San-Remo-Fes­ti­val 1965: Walk like a Man

Sin­gle­co­ver ‘Se pia­n­gi, se ridi’ © Dis­cogs

Was für ein Höhen­rausch: die im Vor­jahr erst­mals umge­setz­te Idee der San-Remo-Macher, sich inter­na­tio­na­le Stars zum euro­pa­weit berühm­ten ligu­ri­schen Musik­fes­ti­val ein­zu­la­den, wel­che dort die Zweit­va­ri­an­te der von den hei­mi­schen Künstler:innen vor­ge­stell­ten Lie­der san­gen, hat­te nicht nur den ohne­hin schon her­aus­ra­gen­den Gla­mour-Fak­tor der Gala in unge­ahn­te Höhen getrie­ben, son­dern auch das musi­ka­li­sche Niveau gestärkt. Und gleich bei der Pre­miè­re des neu­en Kon­zepts für Ita­li­ens ers­ten Euro­vi­si­ons­sieg gesorgt! Kein Wun­der, dass die Rai das neue For­mat auch 1965 bei­be­hielt. Was aller­dings unter dem lan­des­ei­ge­nen San­ges­per­so­nal nicht auf unge­teil­te Zustim­mung stieß: eini­ge eta­blier­te San-Remo-Stars wie Adria­no Cel­en­ta­no blie­ben dem Wett­be­werb aus Pro­test fern. Dome­ni­co Mod­ug­no und Clau­dio Vil­la fehl­ten hin­ge­gen nicht aus Boy­kott: ihre Ein­rei­chun­gen über­leb­ten nicht die Vor­auswahl. Dafür ging die Vor­jah­res­sie­ge­rin und Grand-Prix-Gewin­ne­rin Giglio­la Cin­quet­ti erneut an den Start. Die Bal­la­de ‘Ho biso­g­no di veder­ti’ zählt aller­dings trotz einer rela­tiv früh plat­zier­ten Rückung und des enthu­si­as­ti­schen Ein­sat­zes der Sän­ge­rin nicht zu ihren stärks­ten Titeln, auch wenn es für das Fina­le und zu einer Top-Ten-Plat­zie­rung in den hei­mi­schen Charts reich­te.

Giglio­la schmet­tert, was die Lun­gen­flü­gel her­ge­ben: erstaun­lich, dass aus einer so zar­ten Per­son so star­ke Töne kom­men kön­nen!

Die Zweit­fas­sung ihrer Num­mer sang übri­gens nie­mand Gerin­ge­res als der US-Star Con­nie Fran­cis, gebo­ren als Con­cet­ta Rosa Maria Fran­co­ne­ro in Newark, New Jer­sey, die bereits als Kind an im Lokal­fern­se­hen über­tra­ge­nen Gesangs­wett­be­wer­ben teil­nahm und Ende der Fünf­zi­ger mit cha­rak­te­risch vor­ge­schluchz­ten Pop-Heu­lern wie ‘Stu­pid Cupid’ den inter­na­tio­na­len Durch­bruch schaff­te. Das Mul­ti­ta­lent nahm vie­le ihrer Lie­der in unter­schied­lichs­ten Sprach­fas­sun­gen auf, aus­ge­hend von der Erfah­rung, dass das Publi­kum in Natio­nen wie Deutsch­land zu jener Zeit Musik am liebs­ten im hei­mi­schen Idi­om hör­te. Der Erfolg von ‘Everybody’s somebody’s Fool’, ihrem ers­ten Num­mer-Eins-Hit in den USA aus dem Jah­re 1960, gab ihr Recht: erst als die von Ralph Maria Sie­gel getex­te­te und von Con­ny im Eil­ver­fah­ren pho­ne­tisch ein­ge­nu­schel­te Ein­deut­schung ‘Die Lie­be ist ein selt­sa­mes Spiel’ auf den Markt kam, roll­te sie auch bei uns die Charts auf. Schick­sals­schlä­ge über­schat­te­ten ihr spä­te­res Leben: eine Ver­ge­wal­ti­gung, der zeit­wei­li­ge Ver­lust der Stim­me infol­ge einer Nasen-OP und die Ermor­dung ihres Bru­ders durch die Mafia stürz­ten sie in eine so tie­fe Kri­se, dass sie sich mehr­fach in die Psych­ia­trie bege­ben muss­te.

