UK 1961: Mädchen, Mädchen

Konkurrenz belebt das Geschäft: die 1955 ins Leben gerufene kommerzielle britische Regionalsenderkette Independent Television veranstaltete 1961 ihren eigenen ITV Song Contest, der sich klar am Format der britischen Vorentscheidung orientierte und mit dem sie versuchte, der BBC das Wasser abzugraben. Anstelle des Eurovisionstickets winkten Geldpreise. Einige bekannte Künstler ließen sich abwerben, so beispielsweise der in Anspielung auf seinen früheren Beruf als „singender Busfahrer“ bekannte Matt Monro (→ UK 1964), der im Vorjahr seinen ersten Top-Drei-Hit in den britischen Charts hatte. Sein Beitrag zum ITV-Wettbewerb hieß ‚My Kind of Girl‘, er landete damit einen Nummer-Fünf-Hit auf der Insel und erreichte sogar Platz 18 in den US-amerikanischen Billboard Charts. Noch mehr Bekanntheit erlangte der Song in der Version der Rat-Pack-Legende Dean Martin.

Der ist doch betrunken, oder? Dean Martin mit dem Matt-Monro-Song ‚My Kind of Girl‘.

Monro wollte seiner Biografie zufolge auch an A Song for Europe (ASFE), wie die BBC ihren Vorentscheid ab diesem Jahr nannte, teilnehmen. Seiner Plattenfirma (als Reaktion auf die Konkurrenz gab der öffentlich-rechtliche Sender die Zuständigkeit für die Auswahl der Songs und Künstler komplett in die Hände der drei großen Labels EMI, Decca und Phillips) schlug ihn dort auch vor. Unglückseligerweise aber überkreuzten sich beide Auftritte terminlich, und so übernahm sein Kollege Craig Douglas, der „singende Milchmann“, seinen Titel ‚The Girl next Door‘, ein weiteres heterosexuelles Liebeswerben des anscheinend unter Samenstau leidenden Künstlers. Der britische Vorjahresvertreter Bryan Johnson versuchte erneut sein Glück. Nach seinen Drogenerfahrungen in ‚Looking high, high, high‘ zog er sich heuer musikalisch zum Entzug ins Ländliche zurück: ein Kritiker beschrieb seinen Titel ‚A Place in the Country‘ als „öde“ und einen „Rohrkrepierer“. Und dem gibt es nichts hinzuzufügen.

Sieht ein wenig ausgezehrt aus: Johnson beim Drogenentzug auf dem Lande.

Die Plattenfirmen entsandten einige topaktuelle Stars, so beispielsweise den als Terence Sidney Lewis geborenen Mark Wynter, der seinen Namen änderte, um nicht mit dem US-Komiker Jerry Lewis (!) verwechselt zu werden, und der bereits zwei Hits vorweisen konnte. Sein im Wettbewerb letztplatziertes ‚Dream Girl‘, das dritte Lied des Abends, das sich dem Verlangen nach Frischfleisch widmete, konnte sich in den britischen Top 30 etablieren. Zur A-Liste des Pop zählte der Waliser David Spencer, der im Vorjahr unter dem Pseudonym Ricky Valance einen Nummer-Eins-Hit mit über einer Million verkaufter Singles mit seiner Coverversion des US-Schmachtfetzens ‚Tell Laura I love her‘ landete, in Deutschland als ‚Das Ende der Liebe‘ ein Erfolgstitel für Rex Gildo. Valance durfte seine Fassung übrigens nur deswegen einspielen, weil die britische Niederlassung des Plattenlabels des amerikanischen Originalinterpreten Ray Peterson den tragischen Text des Tränenziehers als „geschmacklos“ empfand und sich weigerte, die Nummer im Königreich zu veröffentlichen. Die BBC boykottierte das Lied, dennoch (oder gerade deswegen) wurde es zum Megaseller. Rickys Eurovisionsversuch ‚Why can’t we‘ verfehlte die Charts.

Bomm bomm bomm bomm: Ricky Valance mit seinem Hit (Repertoirebeispiel).

Eher am Ende ihrer Karriere stand hingegen die Soldatenbraut Anne Shelton, die im Zweiten Weltkrieg zur Truppenbetreuung gesungen hatte und die 1961 einen Top-Ten-Hit mit dem Titel ‚Sailor‘ realisieren konnte, der britischen Fassung des deutschen Schlagers ‚Seemann (Deine Heimat ist das Meer)‘, welche ironischerweise das Fernweh-Thema der von Lolita gesungenen Originalversion in einen Rückkehrruf umkehrte. In ihrem Beitrag für A Song for Europe entzündete sie, gern genommenes Motiv beim Grand Prix, eine virtuelle Kerze, was allerdings erst 1997 einer gewissen Katrina Leskanich und ihren Waves Glück bringen sollte. Anne Shelton (†1994), die mit einem Navy-Kommandanten verheiratet war, belegte im regional aufgefächerten Juryvoting den Rang sechs.

