DE 1962: Der Weg des Was­sers wird es uns wei­sen

Conny Froboess, DE 1962
Die Mul­ti­kul­tu­rel­le

Nicht nur für den Euro­vi­si­on Song Con­test bil­de­te das im ligu­ri­schen Kur­ort San Remo statt­fin­den­de Fes­ti­val del­la Can­zo­ne Ita­lia­na einst das Vor­bild. Wie in vie­len ande­ren euro­päi­schen Natio­nen, die sich eben­falls von den Ita­lie­nern für eige­ne Schla­ger­fes­ti­vals inspi­rie­ren lie­ßen, fan­den in den Sech­zi­ger­jah­ren auch in deut­schen Kur­städ­ten gedie­ge­ne Wett­be­wer­be der leich­ten Muse statt. So hat­te das von Radio Luxem­burg gegrün­de­te Deut­sche Schla­ger­fes­ti­val im hes­si­schen Wies­ba­den bereits 1960 als Vor­ent­scheid gedient, aller­dings nur ein­ma­lig. 1961 hob der Süd­west­funk in Kon­kur­renz hier­zu die Deut­schen Schla­ger­fest­spie­le aus der Tau­fe, an deren Erst­aus­ga­be unter ande­rem Lys Assia (→ Vor­ent­scheid DE 1956, CH 1956, 1957, 1958, Vor­ent­scheid CH 2012, 2013), Nora Nova (→ DE 1964) und Inge Brück (→ DE 1967) teil­nah­men. Die zwei­te Aus­ga­be die­ser Ver­an­stal­tung soll­te nun 1962 wie­der­um als Grand-Prix-Vor­ent­scheid fun­gie­ren. Ent­spre­chend groß zog die ARD die Show auf: in vier TV-Vor­run­den mit ins­ge­samt 24 Bei­trä­gen qua­li­fi­zier­ten sich jeweils drei Sänger/innen für die End­run­de im mon­dä­nen Baden-Baden.

Herr­lichs­ter Schla­ger­kitsch, lei­der nur in der Audio­fas­sung: der wun­der­bar weh­lei­dig into­nie­ren­de Jim­my Maku­lis.

Und so gaben sich hier eine gan­ze Rei­he aktu­el­ler Schla­ger­stars ein Stell­dich­ein, wenn lei­der auch mit über­wie­gend sehr fla­chen Lied­chen. Der gebür­ti­ge Grie­che Jim­my Maku­lis (†2007) bei­spiels­wei­se, der in Deutsch­land etli­che Hits erzie­len konn­te, unter ande­ren mit dem schnul­zi­gen Ever­green ‘Gitar­ren klin­gen lei­se durch die Nacht’, der im Jahr zuvor aller­dings mit dem arg faden Euro­vi­si­ons­bei­trag ‘Sehn­sucht’ für Öster­reich die Rote Later­ne ersun­gen hat­te und dem in Baden-Baden mit dem fan­tas­ti­schen, hem­mungs­lo­sen Super­schmacht­fet­zen ‘Ich habe im Leben nur Dich’ eben­falls kein Glück beschie­den sein soll­te; Peter Beil (→ Vor­ent­scheid 1970, sein ‘Ver­lieb­ter Ita­lie­ner’ war wohl genau einer zu wenig); der ursprüng­lich als Sol­dat der US-Army in Frank­furt am Main sta­tio­nier­te Bill Ram­sey und der Hei­no-Ent­de­cker Ralf Ben­dix (†2014), die mit ‘Pigal­le’ und dem ‘Baby­sit­ter-Boo­gie’ in Vor­jahr bei­de Num­mer-Eins-Hits in Deutsch­land lan­den konn­ten; Wyn Hoop (→ DE 1960) schon wie­der und Mar­got Eskens (→ Vor­ent­schei­de 1956, 1963DE 1966): sie alle kamen, sahen und san­gen.

