DE 1966: Vorwärts und nie zurück

Margot Eskens, DE 1966
Die Preußische

Karrierezerstörende → Null-Punkte-Resultate zu ersingen, darauf ließen sich Mitte der Sechziger die wenigsten deutschen Schlagerstars noch ein, und so hatten die Organisatoren langsam ernsthafte Probleme, noch Sänger/innen für den Grand Prix zu finden. Aber eine wollte – eine, die man vor ein paar Jahren zugunsten von Heidi Brühl (→ Vorentscheid 1960, DE 1963) fallen gelassen hatte. Und auch diesmal, so kolportiert es Jan Feddersen in seiner Grand-Prix-Bibel ‚Ein Lied kann eine Brücke sein‘, wollten die ARD-Oberen viel lieber die Niederländerin Corry Brokken (→ NL 1956, 1957, 1958, Moderation 1976) importieren, in Deutschland zuletzt mit dem todtraurigen Tränenzieher ‚La Mamma‘ sehr erfolgreich. Doch die erinnerte sich wohl noch an die rüden Umgangsformen der Frankfurter (nach ihrem Sieg beim ESC 1957 hatte ihr der damalige hr-Direktor zunächst eine Trophäe überreicht, nur um sie ihr kurz darauf wieder zu entreißen und an ihren → Komponisten auszuhändigen, welcher der wirkliche Gewinner sei, wie man ihr auf Deutsch beschied) und sagte ab.

Die Klage von Apple ist schon unterwegs: Wencke Myhre (→ DE 1968), Siegerin der Deutschen Schlagerfestspiele 1966

So also durfte Margot Eskens (→ Vorentscheid 1956, 1962, 1963) nun tatsächlich an den Start, und zwar ohne Vorentscheidung. In einer strikt internen Jurywahl suchte man ihr hinter verschlossenen Türen das bedächtige ‚Die Zeiger der Uhr‘ aus, wiederum ein wirklich wunderschöner, melancholischer Erbauungsschlager über das unaufhaltsame Rinnen des Lebens, von Frisurenwunder Eskens stimmlich wohltimbriert vorgetragen. Mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass eben jener klassische deutsche Schlager real schon längst im Leichenschauhaus lag: in den Verkaufscharts hatte der bewusst mit amerikanischem Akzent singende („doch ich bleib Dir troy“) Drafi Deutscher mit seinen Beatsongs längst die alte Garde abgelöst, die beispielsweise in Form von Freddy Quinn (→ DE 1956) und seinem bewusst vage gehaltenen ‚100 Mann und ein Befehl‘ lediglich noch die letzten Rückzugsschlachten schlug.

Chart-Watch 1966: die meistverkaufte deutschsprachige Single 1966 bedient, gut getarnt als Antikriegslied, tatsächlich doch eher die Freunde von Landserromantik 

Dem beliebten TV-Moderator Hans-Joachim „Kuli“ Kulenkampff blieb es vorbehalten, den Eurovisionsbeitrag in seiner Samstagabendshow EWG (das bewusst an der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft angelehnte Kürzel stand für Einer wird gewinnen) vorzustellen, wobei er sich in einer seiner berüchtigten, gedankenwirren Anmoderationen dermaßen rettungslos in seinen Schachtelsätzen verhedderte, dass die arme, hinter den Kulissen atemlos wartende Sängerin beinahe ihren Einsatz verpasste. In Luxemburg lief es dann auch nicht besonders, und die Platte blieb ebenfalls in den Regalen liegen. So zeigte sich Frau Eskens im Kurzinterview für eins der mittlerweile zahlreichen Grand-Prix-Specials des hr dann auch im Nachhinein ein wenig verbittert über ihre Eurovisionserfahrung. Sie, so der still aus ihrem Gesichtsausdruck sprechende Vorwurf, hatte sich doch an alle Absprachen gehalten und immer brav alles getan, was man von ihr verlangte. Und dennoch blieb der zweite Karrierefrühling aus. Undank ist der Welten Lohn!

Die Frau mit der Stoffrose

Deutsche Vorentscheidung 1966
Einer wird gewinnen. Samstag, 19. Februar 1966, aus dem Sendestudio des Hessischen Rundfunks, Frankfurt. Eine Teilnehmerin. Moderation: Hans-Joachim Kulenkampff (Songvorstellung im Rahmen der Sendung).

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