Gut, dass Schmalz nicht brennt: Annie „Get your Gun“ Sheldon.

Die Sieger des Abends, das aus den Freunden John Alford und Colin Day bestehende Duo The Allisons, wären fast nicht dabei gewesen: wie Alford, der den Millionenseller ‚Are you sure‘ auch komponierte, in einem Interview mit Gordon Roxbourgh erzählte, wurde das uptemporäre, wunderbar harmonisch gesungene Trennungsschmerzlied von ihrer Plattenfirma erst in letzter Minute zum Vorentscheid eingereicht, im Austausch für eine bereits angemeldete andere Boyband. Er selbst, so sagt er, hätte den Titel niemals ausgewählt: „Ich denke, ich habe einen oder zwei bessere Songs geschrieben. ‚Are you sure‘ war völlig anders als unsere restlichen Lieder, unbeabsichtigt habe ich einen Song ohne Refrain, Brücke und Schluss komponiert. Es sind einfach fünf Strophen, die sich so lange wiederholen, bis sie sich wie ein Kinderreim in dein Gedächtnis gefressen haben“.

Die Kamera weiß schon, wer der Attraktivere der Beiden ist: The Allisons.

Aufgrund der schlechten Nerven des zwei Jahre jüngeren Colin Day ließ ihr Produzent sie zur Vorbereitung auf den Vorentscheidungsauftritt mit Zitrusfrüchten jonglieren, während sie zum Playback mitsangen: „Die Idee war, uns abzulenken, indem wir uns auf die Orangen konzentrieren mussten, so dass das Singen automatisch geschah,“ so Alford. Bei A Song for Europe traten die Beiden – im Bruch mit den bisherigen Konventionen – nicht im Frack auf, sondern in Strickjacken. Außerdem durften sie, ebenfalls ein Mittel zum Nervositätsabbau, sitzen. Sie gewannen in einer spannenden Abstimmung mit nur einem einzigen Punkt Vorsprung vor dem heute völlig vergessenen Steve Arlen. Sehr zur Freude des Publikums übrigens, das dermaßen enthusiastisch applaudierte, dass die Moderationslegende Katie Boyle die Allisons zur zweimaligen Siegerreprise bitten musste, um einen Volksaufstand zu verhindern.

Schau mir in die Augen, Kleines: die Allisons beim ESC.

Die Begeisterung setzte sich auch bei den Plattenverkäufen fort: ‚Are you sure‘ erreichte Platz 2 in den britischen Charts und knackte die Top Ten in etlichen europäischen Nationen. In Deutschland reichte es zu einem elften Rang in der Verkaufshitparade. Mit dementsprechend hohen Hoffnungen schickte die BBC die Zwei zum Contest nach Cannes, wo sie allerdings wieder im Stehen und im Smoking antreten mussten – und vor Fracksausen beinahe ihren Einsatz verpassten. Die vergreisten Juroren hielten jedoch stur an Frankophilem fest und schickten sie mit der Silbermedaille nach Hause, was man auf der Insel mit völliger Enttäuschung und mit berechtigtem großen Unverständnis aufnahm. Das Duo löste sich nach ein paar mäßig erfolgreichen Nachfolgetiteln schon 1963 wieder auf. Day, der danach als heterosexuelle Lufthusche bei British Airways arbeitete, starb 2014.

Chart-Watch UK: der junge Cliff Richard (UK 1968, 1973) bat 1960 ganz scheu darum, nicht verführt werden zu wollen. Wie denn auch?

Vorentscheid UK 1961

A Song for Europe. Mittwoch, 15. Februar 1961, aus dem TV-Studio der BBC in London. Neun Teilnehmer/innen. Moderation: Katie Boyle.
#Interpret/inTitelPunktePlatz
01Craig DouglasThe Girl next Door037
02Valerie MastersToo late for Tears037
03Mark WynterDream Girl164
04Anne SheltonI will light a Candle046
05Bryan JohnsonA Place in the Country065
06Ricky ValanceWhy can't we242
07The AllisonsAre you sure311
08Steve ArlenSuddenly I'm in Love302
09Teresa DuffyTommy037

< UK 1960: When the Tide turns

> UK 1962: Sing again, little Birdie

Oder was denkst Du?