PT 1965: Weniger ist mehr

Sie muss nahezu unbegrenzt sein, die lusitanische Leidensbereitschaft. Oder aber das Land versetzt das Trinkwasser seiner Bewohner/innen mit Crystal Meth. Anders ist es nicht zu erklären, dass die südeuropäische Halbinsel zumindest in der ersten Hälfte dieses zweiten Festival da Canção (FdC) nicht in kollektiven, hundertjährigen Tiefschlaf verfiel. Aus der demütigenden Premiere der seinerzeitigen Diktatur beim Eurovision Song Contest 1964, von welchem man mit ganzen → null Punkten wieder abreiste, hatte der Sender RTP nicht das Geringste gelernt: drei bereits im Vorjahr beim FdC präsente Sänger/innen, darunter der in Kopenhagen so glücklose António Calvário, interpretierten vor einer geschmackvoll zurückhaltenden Studiodekoration wie festgenagelt am Mikro stehend vier musikalisch nur in winzigen Nuancen unterscheidbare, so pompös instrumentierte wie uneingängige Schnarchballaden. Ein schwelgerisch geigendurchfluteter, dennoch unglaublich zäher Einheitsbrei, der jede/n nicht unter Aufputschmittelmitteln stehende/n Zuschauer/in umgehend in Morpheus Arme schicken muss. Erst mit dem Erscheinen der legendären Madalena Iglésias auf Startposition 5 kam etwas Schwung in den Abend. Zwar nicht unbedingt musikalisch, dafür bot auch das dezent dramatische ‚Silêncio entre nós‘ (‚Schweigen zwischen uns‘) dem pop-geneigten Ohr zu wenig Anknüpfungspunkte. Dafür aber lieferte die Ritter-Sport-gesichtigte Interpretin, die sich schon bei der FdC-Premiere 1964 mit besonders eindringlicher Mimik aus der Masse der Konkurrent/innen hervorhob, auch diesmal wieder ausdrucksstark ab. Für portugiesische Verhältnisse kokettierte sie fast schon mit der Kamera – ein kleiner Tabubruch, der immerhin für eine Bronzemedaille reichte.

Quadratisch, praktisch, gut: in Madalenas Antlitz zu lesen, ist ein Genuss.

Den Vogel schoss jedoch der zweitplatzierte Artur Garcia (da Silva) ab, der uns im ersten Durchgang mit dem besonders faden ‚Nasci, sonhei, cresci e amei‘ (‚Ich war geboren, ich träumte, ich wuchs auf und ich liebte‘) zur Tarnung noch vollständig ins Koma lullte. Um so überraschender fiel sein zweiter Auftritt mit dem – bitte schnallen Sie sich fest, liebe Leser/innen, Sie werden es kaum glauben – uptemporären (!) ‚Amor‘ aus, der sich als unfreiwilliger Komik-Höhepunkt nicht nur dieses Abends, sondern in der Tat der kompletten Vorentscheidungssaison 1965 entpuppte. Als seien die Geister von Rex Gildo, Jürgen Marcus (→ LU 1976), Raphael (→ ES 1966, 1967), Haldor Lægreid (→ NO 2001) und Liberace gleichzeitig in seinen schmächtigen Körper eingefahren, entzückte der junge Artur mit einer zwerchfellerschütternd lustigen, wenngleich hochgradig anmutigen Darbietung, bei der es mir schlicht unmöglich ist zu sagen, was daran das Schwulste gewesen wäre: der bezaubernde Glitzersakko? Die grazilen Handbewegungen? Das flügelgleiche Spannen der Arme? Das kecke Spiel der Augenbrauen? Oder gar die herrlich süffisant verzickten Blicke, die er dem Zuschauer (und nein: nicht der Zuschauerin!) in die Kamera schickte? Falls Sie meine Begeisterung nicht aus dem Stand heraus teilen können, wundern Sie sich nicht: womöglich muss man sich durch die vorhergehende Ödnis dieses FdC erst durchgequält haben, um die absolute Grandiosität dieser erfrischend kurzen Nummer besonders wertschätzen zu können. Fabelhaft!

Da ist nicht ein einziges heterosexuelles Atom auf dieser Bühne: Artur Garcia besingt die Liebe.

Konsequent wagemutig zeigten sich die portugiesischen Juroren dann aber doch nicht: mit der anderthalbfachen Menge an Voten trug stattdessen Simone de Oliveira (→ PT 1969) den Sieg davon, die zumindest musikalisch etwas konventionellere Ware darbot: ihr ‚Sol de Inverno‘ (‚Wintersonne‘) fügte sich ziemlich nahtlos in die anfangs beklagte Reihe der sandmännchenhaften Violin-Balladen ein und kann sogar als ein Musterbeispiel für den gnädigen Segensreichtum und die unbedingte Notwendigkeit der → Drei-Minuten-Regel gelten: in der FdC-Fassung dauert das bis zur 180-Sekunden-Grenze gar nicht mal so schlechte Stück nämlich fast eine ganze Minute länger, als es die 1958 beim Eurovision Song Contest implementierte Liedlängenobergrenzenverordnung eigentlich zulässt. Wobei gerade der besonders lahme und überflüssige Nachklapp alles wieder einreißt, was die Künstlerin selbst mit ihrer außergewöhnlich einfühlsamen, technisch präzisen und alle Register ziehenden sowie wunderbar dramatischen Interpretation des Titels zuvor aus der Nummer herausgeholt hat. In Neapel gelang es der 2015 mit einem portugiesischen Ritterorden ausgezeichneten Sängerin und Schauspielerin, die im Laufe ihrer Karriere nicht nur zahlreiche Folk- und Popalben aufnahm, sondern auch in etlichen Bühnenstücken (darunter der Musical-Hommage ‚Was passierte mit Madalena Iglésias‘) und Telenovelas mitwirkte, die Schmach des Vorjahres zu tilgen. Zumindest ein bisschen: immerhin erhielt sie einen ganzen Punkt für ihre Darbietung. Ein Aufwärtstrend!

Ein Verweis auf die maritime Tradition Portugals: die Fischernetz-Ärmel von Simones FdC-Outfit.

Vorentscheid PT 1965

Festival da Canção. Samstag, 6. Februar 1965, aus den Estúdios da Tóbis in Lissabon. Vier Teilnehmer/innen. Moderation: Henrique Mendes.
#Interpret/inTitelPunktePlatz
01António CalvárioPor Causa do Mar136
02Simone de OliveiraSilhuetas ao Luar284
03Artur GarciaNasci, sonhei, cresci e amei185
04António CalvárioVocê não vê028
05Madalena IglésiasSilêncio entre nós463
06Artur GarciaAmor662
07Simone de OliveiraSol de Inverno911
08António CalvárioBom Dia067

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