Einer die­ser Wackel­da­ckel, wie sie zu jener Zeit ger­ne die Rück­bän­ke von Autos bevöl­ker­ten, muss Pit­ney wohl zu sei­nem Auf­tritt inspi­riert haben.

Von den inter­na­tio­na­len Star­gäs­ten des Vor­jah­res fand sich ledig­lich Gene Pit­ney erneut auf der Teil­neh­mer­lis­te. Paul Anka wäre dem Ver­neh­men nach wohl eben­falls ger­ne wie­der­ge­kom­men, aller­dings boy­kot­tier­te sei­ne Plat­ten­fir­ma RCA dies­mal den Wett­be­werb, aus Ver­är­ge­rung dar­über, dass sie, wie alle ande­ren Labels auch, maxi­mal drei Lie­der hät­te schi­cken dür­fen. Pit­ney teil­te sich das hoch­dra­ma­ti­sche ‘Amici miei’ mit dem ita­lie­ni­schen Sän­ger und Schau­spie­ler Miche­le Scom­megna ali­as Nico­la di Bari. Bei­de lie­fer­ten her­vor­ra­gen­de Ren­di­tio­nen des Titels ab: Pit­ney über­zeug­te durch eine strin­gen­te Stimm­füh­rung und sein unver­wech­sel­ba­res Organ, der eher klein­wüch­si­ge di Bari, der mit sei­ner kas­ten­för­mi­gen Son­nen­bril­le und dem bra­ven Sei­ten­schei­tel aus­sah wie der unehe­li­che Sohn von Hei­no, über­rasch­te hin­ge­gen durch expres­sio­nis­ti­sche Hin­ga­be an sein Can­zo­ne. Stel­len­wei­se muss­te man fürch­ten, der vor inne­rer Erre­gung schon wie unter Strom­schlä­gen zit­tern­de Inter­pret könn­te jeden Augen­blick vor lau­fen­der Kame­ra zer­bers­ten. Erfreu­li­cher­wei­se über­leb­te der Apu­lier, des­sen gro­ße Zeit beim San-Remo-Fes­ti­val noch vor ihm lie­gen soll­te, jedoch den Auf­tritt. Der Song erreich­te anschlie­ßend völ­lig zu Recht in bei­den Fas­sun­gen die Top 5 der hei­mi­schen Charts.

Der Bril­len­schlumpf fängt an: Nico­la di Bari gibt alles.

Als klein, aber oho erwie­sen sich auch die Mit­glie­der des von der Insel Mada­gas­kar stam­men­den Fami­li­en­sex­tet­tes Les Surfs, lus­ti­ger­wei­se einer der weni­gen Acts, die sich an die (bei einem natio­na­len Vor­ent­scheid frei­lich nicht bin­den­de) Sechs-Per­so­nen-Regel hiel­ten. Den Solokünstler:innen hin­ge­gen stell­ten die Orga­ni­sa­to­ren heu­er gleich acht Chorsänger:innen hin­ten dran. Die vier Brü­der und zwei (mitt­ler­wei­le ver­stor­be­nen) Surf-Schwes­tern jeden­falls, die 1963 zum Start des zwei­ten Pro­gramms des fran­zö­si­schen Fern­se­hens als Reprä­sen­tan­ten der erst kurz zuvor durch die Gran­de Nati­on in die Unab­hän­gig­keit ent­las­se­nen ehe­ma­li­gen Kolo­nie nach Paris geholt wor­den waren und dort mit ori­gi­nal­ge­treu­en Cover­ver­sio­nen angel­säch­si­scher Hits gro­ße Erfol­ge fei­er­ten, kamen alle­samt nicht über 1,50 Meter Kör­per­grö­ße hin­aus. Als zwer­gen­wüch­si­ge Men­schen mit schwar­zer Haut­far­be kas­sier­ten sie im Mino­ri­tä­ten­bin­go so vie­le Sym­pa­thie­punk­te, dass es trotz ihrer etwas holp­ri­gen Aus­spra­che des Ita­lie­ni­schen für eine Plat­zie­rung in den Charts reich­te. Anders als beim Erst­in­ter­pre­ten des mit­tel­präch­ti­gen Beat­schla­gers, dem Sar­den Vit­to­rio Inzai­na, wel­chem der Sieg beim Nach­wuchs­wett­be­werb von Cas­tro­ca­ro im Herbst 1964 zwar die­sen San-Remo-Auf­tritt sicher­te, dar­über hin­aus jedoch kei­ne ent­schei­den­den Kar­rie­re­im­pul­se lie­fern konn­te.

