San-Remo-Fes­ti­val 1959: Ver­span­nun­gen im Vati­kan

Erfolg gebiert meist noch mehr Erfolg: nach­dem ‘Vola­re’, der Vor­jah­res­sie­ger­ti­tel des San-Remo-Fes­ti­vals (SRF), in zahl­lo­sen Cover­ver­sio­nen welt­weit die Hit­pa­ra­den erobert hat­te, wuchs die Zuschau­er­zahl der dies­jäh­ri­gen Fest­spie­le des ita­lie­ni­schen Can­zo­ne, die per Euro­vi­si­on erneut in eini­gen ande­ren Län­dern eben­falls zur Aus­strah­lung gelang­te, auf geschätz­te 20 Mil­lio­nen. Auch in der ligu­ri­schen Kur­stadt, so weiß Wiki­pe­dia zu berich­ten, stürm­ten die Fans die Hotels und das städ­ti­sche Kasi­no, wo der Wett­be­werb statt­fand. Der Rum­mel for­der­te mit San-Remo-Star Clau­dio Vil­la gar ein ers­tes Opfer: reni­ten­te Autogrammjäger/innen bela­ger­ten ihn so hart, dass er sich eine Ver­ren­kung der Schul­ter zuzog. Auch im Wett­streit mit alten und neu­en Konkurrent/innen lief es für ihn heu­er nicht so präch­tig: der erfolgs­ver­wöhn­te Schnul­zensän­ger muss­te sich dies­mal mit den bei­den hin­ters­ten Rän­gen zufrie­den­ge­ben.

Da schau: nicht nur die tum­ben Deut­schen mögen Faschings­schla­ger und Marsch­mu­sik, son­dern auch die Italiener/innen!

Wie in vie­len natio­na­len Vor­ent­schei­dun­gen die­ser Zeit üblich, prä­sen­tier­te der ver­ant­wort­li­che Sen­der Rai alle Final­ti­tel in zwei ver­schie­de­nen Vari­an­ten, gesun­gen von unter­schied­li­chen Interpret/innen. Mit einem bemer­kens­wer­ten Ergeb­nis: der Jung­star John­ny Dorel­li und der Can­t­au­to­re Dome­ni­co Modug­no, die im Vor­jahr gemein­sam das von Letz­te­rem selbst kom­po­nier­te ‘Vola­re’ zum Sieg führ­ten, konn­ten sich auch dies­mal die Spit­zen­po­si­ti­on sichern. Und zwar mit dem wie­der­um von Modug­no geschrie­be­nen Titel ‘Pio­ve’, bekann­ter unter sei­ner ein­präg­sa­me­ren Refrain­zei­le ‘Ciao ciao, Bam­bi­na’. Wie bereits im Vor­jahr prä­sen­tier­te der in den USA auf­ge­wach­se­ne Dorel­li die etwas leicht­fü­ßi­ge­re, swin­gen­de­re Ver­si­on des Ever­greens. Und wie bereits im Vor­jahr schick­te die Rai den etwas gesetz­ter wir­ken­den, ein klei­nes biss­chen kleb­ri­ger schmach­ten­den Domen­cio zum Euro­vi­si­on Song Con­test, wo es dies­mal gar nur für den sechs­ten Rang reich­te.

Da es in den Fünf­zi­gern noch kei­ne Video­clips gab, dreh­te man eben gleich gan­ze Schla­ger­fil­me. Hier mit San-Remo-Sie­ger John­ny Dorel­li.

