FI 1962: Tipi Tii Bimbo Tom

Es wird ja gerne mal darüber geklagt, dass die Skandinavier beim Eurovision Song Contest bei der Punktevergabe zusammenhalten. Was aber angesichts der gemeinsamen kulturellen Wurzeln gar nicht weiter verwundert, zu deren Vertiefung gerade diese TV-Show mit beiträgt. In den Sechzigern jedenfalls wurden die nationalen Vorentscheidungen der nordischen Länder per Nordvision auch in den anderen skandinavischen Ländern ausgestrahlt. Und so schaute und lernte man vom Nachbarn. Was beispielsweise zur Folge hatte, dass das finnische Fernsehen YLE beim zweiten Suomen Euroviisukarsinta auf das auch in Schweden und Norwegen zur Anwendung kommende Ein-Song-zwei-Versionen-Format umschwenkte und jeden der vier Finalbeiträge von zwei verschiedenen Künstler/innen interpretieren ließ. Was den Juroren die Gelegenheit geben sollte, vor allem das Lied auf sich wirken zu lassen und weniger auf den Sänger zu achten. Ganz konsequent zog man das jedoch nicht durch: im rund einen Monat vorher ausgetragenen Semifinale mit seinen acht Beiträgen war es jeweils nur ein/e Interpret/in pro Lied. Hier blieb beispielsweise die finnische Premierenvertreterin Laila Kinnunen mit ihrem Song über die Schneeprinzessin ‚Lumineito‘ auf der Strecke, genau so wie ein (leider verschollener) Titel mit dem viel versprechenden Namen ‚Tiketi tikke tak‘ (lasst mich raten: es hat etwas mit einer Uhr zu tun?) von Maynie Sirén. Weiter kam hingegen ein Sänger namens Kai Lind (→ Vorentscheid 1961) mit einer wirklich drolligen Weise über die ‚Pikku Rahastaja‘, die von allen Jungs umschwärmte ‚Kleine Schaffnerin‘, die Samstagsabends mit strenger Miene im Bus die Fahrscheine kontrolliert, in dem die Jugend zum Tanzvergnügen fährt. Ein, wenn man ihn mal auf sich wirken lässt, herrlicher Text, der auf so lakonische wie unterhaltsame Weise philosophische Fragen erörtert.

Eine echte Vorentscheidungperle: die ‚Kleine Schaffnerin‘, hier gesungen von Marion Rung (leider nur Audio).

Im Finale interpretierte neben Lind auch eine kommende, heutzutage unter Grand-Prix-Fans zu Recht gottgleich verehrte Schlagerlegende den Song: die junge Marion Rung nämlich, die 1961 ihren ersten Hit mit der finnischen Version des Lobpreisungsschlagers über die französische Filmikone ‚Brigitte Bardot‘ landete und eine über mehrere Jahrzehnte andauernde, europaweite Karriere mit Erfolgstiteln wie ‚El Bimbo‘ anschließen konnte. Rung sang daneben aber auch den eindeutigen Siegersong des Abends, das ebenso putzige und heute Kultstatus besitzende ‚Tipi-Tii‘, in dem sie lautmalerisch das Zwitschern eines balzenden Vögleins im gerade anbrechenden Frühling imitierte und das thematisch ins gleiche Horn stieß wie das zweitplatzierte ‚Pikku Rahastaja‘: eine geradezu hemmunglose Zelebration der Lebenslust nämlich, welche die ehemalige Frisöse dann auch beim Contest in Luxemburg in überzeugend charmanter Unbekümmertheit darbot und damit den siebten Rang holte. Was für die nächsten elf Jahre, bis nämlich Rung selbst (lustigerweise erneut in Luxemburg) das Ergebnis mit dem Mitklatschschlager ‚Tom Tom Tom‘ um eine Position verbesserte, die beste Platzierung des chronisch verkannten Eurovisionslandes darstellen sollte. 2007, als die finnische Post nach dem Sieg von Lordi anlässlich der Durchführung des ESC in Helsinki einen Satz Grand-Prix-Sondermarken herausgab, ehrte man – völlig zu Recht – auch Rung für ihre Verdienste ums heimische Eurovisionswesen mit einem eigenen Postwertzeichen.

Der Flötenschlumpf fängt an: Marion beim ESC.

Vorentscheid FI 1962

Suomen Euroviisukarsinta. Donnerstag, 15. Februar 1962, aus den YLE-Fernsehstudios in Helsinki. Vier Teilnehmer/innen. Moderation: Aarno Walli.
#Interpret/inInterpret/inTitelPunktePlatz
01Kai LindMarion RungTipi-tii2341
02Matti HeinivahoVieno KekkonenSateinen Yö1273
03Matti HeinivahoVieno KekkonenOn Keskiyö1104
04Kai LindMarion RungPikku Rahastaja1292

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