Syn­chrontanz kön­nen sie schon mal gut. Mit der ita­lie­ni­schen Aus­spra­che klappt’s viel­leicht auch irgend­wann: Les Surfs.

Noch nicht ein­mal der Euro­vi­si­ons­bo­nus ver­moch­te hin­ge­gen der öster­rei­chi­schen Grand-Prix-Legen­de Udo Jür­gens zu einem Ver­kaufs­er­folg zu ver­hel­fen. Der im Vor­jahr das ers­te von drei Malen vom ORF zum Euro­vi­si­on Song Con­test ent­sand­te Chan­son­nier trat beim San-Remo-Fes­ti­val 1965 als inter­na­tio­na­ler Team­part­ner der herr­lich her­ben hei­mi­schen Sän­ge­rin Ornel­la Vano­ni und ihres mit gro­ßem Nach­druck her­aus­ge­bell­ten Zärt­lich­keits­be­fehls ‘Abbrac­cia­mi for­te’ (‘Umar­me mich mit aller Kraft’) an. Und obschon sich der galan­te Kärnt­ner weder in Sachen Into­na­ti­on noch Aus­spra­che eine Blö­ße gab, hin­ter­ließ die erst­ma­lig ange­tre­te­ne Mai­län­de­rin den nach­hal­ti­ge­ren Ein­druck. Und zwar nicht nur auf­grund ihres ein­zig­ar­ti­gen, dunk­len Tim­bres und ihrer außer­ge­wöhn­li­chen Ges­tik, son­dern auch wegen ihres gro­ßen Mun­des, in dem pro­blem­los einer von den Surf-Geschwis­tern Unter­schlupf gefun­den hät­te, vor allem aber wegen ihrer beacht­li­chen Flü­gel­spann­wei­te: wei­ter als sie warf nie­mand die Arme aus­ein­an­der. Der fre­ne­ti­sche Zwi­schen­ap­plaus aus dem Saal ist Beleg für die lang­an­hal­ten­de Lie­bes­be­zie­hung zwi­schen dem ita­lie­ni­schen Publi­kum und der wun­der­ba­ren Vano­ni, die in den Sech­zi­gern und Sieb­zi­gern, wie auch mit die­sem Titel, fort­lau­fend Hits in den Sin­gle-Charts plat­zier­te und noch bis heu­te regel­mä­ßig erfolg­rei­che Alben her­aus­bringt.

Erst mal den Mikro­fon­stän­der von Hand hoch­schrau­ben: Jür­gens folg­te beim San-Remo-Auf­tritt offen­sicht­lich direkt auf die Surfs.

Peg­gy Bun­dy hat ange­ru­fen und will ihre Fri­sur zurück: die abso­lut hin­rei­ßen­de Ornel­la Vano­ni.

