ESC 1958: Risotto am Lago Maggiore

Logo des Eurovision Song Contest 1958
1958: Das Jahr des Déjà vu

„Dreimal dabei – bitte nicht wiederwählen!“ hieß es, die Älteren unter uns werden sich erinnern, in der ZDF-Hitparade immer dann, wenn sich ein Schlager zum dritten Mal in Folge „placiert“ hatte, wie Dieter Thomas Heck es so schön nannte. Dann durfte man als Zuschauer/in für selbigen keine Postkarte mehr schicken bzw. nicht mehr anrufen. Diese Regel gilt beim Eurovision Song Contest zwar nicht, dennoch endete im dritten Jahr seines Bestehens die Dauerteilnahme von gleich zwei Künstlerinnen, die schon beim Start in Lausanne beide dabei waren. Dabei handelte es sich zum einen um die Niederländerin und Vorjahressiegerin Corry Brokken, die auch diesmal die Tabelle anführte – allerdings vom anderen Ende aus gesehen. Das nenne ich mal einen harten Absturz! Wenn auch einen verdienten: zwar zeichnet sich keiner von Corrys Eurovisionsbeiträgen durch besonderen Pepp aus, allerdings erwies sich ihre diesjährige Ballade ‚Heel de Wereld‘ als von geradezu beispielhafter Langeweile.

Darauf einen Ramazzotti! (CH)

Ganz anders als bei der helvetischen Premierensiegerin und Vorjahresvorletzten Lys Assia, die ebenfalls ihre dritte und bis dato letzte Runde drehte. Ihr so flottes wie skurriles Lied ‚Giorgio‘ nämlich nahm, was das Tempo des Songs und des dargebotenen Sprechgesangs angeht, den deutschen Hip-Hop und Flummitechno der Neunziger bereits vorweg. Und belegte damit so erstaunlicher- wie berechtigerweise den zweiten Rang. Textprobe: „Ein Weekend mit Dir und Risotto, Risotto, Risotto, Risotto“ – die Assia schien mit ihrem Papagallo am (in Schlagerkreisen äußerst beliebten) Lago Maggiore entweder eine frühe Version von ‚9 ½ Wochen‘ auszuprobieren, oder sie surfte einfach sehr geschickt auf der gerade durch das Nachkriegsdeutschland wogenden Fresswelle. Zumal noch „Polenta“, „Vino“, „Espresso“ und natürlich „Chianti“ eine Rolle spielten.

Sollte doch mehr als 20 Cent wert sein: Margot Hielschers Musik (DE).

Die deutsche Wiederkehrerin Margot Hielscher hingegen stürzte ab. Wie schon im Vorjahr versuchte sie, die Sprachgrenze mit optischen Illustrationen zu überwinden. Ihr hinreißend vertontes ‚Für zwei Groschen Musik‘ handelte von der seinerzeit in keiner Gaststätte fehlenden Jukebox. Also hantierte sie mit ein paar Single-Schallplatten (unverkaufte Restexemplare ihrer eigenen Aufnahmen?) und kostümierte sich sicherheitshalber mit rotem Schleifchen und glitzerndem Krönchen als „Miss Jukebox“. Vermutlich führte genau das zur fatalen Fehlinterpretation durch die Juroren, die möglicherweise glaubten, Hielscher wollte sich bereits vor ihrem Urteil selbst zur Königin des Abends krönen. So reagierten sie verschnupft und verbannten die Deutsche auf einen (damals noch) unglücklichen siebten Platz. Für Belgien nahm erneut Fud Leclerc (→ BE 1956, 1960, 1962, †2010) teil, der noch die nächsten fünf Jahre im stetigen Wechsel mit Bob Benny (→ BE 1959, 1961) magere Resultate ersingen durfte: er für Wallonien, den französischsprachigen Part des Bierpanscherlandes; Benny (der sich 2001, zehn Jahre vor seinem Ableben, im Alter von 75 Jahren outete) für Flandern, den holländisch sprechenden Teil.

Schwedens erfolgreiche Eurovisionsreise startet 1958 mit der Zeile „La la la la la la lala la“ (SE).

