San-Remo-Fes­ti­val 1961: Küss mich, ich bin der Frosch aus dem Mär­chen

Einen inter­es­san­ten Weg zur Ein­bin­dung des Publi­kums ging der aus­rich­ten­de Sen­der Rai beim San-Remo-Fes­ti­val von 1961. In den bei­den Vor­run­den, die man auf­grund der hohen Popu­la­ri­tät des Wett­be­werbs sowohl bei den ita­lie­ni­schen Künstler/innen als auch den Zuschauer/innen auf ins­ge­samt 24 Titel auf­ge­stockt hat­te, sieb­te zwar wei­ter­hin eine Jury zwölf Can­zo­ne für die End­run­de her­aus. Im Fina­le aber leg­te man die Ent­schei­dung in die Hän­de des Publi­kums. Und da Post­kar­ten, wie sie bei­spiels­wei­se beim Vor­ent­scheid in den Nie­der­lan­den zum Ein­satz kamen, auf­grund der chro­ni­schen Unzu­ver­läs­sig­keit der ita­lie­ni­schen Post aus­schie­den; vor allem aber, um lukra­ti­ve Zusatz­ein­nah­men zu gene­rie­ren, durf­ten inter­es­sier­te Zuschauer/innen eine Woche lang gegen eine Gebühr von 100 Lire per Lot­to-Tipp­schein bis zu sechs Stim­men an ihre Lieb­lings­lie­der ver­tei­len. In einer wei­te­ren Show gab die Rai dann die Ergeb­nis­se bekannt: mit etwas über 700.000 (!) abge­ge­be­nen Voten führ­te die ziem­lich alter­tüm­li­che, melo­disch-wei­che Lie­bes­schnul­ze ‘Al di là’ die Wer­tung an.

Gibt alles: bei Lucia­no quillt der Schmalz einem Lava­strom gleich aus den Laut­spre­chern.

Der Titel ver­moch­te auch in den Charts zu reüs­sie­ren: in der Fas­sung des Mai­län­der Schau­spie­lers und Sän­gers Lucia­no Tajo­li (wie immer inter­pre­tier­ten jeweils zwei Künstler/innen jeden San-Remo-Bei­trag) beleg­te er Rang 3 der ita­lie­ni­schen Sin­gle-Hit­pa­ra­de. Doch, oh Fluch des ober­fläch­li­chen Medi­ums Fern­se­hen: der etwas rund­li­che, 1996 ver­stor­be­ne Tajo­li, der aus einer armen Fami­lie stamm­te und als Kind an Polio erkrank­te, wes­we­gen er unter einer Läh­mung litt und sich bei Auf­trit­ten stets irgend­wo abstüt­zen muss­te, wirk­te schlicht nicht so tele­gen wie die jun­ge und ele­gan­te Bet­ty Cur­tis (gebür­tig Rober­ta Cor­ti, †2006), wes­we­gen die Rai die viel­fa­che San-Remo-Teil­neh­me­rin und Hit­ma­ke­rin statt­des­sen als Reprä­sen­tan­tin Ita­li­ens zum euro­päi­schen Wett­be­werb nach Can­nes ent­sandt. Ihre deut­lich zurück­hal­ten­de­re, fast schon sach­lich zu nen­nen­de Ver­si­on des Can­zo­ne erreich­te immer­hin noch Platz 11 in den hei­mi­schen Charts – und Rang 5 beim Song Con­test.

Nicht ganz so dick auf­ge­tra­gen und daher deut­lich lang­wei­li­ger: Bet­tys Ver­si­on beim ESC in Can­nes.

Den lang­fris­tig weit­aus nach­hal­ti­ge­ren Ein­druck hin­ter­ließ aller­dings der zum Zeit­punkt sei­ner Erst­teil­nah­me am San-Remo-Fes­ti­val noch ziem­lich am Anfang sei­ner bis heu­te fort­dau­ern­den Kar­rie­re ste­hen­de Adria­no Cel­en­ta­no, der mit dem rocki­gen Ver­spre­chen (oder der Andro­hung, ganz wie man will) ’24.000 Baci’ (’24.000 Küs­se’) zwar deut­lich weni­ger Stim­men ein­sam­mel­te als Lucia­no, dafür aber mit der Sin­gle-Ver­öf­fent­li­chung des Titels sei­nen zwei­ten in einer schier end­lo­sen Serie von Num­mer-Eins-Hits lan­de­te. Cel­en­ta­no, auch in Deutsch­land ein Begriff durch sei­ne schau­spie­le­ri­sche Leis­tung als rau­h­bei­nig-char­man­te Knall­char­ge in zahl­lo­sen alber­nen Film­kla­mot­ten wie Gib dem Affen Zucker, aller­dings auch als Mit­wir­ken­der in ernst zu neh­men­den Mach­wer­ken wie Fel­li­nis La Dol­ce Vita, ließ sich für sei­ne San-Remo-Teil­nah­me eigens durch den dama­li­gen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter vom Wehr­dienst frei­stel­len. Er kehr­te noch drei Mal zum Fes­ti­val zurück, ver­trat Ita­li­en jedoch nie beim Song Con­test.