Noch am Anfang ihrer Kar­rie­re stand die Bri­tin Pau­li­ne Mat­thews ali­as Kiki Dee. Die ver­öf­fent­li­che zu die­sem Zeit­punkt schwer­punkt­mä­ßig Cover­ver­sio­nen aktu­el­ler Soul-Hits, aller­dings ohne nen­nens­wer­ten kom­mer­zi­el­len Wider­hall, und hielt sich vor allem als Back­ground­sän­ge­rin für die deut­lich erfolg­rei­che­re Petu­la Clark über Was­ser, die sie nach Kräf­ten för­der­te und der sie wohl auch ihren San-Remo-Auf­tritt ver­dank­te. Zwar hader­te die Dee dabei gele­gent­lich auf sehr char­man­te Wei­se mit der kor­rek­ten Aus­spra­che ihres schmalz­trie­fen­den Kit­schrie­mens ‘Aspet­to doma­ni’ (‘Erwar­te Dich mor­gen’), der ledig­lich in der Ori­gi­nal­fas­sung des hei­mi­schen Croo­ners Fred Bon­gus­to die ita­lie­ni­schen Top 20 tou­chier­te. Den­noch fand sie am Her­um­ex­pe­ri­men­tie­ren mit frem­den Spra­chen so viel Gefal­len, dass sie anschlie­ßend sogar eine noch hüb­sche­re, weil noch deut­li­cher rade­bre­chen­de deut­sche Fas­sung namens ‘War­te bis mor­gen’ auf den hier­an jedoch reich­lich des­in­ter­es­sier­ten Markt warf. Erst die künst­le­ri­sche Zusam­men­ar­beit mit Elton John, zu des­sen Plat­ten­fir­ma sie Anfang der Sieb­zi­ger nach einer eben­falls frucht­lo­sen Pha­se bei Motown wech­sel­te, brach­te ihr den kom­mer­zi­el­len Durch­bruch: 1976 lan­de­te sie mit dem Duett ‘Don’t go brea­king my Heart’ ihren größ­ten Erfolg.

Amo­w­re… Aaa­moow­w­reeee”: nur die Dee kann die­ses schöns­te aller ita­lie­ni­schen Wör­ter in einem der­ar­tig ent­zü­ckend-schau­der­haf­ten eng­li­schen Slang aus­spre­chen.

Kikis För­de­re­rin, die bei ihrem eige­nen San-Remo-Auf­tritt ein wenig mit dem Orches­ter zu kämp­fen hat­te, surf­te hin­ge­gen zu die­sem Zeit­punkt noch ganz frisch auf der gigan­ti­schen Schei­tel­wel­le ihres Welt­hits und größ­ten Erfol­ges ‘Down­town’. Das schütz­te sie indes nicht davor, trotz ordent­li­cher stimm­li­cher Leis­tung gele­gent­lich im Klang­meer der Instru­men­ta­lis­ten fast abzu­sau­fen. Zum Fina­le ihres soulig arran­gier­ten Schun­kel­wal­zers ‘Inve­ce no’ muss­te sie gar noch tap­fer lächelnd etli­che quiet­schend schie­fe Trom­pe­ten­tö­ne über sich erge­hen las­sen. Woll­te es ihr hier gar ein zurück­ge­wie­se­ner Ver­eh­rer heim­zah­len? Den­noch klang ihre Fas­sung deut­lich über­zeu­gen­der als die tan­ten­haft arran­gier­te Ori­gi­nal­ver­si­on von Bet­ty Cur­tis. Fan­den wohl auch die Italiener:innen: in den Ver­kaufs­charts des Lan­des konn­te aus­schließ­lich Petu­la reüs­sie­ren. Der ehe­ma­li­ge Kin­der­star, deren Musik­kar­rie­re mehr als vier Jahr­zehn­te umspann­te und mit den unter­schied­lichs­ten Ver­öf­fent­li­chun­gen in meh­re­ren Spra­chen abwech­selnd den bri­ti­schen, den US-ame­ri­ka­ni­schen, den fran­zö­si­schen, den ita­lie­ni­schen und den deut­schen Markt bedien­te, wur­de 1998 von der bri­ti­schen Mon­ar­chin mit dem Rit­ter­or­den aus­ge­zeich­net.

