ESC 1966: Zwin­gen kann man kein Glück

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Das Jahr der Show­trep­pe

Das zehn­jäh­ri­ge Jub­liäum des Euro­vi­si­on Song Con­tests nahm die EBU zum Anlass, im Früh­jahr 1966 bei den teil­neh­men­den TV-Anstal­ten Ide­en für die künf­ti­ge Gestal­tung des Wett­be­werbs zu sam­meln. Dabei zeig­ten sich regio­nal sehr unter­schied­li­che Schwer­punk­te, wie Gor­don Rox­burgh in der Fibel Songs for Euro­pe auf­lis­tet: so bestan­den die skan­di­na­vi­schen Sen­der dar­auf, dass der “musi­ka­li­schen Qua­li­tät” der Bei­trä­ge die abso­lu­te Prio­ri­tät ein­zu­räu­men sei. Die west­eu­ro­päi­schen Anstal­ten wie die ARD, das bel­gi­sche BRT, der ORF und das fran­zö­si­sche Fern­se­hen woll­ten vor allem die Teil­neh­mer­zahl von zuletzt 18 Natio­nen redu­zie­ren und schlu­gen ver­schie­de­ne For­ma­te für Semi­fi­na­le vor, wie sie sich aber erst 2004 durch­set­zen soll­ten. Die lin­gu­is­tisch zwie­ge­spal­te­nen Bel­gi­er votier­ten dabei für die Zutei­lung der Län­der anhand von Sprach­grup­pen, was ihnen selbst gleich zwei Start­plät­ze beschert hät­te: einen für Flan­dern in der nie­der­län­di­schen Vor­run­de, einen für Wal­lo­ni­en in der ungleich grö­ße­ren fran­zö­si­schen Grup­pe. Noch mehr Bei­trä­ge hät­te dies für die Schweiz bedeu­tet: einen für das deut­sche Semi, einen fürs fran­zö­si­sche und einen wei­te­ren fürs ita­lie­ni­sche. Die RAI woll­te den Wett­be­werb hin­ge­gen ger­ne über zwei oder gar drei Aben­de stre­cken, nicht unähn­lich dem eige­nen San-Remo-Fes­ti­val. Die BBC nahm Anstoß an der über­pro­por­tio­na­len Prä­senz Frank­reichs, das via Mona­co und Luxem­burg stets drei­fach ver­tre­ten war und sich im Jury­vo­ting gegen­sei­tig die Punk­te zuschau­feln konn­te. Das skan­di­na­vi­sche Ver­lan­gen nach “Qua­li­tät” konn­ten die Bri­ten nicht nach­voll­zie­hen: der Sie­ger­song wür­de schließ­lich stets anhand sei­nes “Pop-Appeals” bewer­tet.

Klei­ne Büh­ne, gro­ße Show: 1966, ein Mei­len­stein-Con­test.

Der klei­ne Luxem­bur­ger Sen­der CLT, auf­grund des Vor­jah­res­sie­ges der in Paris ein­ge­kauf­ten Fran­ce Gall mit der Aus­rich­tung des 1966er Wett­be­werbs beauf­tragt, woll­te die damit ver­bun­de­nen finan­zi­el­len und orga­ni­sa­to­ri­schen Her­aus­for­de­run­gen am liebs­ten auf meh­re­re Schul­tern legen. Man kön­ne doch, so der Vor­schlag, den Abend auf zwei bis drei TV-Anstal­ten auf­tei­len, die jeweils nur einen Part der Show pro­du­zie­ren, und dann zum nächs­ten Sen­der umschal­ten: ein logis­ti­scher Alp­traum in den Augen der ande­ren EBU-Mit­glie­der, wel­che die Idee dann auch eben­so strikt zurück­wie­sen wie den luxem­bur­gi­schen Alter­na­tiv­vor­schlag, anstel­le einer Live-Show mit Live-Orches­ter vor­ab von den ent­sen­den­den Teil­neh­mer­län­dern auf­ge­zeich­ne­te Video­clips über den Äther zu jagen und sich ledig­lich auf die Orga­ni­sa­ti­on des Jury­vo­tings zu beschrän­ken. Einig­keit bestand hin­ge­gen dar­über, dass alle Lie­der künf­tig ver­pflich­tend in → Lan­des­spra­che vor­zu­tra­gen sei­en und dass die Jurys zur Hälf­te aus “Musik-Exper­ten” bestehen sol­len, was die EBU als ein­zi­ge Ände­run­gen ins Regel­werk über­nahm. Trotz der vori­gen peku­niä­ren Besorg­nis kam das Para­dies steu­er­schma­rot­zen­der Brief­kas­ten­fir­men sei­ner Aus­tra­gungs­ver­pflich­tung dann bes­tens nach. CLT fuhr neben einem futu­ris­ti­schen, voll beweg­li­chen Deko­ra­ti­ons-Mobi­le ein gro­ßes (wenn auch gele­gent­lich etwas schief spie­len­des) Orches­ter auf, neben dem die ohne­hin schma­le, durch eine bemal­te Milch­glas-Trenn­wand ein­ge­heg­te Büh­ne umso win­zi­ger wirk­te. Zumal mehr als die Hälf­te des ver­blie­be­nen Plat­zes auch noch für eine groß­zü­gig dimen­sio­nier­te Wen­del­trep­pe drauf­ging, über wel­che die Interpret/innen nebst Diri­gen­ten stan­des­ge­mäß ein­schweb­ten. Das muss man ihnen wirk­lich las­sen: Gla­mour kön­nen sie im Groß­her­zog­tum!