Oh Schmidtchen Schlei­cher mit den elas­ti­schen Bei­nen / wie er gefähr­lich in den Kni­en federn kann: Adria­no beim SRF.

Fun Fact am Ran­de: Adria­nos iko­ni­sches ‘Una Fes­ta sui Pra­ti’, das man in Deutsch­land deut­lich stär­ker mit ihm in Ver­bin­dung bringt als sei­nen hier­zu­lan­de nur wenig beach­te­ten Welt­hit ‘Azzur­ro’ von 1968, erschien im Hei­mat­land nur als B-Sei­te sei­ner 1967er Sin­gle ‘Mondo in mi 7a’ – und die char­te­te noch nicht mal! Die ’24.000 Küs­se’ erreich­ten hin­ge­gen auch in der San-Remo-Zweit­ver­si­on des in San Mari­no gebo­re­nen Sän­gers Litt­le Tony (†2013), der fünf Jah­re vor sei­nem Tod noch der Aus­wahl­ju­ry der Minia­tur­re­pu­blik für den Euro­vi­si­on Song Con­test zu Bel­grad vor­saß, einen 13. Rang in der Ver­kaufs­hit­pa­ra­de. Hin­sicht­lich des kom­mer­zi­el­len Erfol­ges über­hol­te einer aller­dings alle ande­ren: der spä­ter vor allem als Film­kom­po­nist (u.a. für Wenn die Gon­deln Trau­er tra­gen, Car­rie – des Satans jüngs­te Toch­ter, Kei­ner haut wie Don Camil­lo) täti­ge Pino Dona­g­gio, der mit dem recht zähen, violin­durch­flu­te­ten Sehn­suchts­schmacht­fet­zen ‘Come Sin­fo­nia’ zwar nur Platz 6 im Zuschau­er­vo­ting erreich­te, aber hin­ter­her die meis­ten Sin­gles ver­kauf­te. Wer­de noch mal jemand aus den Men­schen schlau!

Kein Fest ohne Bra­ten: da stim­men die Deut­schen der ita­lie­ni­schen Pop-Iko­ne aus vol­lem Her­zen zu (Reper­toire­bei­spiel).

Ver­är­gert zeig­te sich die Schla­ger­le­gen­de Mina Mazzi­ni, die mit dem leicht bizar­ren, ziem­lich ver­spiel­ten ‘Le mil­le Bol­le blu’ zwar den Rang 5 in den Charts und in der Tipp­schein-Abstim­mung klar mach­te, jedoch nur in etwa ein Vier­tel so vie­le Stim­men erhielt wie der San-Remo-Sie­ger­ti­tel. Zudem mäkel­te die hei­mi­sche Pres­se an ihrem Auf­tritt her­um, wor­auf­hin die sehr emp­find­sa­me Inter­pre­tin für­der­hin von die­sem Wett­be­werb Abstand hielt. Dafür begann eine ande­re ita­lie­ni­sche Sän­ge­rin mit einem ganz ähn­li­chen Künst­le­rin­nen­na­men hier ihre Kar­rie­re: die pas­send zu ihrer poli­ti­schen Ein­stel­lung sehr rot­haa­ri­ge Maria Ilva Bio­l­ca­ti ali­as Mil­va näm­lich, die ins­ge­samt fünf­zehn Mal am San-Remo-Fes­ti­val teil­nahm und heu­er dem hoch­dra­ma­tisch into­nier­ten ‘Il Mare nel Cas­set­to’ den drit­ten Platz beleg­te. Wie ihren Kol­le­gen Adria­no Cel­en­ta­no kennt man das Mul­ti­ta­lent seit den Sieb­zi­gern auch bei uns, wo sie mit lei­der deutsch­spra­chi­gen Titeln wie ‘Zusam­men­le­ben’ oder ‘Hur­ra, wir leben noch’ öfters die ZDF-Hit­pa­ra­de und ähn­li­che Shows heim­such­te.

 Wel­che Sub­stan­zen da wohl nur drin waren, in den tau­send blau­en Bäl­len?