Kann ihren Schla­ger­text auch nicht hun­dert­pro­zen­tig ernst neh­men: Con­ny Fro­boess bei der Sie­ger­re­pri­se.

Doch alle blie­ben sie chan­cen­los gegen zwei Stars, die sich in Baden-Baden ein Kopf-an-Kopf-Ren­nen der Extra­klas­se lie­fer­ten. Siw Malmkvist (→ SE 1960, Vor­ent­scheid SE 1961, DE 1969) teilt der Sage zufol­ge das Schick­sal mit dem ehe­ma­li­gen baye­ri­schen Minis­ter­prä­si­den­ten und eins­ti­gen Kanz­ler­kan­di­da­ten Edmund Stoi­ber: bei­de schei­ter­ten in ihrem Bestre­ben, die Num­mer Eins zu wer­den, an einer Flut. Die Jury setz­te sich aus Ver­tre­tern der ein­zel­nen Lan­des­rund­funk­an­stal­ten zusam­men. Auf­grund der Ham­bur­ger Sturm­flut vom glei­chen Tage, die über drei­hun­dert Todes­op­fer for­der­te, ver­zich­te­ten der NDR und Radio Bre­men jedoch auf die Teil­nah­me an der Abstim­mung. Wenn­gleich rei­ne Spe­ku­la­ti­on, so liegt es doch im Bereich des Wahr­schein­li­chen, dass die Skan­di­na­vie­rin Siw und ihre ’Wege der Lie­be’ ihr Pla­zet erhal­ten hät­ten. So aber stand es nach der Jury­wer­tung Remis, wor­auf­hin eine Stich­wahl im Saal­pu­bli­kum den Aus­schlag für den ehe­ma­li­gen Kin­der­star Con­ny Fro­boess (‘Pack die Bade­ho­se ein’) und den ers­ten Migra­ti­ons­schla­ger der Nach­kriegs­zeit gab, der heu­te frag­los eben­so zum pop­kul­tu­rel­len Grund­in­ven­tar der Bun­des­re­pu­blik gehört wie Udo Jür­gens (→ AT 1964, 1965, 1966) zum glei­chen The­ma ver­fass­ter Schla­ger­klas­si­ker ‘Grie­chi­scher Wein’.

Die Wege der Lie­be’ in einer Schla­ger­film­ad­ap­ti­on von Han­ne­lo­re Auer.

Nach Anga­ben des Kom­po­nis­ten Chris­ti­an Bruhn schrieb er das ziem­lich text­men­gen­rei­che ‘Zwei klei­ne Ita­lie­ner’ ursprüng­lich für Roc­co Gra­na­ta (→ Vor­ent­scheid IT 1961), als Nach­zie­her für des­sen euro­pa­wei­ten Super­hit ‘Mari­na’. In einem hr-Euro­vi­si­ons­spe­cial sprach er der bra­vou­rö­sen Con­ny, die im Anschluss an ihren Euro­vi­si­ons­auf­tritt eine jahr­zehn­te­lan­ge, erfolg­rei­che Kar­rie­re als Schla­ger­sän­ge­rin und Schau­spie­le­rin im Film, TV und am Thea­ter hin­le­gen soll­te, sei­ne Aner­ken­nung dafür aus, dass sie beim Sin­gen nicht vor Sauer­stoff­man­gel umfiel, wo ihr doch der dem Song inne­woh­nen­de Strom der Wor­te (vgl. IT 1997) kaum Gele­gen­heit zum Atem­ho­len ließ. ‘Zwei klei­ne Ita­lie­ner’ the­ma­ti­sier­te auf irgend­wie nied­lich-naï­ve, wenn­gleich etwas gön­ner­haf­te Wei­se das Heim­weh zwei­er Gast­ar­bei­ter, die sich jeden Abend am Bahn­hof tref­fen, um sehn­suchts­voll dem “D-Zug nach Napo­li” hin­ter­her zu schau­en, an ihre zu Hau­se zurück­ge­las­se­nen Freun­din­nen Tina und, natür­lich, ‘Mari­na’ zu den­ken und sich auf dem Bahn­hofs­klo gegen­sei­tig… – äh, halt, das ist jetzt gera­de mein Kopf­ki­no. Ich bit­te um Ent­schul­di­gung.

