NL 1966: Oranje is the new black

Über ein ganze Woche zog sich, wie bereits im Vorjahr, die niederländische Vorentscheidung von 1966: in fünf aufeinanderfolgenden Vorrunden trat zunächst jeder der fünf Finalist/innen mit jeweils drei Titeln an, aus denen eine jeweils 15köpfige Jury den jeweiligen Beitrag für das Finale des Nationaal Songfestival heraussuchte. Dort trafen dann unter der Moderation von Eurovisionssiegerin Teddy Scholten (→ NL 1959) so unterschiedliche Künstler/innen zusammen wie Piet Sybrandi, der sich schon 1960 vergeblich am NSF beteiligt hatte und auch heuer den letzten Platz belegte, und das noch relativ neue Schlagerduo The Luckberrys, deren für deutsche Ohren lustig zu lesender Titel ‚Mijn Hart klopt alleen maar voor jou‘ die Vorauswahl nicht überlebte und stattdessen dem superpeppigen Rock’n’Roll-Schlager ‚Dromen zijn Bedrog‘ den Vortritt lassen musste. ‚Träume sind Betrug‘: ich höre vor meinem inneren Ohr förmlich, wie Bernd Meinunger ob dieses Schlagertext-Sakrilegs in schockbedingte Schnappatmung verfällt! Die fünf Vorrundenjurys stimmten im Finale gemeinschaftlich über das Siegerlied ab, und sie trafen mit sehr klarer Mehrheit eine in zweierlei Hinsicht fortschrittliche und mutige Wahl. Denn sie entschieden sich den Song ‚Fernando en Filippo‘, vom niederländischen Kommentatoren beim Eurovision Song Contest als „Parodie“ auf die allseits beliebten und stets klischeetriefenden Mexiko-Schlager angekündigt, mit denen sich der Westeuropäer gerne mal ein wenig Exotik und südamerikanische Lebensfreude in die Wohnstube holte. Die Nummer eröffnete mit den legendären lautmalerischen Textzeilen „Tong-ki tong ti-ki kong-kong-kong“ und lieferte in den Strophen auch nicht viel Tiefgreifenderes über den Chilenen Fernando und seinen Nebenbuhler Filippo ab. Noch wegweisender als dieser erste offizielle Comedy-Song der Grand-Prix-Geschichte aber war die Wahl seiner Interpretin.

Dahinten liegt San Antonio, gleich links von der Bühne und dann nur ein paar tausend Kilometer über den Atlantik.

Denn bei Marion Henriette Louise Molly, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Milly Scott, handelte es sich um die erste Schwarze beim Eurovision Song Contest, verfügt die gebürtige Niederländerin doch über surinamische Wurzeln. Die ehemalige holländische Kolonie, popkulturell verewigt durch den deutschen Easy-Listening-Knüller ‚The Girls from Paramaribo‘, die erst 1975 ihre vollständige Unabhängigkeit erlangte, liegt ebenfalls in Lateinamerika. Was der Nachtclubsängerin Milly, die im Jahr zuvor durch eine eigene TV-Show Bekanntheit erlangt hatte, zusätzliche Authentizität verlieh. Um die parodistische Absicht des Beitrags zu visualisieren, fuhr das niederländische Fernsehen bei der Präsentation eine eigene, elaborierte Bühnenshow mit zwei mittels Poncho und Sombrero stilecht verkleideten Fake-Gitarrenspielern auf, welche als die angesprochenen „Fernando“ und „Filippo“ fungierten. Nervöse Tanzeinlagen von Milly, die sich zudem zum Songauftakt noch nicht auf der Bühne befand, sondern erst nachträglich über eine Wendeltreppe eintrippelte, über welche sie zum Ende auch wieder verschwand, ergänzten das Ganze zu grandiosem Grand-Prix-Kino! Welches leider unverstanden blieb: auch wenn Frau Scott ihr (in der Tat skandalös) schlechtes Ergebnis in einem Interview auf „rassistische Juroren“ zurückführte, so dürfte das Gesamtkunstwerk, wie so viele andere Comedy-Beiträge, wohl eher an der Humorlosigkeit der konservativen Jurys gescheitert sein. Oder präziser an der traurigen Tatsache, dass 90% der Menschen (natürlich mit der löblichen Ausnahme der aufrechtgehn.de-Leser/innen!) für Ironie nicht empfänglich sind und damit auch Parodien für bare Münze nehmen. Ein wenig tröstlichen Zuspruch erhielt Milly in Luxemburg vom Sieger des Jahrgangs, Udo Jürgens, der ihr bestätigte, eine gute Sängerin zu sein. Auf Udo traf die im Laufe ihrer bewegten Karriere zeitweilig auch in Deutschland lebende Niederländerin laut ihrer Autobiografie auf einem Kreuzfahrtschiff wieder, wo der Österreicher die Hochzeit seiner Tochter feierte und sie das Bordunterhaltungsprogramm bestritt. Einen zweiten Karrierefrühling erlebte Milly Mitte der Neunzigerjahre, als sie eine Rolle in der holländischen RTL-Serie Vrouwenvleugel übernahm, der Vorlage für Hinter Gittern – Der Frauenknast.

Orange is the new Black konnten die Niederländer bereits 20 Jahre früher.

Vorentscheid NL 1966

Nationaal Songfestival. Samstag, 5. Februar 1966 aus dem Tivoli in Utrecht. Fünf Teilnehmer/innen. Moderation: Teddy Scholten.
#Interpret/inTitelPunktePlatz
01Helen ShepherdWereld033
02Piet SybrandiIk heb je lief025
03The LuckberriesDromen zijn Bedrog152
04Bob BouberNog wel bedankt033
05Milly ScottFernando en Filipo521

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