Deut­scher Vor­ent­scheid 1960: Dal­li, dal­li!

Wyn Hoop, DE 1960
Der Lang­wei­ler

Nach­dem die Direkt­no­mi­nie­rung der inter­na­tio­nal bekann­ten Kess­ler-Zwil­lin­ge als deut­sche Ver­tre­te­rin­nen durch die ARD beim Euro­vi­si­on Song Con­test 1959 nicht das erhoff­te Ergeb­nis gebrach­te hat­te, fand in die­sem Jahr zur Ermitt­lung des hei­mi­schen Grand-Prix-Bei­trags mit der Schla­ger­pa­ra­de wie­der eine öffent­li­che Vor­ent­schei­dung statt. Für das For­mat ori­en­tier­te sich der ver­an­stal­ten­de Hes­si­sche Rund­funk (hr) vage an dem im Vor­jahr von der ers­ten kom­mer­zi­el­len Hör­funk­sta­ti­on Euro­pas, Radio Luxem­burg, ins Leben geru­fe­nen Deut­schen Schla­ger-Fes­ti­val und wähl­te sogar den­sel­ben Ver­an­stal­tungs­ort, die Rhein-Main-Hal­len in der hes­si­schen Lan­des- und Rent­ner/in­nen-Haupt­stadt Wies­ba­den.

Kannst Du Beef­steak machen / Streu­sel­ku­chen backen?”: Sexy Rexy pfleg­te arg kon­ven­tio­nel­le Vor­stel­lun­gen von der Rol­len­ver­tei­lung in der Ehe. Mit die­ser komö­di­an­ti­schen Num­mer hat­ten er und Con­ny Fro­boess Anfang 1960 einen Top-20-Hit (Reper­toire­bei­spiel).

Mit der Schla­ger­iko­ne Lud­wig Hirtrei­ter ali­as Sex Dil­do Rex Gil­do, Anfang der Sech­zi­ger das belieb­tes­te Jugend­idol der Deut­schen und mehr­fa­cher Bra­vo-Otto-Preis­trä­ger, bot der hr einen ech­ten Star auf. Der sei­ne Vor­lie­be für das eige­ne Geschlecht Zeit sei­nes Lebens ver­ste­cken müs­sen­de “Sexy Rexy”, der gera­de zu Beginn sei­ner kome­ten­haf­ten Schla­ger­kar­rie­re schwer­punkt­mä­ßig mit heterophi­len Lie­bes­du­et­ten beim plat­ten­kau­fen­den Publi­kum punk­te­te und den sei­ne Pro­du­zen­ten dafür bevor­zugt mit der jun­gen Con­ny Fro­boess oder mit Git­te Hæn­ning ver­kup­pel­ten, leg­te hier gemein­sam mit der bel­gi­schen Sän­ge­rin Angè­le Durand das (lei­der im Netz unauf­find­ba­re) ‘Abitur der Lie­be’ ab. Vor Zuschau­ern, und das noch vor 22 Uhr! Sodom und Gomor­rha mal wie­der im deut­schen Fern­se­hen! Eben­falls aus dem Land der Frit­ten stamm­te der unter dem Künst­ler­na­men Tony Sand­ler auf­tre­ten­de Luci­en Joseph San­telé, der kur­ze Zeit spä­ter gemein­sam mit dem US-Ame­ri­ka­ner Ralph Young das Duo Sand­ler & Young grün­de­te und ein Vier­tel­jahr­hun­dert lang die Kon­zert­büh­nen von Las Vegas beherr­schen soll­te.

Die­se völ­lig unge­küns­tel­te, natür­li­che Che­mie zwi­schen den Bei­den! Das Schla­ger-Traum­paar Git­te & Rex 1964 (Reper­toire­bei­spiel).

