DE 1957: Wenn Dein Ruf erklingt

Margot Hielscher, DE 1957
Das Fräulein vom Amt

Bleibt es für die Eurovisionspremiere von 1956 ein Rätsel, ob ein deutscher Grand-Prix-Vorentscheid stattfand oder nicht, so organisierte der hässliche Hessische Rundfunk 1957 verbürgtermaßen einen solchen, integriert in eine Unterhaltungsshow mit dem beliebten Showmaster Hans-Joachim „Kuli“ Kulenkampff. Und zwar in der Stadt, aus der auch der europäische Wettbewerb selbst übertragen werden sollte (Trommelwirbel, Fanfare, Tusch): in Frankfurt am Main, meiner herrlichen Heimatstadt! Aus lediglich vier handverlesenen Finalteilnehmer/innen erwählte die Senderjury Margot Hielscher (→ Vorentscheid 1956, 1958, DE 1958) mit ihrer topaktuellen Ballade über eine technische Errungenschaft, über die damals nur sehr wenige europäische Haushalte verfügten, und die in diesem Jahr erstmals bei der Ermittlung des Ergebnisses eine wichtige Rolle spielen sollte: ‚Telefon, Telefon‘! Das melancholische Chanson über eine Telefonistin, die tagsüber am Arbeitsplatz die große weite Welt am Hörer hat, um abends zu Hause vergeblich auf einen Anruf zu warten, der sie aus der Einsamkeit erlöst, vermochte die Juroren zu becircen.

Zur Punktevergabe brauchen wir den Apparat aber wieder, gelle, Frau Hielscher!

Den Text des putzigen Schlagers über die zwiespältigen Segnungen der modernen Kommunikationstechnik, die ebenso wie das Fernsehen gerade erst am Beginn ihres Siegeszuges durch deutsche Wohnstuben stand, verfasste übrigens Ralph Maria Siegel – Sie ahnen es bereits: der Vater des späteren Mister Grand Prix. Eigentlich hätte die Nummer thematisch viel besser zu der ebenfalls bei dieser Vorentscheidung antretenden Renée Franke gepasst, die in den Nachkriegsjahren tatsächlich einige Zeit als Telefonistin in der Fernsprechvermittlung der britischen Militärregierung in Hamburg gearbeitet hatte, während sie parallel ihre Gesangskarriere verfolgte: eine Geschichte, die sowohl die Vorlage für den Schlagerfilm ‚Das Fräulein vom Amt‘ von 1954 lieferte als möglicherweise auch für Hielschers Eurovisionslied. Die 2011 verstorbene Frau Franke indes musste sich mit dem Schlager ‚Ich brauche Dein Herz‘ begnügen, sowie mit nur halb so vielen Punkten wie ihre Konkurrentin und dem zweiten Platz.

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben: der nachbarsgeplagte Paul Kuhn

Knapp dahinter landete Paulchen“ Kuhn, einem breiten TV-Publikum später bekannt als Sketchpartner von Harald Juhnke, der 1972 nochmals bei der deutschen Vorentscheidung in Erscheinung trat: da als Dirigent und Arrangeur der zwölf Beiträge, die dank seines Geschickes live größtenteils lebendiger und prägender klangen als in der Studiofassung. Sein so amüsantes wie flottes ‚Klavier über mir‘ stammte jedoch, sehr hörbar, aus der Feder des Komponisten Lothar Olias, der schon ‚So geht das jede Nacht‘ für Freddy Quinn verfasst hatte, mit dem sich das deutsche Fernsehen bei der Grand-Prix-Premiere 1956 bei den europäischen Juroren in die Nesseln gesetzt hatte, wo diese doch frankophile Chansons bevorzugten, aber um Himmels keine amerikanische Hottentottenmusik! Und obschon die umsatzstärkste Single des Jahres 1957 in Deutschland, der ‚Banana Boat Song‘ von Harry Belafonte, genau in diese Rubrik fiel, wollte man sich seitens der ARD einen solchen Schnitzer nicht noch einmal erlauben. So hatte Der Mann am Klavier das Nachsehen.

Chart-Watch 1957: Die erfolgreichste deutschsprachige Hit-Single 1957 in Deutschland war ‚Heimatlos‘ von Freddy Quinn (DE 1956), hier als musikalische Untermalung in einem der sehr beliebten Schlagerfilme. Und achten Sie mal drauf, ob Sie erraten können, welche Plattenfirma Freddys Lied verlegte! 

Deutsche Vorentscheidung 1957

Zwei auf einem Pferd. Sonntag, 17. Februar 1957, aus dem Großen Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main. Vier Teilnehmer/innen, Moderation: Hans-Joachim Kulenkampff.
#InterpretTitelPunktePlatzCharts
01Renée FrankeIch brauche Dein Herz182-
02Illo SchiederWas machen die Mädchen in Rio094-
03Paul KuhnDas Klavier über mir173-
04Margot HielscherTelefon, Telefon361-

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