1966 gab’s kei­ne Som­mer­zeit, da dreh­ten sich die Uhren tat­säch­lich “nie­mals zurück” (DE).

Die Luxem­bur­ger plat­zier­ten die zur Erzeu­gung eines Ste­reo-Tons benö­tig­ten Dop­pel-Mikro­fo­ne im Gegen­satz zur RAI nicht neben- son­dern unter­ein­an­der und auch nicht direkt vor dem Gesicht der Sänger/innen, son­dern unge­fähr auf Brust­hö­he, so dass man sie kaum im Bild sah. Den­noch beein­druck­te der Sound sehr. Anschei­nend ver­füg­te CTL also über eine ähn­lich aus­ge­reif­te Auf­nah­me­tech­nik wie die BBC anno 1963. Aus­ge­rech­net bei Mar­got Eskens, die an ers­ter Stel­le star­ten muss­te, war das Mikro­fon jedoch auf Mund­hö­he ein­ge­stellt. Klang die Deut­sche des­we­gen so unan­ge­nehm laut? Vor allem wäh­rend des Refrains des besinn­li­chen Chan­sons ‘Die Zei­ger der Uhr’ leg­te sich die Eskens stimm­lich sehr ins Zeug. Was aller­dings eher einen aggres­si­ven als einen kom­pe­ten­ten Ein­druck hin­ter­ließ, wel­cher sich durch die Text­zei­le “Vor­wärts, vor­wärts, und nie zurück” nur noch ver­stärk­te: unwill­kür­lich dach­te man an DDR-Jah­res­tags­pa­ra­den und Reden von Erich Hon­ecker. So kam für den eigent­lich sehr nach­denk­li­chen Sterb­lich­keits-Schla­ger ledig­lich ein zehn­ter Rang her­aus. Eine im Übri­gen durch­aus gerech­te Bewer­tung, das hat­te nichts mit der ansons­ten deut­lich fest­stell­ba­ren Punk­te­schie­be­rei der west(!)-europäischen → Jurys zu tun, wel­che sich durch die Hin­zu­nah­me der “Musik-Exper­ten” augen­schein­lich nur noch ver­schlim­mer­te. Was man unter ande­rem am Bei­spiel der heu­er fran­ko­phi­len Schweiz sehen konn­te, die sich einer beson­ders dünn­stim­mi­gen Pari­ser Chan­teu­se namens Made­lei­ne Pas­cal bedien­te, die für ihr piep­sig dahin­ge­hauch­tes und musi­ka­lisch kom­plett sub­stanz­lo­ses ‘Ne vois-tu pas?’ einen unglaub­li­chen sechs­ten Platz klar­mach­te.

Kein Meer ist so wild wie sei­ne Lie­be: Sex­gott Udo Jür­gens (AT).

Auch der Sie­ger die­ses Jahr­gangs, der vom ORF bereits zum drit­ten Mal in Fol­ge intern aus­ge­wähl­te Udo Jür­gens, bedien­te sich in geschick­ter Umge­hung der → Lan­des­spra­chen­pflicht des bei sei­nem deut­schen Grand-Prix-Kol­le­gen Wyn Hoop (→ DE 1960, ‘Bon­ne Nuit, ma Ché­rie’) abge­schau­ten Tricks, so fran­zö­sisch wie mög­lich zu klin­gen. Was ihm vor allem durch eine sehr spar­sa­me und aus­ge­spro­chen red­un­dan­te text­li­che Aus­stat­tung der Stro­phen sei­nes fran­zö­sisch beti­tel­ten Wett­be­werbs­bei­trags ‘Mer­ci, Ché­rie’ gelang. Nach einem sechs­ten und einem vier­ten Platz in den bei­den Vor­jah­ren deu­te­te sich ein even­tu­ell mög­li­cher Sieg des zu die­sem Zeit­punkt bereits weit über die Gren­zen der DACH-Regi­on hin­aus bekann­ten und erfolg­rei­chen, Ende 2014 viel zu früh ver­stor­be­nen Kärnt­ners bereits an: mit dem musi­ka­lisch dra­ma­tischs­ten sei­ner drei Grand-Prix-Lie­der, einem eben­so char­mant for­mu­lier­ten wie inhalt­lich bru­ta­len Raus­wurf des One-Night-Stands am nächs­ten Mor­gen, gelang es ihm nun end­lich! Die Sprach­fin­te ging voll auf: alle fran­ko­pho­nen Län­der ver­sorg­ten Udo und sei­ne her­aus­ra­gen­de Kom­po­si­ti­on mit Punk­ten. Nur aus Deutsch­land erhielt die gran­di­os struk­tu­rier­te Kla­vier­bal­la­de mit ihren abwech­selnd streng kon­trol­lier­ten, orgi­as­tisch über­bor­den­den und beru­hi­gend sanf­ten Ton­fol­gen gan­ze null Zäh­ler. Da war wohl inner­halb unse­rer Jury unver­bräm­ter Neid im Spiel, bekann­ter­ma­ßen die auf­rich­tigs­te Form der Aner­ken­nung. Einen Top-Ten-Hit (#4) warf die Sin­gle hier­zu­lan­de trotz­dem ab: da zeig­te sich das plat­ten­kau­fen­de Publi­kum deut­lich sou­ve­rä­ner als die angeb­li­chen, ich kann sie daher immer wie­der nur in bewusst abwer­tend gemein­te Anfüh­rungs­zei­chen set­zen, “Musik-Exper­ten” der Jury.

