SE 1960: Zweimal Unrecht macht kein Recht

Experimentierunfreudigkeit kann man den Schweden in Sachen Eurovision nun wahrlich nicht vorwerfen. Wie bereits 1959 fanden vor dem eigentlichen Melodifestivalen wiederum acht Radio-Vorrunden statt, aus denen sich mit Hilfe des Publikums eigentlich je ein Titel fürs Finale qualifizieren sollte. Mitten im laufenden Verfahren entschied der Sender STV jedoch, dem Beispiel Italiens folgend, alle Finalbeiträge in zwei unterschiedlich orchestrierten Versionen von jeweils zwei Interpret/innen singen zu lassen. Da man aber die Sendezeit nicht verdoppeln wollte, reduzierte eine flugs einberufene Jury die Anzahl der Lieder auf vier, wodurch beispielsweise ‚En kyss‘ von Lill-Babs (→ SE 1961) auf der Strecke blieb.

Erstaunlich elegant: die Jagd nach den Eurovisionsschlagern von 1960 (das vollständige Melodifestivalen).

Das Finale des Melodifestivalen, das per Nordvision auch in den skandinavischen Nachbarländern Dänemark und Norwegen ausgestrahlt wurde, dominierten dann schwerpunktmäßig optimistisch swingende Nummern, was insbesondere beim siegreichen Titel ‚Alla andra får varann‘ (‚Alle anderen haben einander‘) einen besonders reizvollen Kontrast zum traurigen Thema des Liedes bildete, der Klage eines alleine sein Dasein fristenden Mauerblümchens nämlich, das unter dem Anblick von frisch verliebten Pärchen ringsumher besonders stark leidet. Der mehrfache Melodifestivalen-Teilnehmer Östen Warnerbring (→ SE 1967) löste diese Text-Musik-Schere mit einer hörbar zurückgenommenen, angemessen melancholischen Interpretation deutlich eleganter als seine Konkurrentin Inger Berggren (→ SE 1962).

Im Östen nichts Neues: Warnerbring mit der Gewinnerperformance.

Das empfanden wohl auch die Juroren so, die ihn zum Gesamtsieger des Abends kürten, nach dem der Song in der Addition der von vier regionalen Jurys aus Stockholm, Göteburg, Malmö und Luleå vergebenen und von der Moderatorin Jeannette von Heidenstam aparterweise wie in der Schule mit Kreide auf einer Tafel notierten Punkten mit 85 Zählern vorne lag. Wobei es im Hinblick auf meine These der Absurdität und mangelnden Relevanz von Jury-Wertungen interessant erscheint, dass ‚Alla andra‘ in Malmö auf dem letzten Platz landete, in den drei anderen Städten dafür aber ganz oben lag.

Klingt im Direktvergleich mit Östen ziemlich platt: Ingers etwas zu fröhliche Version.

Tragisch: nachdem der verantwortliche Sender SVT im Vorjahr die eigentliche Melodifestivalen-Siegerin Siw Malmkvist (→ DE 1969) geschasst und statt ihrer Brita Borg nach Cannes entsandt hatte, Siw mit dem ESC-Titel ‚Augustin‘ aber einen veritablen Hit im Heimatland landete, versuchte man sich in Stockholm an einer kosmischen Wiedergutmachung und legte ‚Alla andra‘ in die Hände der skandinavischen Schlagerkönigin, deren Markenkern aber nun mal ihre herzerfrischende Sorglosigkeit ist. Siw, der aktuellen Mode entsprechend beim ESC in London in einem für ihre eher zierliche Figur völlig unpassenden Ballonkleid und mit struppig ondulierten Haaren wie eine Vogelscheuche zurechtgemacht, beförderte den Titel mit einer geradezu hilflos fröhlichen Interpretation in den medialen Orkus. Im Jahr darauf (Achtung: Spoiler) sollte sie dann das Melodifestivalen erneut auf ordentlichem Wege gewinnen, aber wieder zu Hause bleiben müssen. Aber das ist eine Geschichte für sich.

Siw schraubte mit ihrer Interpretation den Fröhlichkeitslevel nochmals massiv herauf und lieferte in London fast schon eine Parodie des Songs ab.

Vorentscheid SE 1960

Melodifestivalen. Donnerstag, 2. Februar 1960, aus dem Cirkus in Stockholm. Vier Teilnehmer/innen. Moderation: Jeannette von Heidenstam.
#Interpret/inInterpret/inTitelPunktePlatz
01Inger BerggrenÖsten WarnerbringUnderbar, så underbar762
02Britt DambergMona GrainNancy Nancy564
03Östen WarnerbringInger BerggrenAlla andra får varann851
04Mona GrainBritt DambergAlexander673

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