ESC 1966: Zwingen kann man kein Glück

Logo Eurovision Song Contest 1966
Das Jahr der Showtreppe

Das zehnjährige Jubliäum des Eurovision Song Contests nahm die EBU zum Anlass, im Frühjahr 1966 bei den teilnehmenden TV-Anstalten Ideen für die künftige Gestaltung des Wettbewerbs zu sammeln. Dabei zeigten sich regional sehr unterschiedliche Schwerpunkte, wie Gordon Roxburgh in der Fibel Songs for Europe auflistet: so bestanden die skandinavischen Sender darauf, dass der „musikalischen Qualität“ der Beiträge die absolute Priorität einzuräumen sei. Die westeuropäischen Anstalten wie die ARD, das belgische BRT, der ORF und das französische Fernsehen wollten vor allem die Teilnehmerzahl von zuletzt 18 Nationen reduzieren und schlugen verschiedene Formate für Semifinale vor, wie sie sich aber erst 2004 durchsetzen sollten. Die linguistisch zwiegespaltenen Belgier votierten dabei für die Zuteilung der Länder anhand von Sprachgruppen, was ihnen selbst gleich zwei Startplätze beschert hätte: einen für Flandern in der niederländischen Vorrunde, einen für Wallonien in der ungleich größeren französischen Gruppe. Noch mehr Beiträge hätte dies für die Schweiz bedeutet: einen für das deutsche Semi, einen fürs französische und einen weiteren fürs italienische. Die RAI wollte den Wettbewerb hingegen gerne über zwei oder gar drei Abende strecken, nicht unähnlich dem eigenen San-Remo-Festival. Die BBC nahm Anstoß an der überproportionalen Präsenz Frankreichs, das via Monaco und Luxemburg stets dreifach vertreten war und sich im Juryvoting gegenseitig die Punkte zuschaufeln konnte. Das skandinavische Verlangen nach „Qualität“ konnten die Briten nicht nachvollziehen: der Siegersong würde schließlich stets anhand seines „Pop-Appeals“ bewertet.

Kleine Bühne, große Show: 1966, ein Meilenstein-Contest.

Der kleine Luxemburger Sender CLT, aufgrund des Vorjahressieges der in Paris eingekauften France Gall mit der Ausrichtung des 1966er Wettbewerbs beauftragt, wollte die damit verbundenen finanziellen und organisatorischen Herausforderungen am liebsten auf mehrere Schultern legen. Man könne doch, so der Vorschlag, den Abend auf zwei bis drei TV-Anstalten aufteilen, die jeweils nur einen Part der Show produzieren, und dann zum nächsten Sender umschalten: ein logistischer Alptraum in den Augen der anderen EBU-Mitglieder, welche die Idee dann auch ebenso strikt zurückwiesen wie den luxemburgischen Alternativvorschlag, anstelle einer Live-Show mit Live-Orchester vorab von den entsendenden Teilnehmerländern aufgezeichnete Videoclips über den Äther zu jagen und sich lediglich auf die Organisation des Juryvotings zu beschränken. Einigkeit bestand hingegen darüber, dass alle Lieder künftig verpflichtend in → Landessprache vorzutragen seien und dass die Jurys zur Hälfte aus „Musik-Experten“ bestehen sollen, was die EBU als einzige Änderungen ins Regelwerk übernahm. Trotz der vorigen pekuniären Besorgnis kam das Paradies steuerschmarotzender Briefkastenfirmen seiner Austragungsverpflichtung dann bestens nach. CLT fuhr neben einem futuristischen, voll beweglichen Dekorations-Mobile ein großes (wenn auch gelegentlich etwas schief spielendes) Orchester auf, neben dem die ohnehin schmale, durch eine bemalte Milchglas-Trennwand eingehegte Bühne umso winziger wirkte. Zumal mehr als die Hälfte des verbliebenen Platzes auch noch für eine großzügig dimensionierte Wendeltreppe draufging, über welche die Interpret/innen nebst Dirigenten standesgemäß einschwebten. Das muss man ihnen wirklich lassen: Glamour können sie im Großherzogtum!

1966 gab’s keine Sommerzeit, da drehten sich die Uhren tatsächlich „niemals zurück“ (DE).

