DK 1966: Kann ich die Wurst mal sehen?

Dass auf Geheiß des dänischen Eurovisionsverantwortlichen Svend Pedersen im Vorjahr eine interne Auswahl stattfand mit Songs, die „Qualität“ beinhalten sollten, und dass als deren Ergebnis in Neapel der wohl feministischste Grand-Prix-Beitrag dieser Ära zu hören war, zeigt Nachwirkungen: der Wiener Dichter und Büchner-Preisträger Hans Carl Artmann, bekannt für seine Mundartgedichte und seine surrealistischen Erzählungen, nahm als Sänger am 1966 wieder als öffentlicher Vorentscheid stattfindenden Melodi Grand Prix teil, dort allerdings unter dem Künstlernamen Ib Hansen. Ob sein Lied ‚Lille Veninde‘ (‚Kleine Freundin‘) allerdings hohen poetischen Ansprüchen genügte, lässt sich nur schwer beurteilen: leider ist es in den Tiefen des Netzes nicht aufzufinden. Dafür stolpert man dort über eine absolute Vorentscheidungsperle aus der Kehle des alten Bekannten Gustav Winckler (→ DK 1957). Der MGP-Dauergast widmet sich in seinem Beitrag einem bis dato beim Eurovision Song Contest noch niemals behandelten Thema (auch wenn sich sicherlich das eine oder andere Lied schon mal in irgendeiner Form der Fleischeslust widmete): der ‚Salami‘ nämlich! Oder handelt es sich hier gar um einen Euphemismus? Schließlich sieht die Eselswurst schon ziemlich phallisch aus, wenn man sie nicht gerade in Scheiben schneidet. Die dänischen Juroren vermochte die wurstig-entspannt swingende Jazz-Ballade jedoch nicht zu überzeugen: mit lediglich einem Gnadenpünktchen verhungerte Gustav auf dem letzten Platz. Da saßen wohl hauptsächlich Vegetarier in der Jury!

Und als Getränk dazu gibt’s leckeres Wurstwasser: der Wincklergustav mit seiner Ode an den Fleischesriemen (Audio).

Auch Dario Campeotto (→ DK 1961) musste sich mit nur einem Pünktchen begnügen. Anstelle der gesetzten Herrschaften räumte eine 21jährige, jugendlich-frisch und vergnügt wirkende Newcomerin ab, die zu ihrer eigenen Überraschung die Partie erdrutschartig gewann. Die Rede ist von Ulla Pia Nielsen, für die mit dem peppigen ‚Stop – mens Legen er god‘ (wörtlich: ‚Stopp – solange das Spiel noch gut ist‘, sinngemäß etwa: ‚Man soll aufhören, wenn es am Schönsten ist‘) eine fruchtbare Schlagerkarriere begann. Und das trotz verhältnismäßig schlechter Bewertung beim Contest in Luxemburg, wo ihr möglicherweise die Text-Bild-Schere zum Verhängnis geriet. Ihre strenggenommen recht sittsamen Lyrics, mit denen sie versuchte, einen zudringlichen Verehrer abzuwehren, konterkarierte sie nämlich mit einem unbekümmert strahlenden Vortrag sowie einem echten Wettbewerbs-Novum: nahm sie doch ein twistendes Tänzerpaar mit auf die Bühne, welches während der Brücke eine kurze Showeinlage präsentierte. Damit gebührt Ulla der Ehrentitel der Pionierin des Grand-Prix-Schautanzes, eines heutzutage geradezu unverzichtbaren Bestandteils des Gesamtpaketes aus den essentiellen drei S – Song, Stimme und Show. Mit dieser skandinavisch-frischen Fröhlichkeit war sie beim ESC ihrer Zeit ein wenig voraus.

Die Mutter aller Eurovisionschoreografien: Ulla Pia.

Ulla versuchte es in der Folge auch auf dem lukrativen deutschen Markt, kurioserweise unter dem Künstlernamen Ulla Björn. Weil „Pia“ so viel schwerer über die deutsche Zunge geht als „Björn“? Oder weil ihr echter Name nicht skandinavisch genug klingt? Manchmal mag man nur noch mit dem Kopf schütteln über die Eigenheiten des hiesigen Schlagermarktes. Jedenfalls gelang ihr mit ‚Eine Rose macht noch keinen Kavalier‘ kein nennenswerter Hit. Dafür übernahm sie dann saftige Stimmungsschlager aus der Schatulle des heimischen Hitmachers Christian Bruhn (‚Zwei kleine Italiener‘ → DE 1962), wie beispielsweise das hierzulande von Ullas norwegischer Grand-Prix-Kollegin Wencke Myhre (→ DE 1968) präsentierte ‚Ding Dong Bama Lama Sing Song Teeny Weeny Flower Power Kleid‘, mit dessen etwas weniger schmissigen dänischen Einspielung ‚Flower Power Tøj‘ sie zu Hause einen von zahlreichen Verkaufserfolgen zeitigen konnte. Svend Pedersen hingegen riss bei all dieser ungeliebten kommerziellen Fröhlichkeit die Hutschnur: er nahm Ullas unverschämt schwungvollen Eurovisionstitel ‚Stop!‘ sehr wörtlich und stoppte die dänische Beteiligung am Eurovision Song Contest. Für die nächste Dekade mussten wir auf Beiträge aus unserem skandinavischen Nachbarland verzichten.

Wäre rein linguistisch gesehen ebenfalls ein perfekter Eurovisionstitel mit einem international verständlichen Refrain gewesen: das Flower Power Tøy (Repertoirebeispiel).

Vorentscheid DK 1966

Dansk Melodi Grand Prix. Sonntag, 6. Februar 1966, aus dem Tivoli in Kopenhagen. Sechs Teilnehmer/innen. Moderation: Annette Faaborg.
#Interpret/inTitelPunktePlatz
01Dario CampeottoHjerte for hjerte015
02Ib HansenLille Veninde093
03Anette BlegvadMelodien kan findes093
04Sussie FaberMon Cœur162
05Gustav WincklerSalami015
06Ulla Pia NielsenStop! - Mens Legen er god271

Oder was denkst Du?