FR 1960: Ich bau Dir ein Schloss

38 Einträge umfasste die Liste der beim französischen Sender für die hausinterne Auswahl zum Eurovision Song Contest 1960 eingereichten Liedvorschläge (für 1959, wo man ebenfalls intern entschied, fehlen leider sämtliche Informationen). Darunter befanden sich so hübsche Titel wie ‚Mademoiselle Tour Eiffel‘ oder das so beschwingte wie lautmalerische ‚Tique taque‘. Die Namen der übrigen Bewerber/innen lesen sich wie das Who is Who der frankophilen Grand-Prix-Welt während der ersten Eurovisionsdekade: Jean Philippe (→ FR 1959, CH 1962), Colette Deréal (→ MC 1961), Mathé Altéry (→ FR 1956), Michèle Arnaud (→ LU 1956) und Paule Desjardins (→ FR 1957) bemühten sich heuer vergebens. Trat die Letztgenannte beim Grand Prix 1957 als die vom Sender gegen die eigentliche Siegerin der Vorauswahl eingetauschte Repräsentantin der Grande Nation an, so vollzog sich 1960 Ähnliches: Marcel Jean-Pierre Balthazar Miramon hieß nämlich der ursprüngliche Interpret des von der Jury ausgewählten Schlagers ‚Tom Pillibi‘, oder vielmehr Marcel Amont, wie er sich selbst als Künstler nannte. Doch Amont überlegte es sich im Vorfeld des Entscheids anders und sagte seine Teilnahme ab.

Aus heutiger Sicht tritt einem beim Anschauen rasch der antirassistische Schweiß auf die Stirn, aber in den Sechzigern galten noch andere Maßstäbe: Marcel mit dem französischen ‚Hossa‘ (Repertoirebeispiel).

Auf Wunsch des Senders übernahm die junge Jacqueline Boyer, wodurch sich für das poppige Chanson ein interessanter Perspektivwechsel ergab, wie das Songlexikon der Uni Freiburg fachkundig feststellt. Handelt der Text in der männlichen Fassung von der schulterklopfenden Bewunderung für den bei der Frauenwelt so ungemein erfolgreicheren Kumpel ‚Tom Pillibi‘, so begibt sich Jacqueline als Erzählerin in die unmittelbar beteiligte Rolle der Eroberten und von dem maßlosen Aufschneider offensichtlich Gefoppten. Was sie aber nicht im Geringsten zu stören scheint: so charmant schwindelt der Frauenheld, dass ihm die Protagonistin selbst das Fremdgehen mit der Königstochter verklärt lächelnd nachsieht. Sacré Tom Pillibi! Erneut erwies sich der Interpretenaustausch als goldene Strategie: Jaqueline siegte beim Contest in London, generierte einen europaweiten Topseller und legte den Grundstein für eine gut zehnjährige internationale Karriere.

Etwas weniger stringent arrangiert als beim ESC, aber auch deutlich charmanter: ‚Tom Pillibi‘.

Marcel Amont traf es nicht ganz so golden: zwar landete er 1962 mit dem Südamerika-Schlager ‚Le Mexicain‘ zuhause seinen größten Hit, doch danach war es mit der Schlagerkarriere bald vorüber, auch wenn er noch bis heute über die Bühnen tingelt. 1980 stand er nochmals auf der Auswahlliste für den gallischen Grand-Prix-Beitrag, kam aber wiederum nicht zum Zuge.

Vorentscheid FR 1960

Interne Auswahl aus 38 Liedvorschlägen: Jacqueline Boyer – Tom Pillibi

< FR 1958: Schlafes Bruder

> FR 1961: Oh wär der Winter erst vorbei

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