Die Luxemburger platzierten die zur Erzeugung eines Stereo-Tons benötigten Doppel-Mikrofone im Gegensatz zur RAI nicht neben- sondern untereinander und auch nicht direkt vor dem Gesicht der Sänger/innen, sondern ungefähr auf Brusthöhe, so dass man sie kaum im Bild sah. Dennoch beeindruckte der Sound sehr. Anscheinend verfügte CTL also über eine ähnlich ausgereifte Aufnahmetechnik wie die BBC anno 1963. Ausgerechnet bei Margot Eskens, die an erster Stelle starten musste, war das Mikrofon jedoch auf Mundhöhe eingestellt. Klang die Deutsche deswegen so unangenehm laut? Vor allem während des Refrains des besinnlichen Chansons ‚Die Zeiger der Uhr‘ legte sich die Eskens stimmlich sehr ins Zeug. Was allerdings eher einen aggressiven als einen kompetenten Eindruck hinterließ, welcher sich durch die Textzeile „Vorwärts, vorwärts, und nie zurück“ nur noch verstärkte: unwillkürlich dachte man an DDR-Jahrestagsparaden und Reden von Erich Honecker. So kam für den eigentlich sehr nachdenklichen Sterblichkeits-Schlager lediglich ein zehnter Rang heraus. Eine im Übrigen durchaus gerechte Bewertung, das hatte nichts mit der ansonsten deutlich feststellbaren Punkteschieberei der west(!)-europäischen → Jurys zu tun, welche sich durch die Hinzunahme der „Musik-Experten“ augenscheinlich nur noch verschlimmerte. Was man unter anderem am Beispiel der heuer frankophilen Schweiz sehen konnte, die sich einer besonders dünnstimmigen Pariser Chanteuse namens Madeleine Pascal bediente, die für ihr piepsig dahingehauchtes und musikalisch komplett substanzloses ‚Ne vois-tu pas?‘ einen unglaublichen sechsten Platz klarmachte.

Kein Meer ist so wild wie seine Liebe: Sexgott Udo Jürgens (AT).

Auch der Sieger dieses Jahrgangs, der vom ORF bereits zum dritten Mal in Folge intern ausgewählte Udo Jürgens, bediente sich in geschickter Umgehung der → Landessprachenpflicht des bei seinem deutschen Grand-Prix-Kollegen Wyn Hoop (→ DE 1960, ‚Bonne Nuit, ma Chérie‘) abgeschauten Tricks, so französisch wie möglich zu klingen. Was ihm vor allem durch eine sehr sparsame und ausgesprochen redundante textliche Ausstattung der Strophen seines französisch betitelten Wettbewerbsbeitrags ‚Merci, Chérie‘ gelang. Nach einem sechsten und einem vierten Platz in den beiden Vorjahren deutete sich ein eventuell möglicher Sieg des zu diesem Zeitpunkt bereits weit über die Grenzen der DACH-Region hinaus bekannten und erfolgreichen, Ende 2014 viel zu früh verstorbenen Kärntners bereits an: mit dem musikalisch dramatischsten seiner drei Grand-Prix-Lieder, einem ebenso charmant formulierten wie inhaltlich brutalen Rauswurf des One-Night-Stands am nächsten Morgen, gelang es ihm nun endlich! Die Sprachfinte ging voll auf: alle frankophonen Länder versorgten Udo und seine herausragende Komposition mit Punkten. Nur aus Deutschland erhielt die grandios strukturierte Klavierballade mit ihren abwechselnd streng kontrollierten, orgiastisch überbordenden und beruhigend sanften Tonfolgen ganze null Zähler. Da war wohl innerhalb unserer Jury unverbrämter Neid im Spiel, bekanntermaßen die aufrichtigste Form der Anerkennung. Einen Top-Ten-Hit (#4) warf die Single hierzulande trotzdem ab: da zeigte sich das plattenkaufende Publikum deutlich souveräner als die angeblichen, ich kann sie daher immer wieder nur in bewusst abwertend gemeinte Anführungszeichen setzen, „Musik-Experten“ der Jury.