Was haben bloß die jau­len­de Süd­see­gi­tar­re und das mar­schie­ren­de Kla­vier in die­sem fra­gi­len Lie­bes­lied ver­lo­ren? (IT)

Am ande­ren Ende der Tabel­le fand sich der eben­falls zum drit­ten Mal teil­neh­men­de Ita­lie­ner Dome­ni­co Modug­no (→ IT 1958, 1959). Und das, obwohl sein ‘Dio, come ti amo’ zu den herz­zer­rei­ßend schöns­ten, ein­dring­lichs­ten Lie­bes­er­klä­run­gen der Mensch­heits­ge­schich­te zählt und mich beim Anhö­ren nie­mals ohne Trä­nen der Ergrif­fen­heit hin­ter­lässt. Jeden­falls von Plat­te. Lei­der beherrsch­te der Can­t­au­to­re aber auch wie kein Zwei­ter die Kunst der Selbst­zer­stö­rung: ent­ge­gen aller EBU-Regeln bestand Modug­no hart­nä­ckig dar­auf, dass sei­ne ursprüng­lich äußerst intim daher­kom­men­de Kom­po­si­ti­on beim Wett­be­werb in einer vom Maes­tro selbst erst kurz vor der Sen­dung völ­lig neu arran­gier­ten, bei­na­he kar­ne­valsk klin­gen­den Fas­sung dar­zu­brin­gen sei. Bereits bei den Pro­ben kam es zum Eklat: Modug­no ver­ließ rau­chend vor Zorn die Büh­ne, weil die Orches­ter­mu­si­ker sich zunächst wei­ger­ten, die vom Lied­schöp­fer so grau­sam ent­stell­te Ver­si­on zu spie­len, die im übri­gen län­ger dau­er­te als die erlaub­ten → drei Minu­ten. Am Ende gaben die generv­ten Ver­an­stal­ter nach: das einst­mals so herr­li­che Can­zo­ne ging in der von Modug­no gewünsch­ten Faschings­fas­sung über die Anten­ne. → Null Punk­te von der Jury und ein veri­ta­bler kom­mer­zi­el­ler Flop außer­halb Ita­li­ens waren die so bestür­zen­de wie gerech­te Kon­se­quenz der Unein­sich­tig­keit des Auto­ren.

Gott, wie ich die­ses Lied lie­be! (IT, hier beim San-Remo-Fes­ti­val, gesun­gen von Giglio­la Cin­quet­ti).

Hät­te die RAI den fan­tas­ti­schen Song mal lie­ber sei­nem Schöp­fer aus den Hän­den genom­men und an sei­ner Stel­le die Zweit­be­set­zung beim San-Remo-Fes­ti­val dort­hin geschickt: die noch immer jugend­lich-unschul­dig wir­ken­de Grand-Prix-Sie­ge­rin von 1964, Giglio­la Cin­quet­ti, hauch­te die in gran­dio­ser Wei­se zwi­schen hor­mon­ver­ne­bel­ter Lob­prei­sung und schmerz­vol­ler Selbst­ver­lo­ren­heit chan­gie­ren­de Bal­la­de mit ange­mes­sen flüs­tern­der Stim­me vor einer deut­lich pas­sen­de­ren, zurück­ge­nom­me­nen Instru­men­tie­rung dahin. Ihre Ver­si­on, auf Plat­te ein μ weni­ger ein­dring­lich als Dome­ni­cos Ori­gi­nal­ein­spie­lung, dafür live deut­lich bes­ser, geriet als Titel­me­lo­die eines Spiel­films zum Ver­kaufs­er­folg in Süd­ame­ri­ka. Das Lied wur­de dane­ben unter ande­rem von zahl­rei­chen wei­te­ren ita­lie­ni­schen und euro­päi­schen Grand-Prix-Kol­le­g/in­nen Modug­nos geco­vert, dar­un­ter auch von der gebür­ti­gen Kroa­tin Tere­za Keso­vi­ja (→ YU 1972). Die trat bei die­sem Wett­be­werb eben­falls an, aller­dings nicht, wie man mei­nen könn­te, für Jugo­sla­wi­en, son­dern, basie­rend auf Ver­bin­dun­gen, die sie im Zusam­men­hang mit Auf­trit­ten in Pari­ser Caba­rets knüp­fen konn­te, für Mona­co. Was sich vor allem an den bei­den Accent aigus bemerk­bar mach­te, die man an ihren Vor­na­men dran­papp­te. Ihre eige­ne Schnarch­bal­la­de erwies sich aber kei­nes­falls, wie der Titel ver­sprach, als ‘Bien plus fort’ (‘Stär­ker’) als die Kon­kur­renz – ganz im Gegen­teil. Denn nicht nur ‘Dio, come ti amo’ ver­bin­det Dome­ni­co mit Téré­za, son­dern auch ihr Score: wie der Ita­lie­ner kas­sier­te auch die mone­gas­si­sche Ver­tre­te­rin eine dicke fet­te (und eben­so ange­mes­se­ne) → Null.