Ob der gebür­ti­ge Dach­au­er Kaba­ret­tist und Schau­spie­ler Rai­ner Hans Cle­mens Schink († 2004) für sei­ne Schla­ger­kar­rie­re, die fast aus­schließ­lich aus Cover­ver­sio­nen bestand und ihm ledig­lich einen ein­zi­gen Top-50-Hit bescher­te, den Künst­ler­na­men Rai­ner Bertram wähl­te, weil der für die Euro­vi­si­on sei­ner­zeit zustän­di­ge hr in Frank­furt in der Betram­stra­ße resi­diert? Falls ja, dann brach­te es ihm wenig ein: sein Wett­be­werbs­bei­trag ‘Ein Picas­so der Lie­be’ fiel gna­den­los durch und erschien nie auf Ton­trä­ger. Ein von Bertram im Jah­re 1961 ver­ur­sach­ter Auto­un­fall, bei dem sei­ne mit­fah­ren­de Schla­ger­kol­le­gin Gina Dobra (‘Man­do­li­nen­se­re­na­de’) schwer ver­letzt wur­de, trug nicht unbe­dingt zu sei­ner Popu­la­ri­tät bei, und so wech­sel­te er ab 1965 als Radio­mo­de­ra­tor hin­ters Mikro­fon bzw. als TV-Regis­seur (u.a. für die legen­dä­re RTL-Show Alles nichts oder?) hin­ter die Kame­ra. Lus­ti­ger­wei­se pro­du­zier­te er ab 1979, als der Baye­ri­sche Rund­funk das Grand-Prix-Zep­ter über­nahm, meh­re­re Jah­re lang den deut­schen Vor­ent­scheid Ein Lied für… Und sogar den berühmt-berüch­tig­ten Con­test von 1983 aus der Mün­che­ner Rudi-Sedl­mey­er-Hal­le!

Um sich die bei den Schla­ger­fest­spie­len 1963 besun­ge­ne eige­ne Höhen­son­ne leis­ten zu kön­nen, muss­te man damals aber schon zu den Spit­zen­ver­die­nern gehö­ren (Reper­toire­bei­spiel)!

Eben­so­we­nig wie bei den Lie­dern von Gil­do und Bertram konn­te eine Plat­ten­fir­ma über­zeugt wer­den, den inter­es­sant beti­tel­ten (und eben­falls in den Wei­ten des All ver­schol­le­nen) Wett­be­werbs­bei­trag ‘Ich hab ein Hob­by’ auf Plat­te zu pres­sen, den der am Anfang einer gro­ßen Kar­rie­re als viel­be­schäf­tig­ter Film­mu­sik­kom­po­nist ste­hen­de Peter Tho­mas (Raum­pa­trouil­le, Der Alte) für die Sän­ge­rin Ingrid Wer­ner schrieb, die eine Fach­zeit­schrift mal für ihre “raue, am Jazz geschul­te” Stim­me lob­te. Nutz­te ihr aller­dings nicht viel: Hits hat­te sie nie, auch nicht unter ihrem Pseud­onym Nina Wes­ten. Tho­mas setz­te sie aller­dings auch wei­ter­hin ein, so zum Bei­spiel für den Sound­track zu dem von einer DDR-Repu­blik­flucht han­deln­den Zonen-Thril­ler ‘Flucht nach Ber­lin’ von 1961, auf dem sie das Stück ‘High Sno­bie­ty’ sang und für den Tho­mas das Gol­de­ne Film­band erhielt.

Sagt die Non­ne zu ihren Schen­keln: wir wol­len nie­mals aus­ein­an­der­gehn!

Eben­falls vom Kin­topp kam Hei­di Brühl. Die durch ihre Haupt­rol­le als pfer­de­nar­ri­ger Tee­nie Dal­li in der harm­los-hei­te­ren Immen­hof-Tri­lo­gie zur belieb­tes­ten Schau­spie­le­rin Deutsch­lands Avan­cier­te ver­such­te hier, unge­ach­tet ihres nur mäßi­gen stimm­li­chen Talents, ihre immense Popu­la­ri­tät durch Plat­ten­ver­käu­fe zu ver­sil­bern. Was ihr spie­lend gelang: ‘Wir wol­len nie­mals aus­ein­an­der­gehn’ war der ers­te Schla­ger über den erst noch bevor­ste­hen­den Schlank­heits­wahn­sinn und ist ein Pflicht­stück für jede Ger­ma­nys-next-Top­mo­del-Buli­mie-Aspi­ran­tin. Scherz bei­sei­te: natür­lich han­del­te es sich mal wie­der um einen so roman­ti­schen wie unrea­lis­ti­schen musi­ka­li­schen Treue­schwur. Der tra­ni­ge Hoch­zeits­marsch besetz­te anschlie­ßend sie­ben Wochen am Stück die Spit­zen­po­si­ti­on der erst im Vor­jahr offi­zi­ell ein­ge­führ­ten deut­schen Sin­gle-Charts, in denen er sich ins­ge­samt 33 Wochen lang hielt und in der Jah­res­ab­rech­nung mit dem sieb­ten Rang abschloss. Ein wasch­ech­ter Megasel­ler also! Den­noch beleg­te Frau Brühl in Wies­ba­den mit dem laut Jan Fed­der­sen ursprüng­lich für Zarah Lean­der kom­po­nier­ten Super­hit völ­lig über­ra­schend nur den zwei­ten Rang. 