Was haben bloß die jaulende Südseegitarre und das marschierende Klavier in diesem fragilen Liebeslied verloren? (IT)

Am anderen Ende der Tabelle fand sich der ebenfalls zum dritten Mal teilnehmende Italiener Domenico Modugno (→ IT 1958, 1959). Und das, obwohl sein ‚Dio, come ti amo‘ zu den herzzerreißend schönsten, eindringlichsten Liebeserklärungen der Menschheitsgeschichte zählt und mich beim Anhören niemals ohne Tränen der Ergriffenheit hinterlässt. Jedenfalls von Platte. Leider beherrschte der Cantautore aber auch wie kein Zweiter die Kunst der Selbstzerstörung: entgegen aller EBU-Regeln bestand Modugno hartnäckig darauf, dass seine ursprünglich äußerst intim daherkommende Komposition beim Wettbewerb in einer vom Maestro selbst erst kurz vor der Sendung völlig neu arrangierten, beinahe karnevalsk klingenden Fassung darzubringen sei. Bereits bei den Proben kam es zum Eklat: Modugno verließ rauchend vor Zorn die Bühne, weil die Orchestermusiker sich zunächst weigerten, die vom Liedschöpfer so grausam entstellte Version zu spielen, die im übrigen länger dauerte als die erlaubten → drei Minuten. Am Ende gaben die genervten Veranstalter nach: das einstmals so herrliche Canzone ging in der von Modugno gewünschten Faschingsfassung über die Antenne. → Null Punkte von der Jury und ein veritabler kommerzieller Flop außerhalb Italiens waren die so bestürzende wie gerechte Konsequenz der Uneinsichtigkeit des Autoren.

Gott, wie ich dieses Lied liebe! (IT, hier beim San-Remo-Festival, gesungen von Gigliola Cinquetti).

Hätte die RAI den fantastischen Song mal lieber seinem Schöpfer aus den Händen genommen und an seiner Stelle die Zweitbesetzung beim San-Remo-Festival dorthin geschickt: die noch immer jugendlich-unschuldig wirkende Grand-Prix-Siegerin von 1964, Gigliola Cinquetti, hauchte die in grandioser Weise zwischen hormonvernebelter Lobpreisung und schmerzvoller Selbstverlorenheit changierende Ballade mit angemessen flüsternder Stimme vor einer deutlich passenderen, zurückgenommenen Instrumentierung dahin. Ihre Version, auf Platte ein μ weniger eindringlich als Domenicos Originaleinspielung, dafür live deutlich besser, geriet als Titelmelodie eines Spielfilms zum Verkaufserfolg in Südamerika. Das Lied wurde daneben unter anderem von zahlreichen weiteren italienischen und europäischen Grand-Prix-Kolleg/innen Modugnos gecovert, darunter auch von der gebürtigen Kroatin Tereza Kesovija (→ YU 1972). Die trat bei diesem Wettbewerb ebenfalls an, allerdings nicht, wie man meinen könnte, für Jugoslawien, sondern, basierend auf Verbindungen, die sie im Zusammenhang mit Auftritten in Pariser Cabarets knüpfen konnte, für Monaco. Was sich vor allem an den beiden Accent aigus bemerkbar machte, die man an ihren Vornamen dranpappte. Ihre eigene Schnarchballade erwies sich aber keinesfalls, wie der Titel versprach, als ‚Bien plus fort‘ (‚Stärker‘) als die Konkurrenz – ganz im Gegenteil. Denn nicht nur ‚Dio, come ti amo‘ verbindet Domenico mit Téréza, sondern auch ihr Score: wie der Italiener kassierte auch die monegassische Vertreterin eine dicke fette (und ebenso angemessene) → Null.

Nur beim Eurovision Song Contest! (SE)

Eine herausragende Rolle spielten in diesem Jahr die Skandinavier/innen, sowohl in musikalischer Hinsicht als auch in Sachen → Blockvoting. Das bis dahin in der Wahrnehmung eher randständige Schweden lieferte erstmals einen echten Eurovisionsklassiker ab: die mondän gestylte Lill Lindfors (unvergessen als Moderatorin des Grand Prix 1985) und ihr optisch doppelt so alter, tatsächlich aber nur drei Lenze mehr zählender Begleiter Svante Thuresson besangen in ihrem jazzigen Easy-Listening-Knüller ‚Nygammal Vals‘ einen „hippen Schweinehirten“. Doch, wirklich! Den fantastisch obskuren Text, basierend auf einem alten schwedischen Volksmärchen, und die hippe Lässigkeit ihres Songs unterstrich Lill Lindfors, die wohl coolste Eurovisionsteilnehmerin aller Zeiten, mit einer zum Niederknien amüsanten Mimik. Leider blieb das unübertreffliche Grand-Prix-Kleinod außerhalb Skandinaviens fast komplett unverstanden, dafür aber schaufelten die Juroren der skandinavischen Nachbarnationen Dänemark, Finnland und Norwegen unter vernehmlichem Murren des hauptsächlich aus Delegationsmitgliedern der konkurrierenden Länder bestehenden Saalpublikums dem schwedischen Duo (und seinem schwarzen Flötisten) jeweils die verdiente Höchstpunktzahl zu. Am Ende reichte es für den besten schwedischen Beitrag aller Zeiten zur verdienten Silbermedaille.