Nur beim Euro­vi­si­on Song Con­test! (SE)

Eine her­aus­ra­gen­de Rol­le spiel­ten in die­sem Jahr die Skandinavier/innen, sowohl in musi­ka­li­scher Hin­sicht als auch in Sachen → Block­vo­ting. Das bis dahin in der Wahr­neh­mung eher rand­stän­di­ge Schwe­den lie­fer­te erst­mals einen ech­ten Euro­vi­si­ons­klas­si­ker ab: die mon­dän gestyl­te Lill Lind­fors (unver­ges­sen als Mode­ra­to­rin des Grand Prix 1985) und ihr optisch dop­pelt so alter, tat­säch­lich aber nur drei Len­ze mehr zäh­len­der Beglei­ter Svan­te Thures­son besan­gen in ihrem jaz­zi­gen Easy-Lis­ten­ing-Knül­ler ‘Nygam­m­al Vals’ einen “hip­pen Schwei­ne­hir­ten”. Doch, wirk­lich! Den fan­tas­tisch obsku­ren Text, basie­rend auf einem alten schwe­di­schen Volks­mär­chen, und die hip­pe Läs­sig­keit ihres Songs unter­strich Lill Lind­fors, die wohl cools­te Euro­vi­si­ons­teil­neh­me­rin aller Zei­ten, mit einer zum Nie­der­kni­en amü­san­ten Mimik. Lei­der blieb das unüber­treff­li­che Grand-Prix-Klein­od außer­halb Skan­di­na­vi­ens fast kom­plett unver­stan­den, dafür aber schau­fel­ten die Juro­ren der skan­di­na­vi­schen Nach­bar­na­tio­nen Däne­mark, Finn­land und Nor­we­gen unter ver­nehm­li­chem Mur­ren des haupt­säch­lich aus Dele­ga­ti­ons­mit­glie­dern der kon­kur­rie­ren­den Län­der bestehen­den Saal­pu­bli­kums dem schwe­di­schen Duo (und sei­nem schwar­zen Flö­tis­ten) jeweils die ver­dien­te Höchst­punkt­zahl zu. Am Ende reich­te es für den bes­ten schwe­di­schen Bei­trag aller Zei­ten zur ver­dien­ten Sil­ber­me­dail­le.

Gegen­über dem Melo­di Grand Prix eigens für den ESC um eine Minu­te ver­län­gert: Åse Kleve­lands Gitar­ren­bal­la­de (NO).

Mit der nor­we­gi­schen Folk­bar­din Åse Kleve­land stand gar die künf­ti­ge Kul­tus­mi­nis­te­rin des Staa­tes (und damen­haft gestren­ge Mode­ra­to­rin des Euro­vi­si­on Song Con­test 1986) auf der Euro­vi­si­ons­büh­ne. Für ihre sehr grand-prix-unty­pi­sche, lie­der­mach­er­haft geklampf­te Mit­tei­lung, es gebe ‘Nichts Neu­es unter der Son­ne’, wur­de sie mit dem drit­ten Rang ange­mes­sen ent­lohnt. Erstaun­lich, wo sich ihre musi­ka­lisch wie lyrisch lako­ni­sche und sehr sub­til sys­tem­kri­ti­sche Num­mer, eben­so wie ihr für dama­li­ge Ver­hält­nis­se abso­lut unda­men­haf­ter Hosen­an­zug, im rest­li­chen Wett­be­werbs­um­feld in ästhe­ti­scher Hin­sicht gera­de­zu links­ra­di­kal aus­nah­men. Augen­schein­lich ver­füg­ten eini­ge Juro­ren doch über ein lei­ses Gespür für die lang­sam stär­ker wer­den­den gesell­schaft­li­chen Span­nun­gen und das Auf­be­geh­ren der Jugend gegen ihre kon­ser­va­ti­ve Eltern­ge­ne­ra­ti­on. Nicht von der Skan­di­ma­fia pro­fi­tier­ten hin­ge­gen die Dänen: Ulla Pias ver­spielt-jaz­zi­ges ‘Stop – mens Legen er go!’, einer der fröh­li­che­ren Bei­trä­ge des Abends, war mit dem 14. Platz kri­mi­nell unter­be­wer­tet, zumal unse­re nor­di­schen Nach­barn zur opti­schen Kennt­lich­ma­chung des Schwungs die­ses groß­ar­ti­gen Schla­gers noch ein enthu­si­as­tisch twis­ten­des Pär­chen mit auf die enge Büh­ne quetsch­ten. Damit eta­blier­te sich das stets pro­gres­si­ve Land als Vor­rei­ter des → Euro­vi­si­ons­show­tan­zes: zwar fei­er­ten die deut­schen Kess­ler-Zwil­lin­ge bereits 1959 mit der aller­ers­ten Tanz­ein­la­ge beim Grand Prix Pre­miè­re. Aber die Dänen waren die ers­ten, die hier­für eigens zusätz­li­che Men­schen auf die Büh­ne hol­ten, deren Auf­ga­be nicht (auch) im Sin­gen bestand.

Auch Ullas Diri­gent ließ sich mit­rei­ßen. Die luxem­bur­gi­schen Blech­blä­ser hat­te er aller­dings nicht im Griff (DK).

Dass die Südskandinavier/innen für die nächs­ten elf Jah­re dem Wett­be­werb fern blie­ben, war aber nicht allei­ne dem unver­dient schlech­ten Ergeb­nis beim Grand Prix 1966 geschul­det: der sei­ner­zei­ti­ge Unter­hal­tungs­chef des däni­schen Sen­ders hass­te seit jeher das euro­päi­sche Fest des Pop-Tan­des, und dass die BBC sei­nen Wunsch nach enge­ren Kri­te­ri­en für “Qua­li­täts­mu­sik” (ver­glei­che dazu den Vor­jah­res­bei­trag von Bir­git Brüel) so schroff zurück­wies, war wohl der Trop­fen, der das Fass zum Über­lau­fen brach­te. Ande­rer­seits: wenn man sich vor Augen führt, was die Dänen seit sei­ner Demis­si­on und damit ver­bun­den ihrer Grand-Prix-Rück­kehr 1978 so alles zum Con­test schick­ten, kommt man nicht umhin, sich gele­gent­lich zu wün­schen, er hät­te dort noch immer das Sagen! Eben­falls bes­tens gelaunt zeig­te sich die drol­li­ge Bel­gie­rin Tonia Mer­tens, zahn­tech­nisch offen­bar die Zwil­lings­schwes­ter des deut­schen Come­di­ans Mad­din “Asche­be­scher” Schnei­der, die das hie­si­ge Schla­ger­ge­sche­hen um solch unfass­ba­re Trash-Per­len wie die ‘Texas-Cow­boy-Pfer­de-Sat­tel-Ver­käu­fe­rin’ erwei­ter­te und die wir 1973 beim Vor­ent­scheid Unser Lied für Luxem­burg (ja, erneut) wie­der­tref­fen soll­ten. Ihr pos­sier­li­cher Titel griff das wich­ti­ge The­ma “Wür­zen für Anfän­ger” auf und spar­te nicht mit gol­de­nen Tipps: ‘Ein biss­chen Pfef­fer, ein biss­chen Salz’ – damit kann man bei kei­nem Gericht etwas falsch machen. Tonia gehör­te zu den weni­gen Interpret/innen des Abends, die ein zwei­ste­li­ges Punk­te­er­geb­nis vor­wei­sen konn­ten.

