NL 1964: Ein Leben in Gefahr

Wie bereits im Vorjahr entschied sich das niederländische Fernsehen auch 1964 für die interne Nominierung einer Repräsentantin, nämlich der 1942 im damals noch unter holländischer Besatzung stehenden Indonesien als Tochter eines niederländischen Soldaten und einer einheimischen Mutter geborenen Johanna Louise oder Anneke Grönloh. Die hatte mit ihren 22 Jahren schon eine bewegte Zeit hinter sich: im Zuge der feindlichen Übernahme der Inselkette durch die Japaner im Zweiten Weltkrieg war Annekes Vater in Kriegsgefangenschaft geraten, auch die Familie lebte in einem Lager. Nach ihrer Freilassung flohen die Grönlohs vor den indonesischen Unabhängigkeitskämpfen zurück in die Niederlande, wo die junge Johanna Louise die Musik für sich entdeckte. 1959 gewann sie einen Talentwettbewerb und schon 1960 erzielte sie mit ihrer allerersten Single ‚Asmara‘ ihre erste goldene Schallplatte und einen Nummer-Eins-Hit – allerdings nicht zu Hause, sondern auf Malaysia. Die heimischen Charts toppte sie dann 1962 mit ‚Brandend Zand‘, der (akkuraten) niederländischen Übersetzung des vom deutschen Komponistenteam Feltz & Scharfenberger geschriebenen Bestsellers ‚Heißer Sand‘ von Mina (→ Vorentscheid IT 1961), eines wunderbar vage gehaltenen und vielfältig interpretierbaren, hochdramatischen Schlagers, der mir noch heute beim Hören angenehme Schauer über den Rücken jagt und den ich für einen der besten seines Genres halte. Unnützes Wissen 500: eine von Anneke selbst eingespielte englischsprachige Fassung unter dem Titel Oh Malaysia diente in den Gründungsjahren des jungen, an Indonesien grenzenden Inselstaates im südchinesischen Meer dort als eine Art inoffizieller Nationalhymne. Zu Hause folgte Hit auf Hit und auch im deutschen Fernsehen war Frau Grönloh mit Schlagern wie ‚Wenn wir beide Hochzeit machen‘ ein gerne gesehener Gast. Zum Zeitpunkt ihrer Direktnominierung für den Eurovision Song Contest 1964 konnte sie also mit Fug und Recht als international erfolgreicher Star gelten.

Ohne den Niederländern zu nahe treten zu wollen, aber in der von Mina mit geheimnisvoll-elektrisierendem Akzent vorgetragenen deutschen Fassung kommt das gefahrvoll-düstere Narrativ des Textes deutlich besser zur Geltung!

Die Auswahl ihres Grand-Prix-Beitrags erfolgte in einem im Fernsehen übertragenen Vorentscheid, bei dem drei Lieder zur Auswahl standen, davon eines mit dem auf die von Richard Wagner als Oper vertonten Seefahrer-Sage ‚Der fliegende Holländer‘ anspielenden gleichnamigen Songtitel, der jedoch in der Zuschauergunst – es stimmten elf regionale Laienjurys ab – am schlechtesten abschnitt. Mit den beiden anderen Wettbewerbsbeiträgen gelangen Anneke erneute Hits. Nach Kopenhagen delegierten die Zuschauer/innen dann mehrheitlich das so überaus druckvolle und temporeiche wie zugleich lyrisch leicht melancholisch-resignative ‚Jij bent mijn Leven‘, in welchem die Protagonistin davon kündete, bei ihrem Herzbuben bleiben zu wollen, auch wenn sie nur zu gut wisse, dass dieser lügt und sie betrügt. Interessanterweise trug Frau Grönloh den eigentlich sehr schicksalsergebenen Text keinesfalls in einem unterwürfig hauchenden Duktus vor, sondern mit klarer, lauter Stimme und beinahe schon kämpferischer Attitüde. Ein selbstbestimmtes Akzeptieren der Schwächen des Lebenspartners also, das die gute Anneke hier proklamierte – und damit eine auf ihre Weise fortschrittlich-liberale Geisteshaltung, die hier zum Vorschein kam. Die konservativen Eurovisionsjurys goutierten das leider kaum: lediglich aus Großbritannien und Dänemark gab es jeweils einen Punkt. Schade! Der weiteren Karriere der später als „Jahrhundertsängerin“ ausgezeichneten Künstlerin tat dies keinen Abbruch: Frau Grönloh konnte noch etliche Schlagererfolge erzielen und wechselte dann ins Jazzfach. Eigenen Angaben zufolge verkaufte sie im Laufe ihrer musikalischen Laufbahn insgesamt 30 Millionen Tonträger. 2002 geriet sie nochmals in die Schlagzeilen, als der offen schwule, äußerst grobhumorige niederländische Comedian und TV-Moderator Paul de Leuuw, der 2006 als Hollands Punktefee den damaligen ESC-Moderator Sakis Rouvas (→ GR 2004, 2009) während der Live-Schalte in komödiantischer Absicht, allerdings sehr hart an der Grenze zur Fremdscham angrub, Grönloh als „Schlampe“ und „Schnapsdrossel“ diffamierte, woraufhin diese sich schockiert und verletzt aus der Öffentlichkeit und nach Frankreich zurückzog und de Leuuws Sender auf ein Schmerzensgeld von 250.000 Euro verklagte.

Aufrecht gehn durch die Nacht ins Licht: Anneke Grönloh lässt sich auch von einem untreuen Gatten nicht unterkriegen.

Vorentscheid NL 1964

Nationaal Songfestival. Montag, 24. Februar 1964. Eine Teilnehmerin.
#Interpret/inTitelPunktePlatz
01Anneke GrönlohVliegende Hollander0603
02Anneke GrönlohWeer zingt de Wind1412
03Anneke GrönlohJij bent mijn Leven1591

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