DE 1960: Bei der großen Fiesta

Wyn Hoop, DE 1960
Der Langweiler

Nachdem die Direktnominierung der Kessler-Zwillinge 1959 nicht das erhoffte Ergebnis gebrachte hatte, fand in diesem Jahr wieder eine öffentliche Vorentscheidung statt. Für die jüngere Generation wählte die ARD die Schlagerikone Ludwig Hirtreiter alias Sex Dildo Rex Gildo (→ Vorentscheid 1969) aus, zu jener Zeit das offiziell beliebteste Jugendidol der Deutschen und mehrfacher Bravo-Otto-Preisträger. Sexy Rexy legte gemeinsam mit der belgischen Sängerin Angèle Durand (→ Vorentscheid 1956) das ‚Abitur der Liebe‘ ab. Vor Zuschauern, und das noch vor 22 Uhr! Sodom und Gomorrha mal wieder im deutschen Fernsehen! Für die ältere Generation ging erneut Gerhard Wendland (→ Vorentscheid 1956, 1964) an den Start, der auf den dritten Rang kam. Generationenübergreifend geschätzt wurde hingegen Heidi Brühl. Die durch ihre Hauptrolle in der harmlos-heiteren Immenhof-Trilogie zur beliebtesten Filmschauspielerin Deutschlands Avancierte versuchte hier, ungeachtet ihres nur mäßigen stimmlichen Talents, ihre immense Popularität durch Plattenverkäufe zu versilbern.

Sagt die Nonne zu ihren Schenkeln: wir wollen niemals auseinandergehn!

Es gelang ihr spielend: ‚Wir wollen niemals auseinandergehn‘, der erste Schlager über den der Bundesrepublik erst noch bevorstehenden Schlankheitswahnsinn und ein Pflichtstück für jede Germanys-next-Topmodel-Bulimie-Aspirantin (diese Titeldeutung macht jedenfalls mehr Spaß als die öde Wahrheit: natürlich handelte es sich mal wieder um einen so romantischen wie unrealistischen Treueschwur), besetzte sieben Wochen am Stück die Spitzenposition der erst im Vorjahr offiziell eingeführten deutschen Single-Charts, in denen er sich insgesamt 33 Wochen hielt und in der Jahresabrechnung den siebten Rang belegte. Ein waschechter Megaseller also. Heidis Sieg beim Vorentscheid erschien ausgemacht. Dennoch belegte sie in der hessischen Landes- und Rentner/innen-Hauptstadt Wiesbaden mit dem laut Jan Feddersen ursprünglich für Zarah Leander komponierten Superhit völlig überraschend nur den zweiten Rang. 

‚Ich vergesse Dich nie‘: Ich Dich schon!

Die aus 15 „Profis“ (also Medienmenschen) und 30 Laien bestehende → Jury wählte – zum deutlichen Missfallen des anwesenden Saalpublikums – aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen den bühnenerfahrenen Folkbarden und heutigen Reiseautoren Wyn Hoop (→ Vorentscheid 1962) mit der sterbenslangweiligen Seichtschnulze ‚Bonne Nuit, ma Chérie‘ (die in den Verkaufscharts nicht über Rang 44 hinaus kam) zum Sieger. Womöglich spekulierte man mit Blick auf André Claveaus Siegertitel von 1958 (‚Dors, mon Amour‘) darauf, mit einem eurovisionskonform frankophilen Schlafliedchen auf internationalem Parkett mehr rausholen zu können als mit heteronormativem Beziehungsgesülze. Und, naja: Platz 4 (den der mit großem Selbstvertrauen ausgestattete Wyn Hoop in London ersingen konnte) lag deutlich über dem Durchschnitt der letzten Jahre. Heidi Brühl konnte sich derweil mit dem überragenden kommerziellen Erfolg ihres Liedes trösten. Außerdem sollte sie 1963 ihre Chance erhalten.

Chart-Watch 1960: mit dem Country-Faschings-Schlager ‚Ich steh‘ an der Bar‘ erzielte Bobbejaan Schoepen (→ BE 1957) einen Top-Ten-Hit in Deutschland.

Vorentscheid DE 1960

Schlagerparade. Samstag, 6. Februar 1960, aus der Rhein-Main-Halle in Wiesbaden. Zehn Teilnehmer/innen, Moderation: Hilde Nocker und Werner Fullerer.

#InterpretTitelPlatzCharts
01Angèle Durand + Rex GildoAbitur der Liebe--
02Gerhard WendlandAlle Wunder der Welt3-
03Gitta LindAuf der Straße meiner Träume--
04Wyn HoopBonne Nuit, ma Chérie144
05Gerd StröhlDas Herz einer Frau--
06Rainer BertramEin Picasso der Liebe--
07Ingrid WernerIch hab ein Hobby--
08Tony SandlerOh, wie schön--
09Heidi BrühlWir wollen niemals auseinander gehn201
10Charming BoysLittle Joe--

1 Gedanke zu “DE 1960: Bei der großen Fiesta

  1. Die eingeladenen Komponisten konnten sich für ihre Titel Künstler „wünschen“. Franz Grothe („Ein Picasso der Liebe“) präferierte eigentlich Peter Alexander und Fred Bertelmann, Michael Jary konnte sich vorstellen, neben Heidi Brühl auch für Willy Alberti, Siw Malmqvist oder Zarah Leander zu schreiben und Gerhard Winkler wollte eigentlich Vico Torriani oder Heidi Brühl, die ihm aber beide absagten. Auch der dann präferierte US-amerikanische Opernsänger Lawrence Winters, später Ensemblemitglied an der Hamburger Oper, kam nicht zum Zug.

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