IT 1958: Heute blau und morgen blau

Er sollte einen unsterblichen Welthit hervorbringen, dieser Jahrgang des San Remo Festivals. Der italienische Staatssender RAI hatte die Organisation des Wettbewerbs vollständig in die Hände des Tourismusbüros der ligurischen Kurstadt gelegt und beschränkte sich auf die Übertragung der Show. Inhaltlich blieb jedoch alles beim Alten: es gab erneut zwei Vorrunden mit je zehn Liedern, die jeweils von zwei meist arrivierten Künstler/innen unterschiedlich interpretiert wurden. Zehn davon schafften es ins Finale am Samstag. Darunter auch eine eingängige, ohrwurmhafte Melodie namens ‚Nel blu dipinto di blu‘ (‚In blau gemaltes blau‘ – nach Angaben des Textdichters soll im Rahmen des Kreativprozesses auch eine größere Menge Wein im Spiel gewesen sein, was einiges erklärt), vorgetragen von Johnny Dorelli, einem in Neapel geborenen, aber in New York aufgewachsenen Newcomer (mit zahlreichen weiteren San-Remo-Teilnahmen), der aufgrund seiner jugendlichen Ausstrahlung als einer der Favoriten galt und mit seiner leicht sphärisch-jazzigen Interpretation des Titels den Wettbewerb auch gewann. Gemeinsam natürlich mit dem zweiten Sänger.

Entrückt im Weltall: hier kommt Johnny!

Statue von Domenico Modugno in Polignano

Bei diesem handelte es sich – ein Novum beim Festival – um den Schöpfer des heutzutage als ‚Volare‘ bekannten Liedes, Domenico Modugno (→ IT 1959, 1966), der erstmalig darauf bestand, seine Komposition auch selbst singen zu dürfen und damit die Kategorie des Cantautore begründete. Bekanntlich schickte die RAI den mittlerweile als nationales Kulturgut verehrten Modugno, dem seine Heimatgemeinde Polignano al Mare nach seinem Tod im Jahre 1994 sogar ein Denkmal aufstellte, mit seiner etwas bräsigeren Fassung des Beitrags zum Eurovision Song Contest nach Hilversum. Der Rest ist Geschichte… Hinter Modugno und Dorelli landete in der Jurywertung die Siegerin der beiden ersten, noch ausschließlich im Radio übertragenen Festivali, die 2011 verstorbene Nilla Pizzi mit der ziemlich klassischen Ballade ‚L’Edera‘ (‚Das Efeu‘), in der Heimat ebenfalls ein ziemlicher Hit, wie übrigens etliche der diesjährigen Beiträge. Auch der seinerzeit geradezu unvermeidliche Claudio Villa (→ IT 1962, 1967) war mit gleich vier Titeln im Finale vertreten, darunter die drittplatzierte Schnulze ‚Campana di Santa Lucía‘ und das in seiner Art sehr putzige Fragole e Cappellini (‚Erdbeeren und Strohhütchen‘). Gibt das zusammen nicht eine ziemliche Sauerei?

Efeu haben sie schon ein wenig angesetzt: hier singen mehrere hundert Jahre San-Remo-Geschichte gemeinsam den zweitplatzierten Song des SRF 1958.

Vorentscheid IT 1958

Festival della Canzone italiana di Sanremo. Samstag, 1. Februar 1958, aus dem Casinò Municipale in San Remo. 14 Teilnehmer/innen. Moderation: Gianni Agus und Fulvia Colombo.
Interpret/inInterpret/inTitelPunktePlatz
Domenico ModugnoJohnny DorelliNel blu dipinto di blu6301
Nilla PizziTonina TorrielliL'Edera4102
Gino LatillaNilla PizziAmare un'altra2203
Claudio VillaGiorgio ConsoliniCampana di Santa Lucia1804
Claudio VillaNilla PizziGiuro d'amarti così1705
Carlo Boni + Gino LatillaAurelio Fierro + Gloria ChristianTimida Serenata1506
Claudio VillaAurelio FierroFragole e cappellini1307
Natalino OttoCarlo Boni + Gino LatillaNon potrai dimenticare0808
Tonina TorrielliCristina JorioMille Volte0309
Johnny DorelliNatalino OttoFantastica0110

Oder was denkst Du?