DK 1962: Ich rede mit mir selbst

Ein Skandal ungeahnten Ausmaßes erschütterte den Melodi Grand Prix (MGP) 1963, den dänischen Vorentscheid, in dessen Mittelpunkt die fabelhafte und noch heute länderübergreifend heißgeliebte Gitte Hænning (→ DE 1973) stand. Die zu Hause bereits als Kinderstar populäre Sängerin sollte eigentlich mit dem sensationell selbstironischen Swing-Knaller ‚Jeg snakker med mig selv‘ (‚Ich rede mit mir selbst‘) teilnehmen, einem Thema, das die nicht minder fabelhafte Nina Hagen gute zwanzig Jahre später in dem fantastischen Song ‚Universelles Radio‘ nochmals aufgreifen sollte. Doch dann beging der fünffache MGP-Moderator und Lyrikautor des Titels, Sejr Volmer-Sørensen, den unverzeihlichen Fehler, selbigen noch vor der Sendung während der Pause in der Senderkantine vor sich hin zu summen. Was die sofortige Disqualifikation des (dennoch in der Show präsentierten) Songs für den Wettbewerb nach sich zog, denn es hätte ja ein Juror anwesend sein und sich beeinflussen lassen können. Die gute Gitte durfte zwar einen weiteren von Sejr betexteten Beitrag vorstellen, den im Hinblick auf seine einschlaffördernden musikalischen Eigenschaften mehr als treffend ‚Vuggevise‘ (‚Wiegenlied‘) benannten Siegersong des MGP 1962. Doch dies nur als dessen Zweitbesetzung, denn ebenso wie bei den anderen skandinavischen Vorentscheidungen dieses Jahrgangs brachte man in Dänemark alle fünf Finallieder gleich doppelt zu Gehör, dargeboten jeweils in unterschiedlicher Orchestrierung und mit unterschiedlichen Künstler/innen.

Selbstgespräche sind meist die intelligentesten Diskussionen, wusste die kluge Gitte schon 1962 (nur Audio).

Und so entsandten die Dänen anstelle der quirligen Gitte, die im Folgejahr mit dem Siegersong der Deutschen Schlagerfestspiele 1963, ‚Ich will ’nen Cowboy als Mann‘, in Deutschland einen Nummer-Eins-Hit landete und damit den Startpunkt für ihre Jahrzehnte umspannende Hitparadenkarriere setzte, die Sopranistin Ellen Winther nach Luxemburg, wo sie mit dem ‚Wiegenlied‘ den zehnten Platz belegte. Winther wirkte im Laufe ihrer langen Karriere in zahlreichen Operetten, Musicals, Theateraufführungen und Opern mit und erhielt für ihre Verdienste ums heimische Kulturschaffen 1983 den Dannebrogorden verliehen. Sie verstarb im Jahre 2011 achtundsiebzigjährig. Neben Gitte und Ellen traten auch die vorigen dänischen Grand-Prix-Repräsentant/innen Dario Campeotto (1961) und Birthe Wilke (1957, 1959) erneut beim MGP an, wurden vonseiten der regionalen Jurys jedoch mit gerade mal sieben bzw. fünf Punkten bedacht, während Frau Winther 27 Zähler auf sich vereinte und damit einen Erdrutschsieg einfuhr, der in seiner Eindeutigkeit sowohl das Saalpublikum wie den Punkteauszähler überraschte und erheiterte. Was aber auch keine weitere Rolle mehr spielte: gegen das disqualifizierte ‚Jeg snakker med mig selv‘ fielen schließlich sämtliche verbliebenen Wettbewerbsbeiträge als gleichermaßen fahl und fade ab.

Leider nur als Audiospur erhältlich: Auszüge aus dem MGP 1962. Und gerade beim reinen Hören erschließt sich sofort, warum die Dänen so stark auf die Aufhebung des Landessprachenzwangs beim ESC drangen: hinterlässt das Deutsche für internationale Ohren einen harten, militärischen Eindruck, so klingt das Dänische unfreiwillig gelangweilt und überheblich.

Vorentscheid DK 1962

Dansk Melodi Grand Prix. Sonntag, 11. Februar 1962, aus dem Tivoli in Kopenhagen. Sieben Teilnehmer/innen. Moderation: Svend Pedersen.
#Interpret/inInterpret/inTitelPunktePlatz
01Chris DaneDario CampeottoEt yndigt Strejf af Parfume015
02Ellen WintherGitte HænningVuggevise271
03Baard OwePedro BikerEr det virk'lig sandt053
04Birthe WilkeEllen WintherEt Eventyr053
05Dario CampeottoChris DaneCarissima072
 

Oder was denkst Du?