In der ihnen so eigenen, liebenswert grotesken Selbstüberschätzung blieben die Briten aus Protest gegen die in ihren Augen zu schlechte Vorjahresplatzierung ihres außergewöhnlich zähen Premierenbeitrags ‚All‘ der Hilversumer Veranstaltung fern. Dafür nahm erstmalig das Land teil, das ihnen im Laufe der folgenden Eurovisionsjahrzehnte bald den Ruf als europäisches Powerhouse des Pop streitig machen sollte. Alice Babs (†2014), zum Zeitpunkt ihres Grand-Prix-Debüts eine auch in Deutschland bereits erfolgreiche Schlagersängerin (‚Ein Mann muss nicht immer schön sein‘, ‚Jodel Cha Cha‘) und Filmschauspielerin (‚Schwedenmädel‘), trat in einer im Vergleich zu den sonst üblichen, aufwändigen Abendkleidern recht rural wirkenden Landestracht an und begann ihr lieblich-langweiliges ‚Lilla Stjärna‘ mit vollen vier Zeilen „La la la“. Vermutlich im Bestreben, die Juroren einzulullen, bevor sie aufgrund der damals noch ungeschriebenen, aber strikt befolgten → Sprachenregel für den Rest des Liedes auf das für die meisten europäischen Ohren doch etwas zickig klingende Schwedisch umsteigen musste. Der beim Grand Prix stets gern genutzte Trick der universell verständlichen Lautmalerei funktionierte auch hier: mit dem vierten Rang zum Auftakt erfuhren die Skandinavier eine deutlich gnädigere Aufnahme in die Eurovisionsfamilie als die vergrätzten Briten.

Herz und Schmerz und Salz und Schmalz: ach, Du liebe Augustin (AT)

Österreich entsandt die vom ORF intern nominierte Wiener Diseuse Liane Augustin, die mit dem schmalzig dahingesülzten, sämtliche nur denkbaren Reimeklischees versammelnden und natürlich gleich mit dem ganz großen globalen Anspruch daherkommenden ‚Die ganze Welt braucht Liebe‘ erstaunlicherweise einen fünften Rang ersingen konnte. Und das, obwohl sie sich in ihrer sexuellen Zügellosigkeit ein „zweites kleines Schweinchen“ herbeiwünschte. Tsk! Die noch bis in die Siebziger erfolgreiche Künstlerin nahm ihren Eurovisionstitel aus gutem Grund nie auf Schallplatte auf. Wie Wikipedia weiß, sprang sie an Weihnachten desselben Jahres Gevatter Tod nur knapp von der Schippe, als die Air-France-Maschine, in der sie saß, bei der Landung auf dem Wiener Flughafen mit dem Empfangsgebäude kollidierte und in Flammen aufging. Sie überlebte – und verstarb 1978 im Alter von nur 51 Jahren bei einer Unterleibsoperation. 2008 benannte die Stadt Wien im 7. Bezirk den Augstinplatz nach ihr. Nicht schlecht!

Und alle so: Vooooooolare, oh-ho! (IT)

Wenn auch kein Vergleich zum italienischen Komponisten, Sänger und San-Remo-Gewinner Domenico Modugno (→ IT 1959, 1966), der hier das erste von drei Malen (erkennt jemand ein Muster?) an den Start ging. Ihm widmete sein apulisches Heimatörtchen Polignano al Mare nach seinem Tod im Jahre 1994 gar ein eigenes Denkmal. Sein Beitrag ‚Nel blu dipinto di blu‘ avancierte zum unzählige Male gecoverten, weltweiten Evergreen und, zählt man sämtliche Fassungen zusammen, zum bis heute kommerziell erfolgreichsten Eurovisionssong. Als ‚Volare‘ erreichte es gar Platz 1 der US-amerikanischen Billboard-Charts und kann eine Grammy-Nominierung vorweisen. 2005 wählten es die europäischen TV-Zuschauer/innen anlässlich der 50-Jahre-ESC-Feierlichkeiten zum zweitbeliebtesten Grand-Prix-Lied aller Zeiten, nach ‚Waterloo‘ (→ SE 1974). In unseren Gefilden konnte Modugno damit allerdings keinen Hit landen – dafür schaffte es die zahnlose, von Peter Alexander dargebotene Eindeutschung ‚Bambina‘ bis auf Platz 2 der Charts. Manchmal möchte man sich vor Fremdscham über den schlechten Geschmack seiner Landsleute echt erschießen.

