BE 1963: Stell Dir vor, Sizilien 1936…

Was ist das nur mit den Belgiern und ihren italiophilen Connections? Das Gastarbeiterkind Rocco Granata (→ Vorentscheid IT 1961) schaffte seinen europaweiten Durchbruch mit dem selbst geschriebenen Millionenseller ‚Marina‘ von seiner damaligen Heimat Belgien aus; die bis zum heutigen Tage einzige Grand-Prix-Siegerin des Pommes-Frites-Staat, Sandra Kim (→ BE 1986), verfügt ebenfalls über Vorfahren aus dem Pizza-und-Pasta-Land; und der letztplatzierte Titel der Eurovisionsvorentscheidung von 1963, bizarrerweise veranstaltet unter dem Titel Canzonissima (den eigentlich die RAI für eine in ihrem Programm jahrzehntelang laufende, sehr beliebte Revueshow verwendete), hieß ‚Con Amore‘, gesungen von einer Dame namens Lieve Olga (klingt nach einer ukrainischen Puffmutter), die mit ihrer sensationellen Hochfrisur nicht nur Marge Simpson Konkurrenz machte, sondern auch dem Turm von Pisa. Bob Benny, der flämische Vertreter von 1959 und 1961, sorgte heuer für einen Eklat: wie alle Partizipant/innen des Finales hatte er sich über eine Serie von insgesamt neun (!) Vorrunden qualifiziert (wobei die Entscheidungen im Jury-Zuschauerstimmen-Mix fielen), und zwar mit gleich zwei Titeln. Allerdings schmiss die TV-Anstalt den Song ‚Mijn kleine blauwe Zwalw‘ aus der Sendung, weil am Vortag der Liedtext veröffentlicht wurde: eine unverzeihliche Sünde in den Augen der Offiziellen, verschaffte dies dem Sänger ihrer Meinung nach doch einen, wenn auch minimalen, Startvorteil. Benny schäumte vor Wut – und sang beim Auftritt aus Protest die Lyrics des inkriminierten Titels zur Melodie seines nicht disqualifizierten Beitrags ‚Boerenwals‘ (‚Bauernwalzer‘). Was natürlich zwangsläufig zur Folge hatte, dass der Sender auch dieses Lied aus der Wertung nahm und Benny nie wieder beim Vorentscheid auftauchte.

Hat nicht nur eine Vogelnestfrisur, sondern auch einen eigenen Vogel: die liebe Olga.

Mal abgesehen von diesem wenigstens noch unterhaltsamen Sturm im Wasserglas herrschte beim belgischen Vorentscheid 1963 jedoch durchgängig tödliche Langeweile vor. Man mag sich gar nicht vorstellen, welcher Driss in den Semis kleben blieb: die Finaltitel zeichneten sich samt und sonders durch das Fehlen jedweder erinnerungswürdigen Melodie oder auch nur der geringsten Spuren von Pepp aus. Das galt leider auch für die beiden von der als Liliane Couck geborenen Lize Marke (→ BE 1965) interpretierten Lieder, inklusive des passend zu ihrem konsumfreudigen Künstlerinnennamen ausgewählten Werbesongs für besonders feines Geschirr aus Meißen, das allseits begehrte ‚Saksisch Porselein‘ (gute Güte, holländisch ist nun aber auch wirklich eine besonders unattraktive Sprache – und ja, mir ist die Ironie dieser Aussage im Zusammenhang mit Sachsen durchaus bewusst!). Markes gesungene Aussteuerwunschliste schaffte es jedenfalls auf den vierten Rang, ihr zweiter Beitrag ‚Luister naar de Wind‘ verfehlte den Sieg immerhin nur um drei Punkte. Sie musste sich – das kommt einem heutzutage arg bekannt vor – einem Castingshow-Knilch geschlagen geben, dem als Jozef Remon geborenen Sänger Jacques Raymond (sehen Sie, auf französisch klingt das doch gleich viel eleganter!). ‚Waroom?‘ – tja, das fragten sich sicher nicht nur die gute Lize, sondern auch die Juroren beim Wettbewerb in London, die seine furchtbare Seichtschnulze mit einem (auch im Lichte der schwachen Konkurrenz noch immer überbewerteten) Mittelfeldplatz abspeisten. Jozef – Verzeihung: Jacques kam 1971 nochmals zu einem Eurovisionseinsatz, dort gemeinsam mit der Sängerin Lily Castel als kurzfristige Krankheitsvertretung für das eigentlich ausgewählte Kult-Schlager-Duo Hugo & Nicole (→ BE 1973).

Warum nur, warum? (AT 1964): Jacques konnte zu Hause wohl die meisten Juroren in den Tiefschlaf singen.

Vorentscheid BE 1963

Finale van de belgische Bijdrage tot het Songfestival. Samstag, 16. Januar 1963. Fünf Teilnehmer/innen.

#InterpretTitelPunktePlatz
01Lize MarkeSaksisch Porselain2474
02Rina PiaEr speelt en Orgel2743
03Jo LeemansZo mooi2415
04Lieve OlgaCon Amore1866
05Jacques RaymondWaarom2921
06Lize MarkeLuister naar de Wind2892

1 Gedanke zu “BE 1963: Stell Dir vor, Sizilien 1936…

  1. Das im Käfig sind übrigens die ESC-leiderprobten Vogels van Holland, die extra importiert werden mussten, weil gewöhnliche Vögel beim ersten guttural-G der Flämin sofort tot von der Stange gefallen sind.

    Das Lied der Olga „Com ampiezza“ ist übrigens ein grauenhafter Mega-Schmarrn, nur überboten von dem „Sexistischen Porzellan“ der Lize Marke, das nach ihrer Nicht-Qualifikation ja bekanntlich von der Holländerin ausgeliehen werden durfte.

    So hilft man sich unter Nachbarn !

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