SE 1962: Liebe und Meerrettich

Erstmalig schafften es die Schweden in diesem Jahr, die Siegerin des Vorentscheids, des Melodifestivalen, auch tatsächlich zum Eurovision Song Contest zu schicken und nicht durch eine/n andere/n Künstler/in zu ersetzen. Beziehungsweise eine der Siegerinnen: wie zu dieser Zeit üblich, ließ man sämtliche der sechs Finalbeiträge zweifach interpretieren, von verschiedenen Sänger/innen sowie einmal mit großem und einmal mit kleinem Orchester. Eigentlich sollten es sieben Titel sein, doch noch am Finalabend musste man den der Jazz-Interpretin Monica Zetterlund (→ SE 1963) zugedachten Beitrag ‚Kärlek och Pepparrot‘ (‚Liebe und Meerrettich‘ – klingt nach einem äußerst pikanten, ähm, Rezept?!) disqualifizieren, weil die Comedy-Nummer vorschriftswidrig bereits im Radio gelaufen war. Weniger streng interpretierte SVT das zu diesem Zeitpunkt noch bestehende Verbot von Hintergrundchören beim Eurovision Song Contest: beim Vorentscheid, wo jeder Sender bekanntlich machen kann, was er will, stellte man erstmals einen vierköpfigen Begleitchor zur Verfügung. Zetterlund konnte übrigens trotz der Song-Disqualifikation zum Melodifestivalen antreten: als eine von zwei Interpretinnen sang sie das elegant-elegische, zweitplatzierte Freundschaftslied ‚När min Vän‘.

Der disqualifizierte Beitrag, hier in einer späteren Interpretation von Lil Lindfors (SE 1966).

Den skandinavischen Geist der Freizügigkeit, der über diese Veranstaltung wehte, beschwor auch der dänische Jazz-Sänger Otto Brandenburg (→ MGP 1960, 1961), der sich über eine ‚Lo-lo-Lolita‘ ausließ. Ohne des Schwedischen mächtig zu sein, unterstelle ich mal alleine aufgrund des Songtitels eine gewisse Frivolität des Beitrags. Der auf seine Art meerrettichscharf aussehende Interpret verlegte später seinen Tätigkeitsschwerpunkt in den schauspielerischen Bereich und wirkte Wikipedia zufolge neben zahlreichen B-Filmen auch in zwei expliziten Sexklamotten mit, darunter dem Genreklassiker Justine och Juliette. Anhängern des dänischen Dogma-Film-Regisseurs Lars von Trier ist Brandenburg vielleicht durch seine Nebenrolle als Krankenpfleger in der unter anderem auch auf arte ausgestrahlten Miniserie Hospital der Geister (Originaltitel: Riget) bekannt. Die ‚Lo-lo-Lolita‘ wurde ebenfalls von Östen Warnerbring (→ SE 1967) besungen, der daneben noch den, ähm, interessanten Titel ‚Trollen ska trivas‘ (‚Die Hexe hat Spaß‘) beisteuerte. Man kann den Schweden zumindest keine Angst vor ungewöhnlichen Liedthemen vorwerfen! Die per Postkarte organisierte Zuschauerabstimmung fiel eindeutig aus: mit über 25.000 Zuschriften Vorsprung gewann der im Hinblick auf sein frohes Sujet angemessen flotte Song ‚Sol och Vår‘ (‚Sonne und Frühling‘), gleichermaßen peppig interpretiert von Lily Berglund und Inger Berggren, die den Titel auch in Luxemburg vortrug. Dort musste sie allerdings bekanntlich ohne Begleitchor auskommen, was dem Song etwas von seinem Schwung nahm. Diesen Nachteil versuchte die gute Inger durch zusätzliche, fröhlich krähende Gesangseinlagen während der Brücke zu kompensieren, was allerdings eher schräg wirkte.

Vermutlich zu viel Meerrettich intus: Inger Berggren.

Vorentscheid SE 1962

Melodifestivalen. Dienstag, 13. Februar 1962, aus dem Cirkus in Stockholm. Acht Teilnehmer/innen. Moderation: Bent Feldreich.
#Interpret/inInterpret/inTitelPostkartenPlatz
01Otto BrandenburgÖsten WarnerbringLolo Lolita011.8584
02Östen WarnerbringMona GrainTrollen ska trivas004.0016
03Carli TornehaveOtto BrandenburgAnneli013.4013
04Monica ZetterlundCarli TornehaveNär min Vän074.0772
05Lily BerglundInger BerggrenSagans underbara Värld006.8855
06Inger BerggrenLily BerglundSol och Vår102.3271

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