NO 1965: Nur die allerbeste Melkmaschine

Erfrischend kurz war er, der sechste Norsk Melodi Grand Prix: nur etwas über eine halbe Stunde brauchte man für die Anmoderation und die Vorstellung der fünf zur Wahl stehenden Titel, dargeboten jeweils von zwei verschiedenen Interpret/innen in unterschiedlichen Instrumentierungen. Was dem Sender NRK die Chance gab, vermittels einer geschickten Choreographie von dem dürren musikalischen Angebot abzulenken: im ersten Durchgang präsentierte man die Lieder mit einer auf das Notwendigste reduzierten Begleitband, gewissermaßen in einer besonders intimen Fassung. Nachdem sich das Publikum so einen Überblick über das Menü verschaffen und jede/r für sich persönlich schon mal den am wenigsten furchtbarsten Titel bestimmen konnte, wiederholte der Sender alle fünf Lieder, diesmal in anderer Reihenfolge, mit großem Orchester und entsprechend aus dem Vollen schöpfenden Arrangement, so dass die eher schwächlichen Songs im Vergleich zur ersten Runde beinahe schon gut klangen. Nach dem öffentlichen Aufruhr im Vorjahr, als die Jury einen der größten Hits der norwegischen Eurovisionsgeschichte, nämlich Wencke Myhres Revoltenschlager ‚Lat me være ung‘, ignorierte, legte der NRK die Entscheidung diesmal in die Hände der Zuschauer/innen, die anschließend per Postkartenentscheid ihren Lieblingstitel wählen durften.

Nur das aller-, allerbeste: die dreißig Minuten des norwegischen Vorentscheids 1965.

Insgesamt rund 18.000 Zuschriften gingen beim Sender ein. Davon entfielen lediglich 404 Karten auf den verschrobenen Song eines Inselbesitzers, ‚Jeg har en Øy‘, den selbst seine beiden Interpreten Jan Høiland und Per Asplin mit leicht befremdeten Gesichtern vortrugen und den wohl nur ein paar ausgeprägte Masochisten noch einmal hören wollten. Grynet Molvig und die fabelhafte Nora Brockstedt (→ NO 1960, 1963) teilten sich zwei im Mittelfeld liegende Lieder: zum einen das seinen Titel Lügen strafende ‚Bare det aller, aller Beste‘ (und bevor sich noch ein Safer-Sex-Apostel aufregt: nein, es ging nicht um ungeschützten Verkehr!) und zum anderen die herrlich skurrile Cowgirl-Hymne ‚Med Lokk og Lur‘ (‚Herdenauftrieb und Lockruf‘), die (vermutlich, mein Norwegisch ist ein wenig eingerostet) vom rauen Leben in der skandinavischen Prärie berichtete und in der mehrfach das Wort „Melkmaschine“ auftauchte. Doch, wirklich, wenn ich es Ihnen sage! Diese funkelnde Vorentscheidungsperle konnte rund 5.000 Zuschriften auf sich vereinen, leider nur ungefähr halb so viele wie der Siegersong dieses MGP.

Yee-haw! Countrygirl Grynet mit ihrer Ode an das Farmleben.

Der stammte mal wieder aus dem beim Grand Prix äußerst beliebten Themenkreis „Kirmes“ und widmete sich einem der gefürchtetsten Stolpersteine in der deutschen Rechtschreibung, dem ‚Karusell‘. Und falls der Lehrer in Ihnen jetzt aufwimmert, dass man das doch korrekt „Karussell“ schreibt: nö, nicht im Norwegischen! Was man dem recht belanglosen Liedchen zugute halten kann, ist seine Kürze: in der schmal instrumentierten Bandfassung kommt es auf gerade mal 100 Sekunden. Die aufwändigere Orchesterfassung sollte ursprünglich von der im Vorjahr so schnöde von der Jury geschassten Wencke Myhre vorgetragen werden – die aber musste kurz vor der Sendung krankheitsbedingt absagen. Und so übernahm eine noch am Anfang ihrer Karriere stehende Schlagersängerin gleich beide Versionen des Liedes: Kirsti Sparboe nämlich, die 1964 mit ‚Ballerina‘ einen ersten Hit in Skandinavien hatte, setzte hier den Auftakt zu ihrer Grand-Prix-Karriere. Trotz eines → Null-Punkte-Ergebnisses beim europäischen Wettbewerb in Neapel kehrte sie in den Folgejahren regelmäßig zum Melodi Grand Prix zurück, wo sie stets den ersten oder zweiten Platz machte, und vertrat ihr Land 1967 und 1969 erneut, jeweils mit miserablen Ergebnissen.

Auf dem Karussell fahren alle gleich schnell, wie neben Kirsti auch schon Jürgen Marcus (LU 1976) wusste.

1970, als sämtliche skandinavischen Länder den ESC boykottierten, wich Kirsti auf die deutsche Vorentscheidung aus, wo sie sich mit dem von Drafi Deutscher erdichteten ‚Pierre, der Clochard‘ aber nicht durchsetzen konnte. Dieser Auftritt beendete ihre Schlagerkarriere in germanischen Gefilden, die interessanterweise 1967 im kommunistischen Ost-Berlin ihren Anfang nahm: für das DDR-Plattenlabel Amiga nahm sie das verträumte ‚Zwei Augen‘ auf. Das Lied eines jungen Mädchens, dass sich beim Spaziergang durch die Stadt stets von einem geheimnisvollen Unbekannten beobachtet wähnt, wollte aus unerfindlichen Gründen im Arbeiter- und Stasi-Staat keinen rechten Publikumsanklang finden, und so wechselte Kirsti zum Klassenfeind, wo sie in den nächsten beiden Jahr insgesamt fünf Hits landete. Am bekanntesten bleibt dabei bis heute der hoch infektiöse Ohrwurm ‚Ein Student aus Uppsala‘. Die deutsche Einspielung ihres 1969er Grand-Prix-Beitrags ‚Oj, oj, oj, så glad jeg skal bli‘ erschien als ‚Eins, zwei, drei‘ auf der B-Seite ihrer Nachfolgesingle ‚Napoleon und Josefine‘, die ihr ebenfalls noch mal einen Verkaufserfolg bescherte. Ab den Siebzigern verlegte sie sich aufgrund ausbleibender Hits auf die Schauspielerei.

Heute die inoffizielle Hymne der Universität der schwedischen Stadt Uppsala (ja, die gibt es wirklich!): Kirstis Superschlager.

Vorentscheid NO 1965

Melodi Grand Prix. Samstag, 13. Februar 1965, aus den NRK-Fernsehstudios in Oslo. Sechs Teilnehmer/innen. Moderation: Odd Grythe.
#Interpret/inInterpret/inTitelPunktePlatz
01Nora BrockstedtGrynet MolvigMed lokk og lur51042
02Jan HøilandPer AsplinJeg har en øy4045
03Kirsti SparboeKirsti SparboeKarusell98861
04Per AsplinIvar MedaasJenteord13494
05Grynet MolvigNora BrockstedtBare det aller, aller beste15443

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