Gegenüber dem Melodi Grand Prix eigens für den ESC um eine Minute verlängert: Åse Klevelands Gitarrenballade (NO).

Mit der norwegischen Folkbardin Åse Kleveland stand gar die künftige Kultusministerin des Staates (und damenhaft gestrenge Moderatorin des Eurovision Song Contest 1986) auf der Eurovisionsbühne. Für ihre sehr grand-prix-untypische, liedermacherhaft geklampfte Mitteilung, es gebe ‘Nichts Neues unter der Sonne’, wurde sie mit dem dritten Rang angemessen entlohnt. Erstaunlich, wo sich ihre musikalisch wie lyrisch lakonische und sehr subtil systemkritische Nummer, ebenso wie ihr für damalige Verhältnisse absolut undamenhafter Hosenanzug, im restlichen Wettbewerbsumfeld in ästhetischer Hinsicht geradezu linksradikal ausnahmen. Augenscheinlich verfügten einige Juroren doch über ein leises Gespür für die langsam stärker werdenden gesellschaftlichen Spannungen und das Aufbegehren der Jugend gegen ihre konservative Elterngeneration. Nicht von der Skandimafia profitierten hingegen die Dänen: Ulla Pias verspielt-jazziges ‘Stop – mens Legen er go!’, einer der fröhlicheren Beiträge des Abends, war mit dem 14. Platz kriminell unterbewertet, zumal unsere nordischen Nachbarn zur optischen Kenntlichmachung des Schwungs dieses großartigen Schlagers noch ein enthusiastisch twistendes Pärchen mit auf die enge Bühne quetschten. Damit etablierte sich das stets progressive Land als Vorreiter des → Eurovisionsshowtanzes: zwar feierten die deutschen Kessler-Zwillinge bereits 1959 mit der allerersten Tanzeinlage beim Grand Prix Premiere. Aber die Dänen waren die ersten, die hierfür eigens zusätzliche Menschen auf die Bühne holten, deren Aufgabe nicht (auch) im Singen bestand.

Auch Ullas Dirigent ließ sich mitreißen. Die luxemburgischen Blechbläser hatte er allerdings nicht im Griff (DK).

Dass die Südskandinavier/innen für die nächsten elf Jahre dem Wettbewerb fern blieben, war aber nicht alleine dem unverdient schlechten Ergebnis beim Grand Prix 1966 geschuldet: der seinerzeitige Unterhaltungschef des dänischen Senders hasste seit jeher das europäische Fest des Pop-Tandes, und dass die BBC seinen Wunsch nach engeren Kriterien für „Qualitätsmusik“ (vergleiche dazu den Vorjahresbeitrag von Birgit Brüel) so schroff zurückwies, war wohl der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Andererseits: wenn man sich vor Augen führt, was die Dänen seit seiner Demission und damit verbunden ihrer Grand-Prix-Rückkehr 1978 so alles zum Contest schickten, kommt man nicht umhin, sich gelegentlich zu wünschen, er hätte dort noch immer das Sagen! Ebenfalls bestens gelaunt zeigte sich die drollige Belgierin Tonia Mertens, zahntechnisch offenbar die Zwillingsschwester des deutschen Comedians Maddin „Aschebescher“ Schneider, die das hiesige Schlagergeschehen um solch unfassbare Trash-Perlen wie die ‚Texas-Cowboy-Pferde-Sattel-Verkäuferin‘ erweiterte und die wir 1973 beim Vorentscheid Unser Lied für Luxemburg (ja, erneut) wiedertreffen sollten. Ihr possierlicher Titel griff das wichtige Thema “Würzen für Anfänger” auf und sparte nicht mit goldenen Tipps: ‘Ein bisschen Pfeffer, ein bisschen Salz‘ – damit kann man bei keinem Gericht etwas falsch machen. Tonia gehörte zu den wenigen Interpret/innen des Abends, die ein zweisteliges Punkteergebnis vorweisen konnten.