Fury hat ange­ru­fen und will sein Gebiss zurück! (BE)

Wie­so die Bel­gie­rin für ihren pos­sier­li­chen Schla­ger dop­pelt so vie­le Zäh­ler kas­sie­ren konn­te wie ihre als Gast­sän­ge­rin für das Gast­ge­ber­land antre­ten­de fran­zö­si­sche Kol­le­gin Michè­le Torr, optisch wie stimm­lich unzwei­fel­haft eine frü­he Inkar­na­ti­on der fran­ko­ka­na­di­schen Diseu­se und Euro­vi­si­ons­sie­ge­rin von 1988, Céli­ne Dion, erscheint mir völ­lig unbe­greif­lich, han­delt es sich bei ihrem hell strah­len­den, mit Schma­ckes und Schmacht vor­ge­tra­ge­nen Song-Vor­spiel ‘Ce Soir je t’attendais’ (‘Heu­te Abend erwar­te ich Dich’) doch frag­los um den bes­ten fran­ko­phi­len Wett­be­werbs­bei­trag der frü­hen Euro­vi­si­ons­jah­re. Wozu die im Lau­fe ihrer spä­te­ren Kar­rie­re auch mit dem ein oder ande­ren Dis­co-Hit erfolg­rei­che Chan­teu­se mit ihrem wun­der­bar pia­fesk rol­len­den “R” inter­pre­ta­tiv erheb­lich bei­trug. Um so scho­ckie­ren­der, dass sie gar noch weni­ger Punk­te erhielt als die Slo­we­nin Ber­ta Ambrož, deren unfrei­wil­li­ger Ver­dienst haupt­säch­lich dar­in besteht, mit ihrer brä­si­gen Bal­la­de ‘Brez besed’ die ers­te über­flüs­si­ge Pla­gi­ats­dis­kus­si­on der Grand-Prix-Geschich­te ange­zet­telt zu haben: fan­den sich doch gan­ze drei Töne ihres äußerst spar­sa­men Refrains in der sel­ben Rei­hen­fol­ge und Sor­tie­rung im spä­te­ren spa­ni­schen Euro­vi­si­ons­bei­trag von 1973, ‘Eres tù’, wie­der. Gera­de­zu unver­meid­lich, da die Pop­mu­sik nun mal mit einer sehr begrenz­ten Anzahl an Noten und einer eben­falls end­li­chen Men­ge an har­mo­nisch klin­gen­den Kom­bi­na­ti­ons­mög­lich­kei­ten aus­kom­men muss (ver­glei­che hier­zu auch das Phä­no­men Four-Chord-Song), was aber so man­chen eng­stir­ni­gen Euro­vi­si­ons­fan den­noch nicht ins Hirn­st­überl will. Jeden­falls schaff­te es ‘Eres tù’, sich als Ever­green zu eta­blie­ren, wäh­rend ‘Brez besed’ heu­te zu Recht dem Ver­ges­sen anheim gefal­len ist.

Vom fran­zö­si­schen Fern­se­hen abge­lehnt, wan­der­te Michè­le nach Luxem­burg wei­ter.

Aufs fal­sche Pferd gesetzt hat­ten mal wie­der die Fin­nen, die mit dem erbar­mungs­wür­dig schlich­ten Schla­ger­lein ‘Play­boy’ von Ann Chris­ti­ne Nyström ver­geb­lich ver­such­ten, der für sie so unvor­teil­haf­ten → Spra­chen­re­ge­lung ein Schnipp­chen zu schla­gen. Ob die Vor­ent­schei­dungs­zwei­te und Euro­vi­si­ons­ver­tre­te­rin von 1961, Lai­la Kinn­unen, mit ihrem tief melan­cho­li­schen musi­ka­li­schen Spa­zier­gang auf dem von Akkor­de­on­spie­lern nur so gesäum­ten ‘Bou­le­vard der Erin­ne­run­gen’ bes­ser abge­schnit­ten hät­te, muss dahin­ge­stellt blei­ben. Der grö­ße­re Fan-Plea­ser ist ihr Lied heu­te. Lei­der nur fürs unte­re Mit­tel­feld reich­te es auch für die Por­tu­gie­sen, und dies mit für das fado­ver­seuch­te Land sehr unty­pi­scher, weil über­ra­schend fröh­li­cher Ware. ‘Ele e ela’ (‘Er und sie’), der fluffig-flot­te Lie­bes­schla­ger der Grand-Prix-Legen­de Mada­le­na Iglé­si­as (→ PT 1969 und nein, nicht ver­wandt mit dem spa­ni­schen Ver­tre­ter von 1970, Julio Igle­si­as), die beim dies­jäh­ri­gen Fes­ti­val da Cançāo gleich drei Bei­trä­ge im Ren­nen hat­te, woll­te in Luxem­burg nicht so recht zün­den. Und dies, obwohl die Sän­ge­rin insze­na­to­risch alles gab. Doch gegen ihre wie auf­ge­putscht wir­ken­de FdC-Per­for­mance blieb der vom im Hin­ter­grund lus­tig sich dre­hen­den Deko­ra­ti­ons­mo­bi­le beglei­te­te Auf­tritt in Luxem­burg irgend­wie blass.