Wur­den zum opti­schen Wahr­zei­chen des 1965er ESC in Nea­pel: die cha­rak­te­ris­tisch klo­bi­gen Dop­pel-Mikros.

Ein biss­chen kläg­lich nahm sich dage­gen das deut­sche Ange­bot aus. Wobei das im weni­ger stren­gen Sin­ne für die weit­hin unbe­kann­te Mann­hei­me­rin Adri­an­na Medi­ni gilt, Toch­ter einer Zir­kus­fa­mi­lie mit ita­lie­nisch- und fran­zö­sisch­stäm­mi­gen Eltern, die unter dem Künst­le­rin­nen­na­men Audrey Arno 1960 gemein­sam mit dem eid­ge­nös­si­schen Hazy-Oster­wald-Sex­tett den infek­ti­ös rhyth­mi­schen ‘Paschan­ga’ in die Charts gebracht hat­te. Aller­dings bizar­r­er­wei­se nicht in die hei­mi­schen, son­dern in die US-ame­ri­ka­ni­schen Bill­board-Hot 100. Sie ver­such­te es 1965 sowohl beim Schwei­zer Vor­ent­scheid als auch beim San-Remo-Fes­ti­val, und obschon sie ihre Sache hier ziem­lich gut mach­te, was sich zumin­dest noch in einer Final­teil­nah­me nie­der­schlug, war mit dem mit­tel­mä­ßi­gen Bei­trag ‘Pri­ma o poi’ für sie schlicht kein Blu­men­topf zu gewin­nen. Im Gegen­satz zum ita­lie­ni­schen Inter­pre­ten, der lus­ti­ger­wei­se auf den Künst­ler­na­men Remo Ger­ma­ni hör­te und des­sen Auf­nah­me es in die Top Ten der hei­mi­schen Charts schaff­te.

Kann man hören, muss man aber nicht kau­fen: Audrey Arno.

Zum Fremd­schä­men schau­der­haft hin­ge­gen, was der dama­li­ge deut­sche Back­fisch­schwarm und spä­te­re Immo­bi­li­en­mak­ler Bernd Spier (‘Das kannst Du mir nicht ver­bie­ten’), sei­nes Zei­chens die noch spie­ßi­ge­re Vari­an­te des teu­to­ni­schen “Rock’n’Rollers” und Vor­jah­res-San-Remo-Ger­ma­nen Peter Kraus, dem Lied ‘Vie­ni con noi’ antat. Wel­ches der vor­schrifts­mä­ßig elvis­be­toll­te und schmacht­äu­gi­ge Tede­sci näm­lich in einen brav-bie­de­ren Brei ver­wan­del­te, wäh­rend die groß­ar­ti­ge Mil­va, die sich mit der bereits erwähn­ten Ornel­la die glei­che Fri­sur teil­te, das musi­ka­lisch in der Tat nicht beson­ders her­aus­ra­gen­de Can­zo­ne allei­ne schon durch die unglaub­li­che läs­si­ge, gera­de­zu dahin­ge­rotz­te Ele­ganz ihres Vor­trags in eine fun­keln­de Per­le ver­edel­te. Das Fina­le und ein fünf­ter Rang in den hei­mi­schen Sin­gle-Charts war ihr gerech­ter Lohn. Wie ihr Song im Teil­neh­mer­feld abschnitt, bleibt lei­der das Geheim­nis der Ver­an­stal­ter: ver­mut­lich auf Druck der Plat­ten­fir­men gab man, wie schon im Vor­jahr, nur den durch Abfra­ge bei meh­re­ren Jurys ermit­tel­ten Sie­ger bekannt und hielt die rest­li­chen Ergeb­nis­se unter Ver­schluss. Womit man letz­ten Endes 23 von 24 Bei­trä­gen zu Ver­lie­rern stem­pel­te.

