FR 1961: Oh, wär der Winter erst vorbei

Wie schon beim schwedischen Melodifestivalen, so beherrschte auch in Frankreich das immergrüne Thema „Frühling“ den Vorentscheid von 1961. Was läge näher im Februar, wo die Sélection Française pour le Grand Prix de l’Eurovision de la Chanson stattfand, und wo jeder Mensch längst den scheinbar endlosen, deprimierenden, schrecklichen Winter über hat und mit jeder Faser seines Seins die ersten Boten des baldigen Lenzes herbeisehnt? So fand der ‚Printemps‘ gleich zweifach namentliche Erwähnung unter den sechs für das Finale ausgewählten Beiträgen, die allerdings allesamt keinen besonderen Eindruck hinterließen, sondern eher durch Melodienarmut gekennzeichnet schienen.

Weswegen sich Isabelle in eine goldfarbene Rettungsdecke hüllte, bleibt ihr Geheimnis.

Wie beispielsweise das ziellos vor sich hin mäandernde, aus mehreren angefangenen, aber nicht zu Ende geführten Ideen zusammengewürfelte Chanson ‚Le Gars de n’importe où‘, das die anmutige Thérèse Coquerelle zum Vortrage brachte, Grand-Prix-Fans eher bekannt unter ihrem Künstlerinnennamen Isabelle Aubret (→ FR 1962, 1968). Die erste Single der 1992 vom französischen Präsidenten François Mitterand mit dem Orden der Ehrenlegion ausgezeichneten Künstlerin, die sie noch im gleichen Jahr veröffentlichte, sollte denn auch nicht dieses Lied sein, sondern ein Cover des luxemburgischen Grand-Prix-Siegertitels ‚Nous, les Amoureux‘. Gute Wahl! Wie eine Mischung aus einem Teil Billy Idol und neun Teilen Georg W. Bush sah der Chansonnier Bernard Stéphane aus, welcher den ‚Möwen‘ ein Lied sang, mit dem er die lästigen und kackfrechen Raubvögel sicher problemlos in die Flucht schlagen konnte.

Ein Hauch Alfred E. Neumann liegt auch mit drin: Stéphane mit seinem Vogelscheuchlied.

Das französische Fernsehen ließ in einer zeitgemäßen Frühvariante des Televoting abstimmen, wie es auch beim niederländischen Vorentscheid gelegentlich zum Einsatz kam: in elf Städten rief der Sender ausgewählte Zuschauer/innen an und fragte sie nach ihrer Meinung. So gewann wenig überraschend das Lied ‚Printemps (Avril carillone)‘, das, dem Leitthema des Abends folgend, vom Erwachen der Libido im Lenz erzählte und hierfür die lautmalerische Anfangszeile „Bing et bong et bing et bong“ wählte. Kein Kleinod der Textdichtung sicherlich, aber wenigstens in Maßen einprägsam und erheiternd, was man vom restlichen Musiktableau dieses Vorentscheids nicht sagen kann. Wenig heiter hingegen das Schicksal des Interpreten Jean-Paul Mauric, welcher kein Dezennium später im Alter von nur 37 Jahren an einer Herzmuskelerkrankung verstarb.

Gibt mimisch und darstellerisch alles: Jean Paul Mauric.

Vorentscheid FR 1961

Sélection Française pour le Grand Prix de l’Eurovision de la Chanson. Samstag, 18. Februar 1958. Sechs Teilnehmer/innen. Moderation: Jacqueline Joubert und Marcel Cravenne.
#Interpret/inTitelPunktePlatz
01Christiane LasquinToi pour moi, moi pour toi0575
02Isabelle AubretLe Gars de n'importe où1003
03ArabelleUn petit brin de Musette0316
04Sophie DarelPrintemps de Paris0904
05Jean-Paul MauricPrintemps (Avril cavrillonne)2121
06Bernard StephaneLes Mouettes1092

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