Schlaf, Kindchen, schlaf, Dein Vater hüt‘ die Schaf‘ (FR).

Doch auch bei den Grand-Prix-Juroren blitzte Domenicos unsterblicher Beitrag zum Weltkulturerbe ab: sie zogen Lys‘ Ode an die Völlerei vor, sowie ein gestenreich vorgetragenes französisches Wiegenliedchen (‚Dors, mon Amour‘) des 2003 sanft entschlafenen André Claveau, das unverständlicherweise gewann. Der erste wirklich grobe → Jury-Missgriff in der Eurovisionsgeschichte, dem bis zur leider nur zeitweiligen Suspendierung dieser absurden Instanz vierzig Jahre später noch etliche folgen sollten. Immerhin durfte auch Modugno seinen, zugegebenermaßen in späteren Bearbeitungen (wie beispielsweise in der englischsprachigen Version von Dean Martin oder in der flamencogitarrenlastigen Partyhit-Variante der Gipsy Kings, die damit 1989 einen Eurohit landen konnten) deutlich druckvolleren Beitrag ein zweites Mal vortragen. Denn der Italiener hatte die Startnummer 1, jedoch waren zu Beginn der TV-Übertragung die Leitungen noch nicht überall hin geschaltet. So musste / durfte er im Anschluss an Lys Assia noch mal ran.

Das Tempo anziehen hilft immer: die Gypsy Kings machten Domenicos ESC-Klassiker 1989 Feuer unter dem Arsch.

Erstmalig kam die neue (und bis heute beibehaltene) Regel zur Anwendung, dass der Vorjahressieger das Spektakel austragen soll: der Veranstaltungsort Hilversum machte sich nicht nur durch die typische Tulpendekoration bemerkbar, sondern auch durch die äußerst sparsame Moderation, einem holländischen Eurovisionsmarkenzeichen. Erst zu Beginn der Wertungen tauchte die Gastgeberin des Abends, Hannie Lips, auf. Skurril aus heutiger Sicht erscheint auch die von Hand betriebene Wertungstafel. Öfters schien es bei der Koordination von gerade durchgegebenen Wertungspunkten und Anzeige etwas zu hapern: so bekam beispielsweise Schweden („La Suede“) in der Sendung vier Punkte gutgeschrieben, die für die Schweiz („La Suisse“) bestimmt waren, was man erst im Anschluss feststellte und korrigierte. Denn, wie sagte Frau Lips noch in der Sendung: „There was no Mistake“. Aber genau für diese Pannen lieben wir ja den Contest!

Die Showtreppe fungierte als zentrales Element des ESC 1958 (komplette Sendung).

Eurovision Song Contest 1958

3sieme Grand Prix Eurovision de la Chanson Européene. Mittwoch, 12. März 1958, aus den AVRO-Studios in Hilversum, Niederlande. Zehn Teilnehmerländer. Moderation: Hannie Lips.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01ITDomenico ModugnoNel blu, dipinto di blu (Volare)1303
02NLCorry BrokkenHeel de Wereld0109
03FRAndré ClaveauDors, mon Amour2701
04LUSolange BerryUn grand Amour0109
05SEAlice BabsLille Stjärna1004
06DKRaquel RastenniJeg rev et Blad ud af min Dagbog0308
07BEFud LeclercMa petite Chatte0805
08DEMargot HielscherFür zwei Groschen Musik0507
09ATLiane AugustinDie ganze Welt braucht Liebe0806
10CHLys AssiaGiorgio2402

2 Gedanken zu “ESC 1958: Risotto am Lago Maggiore

  1. Hihi. Den Contest habe ich erst gestern nochmal in voller Länge gesehen. Wenn ich ehrlich bin, der Reiz von ‚Nel blu dipinto di blu‘ erschließt sich mir in dieser Version nicht. Zzzzzz. Ein alles in allem typischer Abend der 50er. Bis auf Lys Assia. Was für Drogen werden eigentlich in der Schweiz gereicht? Rap beim ESC, und das zwanzig Jahre, bevor die Musikrichtung überhaupt erfunden wurde! 😉

  2. Schweizer Drogen Wer weiß, welche Gewürze da im Risotto, Risotto, Risotto, Risotto waren! 😉

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