Mil­va gurrt, schmet­tert, schmei­chelt, flüs­tert, ras­pelt und reibt – und holt mit unnach­ahm­li­cher Gran­dez­za selbst aus die­ser müden Song­gur­ke alles her­aus.

Den Ver­käu­fen scha­de­te dies nicht. Einen ita­lie­ni­schen Num­mer-Eins-Hit lan­de­te – neben dem Sie­ger­ti­tel die­ses Vor­ent­scheids – auch die in den frü­hen Sech­zi­gern gegrün­de­te, zum Zeit­punkt der San-Remo-Teil­nah­me auf dem Kar­rie­re­hö­he­punkt ste­hen­de US-ame­ri­ka­ni­sche Folk­kap­pel­le The New Chris­ty Min­st­rels, die in ste­tig wech­seln­der Beset­zung wäh­rend die­ses Jahr­zehnts immense Erfol­ge fei­er­te, so zum Bei­spiel mit einer Neu­ein­spie­lung des von Woo­dy Guthrie ver­fass­ten Lager­feu­er­gi­tar­ren-Ever­greens ‘This Land is your Land’, und zu deren zeit­wei­li­gen Mit­glie­dern unter ande­rem die spä­te­re Easy-Rider-Film­schau­spie­ler Karen Black, der Coun­try-Gigant Ken­ny Rogers und die Sin­ger-Song­wri­te­rin Kim Car­nes (ihr welt­wei­ter Num­mer-Eins-Hit aus dem Jah­re 1981: die hei­ser gekrächz­te Femmage ‘Bet­te Davis Eyes’) zähl­ten. Und zwar mit ihrer Inter­pre­ta­ti­on der harm­los-lieb­li­chen Melo­dei ‘Le Col­li­ne sono in Fio­re’ (‘Die Hügel ste­hen in Blü­te’). Die Ori­gi­nal­fas­sung des Geschmal­zes aus dem Mun­de der spä­te­ren Game­show-Assis­ten­tin Wil­ma Goich, die sich im glei­chen Jahr erfolg­los beim schwei­ze­ri­schen Vor­ent­scheid bewarb, woll­te jedoch auch von ihren Lands­leu­ten nie­mand kau­fen.

Folk-Soul-Fusi­on ja, Black­fa­cing nein: die Neu­en Min­st­rels ent­hiel­ten sich gott­lob der ras­sis­ti­schen Tra­di­ti­on ihrer namens­ge­ben­den Unter­hal­tungs­form.

Die Min­st­rels zweit­be­san­gen auch den Sie­ger­ti­tel die­ses Fes­ti­vals, das von dem ita­lie­ni­schen Tee­nie-Schwarm Rober­to Sat­ti unter sei­nem Künst­ler­na­men Bob­by Solo anschlie­ßend beim Euro­vi­si­on Song Con­test prä­sen­tier­te ‘Se pia­n­gi, se ridi’, eine musi­ka­lisch ziem­lich deut­lich am Elvis-Klas­si­ker ‘Are you lone­so­me tonight?’ ange­leg­te Schmacht­bal­la­de. Es gilt als unum­strit­ten, dass die (pari­tä­tisch zur Hälf­te mit unter 25jährigen besetz­te) Jury Solo mit die­sem Sieg für sei­ne Dis­qua­li­fi­ka­ti­on im Vor­jahr ent­schä­dig­ten woll­te, wo er wegen einer Hals­ent­zün­dung nur im Voll­play­back­ver­fah­ren auf­tre­ten konn­te und des­halb aus der Wer­tung genom­men wer­den muss­te. Doch auch 1965 sorg­te der Pas­ta-King für einen Skan­dal: trotz des sei­ner­zeit bestehen­den Vor­ver­öf­fent­li­chungs­ver­bo­tes warf sei­ne Plat­ten­fir­ma den Titel direkt nach dem San-Remo-Fes­ti­val auf den Markt. Bei buch­sta­ben­ge­treu­er Aus­le­gung der Regeln hät­te die EBU Solo daher eigent­lich für den inter­na­tio­na­len Wett­be­werb sper­ren müs­sen, da er sich nach der dama­li­gen Logik auf die­se Wei­se einen Bekannt­heits­vor­teil vor sei­nen Konkurrent:innen sicher­te. Nun rich­te­te die Rai bekannt­lich 1965 die Show in Nea­pel aus: es herrsch­te bei den übri­gen Sen­dern Einig­keit, dass es ver­mut­lich weder bei der ver­an­stal­ten­den TV-Sta­ti­on noch in der Pres­se gut ankä­me, die Sen­dung ohne den hei­mi­schen Ver­tre­ter über den Äther gehen zu las­sen. So drück­te man in Genf alle ver­füg­ba­ren Augen zu und ließ Solo gewäh­ren. Und wie man sieht, ist die Welt von dem Regel­ver­stoß nicht unter­ge­gan­gen.