Und einen wei­te­ren auch hier­zu­lan­de bekann­ten Namen fin­den wir noch im dies­jäh­ri­gen Line-up der gla­mou­rö­sen ita­lie­ni­schen Lied­fest­spie­le, die in Sachen Star-Power tat­säch­lich euro­pa­weit ihres Glei­chen such­ten: Roc­co Gra­na­ta näm­lich! Die Eltern des 1938 in Kala­bri­en gebo­re­nen Berg­ar­bei­ter­soh­nes waren in den Fünf­zi­gern zunächst in den Ruhr­pott und, da der Vater auch dort kei­ne Arbeit fand, anschlie­ßend nach Bel­gi­en aus­ge­wan­dert, wo sich der jun­ge, musi­ka­lisch talen­tier­te Roc­co selbst das Akkor­de­on­spie­len bei­brach­te und mit einem Kum­pel gemein­sam um die Häu­ser tin­gel­te. 1957 fiel ihm eine klei­ne, sehr ein­gän­gi­ge Melo­die ein, die beim Stra­ßen­pu­bli­kum aus­ge­spro­chen gut ankam und zu der er dann auch einen simp­len Text schrieb: ‘Mari­na’. Die zunächst von allen Plat­ten­fir­men abge­lehn­te und von ihm im Eigen­ver­lag her­aus­ge­brach­te Sin­gle wur­de 1959 zum euro­pa­wei­ten Num­mer-Eins-Hit.

Wenn man nicht wüss­te, es ist die ech­te, wür­de man sie für eine Drag-Queen hal­ten: die grob­ge­körn­te Mil­va beim San-Remo-Debüt.

In San Remo trat Roc­co 1961 mit einem fremd­kom­po­nier­ten, eben­falls stark akkor­de­on­las­ti­gen Lied namens ‘Caro­li­na dai!’ an, einer ganz net­ten und durch­aus fröh­lich stim­men­den Melo­dei, die aber auch nie­man­den vom Hocker riss. Damit miss­ach­te­te er eine eher­ne Wett­be­werbs­re­gel: Du wirst immer an Dei­nem stärks­ten Hit gemes­sen. Kannst Du den nicht über­trump­fen, sor­tiert Dich das Publi­kum aus. Alex­an­der Rybak kann ein Lied davon sin­gen! Mit die­sem schwäch­li­chen Nach­zie­her kam Roc­co fol­ge­rich­tig über einen neun­ten Rang nicht hin­aus. Besag­ten Gra­na­ta und sei­ne Mari­na (plus Freun­din Tina) hat­te übri­gens auch der deut­sche Schla­ger­kom­po­nist Hans Blum im Sinn, als er die Gast­ar­bei­ter­hym­ne ‘Zwei klei­ne Ita­lie­ner’ schrieb, wel­che er nur ein Jahr spä­ter ins Ren­nen um die Grand-Prix-Kro­ne schick­te. Und zwar, weil Roc­co sie nicht sin­gen woll­te, an sei­ner Stel­le mit Con­ny Fro­boess als Inter­pre­tin, die dar­aus wie­der­um einen euro­pa­wei­ten Mil­lio­nen­sel­ler mach­te. Ita­lie­ni­sche Inspi­ra­tio­nen funk­tio­nie­ren also ziem­lich gut!

Die fan­tas­ti­sche Mina mit ihrem zwei­ten San-Remo-Bei­trag ‘Io amo tu ami’ (und wei­te­ren Titeln) in einer schwei­ze­ri­schen TV-Show.

Vor­ent­scheid IT 1961

Fes­ti­val del­la Can­zo­ne ita­lia­na di San­re­mo. Sams­tag, 6. Febru­ar 1961, aus dem Casinò Muni­ci­pa­le in San Remo. 16 Teilnehmer/innen. Mode­ra­ti­on: Lil­li Lem­bo, Gui­lia­na Calandro und Alber­to Lio­nel­lo.
#Interpret/inInterpret/inTitelStim­menPlatzCharts
01Gino Pao­liTony Dall­a­raUn Uomo vivo065.4991004 | –
02Arturo Tes­taTon­i­na Tor­ri­el­liFebb­re di Musi­ca100.2170728 | –
03Ser­gio BruniRoc­co Gra­na­taCaro­li­na dai068.9070905 | 09
04Adria­no Cel­en­ta­noLitt­le Tony24.000 Baci679.1750201 | 13
05Ted­dy RenoSer­gio BruniMan­do­li­no, Man­do­li­no075.21808– | 13
06Bet­ty Cur­tisLucia­no Tajo­liAl di là708.1040111 | 03
07MinaJen­ny LunaLe mil­le Bol­le blu175.8630505 | –
08Joe Sen­tie­riFaus­to Ciglia­noLei015.2301229 | –
09Umber­to Bin­diMiran­da Mar­ti­noNon mi dire chi sei037.4871109 | –
10Pino Dona­g­gioTed­dy RenoCome Sin­fo­nia127.6790601 | –
11Mil­vaGino Latil­laIl Mare nel Cas­set­to648.7760303 | –
12MinaNel­ly Fiora­mon­tiIo amo tu ami178.5930414 | –

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