Kann mit dem Kinn ver­mut­lich Nüs­se kna­cken: Mada­le­na Iglé­si­as (PT).

Ganz anders hin­ge­gen der Reprä­sen­tant des Nach­bar­lan­des Spa­ni­en, Rapha­el Mar­tos Sán­chez. Der zeit­le­bens für sei­ne flam­boyan­te Art und sei­ne ans Thea­tra­li­sche gren­zen­de, expres­sio­nis­ti­sche Lied­in­ter­pre­ta­ti­on bekann­te Künst­ler, auf­grund sei­ner dama­li­gen Erfolgs­sträh­ne bei sämt­li­chen Song­fes­ti­vals im süd­eu­ro­päi­schen Raum vom Sen­der direkt nomi­niert, leg­te zu sei­nem super­ben, hoch­dra­ma­ti­schen ‘Yo soy aquél’ eine für mit­tel­eu­ro­päi­sche Augen hoch­gra­dig amü­san­te, für die eher reser­vier­ten Skandinavier/innen womög­lich sogar ein wenig befremd­lich wir­ken­de, eben­so hoch­dra­ma­ti­sche Show mit glut­voll schmach­ten­den Bli­cken, exal­tier­tem Arm­ge­we­del und dem Fak­tor sechs auf der → Hal­dor-Lægreid-Ska­la hin, die sich ganz tref­fend mit dem abge­wan­del­ten Almo­dóvar-Film­ti­tel ‘Män­ner am Ran­de des Ner­ven­zu­sam­men­bruchs’ zusam­men­fas­sen lässt, und stell­te damit alles bis­her Dage­we­se­ne in den Schat­ten. Inklu­si­ve der lei­den­schaft­li­chen Auf­trit­te sei­ner Lands­frau Con­chi­ta Bau­tis­ta (→ ES 1961, 1965), die sich gegen Rapha­el im Nach­hin­ein wie eine bra­ve Klos­ter­schü­le­rin aus­nahm. Und exakt hier, lie­be Leser/innen, ver­tief­te sich (wenn natür­lich erst in der nach­träg­li­chen Rück­schau, denn 1966 war ich gera­de mal in Pla­nung) mei­ne bis­lang schon vor­han­de­ne hohe Wert­schät­zung für Spa­ni­en als Grand-Prix-Nati­on in unsterb­li­che Lie­be! Rapha­el schaff­te erstaun­li­cher­wei­se sogar eine Plat­zie­rung in der ers­ten Tabel­len­hälf­te, etwas, von dem die Ibe­rer beim Euro­vi­si­on Song Con­test heu­te nur noch träu­men kön­nen.

Nanu, was macht Hel­mut Kohl denn da am Takt­stock? (ES)

Zwei wei­te­re heu­ti­ge → Big-Five-Natio­nen, die in den ers­ten bei­den Deka­den übli­cher­wei­se außer­ge­wöhn­lich gut abschnit­ten, fie­len dies­mal auf die Fres­se. Die Gran­de Nati­on, ver­mut­lich noch zufrie­den­ge­stellt durch den Vor­jah­res­sieg ihrer Yéyé-Iko­ne Fran­ce Gall, gab sich erkenn­bar wenig Mühe: der vor dem Con­test völ­lig unbe­kann­te Domi­ni­que Wal­ter (gebo­re­ner Gruè­re) ver­dankt sei­nen Ein­satz als gal­li­scher Reprä­sen­tant offe­nem Nepo­tis­mus: sei­ne Mut­ter, die Sän­ge­rin Michè­le Arnauld (→ LU 1956), saß mit im Aus­wahl­ko­mi­tee des Sen­ders. Wal­ters Bei­trag ‘Chez nous’ leg­te beredt davon Zeug­nis ab, dass die Fran­zo­sen auf kei­nen Fall gewin­nen woll­ten. Die Juro­ren taten ihnen den Gefal­len und spen­dier­ten ein ein­zi­ges Pünkt­chen, bis heu­te der Nega­tiv­re­kord des Lan­des beim Grand Prix. Im Anschluss mach­te Wal­ter mit solch poe­ti­schen Titeln aus der Feder von Ser­ge Gains­bourg wie ‘Das Leben ist ein net­ter Schei­ße-Toast’ von sich reden, die für ein rasches Kar­rie­re-Ende sorg­ten. Anders ver­hielt es sich im Fall des bemer­kens­wer­ten bri­ti­schen schot­ti­schen Ver­tre­ters des Ver­ei­nig­ten König­reichs, Ken­neth McKel­lar, der nicht nur im Kilt auf­trat, son­dern auch über ein beein­dru­cken­des Organ ver­füg­te – und damit ist natür­lich sei­ne klas­sisch trai­nier­te Stim­me gemeint! Die mach­te aller­dings sei­ne so stau­bi­ge wie auf­dring­li­che Lang­wei­ler­bal­la­de ‘A Man without Love’ nicht bes­ser. Die BBC hat­te den vom Sen­der intern aus­ge­wähl­ten, aus­ge­bil­de­ten Opern­sän­ger (†2010) aller­dings nicht ent­sandt, um einen Sieg zu ver­mei­den. Viel­mehr woll­te der dor­ti­ge Unter­hal­tungs­chef Tom Slo­an end­lich mal wie­der jeman­den, “der sin­gen kann”. Sein Lied hat­ten ihm die Zuschauer/innen in einem aus fünf Titeln bestehen­den Vor­ent­scheid aus­ge­wählt, und die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit der vom Sen­der anschlie­ßend befrag­ten Bri­ten war sich sicher, mit der wie aus einem Ope­ret­ten­film der Vier­zi­ger klin­gen­den Melo­dei, die aller­dings das ver­zau­bernd Fra­gi­le ihres spä­te­ren por­tu­gie­si­schen Pen­dants ‘Amar pelos dois’ ver­mis­sen ließ, eine gute Wahl getrof­fen zu haben. “Nun, es ist mal eine Abwechs­lung zum übli­chen zwei­ten Platz,” merk­te der bri­ti­sche Euro­vi­si­ons­kom­men­ta­tor mali­zi­ös an, als am Ende des Abends der neun­te Rang fest­stand. Deut­lich bes­ser schlug sich der Reprä­sen­tant der Grü­nen Nach­bar­in­sel, Dickie Rock, der mit ‘Come back and stay’ zwar eine sehr kon­ven­tio­nel­le Schnul­ze im Sti­le US-ame­ri­ka­ni­scher Croo­ner vor­trug und mit sei­nen beacht­li­chen Segel­oh­ren nicht ganz mit der natür­li­chen Anmut sei­nes Vor­jah­res­kol­le­gen Butch Moo­re mit­hal­ten konn­te, sein Ergeb­nis aber den­noch über­traf.