Da schmalzt es nicht nur in Bob­bys Haa­ren: auch aus dem Laut­spre­cher läuft das Oli­ven­öl liter­wei­se.

Als eigent­li­cher Publi­kums­fa­vo­rit galt im übri­gen ein ande­rer Titel: näm­lich das vom Can­t­au­to­re und seri­el­len San-Remo-Teil­neh­mer Pino Dona­g­gio im Ver­bund mit der US-ame­ri­ka­ni­schen Coun­try­sän­ge­rin Jody Mil­ler (ihr ers­ter Hit von 1963, ‘He walks like a Man’, bil­de­te die Vor­la­ge für die genia­le und in kei­ner gut­sor­tier­ten Musik­samm­lung feh­len dür­fen­den Divi­ne-Sin­gle ‘Walk like a Man’) inter­pre­tier­te ‘Io che non vivo (sen­za te)’ (‘Ich kann nicht leben [ohne Dich]’). Für die – dem Titel ange­mes­sen – musi­ka­lisch hoch­dra­ma­ti­sche Tren­nungs­schmerz­bal­la­de reich­te es in der Ori­gi­nal­fas­sung für einen drit­ten Rang in den hei­mi­schen Charts. Hört man in die Num­mer her­ein, fal­len einem zwei Din­ge auf: zum einen offen­bart sich Pino in dem aus dama­li­ger Sicht sicher­lich roman­tisch gemein­ten Text, in wel­chem er sei­ne schei­dungs­wil­li­ge Liebs­te beschwört, doch bei ihm zu blei­ben, weil er nicht eine Sekun­de lang ohne sie zu leben ver­mag, aus heu­ti­ger Sicht als poten­ti­el­ler Frau­en­mör­der mit toxisch mas­ku­li­nem Besitz­den­ken. “Sei mia!” (“Du gehörst mir!”) skan­diert er gan­ze sie­ben Mal in aller­höchs­ter Ein­dring­lich­keits­stu­fe: es steht zu befürch­ten, dass der Prot­ago­nist sei­ne Part­ne­rin meu­chelt, soll­te sie sich sei­nem unsin­ni­gen Ansin­nen wider­set­zen.

So selt­sam ver­traut: Pino Dona­g­gi­os Patri­ar­chats-Ode.

