PT 1964: auch morgen noch kraftvoll zubeißen

Gute drei Jahre vor meiner Geburt begann sie: die lange, tiefe Leidensgeschichte des westlichsten Landes Kontinentaleuropas beim Eurovision Song Contest, die erst 48 Teilnahmen und 53 Jahre später mit dem Sieg von Salvador Sobral ihr temporäres Ende finden sollte. Bis dahin erwies sich der von zahlreichen Roten Laternen und kümmerlichen Punktegaben gesäumte Weg als qualvoll und steinig. Schaut man sich das 1964 eigens zu diesem Zwecke, als nationale Vorentscheidung, aus der Taufe gehobene und bis zum heutigen Tag zu diesem Behufe verwendete Festival da Canção in voller Länge an, ahnt man, warum. Sechs Sänger/innen traten gegeneinander an bei der Premiere dieser im hohen Maße festlichen Veranstaltung, und ein/e jede/r von ihnen interpretierte jeweils zwei Canção (wohlgemerkt: ausschließlich Balladen, Uptemporäres war in diesem Land und zu dieser Zeit offenbar bei Zuchthaus verboten), die in ihrer staatstragenden Langweiligkeit und Fadheit rückblickend den bis dato in diesen Kategorien ungeschlagen führenden Grand Prix von 1961 als hemmungslos wilden Rock’n’Roll-Event erscheinen ließen. Die gesamte Szenerie scheint wie aus den feuchten Träumen des damaligen deutschen Eurovisionsverantwortlichen, Hans-Otto Grünefeldt, oder ihm geistig nahe stehender Freunde der „gehobenen“ Unterhaltung entsprungen: tadellos gekleidete Menschen stellen sich artig vor ein opulentes Orchester, ohne zu tanzen oder sich sonstwie zu verrenken, und singen mit durch die Bank herausragender Stimmkraft geschmackvolle, unanstößige, dezente Balladen, die garantiert keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken und von denen keine einzige jemals in die Gefahr geraten könnte, zu so etwas verwerflichem wie einem (man erschaudert schon bei dem Gedanken!) Gassenhauer zu degenerieren. Kaum ist der letzte Ton verklungen, drehen sie sich stande pede um und gehen zügig ab. Da kann man sogar über den Umstand hinwegsehen, dass etliche der insgesamt zwölf Beiträge nicht nur gefühlt die → Drei-Minuten-Grenze deutlich überschritten.

Die Verschmutzung des Atlantik mit erbgutverändernden Chemikalien und die schädlichen Auswirkungen auf die dortige Fischfauna war das Thema von Simone de Oliveiras viereinhalbminütigem (!) Beitrag ‚Augen in Augen‘.

Mit Simone de Oliveira (→ PT 1965, 1969) und Madalena Iglésias (→ PT 1966) fanden sich zwei spätere Grand-Prix-Repräsentantinnen im Aufgebot, die sich hier jedoch mit den Rängen begnügen mussten. Dabei schnitt die Erstgenannte mit dem schlichtweg kein Ende findenden ‚Olhos nós Olhos‘ und dem Bronzeplatz noch am besten ab. Frau Iglésias (nicht verwandt mit dem spanischen Schnulzensänger [→ ES 1970]) hingegen erregte möglicherweise das Missfallen der 18 (!) regionalen Jurys (bis heute gehört das stundenlange Abfragen der Einzelergebnisse aus irgendwelchen nur noch von fünf Menschen bewohnten Dörfern im unwegsamen Hinterland der beliebten Urlaubsdestination zur unverzichtbaren Folklore des Festival da Canção und sorgt verlässlich dafür, dass die Sendung nicht vor dem Morgengrauen zu Ende geht), weil sie sich als einzige der Teilnehmer/innen keinerlei Zurückhaltung in Sachen Mimik und Gestik auferlegte. Vielmehr trug sie beispielsweise ihre ‚Ballade der fehlenden Worte‘ in einem Zustand völliger seelischer Erschütterung vor, die sie durch ein beständiges Zucken und Beben ihres grazilen Körpers, hochdramatische Handbewegungen sowie ein verzweifeltes Hauchen und Schluchzen für die Zuschauer/innen erlebbar visualisierte. Doch das alles verblasste gegen die unaussprechlichen Dinge, die sich auf ihrem recht quadratischen Antlitz abspielten: für die adäquate Beschreibung ihrer Grimassen fehlen mir in der Tat die Worte, und mit dem Fletschen ihrer Lippen und dem Vorzeigen ihrer tadellos gepflegten, kräftigen Zahnreihen signalisierte sie den Juroren klar, dass sie nämliche Hauer gnadenlos in ihre Flanken zu schlagen gedenke, falls diese sie nicht mir Punkten bedenken sollten. Was diese übrigens nicht taten: die ‚Ballada das Palavras Perdidas‘ landete abgeschlagen auf Rang 5. Was vielleicht auch an Madalenas gesanglichem eiaculatio praecox beim Schlusston des Liedes gelegen haben könnte. Ob es anschließend Tote gab, ist nicht überliefert.