Ein “Schul­jun­gen-Haar­schnitt” und dezen­tes Rouge soll­ten den beim ESC-Auf­tritt knapp Vier­zig­jäh­ri­gen jün­ger erschei­nen las­sen. Half nix. (UK)

Den Vogel schoss jedoch die Hol­län­de­rin Mil­ly Scott ab. Die ers­te schwar­ze Sän­ge­rin in der Grand-Prix-Geschich­te brach­te zu ihrem Migra­ti­ons­schla­ger ‘Fer­nan­do en Filip­po’ als leben­di­ge Illus­tra­ti­on – ein wei­te­res Novum – zwei als ver­mut­lich papier­lo­se chi­le­ni­sche Land­ar­bei­ter ver­klei­de­te Män­ner mit auf die Büh­ne, die sie den Fern­seh­zu­schau­ern mit unmiss­ver­ständ­li­chen Fin­ger­zei­gen als die bei­den Besun­ge­nen vor­stell­te. Zudem ver­or­te­te sie das im Lied mehr­fach erwähn­te Städt­chen “San Anto­nio” mit einer Dau­men­be­we­gung als direkt hin­ter der Büh­ne lie­gend. Wohin sie sich übri­gens mit­ten im Vor­trag selbst ner­vös tän­zelnd begab. Woll­te sie nach­schau­en, ob die Aus­län­der­po­li­zei schon da stand? Oder plag­te sie ein recht unauf­schieb­ba­res, mensch­li­ches Bedürf­nis? Das wür­de auch die Ein­dring­lich­keit erklä­ren, mit der sie die unsterb­li­chen Zei­len “Ri-ki tong-tong-tong ti-ki kong-kong” schmet­ter­te. Unglück­li­cher­wei­se ver­hin­der­te das zu kur­ze Mikro­fon­ka­bel den erlö­sen­den Abgang. Ihr skan­da­lös schlech­tes Ergeb­nis mit nur zwei Punk­ten schrieb die in den Nie­der­lan­den gebo­re­ne Toch­ter suri­na­mi­scher Eltern “ras­sis­ti­schen Juro­ren” zu, was zwar lei­der nicht ganz aus­zu­schlie­ßen ist, den­noch ziem­lich unwahr­schein­lich dünkt. Viel eher dürf­te Mil­ly an der Humor­fal­le geschei­tert sein: war ihr Bei­trag doch, so kün­dig­te es zumin­dest der Kom­men­ta­tor an, als “Par­odie” auf die sei­ner­zeit all­seits belieb­ten und mit in der Tat ras­sis­ti­schen Kli­schees vom heiß­blü­ti­gen und arbeits­scheu­en Lati­no nur zu ger­ne auf­war­ten­den Mexi­ko-Schla­ger gedacht, was man durch die beson­ders exal­tier­te Show und die dada­is­ti­schen Gesän­ge zu visua­li­sie­ren such­te. Ver­geb­lich, wie wir nun wis­sen: schon im rea­len Leben sind lei­der neun von zehn Men­schen unemp­fäng­lich für jede Form von Iro­nie. Inner­halb der Grand-Prix-Jurys dürf­te die­se Quo­te noch­mals höher lie­gen.

Vor­sicht, Filip­po: dahin­ten war­ten sie, die Schen­gen-Häscher! (NL)

Rund­her­aus ein abso­lu­ter Spit­zen­jahr­gang also mit fan­tas­ti­schen Bei­trä­gen bis zum Abwin­ken und erst­mals pro­mi­nent erkenn­ba­ren Show­ele­men­ten. Der stei­ni­ge Weg vom staats­tra­gend-drö­gen Chan­son­abend der ers­ten Deka­de hin zur ernst­haf­ten Unter­hal­tungs­sen­dung hat­te den stau­bi­gen Teil hin­ter sich gelas­sen und öff­ne­te sich lang­sam zum Pracht­bou­le­vard, auch wenn sich zu die­sem Zeit­punkt noch nie­mand vor­stel­len konn­te, dass er der­einst in Mons­ter­mas­ken, Trick­klei­dern und begeh­ba­ren Pro­jek­ti­ons­wän­den mün­den soll­te. Und Udo Jür­gens, der aus­ge­buff­te Show­ha­se, wuss­te bei der Sie­ger­re­pri­se ganz genau, bei wem er sich für sei­nen ers­ten Platz zu bedan­ken hat­te: “Mer­ci, Jury”!

