IT 1964: Gib mir noch Zeit

Wel­che Bedeu­tung das San-Remo-Fes­ti­val zu sei­ner Blü­te­zeit weit über die Gren­zen Ita­li­ens hin­aus hat­te, ver­mag man sich heut­zu­ta­ge kaum noch vor­zu­stel­len. Eine leich­te Ahnung davon ver­mit­telt der Blick auf die Inter­pre­ten­lis­te des als Grand-Prix-Vor­ent­scheid genutz­ten Wett­be­werbs im Jah­re 1964. Da kam die aus­füh­ren­de Sen­de­an­stalt RAI näm­lich auf die gran­dio­se Idee, die Zweit­ver­sio­nen der im Semi­fi­na­le vor­ge­stell­ten 24 Lie­der von inter­na­tio­na­len Stars sin­gen zu las­sen, um den Duft der gro­ßen wei­ten Welt in die ohne­hin schon gla­mou­rö­se Ver­an­stal­tung zu holen. Und das Ver­rück­te: die ein­ge­la­de­nen Gäs­te kamen auch! So nahm bei­spiels­wei­se neben der Ita­lie­ne­rin Mil­va auch die Fran­zö­sin Fri­da Boc­ca­ra (→ FR 1969) die ‘Letz­te Stra­ßen­bahn nach Mit­ter­nacht’, zusätz­lich zum hei­mi­schen Swing-Sän­ger Nico­la Ariglia­no mach­te sich auch der deut­sche Rock’n’Roller Peter Kraus (‘Sugar Baby’) auf den Marsch der ’20 Kilo­me­ter nach Mor­gen’, und von dem herr­lich pit­to­res­ken Tou­ris­mus-Wer­be­schla­ger ‘Son­ne, Piz­za und Lie­be’ gab es eben­falls gleich zwei Ver­sio­nen.

Sole, Piz­za, Amo­re’ – was mehr will man von einem Ita­li­en-Urlaub? Nur war­um bei 1:20 Minu­ten die Frank­fur­ter Kai­ser­stra­ße Erwäh­nung fin­det, will mir nicht in den Kopf!

Alle die­se fan­tas­ti­schen Titel schie­den jedoch bereits in der Vor­run­de aus, gemein­sam mit den meis­ten der ein­ge­reich­ten Bal­la­den, denn die RAI hat­te außer­dem fest­ge­legt, dass die stimm­be­rech­tig­ten regio­na­len Jurys nun­mehr zur Hälf­te aus jun­gen Men­schen (sprich: unter 25jährigen) bestehen soll­ten. Und die­se bevor­zug­ten nun mal flot­te­re Lie­der wie ‘Sta­se­ra no, no, no’ von Remo Ger­ma­ni, einem von zahl­rei­chen Bei­spie­len für das Phä­no­men, dass die inter­na­tio­na­len Star­gäs­te die Titel meis­tens deut­lich schwung­vol­ler inter­pre­tier­ten als die hei­mi­schen Sänger/innen. In die­sem Fall war es das US-ame­ri­ka­ni­sche Geschwis­ter-Duo Nino Tem­po und April Ste­vens (die 1959 mit dem von ihrem Bru­der geschrie­be­nen, ver­füh­re­risch-sinn­li­chen ‘Teach me Tiger’ einen von vie­len Men­schen fälsch­li­cher­wei­se Mari­lyn Mon­roe zuge­schrie­be­nen Hit hat­te), das dem Song durch ein sich über­schla­gen­des Jodeln zusätz­li­che Wür­ze ver­lieh.

Shake dat Ass: Nino geizt nicht mit sei­nen Rei­zen.

