IT 1959: Verspannungen im Vatikan

Erfolg gebiert meist noch mehr Erfolg: nachdem ‚Volare‘, der Vorjahressiegertitel des San-Remo-Festivals, in zahllosen Coverversionen weltweit die Hitparaden erobert hatte, wuchs die Zuschauerzahl der diesjährigen Festspiele des italienischen Canzone, die per Eurovision erneut auch in einigen anderen Ländern übertragen wurden, auf geschätzte 20 Millionen. Auch in der ligurischen Kurstadt, so weiß Wikipedia zu berichten, stürmten die Fans die Hotels und das städtische Kasino, wo der Wettbewerb stattfand. Der Rummel forderte mit San-Remo-Star Claudio Villa (→ IT 1962, 1967) gar ein erstes Opfer: renitente Autogrammjäger/innen belagerten ihn so hart, dass er sich eine Verrenkung der Schulter zuzog. Auch im Wettstreit mit alten und neuen Konkurrent/innen lief es für ihn heuer nicht so prächtig: der erfolgsverwöhnte Schnulzensänger musste sich mit einem achten und einem zehnten Rang zufriedengeben. Wie in vielen nationalen Vorentscheidungen dieser Zeit üblich, präsentierte man alle Finaltitel in zwei verschiedenen Varianten, gesungen von unterschiedlichen Interpret/innen. Mit einem bemerkenswerten Ergebnis: der Jungstar Johnny Dorelli und der Cantautore Domenico Modugno (→ IT 1958, 1966), die im Vorjahr gemeinsam das von Letzterem selbst komponierte ‚Volare‘ zum Sieg führten, konnten sich auch diesmal die Spitzenposition sichern. Und zwar mit dem wiederum von Modugno geschriebenen ‚Piove‘, bekannter unter seiner einprägsameren Refrainzeile ‚Ciao ciao, Bambina‘. Wie bereits im Vorjahr präsentierte der in den USA aufgewachsene Dorelli die etwas leichtfüßigere, swingendere Version des Evergreens. Und wie bereits im Vorjahr schickte die RAI den etwas gesetzter wirkenden, ein kleines bisschen klebriger schmachtenden Domencio zum Eurovision Song Contest, wo es diesmal gar nur für den sechsten Rang reichte.

Da es in den Fünfzigern noch keine Videoclips gab, drehte man eben gleich ganze Schlagerfilme. Hier mit San-Remo-Sieger Johnny Dorelli.

Von den weiteren Teilnehmer/innen des Abends erzielten etliche zumindest nationale Erfolge, allen voran der Zweitplatzierte Arturo Testa mit dem hochdramatischen Io sono il Vento (‚Ich bin der Wind‘). Das von der Jury relativ weit hinten platzierte ‚Nessuno‘, beim Festival in einer leider etwas lendenlahmen Version vorgestellt von der Newcomerin Betty Curtis (→ IT 1961), entwickelte sich in der deutlich frecheren Interpretation der gerade erst am Anfang ihrer nicht enden wollenden Karriere stehenden Legende Mina Mazzini, die damit ihren ersten Auftritt im italienischen Fernsehen hatte, zum Hit. Im dazugehörigen Schlagerfilm von 1960, Urlatori alla Sbarra, durfte sie das tun, wovon vermutlich viele andere Frauen nur träumten: sie verpasste dem aufdringlich werdenden Adriano Celentano eine Ohrfeige! In Deutschland kennt man die großartige Mina hingegen fast ausschließlich für den fantastischen Millionenseller Heißer Sand von 1962, dessen so knapper wie anspielungsreicher Text ihn zu einer beliebten Vorlage für so kluge wie ausschweifende Exegesen machte und dessen düster-geheimnisvolle Interpretation durch die Sängerin ihn zu einer für den Hörer unvergesslichen Meditation über die zerstörerische, dunkle Kraft des Verlangens geraten ließ.

Mina auf der wilden Party. Und ja, da hängt jemand kopfüber in der Fledermausstellung von der Balustrade. Fragen Sie mich nicht, warum!

A propos Verlangen: Aufsehen erregte auch die viertplatzierte, hauchzarte Liebesballade Tua, von Jula de Palma in einem hautengen Kleid und mit sehr großer Hingabe dargeboten. Das sorgte bei einigen zuschauenden vatikanischen Herren wohl für gewisse hartnäckige Verspannungen unter der Soutane und damit unausweichlich für einen öffentlich ausgesprochenen kirchlichen Rüffel für die „zu sinnliche“ Präsentation. Was man zwar durchaus als unbeabsichtigtes Kompliment für die Ausstrahlung der Sängerin nehmen kann, was für Frau de Palma jedoch die unangenehme Folge hatte, dass wildfremde, von diesen Worten aufgestachelte Katholiken sie auf offener Straße beleidigten und bedrohten (sehr christlich!) und ihr Lied einem eisernen Radioboykott unterlag, was jedoch dem Erfolg ihrer Single keinen Abbruch tat (ätsch!). Die deutlich züchtigere (und dementsprechend langweilige) Interpretation von Tonina Torrielli (→ IT 1956) blieb hingegen beanstandungsfrei.

Die nach wie vor sehr sinnliche Jula de Palma bei einem späteren Auftritt.

Vorentscheid IT 1959

Festival della Canzone italiana di Sanremo. Samstag, 31. Januar 1959, aus dem Casinò Municipale in San Remo. 14 Teilnehmer/innen. Moderation: Enzo Tortora und Adriana Serra.
Interpret/inInterpret/inTitelPunktePlatz
Domenico ModugnoJohnny DorelliPiove5701
Arturo TestaGino LatillaIo sono il Vento4802
Teddy RenoAchille ToglianiConoscerti2703
Jula de PalmaTonina TorrielliTua1804
Teddy RenoAurelio FierroLì per lì1405
Fausto CiglianoNilla PizziSempre con te1306
Natalino OttoAurelio FierroAvevamo la stessa età1207
Betty CurtisWilma de AngelisNessuno1008
Johnny Dorelli + Betty CurtisGino Latilla + Claudio VillaUna Marcia di Fa0909
Claudio VillaBetty CurtisUn Bacio sulla Bocca0310

Oder was denkst Du?