Von den wei­te­ren SRF-Teilnehmer/innen erziel­ten etli­che kom­mer­zi­el­le Erfol­ge, allen vor­an der Zweit­plat­zier­te Arturo Tes­ta mit dem hoch­dra­ma­ti­schen ‘Io sono il Ven­to’ (‘Ich bin der Wind’). Das von der Jury rela­tiv weit hin­ten plat­zier­te ‘Nes­su­no’, beim Fes­ti­val in einer lei­der etwas len­den­lah­men Ver­si­on vor­ge­stellt von der New­co­me­rin Bet­ty Cur­tis, ent­wi­ckel­te sich in der deut­lich fre­che­ren Inter­pre­ta­ti­on der gera­de erst am Anfang ihrer lang­an­hal­ten­den Kar­rie­re ste­hen­den Legen­de Mina Mazz­i­ni, die damit ihren ers­ten Auf­tritt im ita­lie­ni­schen Fern­se­hen hat­te, zum Hit. Im dazu­ge­hö­ri­gen Schla­ger­film von 1960, Urla­to­ri alla Sbar­ra, durf­te sie das tun, wovon ver­mut­lich vie­le ande­re Frau­en nur träum­ten: sie ver­pass­te dem auf­dring­lich wer­den­den Adria­no Cel­en­ta­no eine Ohr­fei­ge! In Deutsch­land kennt man die groß­ar­ti­ge Mina hin­ge­gen fast aus­schließ­lich für den fan­tas­ti­schen Mil­lio­nen­sel­ler ‘Hei­ßer Sand’ von 1962, des­sen so knap­per wie anspie­lungs­rei­cher Text ihn zu einer belieb­ten Vor­la­ge für so klu­ge wie aus­schwei­fen­de Exege­sen mach­te und des­sen düs­ter-geheim­nis­vol­le Inter­pre­ta­ti­on durch die Sän­ge­rin ihn zu einer für den Hörer unver­gess­li­chen Medi­ta­ti­on über die zer­stö­re­ri­sche, dunk­le Kraft des Ver­lan­gens gera­ten ließ.

Mina auf der wil­den Par­ty. Und ja, da hängt jemand kopf­über in der Fle­der­maus­stel­lung von der Balus­tra­de. Fra­gen Sie mich nicht, war­um!

A pro­pos Ver­lan­gen: Auf­se­hen erreg­te auch die viert­plat­zier­te, hauch­zar­te Lie­bes­bal­la­de ‘Tua’, von Jula de Pal­ma in einem haut­engen Kleid und mit sehr gro­ßer Hin­ga­be dar­ge­bo­ten. Das sorg­te bei eini­gen zuschau­en­den vati­ka­ni­schen Her­ren wohl für gewis­se hart­nä­cki­ge Ver­span­nun­gen unter der Sou­ta­ne und damit für einen öffent­lich aus­ge­spro­che­nen kirch­li­chen Rüf­fel für die “zu sinn­li­che” Prä­sen­ta­ti­on. Was man durch­aus als unbe­ab­sich­tig­tes Kom­pli­ment für die Aus­strah­lung der Sän­ge­rin begrei­fen kann. Was aller­dings für Frau de Pal­ma die unan­ge­neh­me Fol­ge hat­te, dass wild­frem­de, von die­sen Wor­ten auf­ge­sta­chel­te Katho­li­ken sie auf offe­ner Stra­ße belei­dig­ten und bedroh­ten (sehr christ­lich!) und ihr Lied einem eiser­nen Radio­boy­kott unter­lag. Dem kom­mer­zi­el­len Erfolg ihrer Sin­gle tat dies jedoch kei­nen Abbruch (ätsch!). Die deut­lich züch­ti­ge­re (und dem­entspre­chend lang­wei­li­ge) Inter­pre­ta­ti­on von Toni­na Tor­ri­el­li blieb hin­ge­gen bean­stan­dungs­frei.

Die nach wie vor sehr sinn­li­che Jula de Pal­ma bei einem spä­te­ren TV-Auf­tritt.

Vor­ent­scheid IT 1959

Fes­ti­val del­la Can­zo­ne ita­lia­na di San­re­mo. Sams­tag, 31. Janu­ar 1959, aus dem Casinò Muni­ci­pa­le in San Remo. 14 Teilnehmer/innen. Mode­ra­ti­on: Enzo Tortora und Adria­na Ser­ra.
Interpret/inInterpret/inTitelPunk­tePlatz
Dome­ni­co Modug­noJohn­ny Dorel­liPio­ve5701
Arturo Tes­taGino Latil­laIo sono il Ven­to4802
Ted­dy RenoAchil­le Toglia­niCono­s­cer­ti2703
Jula de Pal­maToni­na Tor­ri­el­liTua1804
Ted­dy RenoAure­lio Fier­roLì per lì1405
Faus­to Ciglia­noNil­la Piz­ziSemp­re con te1306
Nata­li­no OttoAure­lio Fier­roAve­va­mo la stes­sa età1207
Bet­ty Cur­tisWil­ma de Ange­lisNes­su­no1008
John­ny Dorel­li + Bet­ty Cur­tisGino Latil­la + Clau­dio Vil­laUna Mar­cia di Fa0909
Clau­dio Vil­laBet­ty Cur­tisUn Bacio sul­la Boc­ca0310

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