Lag es bei den ame­ri­ka­ni­schen Geschwis­tern auf­grund ihrer fami­liä­ren Wur­zeln natür­lich nahe, dass sie den Titel eben­falls auf ita­lie­nisch san­gen, so erstaunt es um so mehr, dass auch die meis­ten ande­ren inter­na­tio­na­len Star­gäs­te das taten. So wie bei­spiels­wei­se Paul Anka, bekannt durch sei­nen selbst­ge­schrie­be­nen Welt­hit ‘Dia­na’ aus dem Jah­re 1957, das zu den meist­ver­kauf­ten Lie­dern aller Zei­ten zählt und glo­bal mehr als zehn Mil­lio­nen mal (!) über die Laden­ti­sche ging. Der in Kana­da gebo­re­ne Schnul­zier mit liba­ne­si­schen Wur­zeln gehör­te mit sei­ner Fas­sung des San-Remo-Titels ‘Ogni Vol­ta’ zu einem der weni­gen aus­län­di­schen Inter­pre­ten, denen es gelang, von ihrer Ver­si­on in Ita­li­en mehr Plat­ten abzu­set­zen als der hei­mi­sche Sän­ger (in die­sem Fal­le der wenig bekann­te Roby Fer­ran­te).

Gele­gent­lich dringt der ame­ri­ka­ni­sche Akzent ein klei­nes biss­chen durch: Paul Anka ras­pelt sich durch sei­nen San-Remo-Song.

Sehr zum Miss­fal­len übri­gens des San-Remo-Dau­er­gas­tes Dome­ni­co Modug­no (→ IT 1958, 1959, 1966), der bei Anka angeb­lich 1959 mit der Bit­te um ein per­sön­li­ches Dar­le­hen abge­blitzt sei und sich nun, noch immer belei­digt, wei­ger­te, mit ihm auch nur ein Wort zu wech­seln. Modug­no gebär­de­te sich über­haupt als Diva und diss­te auch das Sie­ger­lied die­ses Wett­be­werbs öffent­lich. Sein unter die­sen Umstän­den gera­de­zu iro­nisch beti­tel­ter Bei­trag ‘Che me ne impor­ta a me’ (‘Das ist mir nicht wich­tig’) bekam den als Sohn ita­lie­ni­scher Ein­wan­de­rer in Chi­ca­go gebo­re­nen Fran­kie Lai­ne als Zweit­sän­ger zuge­teilt, bekannt unter ande­rem für die Titel­me­lo­die ‘Do not for­sa­ke me’ aus dem Wes­tern ‘High Noon’, aber auch für einen Rekord in den bri­ti­schen Charts, wo er 1953 mit dem Song ‘I belie­ve’ gan­ze 18 Wochen am Stück die Spit­ze beleg­te. Der 2007 ver­stor­be­ne Lai­ne konn­te sich den Text nicht mer­ken und muss­te ihn beim Auf­tritt vom Blatt able­sen, was für Hei­ter­keit im Publi­kum sorg­te.

Der gute Wil­le zählt: Fran­kie Lai­ne.

Der zwei­te inter­na­tio­na­le Künst­ler, der wie Paul Anka das Kunst­werk schaff­te, den hei­mi­schen Inter­pre­ten kom­mer­zi­ell zu über­trump­fen, war der 2006 ver­stor­be­ne US-Ame­ri­ka­ner Gene Pit­ney (gran­dio­ser Hit aus dem Jah­re 1961: ‘Town wit­hout Pity’), der in Deutsch­land erst 1989 mit der Neu­auf­nah­me sei­nes zwei­und­zwan­zig Jah­re alten Titels ‘Some­things got­ten hold of my Heart’ gemein­sam mit Marc Almond eine Num­mer Eins hat­te. Pit­ney lie­fer­te mit ‘Quan­do vedrai la mia Raga­z­za’ eben­falls eine deut­lich pep­pi­ge­re Ver­si­on ab als der mitt­ler­wei­le etwas rund­lich gewor­de­ne Litt­le Tony – und stieg damit auf Rang 2 der ita­lie­ni­schen Ver­kaufs­charts ein. Die wur­de indes von Bob­by Solo (→ IT 1965) ange­führt, des­sen super­schnul­zi­ges ‘Una Lacri­ma sul viso’ die RAI für den Wett­be­werb dis­qua­li­fi­zie­ren muss­te, weil Solo wegen einer Rachen­ent­zün­dung nicht live sin­gen konn­te und auf Druck sei­ner Plat­ten­fir­ma statt­des­sen zum Voll­play­back per­form­te.