Gibt alles: Madalena Iglésias.

Auch der klare Sieger dieses Abends, der in der ehemaligen portugiesischen Kolonie Mosambik geborene António Calvário (da Paz) ließ die Zuschauer/innen während seines ‚Gebetes‘ (‚Oração‘) an seinen inneren Gefühlsstürmen teilhaben, tat dies jedoch wesentlich dezenter und kontrollierter als seine Konkurrentin. Die geballte Gottlosigkeit Europas musste Calvário dann in Kopenhagen auf besonders schmerzliche Weise erfahren: als erster Teilnehmer Portugals kehrte er nicht nur mit der Roten Laterne zurück, sondern auch mit leeren Händen: ganze → Nul Points hatten die internationalen Juroren dort für ihn übrig. Die tiefstmögliche Demütigung gleich bei der Premiere: ein Schicksal, welches das Land an der Algarve lediglich mit dem erst 30 Jahre später hinzugestoßenen Litauen teilt. Die Ergebnisse wurden in den folgenden Jahren im Übrigen nicht viel besser, was die so stolzen wie stoischen Portugiesen allerdings nicht veranlasste, ihr musikalisches Konzept zu überdenken. Mochten die meisten Menschen außerhalb ihrer Landesgrenze die lusitanischen Beiträge auch überwiegend als störrisch, spröde und lethargisch empfinden, so begriff das von Urlaubern weltweit für seine landschaftliche Schönheit gerühmte Land den Eurovision Song Contest weniger als Wettbewerb, sondern eher als prominentes kulturelles Schaufenster. Und ließ uns Jahr für Jahr an seiner mehltauhaften Melancholie teilhaben, was in seiner Konsequenz schon wieder Bewunderung verdient. Andererseits hatten die Menschen im ärmsten Staat Kerneuropas, der sich zum Zeitpunkt der portugiesischen Eurovisions-Erstteilnahme noch unter der Knute einer rechtsgerichteten Diktatur befand, womöglich auch einfach nicht so besonders viel Anlass zum Fröhlichsein…

Man muss António Calvário immerhin zugute halten, dass er mit seinem ‚Oração‘ unter der Drei-Minuten-Grenze blieb. Danke dafür!

Vorentscheid PT 1964

Festival da Canção. Sonntag, 2. Februar 1964, aus den Estúdios do Lumiar in Lissabon. Sechs Teilnehmer/innen. Moderation: Henrique Mendes + Maria Helena Gouveia.
#Interpret/inTitelPunktePlatz
01António CalvárioOração7901
02Artur GarciaFoi Sonho0010
03Madalena IglésiasNa tua Carta0010
04Simone de OliveiraOlhos nós Olhos5303
05Gina MariaTirano gentil0607
06Artur GarciaFinalmente0208
07Guilherme KjölnerManhã3104
08Simone de OliveiraAmar é ressurgir0208
09Gina MariaMinha Luz brilhou0010
10António CalvárioPara cantar Portugal1106
11Guilherme KjölnerLindo Par5602
12Madalena IglésiasBalada das Palavras perdidas3005

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