Euro­vi­si­on Song Con­test 1966

Grand Prix Euro­vi­si­on de la Chan­son Euro­péen­ne. Sams­tag, 5. März 1966, aus dem Grand Audi­to­ri­um de RTL, Luxem­burg-Stadt, Luxem­burg. 18 Teil­neh­mer. Mode­ra­ti­on: Josia­ne Shen.
#LandInter­pretTitelPunk­tePlatz
01DEMar­got EskensDie Zei­ger der Uhr0710
02DKUlla Pia Niel­senStop! Mens Legen er god0414
03BETonia Mer­tensUn peu de Poiv­re, un peu du Sel1404
04LUMichè­le TorrCe Soir je t’attendais0710
05YUBer­ta AmbrožBrez besed0907
06NOÅse Kleve­landIntet er nytt under Solen1503
07FIAnn Chris­ti­ne NyströmPlay­boy0712
08PTMada­le­na Iglé­si­asEle e ela0613
09ATUdo Jür­gensMer­ci, Ché­rie3101
10SELill Lind­fors + Svan­te Thures­sonNygam­m­al Vals1602
11ESRapha­el Mar­tos Sán­chezYo soy acquél0907
12CHMade­lei­ne Pas­calNe vois-tu pas?1206
13MCTéré­za Keso­vi­jaBien plus fort0017
14ITDome­ni­co Modug­noDio, come ti amo0017
15FRDomi­ni­que Wal­terChez nous0116
16NLMil­ly ScottFer­nan­do en Fil­li­po0215
17IEDickie RockCome back to stay1405
18UKKen­neth McKel­larA Man without Love0809

6 Gedanken zu “ESC 1966: Zwin­gen kann man kein Glück

  1. Wie bit­te? An sich ist der Arti­kel stim­mig, aber dass die Juries ‘Nygam­m­al vals’ fair bewer­tet hät­ten, ist kom­plet­ter Blöd­sinn. Die Qua­li­tät mal kom­plett außen vor gelas­sen: Von den sech­zehn Punk­ten, die das Lied bekam, stamm­ten FÜNF­ZEHN aus Skan­di­na­vi­en! Jeweils fünf (die dama­li­ge Höchst­wer­tung) aus Däne­mark, Nor­we­gen und Finn­land. Sor­ry, aber das fair zu nen­nen grenzt schon an arg­lis­ti­ge Täu­schung.

  2. Nygam­m­al vals Mmmmhhh: wenn ich mei­nen Text so durch­le­se, kann ich die Stel­le lei­der nicht fin­den, an dem ich die Jury­vo­ten für den hip­pen Schwei­ne­hir­ten als ‘fair’ bezeich­net hät­te. Fair war’s tat­säch­lich nicht, denn dann hät­ten die Schwe­den gewin­nen müs­sen! Lei­der hat­ten aber nur die skan­di­na­vi­schen Juro­ren den rich­ti­gen Rie­cher, die rest­li­chen Euro­pä­er zeig­ten sich mal wie­der kon­ser­va­ti­ver – lei­der!

  3. Aha. Soso. Jury­schie­bun­gen unter befreun­de­ten Län­dern sind also okay, solan­ge das Lied gefällt, ja? Viel­leicht kann ich die­se Geschich­te objek­ti­ver beur­tei­len, weil ich ‘Nygam­m­al vals’ nicht lei­den kann. Ande­rer­seits: Geschmacks­fra­gen und so. Mich stört es nur, dass die ansons­ten so bis­si­gen Kom­men­ta­re über den Schwach­sinn des Jury­sy­tems plötz­lich ins Gegen­teil kip­pen, wenn der hip­pe Schwei­ne­hirt daher­kommt, obwohl es wohl kei­nen zwei­ten Fall gibt, in dem ein Blick auf das Scoreboard so klar dar­legt, dass die Skan­di­na­vi­er sich abge­spro­chen hat­ten, Schwe­den zu pushen. Aber sich dann über den Sieg von ‘Rock me’ 1989 als ‘offen­sicht­li­che Schie­bung’ echauf­fie­ren, ja? (Da sind unse­re Posi­tio­nen ver­tauscht. Ich mag ‘Rock me’ auch nicht so gern, aber in dem Feld war das als Sie­ger okay.)

  4. Solan­ge (mir) das Lied gefällt, kann es sich bei der Höchst­wer­tung ja logi­scher­wei­se um kei­ne Jury-Schie­bung han­deln, son­dern um eine kor­rek­te Bewer­tung. Die Schie­be­rei bestand in die­sem Fall ja dar­in, dass die nicht-skan­di­na­vi­schen Län­der die­se Per­le nicht eben­falls mit Punk­ten bedach­ten, son­dern sie an unver­dien­te Bei­trä­ge ver­schleu­der­ten. Logisch, oder? 😉

  5. Unglaub­lich, aber wahr: Svan­te Thures­son ist nur drei Jah­re älter als Lill Lind­fors!

  6. Ich hab’s nach­ge­le­sen: stimmt. Wie krass! Wie­so sieht er dann min­des­tens dop­pelt so alt aus wie sie?

Oder was denkst Du?