Eine ganz schö­ne Skan­dal­nu­del, die­ser Bob­by Solo.

Einer der weni­gen Star­gäs­te, der sich der Lan­des­spra­che ver­wei­ger­te, war der US-ame­ri­ka­ni­sche Soul-Star Ben E. King, des­sen größ­ter Hit, ‘Stand by me’ aus dem Jah­re 1961, im geschmack­lich zurück­ge­blie­be­nen Deutsch­land erst 1987 Beach­tung fand, nach sei­ner Ver­wen­dung als Titel­mu­sik in dem gleich­na­mi­gen Kino­film mit dem jun­gen River Phoe­nix in einer der Haupt­rol­len. Der ehe­ma­li­ge Lead­sän­ger der Drifters mach­te aus dem von Tony Dall­a­ra prä­sen­tier­ten ‘Come potrei dimen­ti­car­ti’ in sei­ner Über­set­zung ‘Around the Cor­ner’ und erzähl­te von einer ver­bo­te­nen Lie­be, wobei er zwar hin­rei­ßend die Lip­pen ver­zog, aber gesang­lich ein wenig vom Orches­ter erschla­gen wur­de. Einen nen­nens­wer­ten Ver­kaufs­er­folg erziel­te kei­ne der bei­den Ver­sio­nen.

Mit ihm ver­schwän­de ich sofort hin­ter der Ecke: Ben E. King beim San-Remo-Fes­ti­val.

Eben­falls nicht auf ita­lie­nisch, son­dern auf fran­zö­sisch sang Patri­cia Car­li. Was ins­be­son­de­re des­we­gen erstaun­te, da die als Kind mit ihren Eltern nach Bel­gi­en aus­ge­wan­der­te Künst­le­rin als Roset­ta Ardi­to im apu­li­schen Hafen­städt­chen Taran­to zur Welt kam. Die weit­hin unbe­kann­te (und offen gestan­den ziem­lich schau­der­haft into­nie­ren­de) Car­li fin­det hier ohne­hin nur des­we­gen Erwäh­nung, weil es sich bei ihr um die inter­na­tio­na­le Zweit­be­set­zung des Sie­ger­ti­tels die­ses San-Remo-Fes­ti­vals han­del­te, der hauch­zar­ten Keusch­heits­bal­la­de ‘Non ho l’età (per amar­ti)’ näm­lich. Und wer hät­te die­ses unver­gess­li­che Lied über die von der “Amo­re roman­ti­co” bedroh­ten Unschuld der Jugend bes­ser ver­kör­pern kön­nen als die sei­ner­zeit erst sech­zehn­jäh­ri­ge Giglio­la Cin­quet­ti, der bis heu­te jüngs­ten Gewin­ne­rin des ligu­ri­schen Lie­der­fes­ti­vals? Das zer­brech­lich wir­ken­de Geschöpf hauch­te mit gesenk­tem Köpf­chen und unschul­di­gen Bam­bi-Augen ihre fle­hent­li­che Bit­te um Ent­jung­fe­rungs-Auf­schub ins Mikro­fon, was im streng katho­li­schen Ita­li­en natür­lich auf begeis­ter­te Zustim­mung stieß.

Giglio­las Ode an die Keusch­heit inspi­rier­te fast vier Jahr­zehn­te spä­ter die deut­sche Tech­no-Schla­ger-Sän­ge­rin Jas­min Wag­ner ali­as Blüm­chen zu der inhalt­lich gleich gela­ger­ten Bal­la­de ‘Gib mir noch Zeit’.

