Dein Ruf erklingt

  1. Illo Schie­ders Fla­men­co-Schla­ger wäre unter den gan­zen lah­men Chan­sons beim ESC 1957 sicher auch posi­tiv auf­ge­fal­len. War aber viel­leicht doch etwas zu wild für die deut­schen Juro­ren.

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