NL 1960: Ding A Dingeding Dong

Als eine hoch vergnügliche Stunde puren Comedy-Goldes geht das niederländische Nationaal Songfestival von 1960 in die Annalen der Grand-Prix-Geschichte ein. Acht „Liedjes“ gelangten zur Aufführung, interpretiert jeweils in zwei verschieden instrumentierten Varianten von unterschiedlichen Künstler/innen, allesamt dargeboten vor teils passend zum Songtext mit Kreide auf eine Schiefertafel gemalten Bildhintergründen. Vielfach war zu erkennen, dass die Autoren sich Gedanken darüber gemacht hatten, was bei den Eurovisionsjurys ankommen könnte. So wie gleich beim ersten Beitrag des Abends, welcher sich des schon beim ersten Contest in Lugano von Lys Assia (→ CH 1956, 1957, 1958) bemühten Jahrmarkt-Themas vom ‚Carroussel‘ bediente. Was den beiden Interpreten Marcel Thielemans (der den Zuschauer/innen in der ersten Strophe gar ungehörig die Zunge herausstreckte!) und John de Mol (→ Vorentscheid 1957, 1959) nicht nur Raum für zum Schreien komische, den Text illustrierende Handbewegungen und Mimik gab, sondern dem Autoren auch eine vortreffliche Gelegenheit zum Einfügen eines lautmalerischen „Ding Dingeding Ding Ding“ – jetzt wissen wir auch, wo Teach In 1975 die Inspiration für ihren Siegertitel ‚Ding A Dong‘ hernahmen!

John de Mol fuchtelte noch exaltierter herum, behielt dafür jedoch die Zunge drin: Marcel Thielemans (→ Vorentscheid 1957) ist schon ganz karussellig im Kopf. 

Da der Eurovision Song Contest (nach der Weigerung des niederländischen Fernsehens, die Show trotz des holländischen Sieges von 1959 zu veranstalten) 1960 in London stattfand, wo es bekanntlich ununterbrochen vom Himmel plätschert, wenn nicht gerade alles mit Nebel zugesuppt ist, durfte natürlich auch ein Song über ein Mädchen mit einem ‚Regenkapje‘ nicht fehlen, das in den Straßen der europäischen Metropole seinen Prinzen sucht, stilecht intoniert vor der Kreidezeichnung eines Wolkenbruchs. Eine in ihrem offensichtlichen Lampenfieber schon wieder herzerwärmend amateurhafte Darbietung lieferte Jaap Dubbelboer (Doppelbauer, echt? Und da wählt man keinen Künstlernamen?) mit dem altmodischen ‚Vanavend‘ ab. Den absoluten Vogel in Sachen unfreiwilliger Komik schoss jedoch Piet Sybrandi ab, ein junger Sänger mit Elvis-Tolle, der mit dem enthaltsamen ‚Niet voor mij‘ das gleiche Thema bearbeitete, das der Schweizerin Daniela Simmons 1987 einen zweiten Platz beim Grand Prix bescheren sollte (dort als ‚Pas pour moi‘). Seine selbst für damalige Verhältnisse, wo Kameras noch etwas verhältnismäßig Neues waren und man im Geiste immer noch für ein stellenweise weit weg sitzendes Theaterpublikum agierte, durchgängig bis oberhalb der Schmerzgrenze übertriebene Mimik und Gestik, die grotesk aufgerissenen Augen, das wilde Schulterzucken, das rhythmische Fingerschnipsen, der stellenweise bellende Gesang, der devote Dackelblick, das engagierte Ärmchen-nach-unten-Schmeißen: all das verursacht mir selbst beim wiederholten Anschauen jedesmal einen Zwerchfellbruch vor Lachen. Königlich!

Da stehst Du wieder mal / mit Deinem Hundeblick: Pitsi Brandi, wie Hanni Lips ihn ansagte.

Auf die südeuropäische Jurystimme zielte offensichtlich das zweitplatzierte Schlagerlein ‚Addio‘ (vgl. Marcel, Vorentscheid DE 2000), das mit einem kitschigen italienischen Refrain aufwartete, das so erzeugte Urlaubsflair dann aber in den Strophen durch das vorgeschriebene Holländisch wieder zerstören musste. Ansonsten bleibt es vor allem für die fabelhafte Bienenkorbfrisur und das Diadem der Interpretin Betty Luske in Erinnerung. Im Voting der zwölf regionalen Zuschauerjurys erzielte es dennoch nicht einmal halb so viele Stimmen wie der hoch berechtigte Siegertitel ‚Wat een Geluk‘ (‚Welch ein Glück‘), das nicht nur durch das flotteste Tempo des Abends und eine ordentliche → Rückung überzeugte, sondern während der Brücke auch Raum für ein beherztes „La la la“ bot. Jedenfalls in der schmissigen Interpretation durch den begnadeten Entertainer Rudi Carrell, der seine Fassung an letzter Stelle in der Startreihenfolge vorstellen durfte und seiner Konkurrentin Annie Palmen (→ NL 1963), die eine wesentlich gesetztere Version darbot, komplett die Show stahl. Obwohl diese sich extra Silberglitter in die Betondauerwelle gesprüht hatte. Sie nahm es jedoch gefasst auf, gegen den charmanten Rudi, in dessen aktueller Show-Revue sie mitspielte, zu verlieren.

„Und Rudi Carrell soll es nun singen!“

Und Carrell bewies Selbstironie, als er sich nach dem Contest von London, wo ihm das bräsige BBC-Orchester den Song komplett versaute, im Radio hinsichtlich seines zweitletzten Platzes im Wettbewerb selbst auf die Schippe nahm. Mit diesem Auftritt und dieser Reaktion legte er den Grundstein für seine langanhaltende Fernsehkarriere in den Niederlanden und in Deutschland. Welch ein Gelück!

Der komplette niederländische Vorentscheid von 1960 als Playlist. Prädikat sehenswert!

Vorentscheid NL 1960

Nationaal Songfestival. Dienstag, 9. Februar 1960, aus dem AVRO-Studio in Hilversum. Sieben Teilnehmer/innen. Moderation: Hannie Lips.

#Interpret/inInterpret/inTitelPunktePlatz
01Marcel ThielemansJohn de MolCarroussel0864
02Betty LuskeTonny van HulstAddio1102
03Greetje KauffeldPiet SybrandiNiet voor mij0993
04Hermann EmminkJan van de MostIn mijn Hart0774
05Karel van der VeldenRita HuyskensRegenkapje0357
06Annie PalmenRudi CarrellWat een Geluk2251
07Jaap DubbelboerJoop SmitsVanavond0278
08Wim van der BeekJany BronIk leef0616

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