Aber nicht nur dort: auch beim Haupt­wett­be­werb in Kopen­ha­gen konn­te sie einen Erd­rutsch­sieg davon­tra­gen. Die Sin­gle ver­kauf­te sich im Anschluss euro­pa­weit und knack­te nicht nur die deut­schen Top 3, son­dern auch die für nicht-eng­lisch­spra­chi­ge Titel sonst her­me­tisch ver­schlos­se­nen bri­ti­schen Charts. Die Cin­quet­ti kehr­te in den Fol­ge­jah­ren regel­mä­ßig zum San-Remo-Fes­ti­val zurück, das sie 1966 (gemein­sam mit Dome­ni­co Modug­no) erneut gewann. Einen wei­te­ren Num­mer-Eins-Hit hat­te sie 1973 im Hei­mat­land mit den fan­tas­ti­schen, hier­zu­lan­de schänd­li­cher­wei­se über­se­he­nen ‘Alle Por­ta del Sole’, einem Lied, an dem ich mich nie­mals satt hören kann. 1974 ver­trat sie das Land erneut beim Euro­vi­si­on Song Con­test, wo sie mit dem nicht min­der fan­tas­ti­schen ‘Sí’ den zwei­ten Platz beleg­te, und 1991 mode­rier­te sie die in Rom gas­tie­ren­de Show gemein­sam mit Toto Cutug­no.

Und hier das kom­plet­te San-Remo-Fes­ti­val 1964 inklu­si­ve der Semi­fi­nal-Titel als Play­list.

Vor­ent­scheid IT 1964

Fes­ti­val del­la Can­zo­ne ita­lia­na di San­re­mo. Sams­tag, 1. Febru­ar 1964, aus dem Casinò Muni­ci­pa­le in San Remo. 16 Teilnehmer/innen. Mode­ra­ti­on: Mike Bon­gior­no und Gulia­na Lojo­di­ce.
Interpret/inInterpret/inTitelStim­menPlatzCharts
Giglio­la Cin­quet­tiPatri­cia Car­liNon ho l’età (per amar­ti)2.235.1470101 | –
Rober­ti­noBob­by RydellUn Bacio pico­lissmo06 | –
Dome­ni­co Modug­noFran­kie Lai­neChe me ne impor­ta… a me08 | –
Tony Dall­a­raBen E. KingCome potrei dimen­ti­car­ti– | –
Gino Pao­liAnto­nio Prie­toIeri ho incont­ra­to mia Madre– | 13
Bob­by SoloFran­kie Lai­neUna Lacri­ma sul viso01 | –
Pino Dona­g­gioFran­kie Ava­lonMotivo d’Amore12 | –
Roby Fer­ran­tePaul AnkaOgni vol­ta– | 02
Fabri­zio Fer­ret­tiFra­ter­ni­ty Bro­thersLa pri­ma che incon­tro09 | –
Litt­le TonyGene Pit­neyQuan­do vedrai la mia Raga­z­za06 | 02
Bru­no Filip­pi­niFra­ter­ni­ty Bro­thersSaba­to sera05 | –
Remo Ger­ma­niNino Tem­po + April Ste­vensSta­se­ra no, no, no05 | –

2 Gedanken zu “<span class="caps">IT</span> 1964: Gib mir noch Zeit”

  1. Es han­delt sich bei “‘Sole, Piz­za, Amore’in der Tat um einen Wer­be­spot für das son­ni­ge Ita­li­en. Also sol­len ihre diver­sen Lieb­ha­ber Joe, Dolf aus Lon­don, resp. Düs­sel­dorf, Frank­furt und gar vom Broad­way sich schnells­tens auf den Weg zu ihr in die Son­ne machen sol­len.
    Fran­kie Laine’s Auf­tritt mit Spick­zet­tel ist übri­gens gran­di­os, als Schau­spie­ler hat­te er offen­sicht­lich auch Kaba­rett im Reper­toire.

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