Kapi­ta­lis­mus­kri­tik in Schla­ger­form: Mar­got Eskens.

Con­nys Sie­ger­lied, von ihr selbst sowie unter ande­rem den Euro­vi­si­ons­kol­le­gin­nen Colet­te Deréal (→ MC 1961), Ani­ta Thallaug (→ NO 1963) und Lisa del Bo (→ BE 1996) ein­ge­sun­gen in zig inter­na­tio­na­len Sprach­fas­sun­gen, wur­de ein Super­hit in Deutsch­land (#1), Öster­reich (#13), der Schweiz, den Bene­lux­län­dern (#1 NL) und Skan­di­na­vi­en (#1 NO): was Moder­ni­tät und Kom­mer­zia­li­tät angeht, han­delt es sich um einen der erfolg­reichs­ten deut­schen Grand-Prix-Titel aller Zei­ten, in einer Liga mit den bei­den Sie­ger­songs ‘Ein biss­chen Frie­den’ (1982) und ‘Satel­li­te’ (2010). Einen Medail­len­platz in den hei­mi­schen Ver­kaufs­charts, wenn auch nur ein hin­te­res Ergeb­nis in die­sem Wett­be­werb, erreich­te außer­dem die super­schnul­zi­ge ‘Rose aus San­ta Moni­ca’, nach wie vor ein belieb­ter Wunsch­sen­dungs-Ever­green auf Schla­ger­wel­len, von der Israe­lin Car­me­la Cor­ren (→ CH 1963) mit recht dezen­tem, aber wun­der­bar inter­na­tio­nal klin­gen­den Akzent (“Ayne Row-say”) hin­rei­ßend into­niert. Ins­ge­samt konn­te mehr als Hälf­te der Vorentscheidungsteilnehmer/innen ihre Auf­trit­te in den Plat­ten­lä­den in klin­gen­de Mün­ze umset­zen: ein bis heu­te ziem­lich sel­te­nes Ergeb­nis!

Viel­leicht geschieht ein Wun­der’, hoff­te Car­me­la Cor­ren lei­der ver­ge­bens.

Vor­ent­scheid DE 1962

Deut­sche Schla­ger­fest­spie­le, Sams­tag, 17. Febru­ar 1962, aus dem Kur­haus in Baden-Baden. Zwölf Teil­neh­mer. Mode­ra­ti­on: Klaus Haven­stein.

#Inter­pretTitelPunk­tePlatzCharts
01Con­ny Fro­boessZwei klei­ne Ita­lie­ner190101
02Rita PaulLa Luna roman­ti­ca0206-
03Jim­my Maku­lisIch habe im Leben nur Dich001147
04Peter BeilEin ver­lieb­ter Ita­lie­ner0011-
05Peg­gy BrownDas Lexi­kon d’Amour0206-
06Siw MalmkvistDie Wege der Lie­be180219
07Pir­ko Mano­la + Wyn HoopMama will Dich sehen060428
08Ralf Ben­dixSpa­ni­sche Hoch­zeit0505-
09Mar­got EskensEin Herz, das kann man nicht kau­fen080319
10Car­me­la Cor­renEine Rose aus San­ta Moni­ca010803
11Bill Ram­seyHil­ly Bil­ly Ban­jo Bill010847
12Ann-Loui­se Han­sonSing, klei­ner Vogel010848

2 Gedanken zu “DE 1962: Der Weg des Was­sers wird es uns wei­sen

  1. Nur ein klei­ner Hin­weis. Frau Cor­ren trat ein Jahr spä­ter, 1963, für Öster­reich an. Die Schwei­zer Eid­ge­nos­sen schick­ten eine ande­re Israe­lin : Esther Ofa­rim.

Oder was denkst Du?