Ich ver­ges­se Dich nie’: Ich Dich schon!

Die aus 15 “Pro­fis” (also Medi­en­men­schen) und 30 Lai­en bestehen­de Jury wähl­te näm­lich – zum deut­li­chen Miss­fal­len des Saal­pu­bli­kums – aus nicht nach­voll­zieh­ba­ren Grün­den den büh­nen­er­fah­re­nen Folk­bar­den und heu­ti­gen Rei­se­au­to­ren Wyn Hoop (bür­ger­lich Win­fried Lüs­sen­hop) mit der ster­bens­lang­wei­li­gen Seicht­schnul­ze ‘Bon­ne Nuit, ma Ché­rie’ zum deut­schen ESC-Reprä­sen­tan­ten. Womög­lich spe­ku­lier­te man mit Blick auf André Cla­veaus Sie­ger­ti­tel von 1958 (‘Dors, mon Amour’) dar­auf, mit einem euro­vi­si­ons­kon­form fran­ko­phi­len Schlaf­lied­chen auf inter­na­tio­na­lem Par­kett mehr raus­ho­len zu kön­nen als mit hete­ro­nor­ma­ti­vem Bezie­hungs­ge­sül­ze. Und, naja: Platz 4 (den der mit gro­ßem Selbst­ver­trau­en aus­ge­stat­te­te Wyn Hoop in Lon­don ersin­gen konn­te) lag deut­lich über dem Durch­schnitt der letz­ten Jah­re. Dal­li Hei­di Brühl ver­blieb nur, sich der­weil mit dem über­ra­gen­den kom­mer­zi­el­len Erfolg ihres Lie­des trös­ten. Außer­dem soll­te sie 1963 ihre Chan­ce erhal­ten.

Stich­wort kom­mer­zi­el­ler Erfolg: mit dem Coun­try-Faschings-Schla­ger ‘Ich steh’ an der Bar’ erziel­te der Bel­gi­er Bob­be­ja­an Schoepen 1960 einen Top-Ten-Hit in Deutsch­land (Reper­toire­bei­spiel).

Vor­ent­scheid DE 1960

Schla­ger­pa­ra­de. Sams­tag, 6. Febru­ar 1960, aus der Rhein-Main-Hal­le in Wies­ba­den. Zehn Teilnehmer/innen, Mode­ra­ti­on: Hil­de Nocker und Wer­ner Ful­le­rer.

#Inter­pretTitelPlatzCharts
01Angè­le Durand + Rex Gil­doAbitur der Lie­be--
02Ger­hard Wend­landAlle Wun­der der Welt3-
03Git­ta LindAuf der Stra­ße mei­ner Träu­me--
04Wyn HoopBon­ne Nuit, ma Ché­rie144
05Gerd StröhlDas Herz einer Frau--
06Rai­ner BertramEin Picas­so der Lie­be--
07Ingrid Wer­nerIch hab ein Hob­by--
08Tony Sand­lerOh, wie schön--
09Hei­di BrühlWir wol­len nie­mals aus­ein­an­der gehn201
10Char­ming BoysLitt­le Joe--

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1 Gedanke zu “Deut­scher Vor­ent­scheid 1960: Dal­li, dal­li!

  1. Die ein­ge­la­de­nen Kom­po­nis­ten konn­ten sich für ihre Titel Künst­ler “wün­schen”. Franz Gro­the (“Ein Picas­so der Lie­be”) prä­fe­rier­te eigent­lich Peter Alex­an­der und Fred Ber­tel­mann, Micha­el Jary konn­te sich vor­stel­len, neben Hei­di Brühl auch für Wil­ly Alber­ti, Siw Malm­qvist oder Zarah Lean­der zu schrei­ben und Ger­hard Wink­ler woll­te eigent­lich Vico Tor­ria­ni oder Hei­di Brühl, die ihm aber bei­de absag­ten. Auch der dann prä­fe­rier­te US-ame­ri­ka­ni­sche Opern­sän­ger Lawrence Win­ters, spä­ter Ensem­ble­mit­glied an der Ham­bur­ger Oper, kam nicht zum Zug.

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