Doch, geben Sie es ruhig zu, bis zur Tex­tex­ge­se sind Sie erst gar nicht gekom­men, weil Sie sich bei der akus­ti­schen Degus­ta­ti­on die gan­ze Zeit nur ver­zwei­felt gefragt haben, woher zum Teu­fel noch mal sie die­se Melo­die bloß ken­nen? Kei­ne Sor­ge, dafür haben Sie ja mich: die legen­dä­re bri­ti­sche Musik-Iko­ne Mary Isa­bel O’Brien, bes­ser bekannt unter ihrem Künst­le­rin­nen­na­men Dus­ty Spring­field, beim San-Remo-Fes­ti­val 1965 selbst als inter­na­tio­na­le Inter­pre­tin des Gian­ni-Mas­co­lo-Titels ‘Di fron­ta all’A­mo­re’ im Ein­satz, der es aller­dings nicht ins Fina­le schaff­te, nahm das Stück hin­ter­her mit einem völ­lig gegen­läu­fi­gen eng­li­schen Text unter der Über­schrift ‘You don’t have to say you love me’ auf. Und lan­de­te damit sowohl ihre ein­zi­ge Num­mer Eins in den brit­schen Charts als auch ihren ers­ten Hit in Deutsch­land. Für die offen les­bi­sche Sän­ge­rin, die auf­grund ihrer ein­zig­ar­ti­gen Stim­me den Ehren­ti­tel “White Queen of Soul” zuge­spro­chen bekam und bis zu ihrem Krebs­tod im Jah­re 1999 welt­wei­te Erfol­ge und zahl­rei­che Come­backs fei­er­te, hat­te sich der Aus­flug nach Ita­li­en damit beson­ders gelohnt. Und für Musiklieberhaber:innen in aller Welt erst recht.

Ich weiß, ich muss es nicht sagen, aber ich tue es doch: ich lie­be Dich, Dus­ty!

Vor­ent­scheid IT 1965

Fes­ti­val del­la Can­zo­ne ita­lia­na di San­re­mo. Sams­tag, 30. Febru­ar 1965, aus dem Casinò Muni­ci­pa­le in San Remo. 23 Teilnehmer:innen. Mode­ra­ti­on: Mike Bon­gior­no und Maria Gra­zia Spi­na.
Heimische:r Interpret:inInternationale:r Interpret:inTitelPlatzCharts
Bob­by SoloNew Chris­ty Min­st­relsSe pia­n­gi, se ridi0101 | –
Bet­ty Cur­tisPetu­la ClarkInve­ce no– | 05
Bru­no Filip­pi­niYuka­ri ItoL’A­mo­re ha i tuoi Occhi– | –
Fred Bon­gus­toKiki DeeAspet­ta doma­ni15 | –
Giglio­la Cin­quet­tiCon­nie Fran­cisHo biso­g­no di veder­ti07 | –
Mil­vaBernd SpierVie­ni con noi05 | –
Nico­la di BariGene Pit­neyAmici miei04 | 03
Ornel­la Vano­niUdo Jür­gensAbbra­cia­mi for­te04 | –
Pino Dona­g­gioJody Mil­lerIo che non vivo (sen­za te)03 | –
Remo Ger­ma­niAudrey ArnoPri­ma o poi10 | –
Vit­to­rio Inzai­naLes SurfsSi vedrà– | 04
Wil­ma GoichNew Chris­ty Min­st­relsLe Col­li­ne sono in fio­re– | 01

Letz­te Über­ar­bei­tung: 14.06.2020

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2 Comments

  • Alkibernd

    Was für ein Leuch­ten über Ita­li­en! Musi­ka­lisch dies­mal bis auf zwei Aus­nah­men nicht so berau­schend, aber die­se Show!!

  • Tanja

    Die Udo-Jür­gens-Inter­pre­ta­ti­on von ‘Abbrac­cia­mi for­te’ ist mitt­ler­wei­le bei You­tube nicht mehr gesperrt, er erhält dort sogar von einem ita­lie­ni­schen Musik­ken­ner Lob für sei­ne melo­di­sche Umset­zung (im Ver­gleich zu Ornel­la).
    Ehr­li­cher­wei­se bleibt anzu­mer­ken, dass Bernd Spier die ita­lie­ni­sche Aus­spra­che bes­ser beherrscht als Udo Jür­gens. Ansons­ten spielt Udo natür­lich in einer ande­ren musi­ka­li­schen Liga.

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