DK 1965: Weil er ein Chauvi ist, ein Mannesmann

Ach, was hatten die Unterhaltungschefs der europäischen Rundfunkanstalten zu leiden am Grand Prix Eurovision! Nicht nur an den hohen Kosten und am murrenden Volk, wenn die Lieder mal wieder zu schlecht und / oder die Ergebnisse zu enttäuschend waren, sondern vor allem an dem klaffenden Krater zwischen dem eigenen akademischen Anspruch an exquisite Musik und der profanen Notwendigkeit von wettbewerbsfähigen Eurovisionsbeiträgen. Vom deutschen Delegationsleiter dieser Ära, Hans-Otto Grünefeld, weiß man, dass er all zu Gefälliges und Hitverdächtiges, Schlagerhaftes gar, wie es der Plebs bevorzugte, aus vollem Herzen hasste, und er wähnte sich da voll und ganz einig mit seinem dänischen Kollegen Svend Pedersen. Dem ging das seichte Tralala, das gerade sein Sender DR seit 1957 regelmäßig zu den europäischen Festspielen schickte, gewaltig gegen den Strich, und so wollte er eigentlich erst gar nicht teilnehmen in diesem Jahr. Nach einigem guten Zureden ließ er sich dann doch noch breitschlagen, allerdings nur unter der Bedingung, dass endlich einmal „Qualität“ an die Reihe käme. Und so kontaktierte er eine Reihe von klassischen Komponisten, die ihm insgesamt acht Titel für eine strikt hausinterne Jurywahl schrieben. Eine vierköpfige gestrenge Jury, bestehend aus dem Obersten Justizbeamten Eivind Helsted, dem Jazzmusiker Ib Glindemann, dem Programmredakteur Mogens Kilde und dem Komponisten Peder Holm entschied nach dem Anhören dieser Lieder, die lyrisch besonders anspruchsvolle und gesellschaftspolitisch hochbrisante Ballade ‚For din Skyld‘ nach Neapel zu entsenden, in welcher die seinerzeit 38jährige Interpretin Birgit Brüel sich einen Mann wünschte, der vom überkommenen Rollenbild des Eroberers ablässt und in ihr nicht das scheue, zu erjagende Wild sähe, sondern eine gleichberechtigte Partnerin. Unbedingt lobenswert – hätte die Gute diesen fortschrittlich feministischen Text in Form einer Proklamation verlesen und nicht gesungen. Denn als Lied war ‚Aufgrund deiner Schuld‘ einfach nur ein entsetzlich zäher, zu Tode langweilender Brocken, von Frau Brüel zudem mit angemessen griesgrämigen Gesicht vorgetragen. Erstaunlicherweise erhielt sie von den internationalen Jurys zehn Punkte – sehr viel für das damalige Wertungssystem, denn es reichte für den siebten Rang. Augenscheinlich saßen dort etliche des Dänischen mächtigen Feminist/innen. Birgit Thora Marie-Louise Brüel, wie die 1996 verstorbene Jazz-Sängerin und Schauspielerin mit vollem Namen hieß, trug übrigens noch zwei weitere Titel vor bei dieser senderinternen Auswahl, und die Nummer ‚Drømmefloden‘, eine völlig ziellos vor sich hin mäandernde, experimentell klingende Jazzballade fand ihren Weg auf die B-Seite der Single mit dem dänischen Beitrag 1965. Es ist das einzige neben dem Siegersong noch im Netz zu findende Lied dieses Vorentscheids, und die aus dem Anhören des Titels resultierenden Ohrenschmerzen illustrieren auf das Vortrefflichste, warum der Sender DR gut daran tat, die Beiträge dem Fernsehpublikum vorzuenthalten. 

Das Gespenst des Feminismus geht um in Europa: Birgit Brüel in Neapel.

Vorentscheid DK 1965

Dansk Melodi Grand Prix. Donnerstag, 18. Februar 1965, aus dem Studio 2 des Radiohuset in Kopenhagen. Sechs Teilnehmer/innen. Moderation: - (hausinterner Jury-Entscheid).
#Interpret/inTitelPlatz
01Birgit BrüelFor din Skyld1
02Birgit BrüelDrømmefloden--
03Birgit BrüelFørst nu--
04Bjørn TidmandForårsvise--
05Poul BundgaardErindring--
06Otto BrandenburgAt give dig gaver--
07DaimiHele verdens Jenka--
08Birthe WilkeSom du er--

Oder was denkst Du?