Fury hat angerufen und will sein Gebiss zurück! (BE)

Wieso die Belgierin für ihren possierlichen Schlager doppelt so viele Zähler kassieren konnte wie ihre als Gastsängerin für das Gastgeberland antretende französische Kollegin Michèle Torr, optisch wie stimmlich unzweifelhaft eine frühe Inkarnation der frankokanadischen Diseuse und Eurovisionssiegerin von 1988, Céline Dion, erscheint mir völlig unbegreiflich, handelt es sich bei ihrem hell strahlenden, mit Schmackes und Schmacht vorgetragenen Song-Vorspiel ‚Ce Soir je t’attendais‘ (‚Heute Abend erwarte ich Dich‘) doch fraglos um den besten frankophilen Wettbewerbsbeitrag der frühen Eurovisionsjahre. Wozu die im Laufe ihrer späteren Karriere auch mit dem ein oder anderen Disco-Hit erfolgreiche Chanteuse mit ihrem wunderbar piafesk rollenden „R“ interpretativ erheblich beitrug. Um so schockierender, dass sie gar noch weniger Punkte erhielt als die Slowenin Berta Ambrož, deren unfreiwilliger Verdienst hauptsächlich darin besteht, mit ihrer bräsigen Ballade ‚Brez besed‘ die erste überflüssige Plagiatsdiskussion der Grand-Prix-Geschichte angezettelt zu haben: fanden sich doch ganze drei Töne ihres äußerst sparsamen Refrains in der selben Reihenfolge und Sortierung im späteren spanischen Eurovisionsbeitrag von 1973, ‚Eres tù‘, wieder. Geradezu unvermeidlich, da die Popmusik nun mal mit einer sehr begrenzten Anzahl an Noten und einer ebenfalls endlichen Menge an harmonisch klingenden Kombinationsmöglichkeiten auskommen muss (vergleiche hierzu auch das Phänomen Four-Chord-Song), was aber so manchen engstirnigen Eurovisionsfan dennoch nicht ins Hirnstüberl will. Jedenfalls schaffte es ‚Eres tù‘, sich als Evergreen zu etablieren, während ‚Brez besed‘ heute zu Recht dem Vergessen anheim gefallen ist.

Vom französischen Fernsehen abgelehnt, wanderte Michèle nach Luxemburg weiter.

Aufs falsche Pferd gesetzt hatten mal wieder die Finnen, die mit dem erbarmungswürdig schlichten Schlagerlein ‚Playboy‘ von Ann Christine Nyström vergeblich versuchten, der für sie so unvorteilhaften → Sprachenregelung ein Schnippchen zu schlagen. Ob die Vorentscheidungszweite und Eurovisionsvertreterin von 1961, Laila Kinnunen, mit ihrem tief melancholischen musikalischen Spaziergang auf dem von Akkordeonspielern nur so gesäumten ‚Boulevard der Erinnerungen‘ besser abgeschnitten hätte, muss dahingestellt bleiben. Der größere Fan-Pleaser ist ihr Lied heute. Leider nur fürs untere Mittelfeld reichte es auch für die Portugiesen, und dies mit für das fadoverseuchte Land sehr untypischer, weil überraschend fröhlicher Ware. ‚Ele e ela‘ (‚Er und sie‘), der fluffig-flotte Liebesschlager der Grand-Prix-Legende Madalena Iglésias (→ PT 1969 und nein, nicht verwandt mit dem spanischen Vertreter von 1970, Julio Iglesias), die beim diesjährigen Festival da Cançāo gleich drei Beiträge im Rennen hatte, wollte in Luxemburg nicht so recht zünden. Und dies, obwohl die Sängerin inszenatorisch alles gab. Doch gegen ihre wie aufgeputscht wirkende FdC-Performance blieb der vom im Hintergrund lustig sich drehenden Dekorationsmobile begleitete Auftritt in Luxemburg irgendwie blass.

Kann mit dem Kinn vermutlich Nüsse knacken: Madalena Iglésias (PT).

Ganz anders hingegen der Repräsentant des Nachbarlandes Spanien, Raphael Martos Sánchez. Der zeitlebens für seine flamboyante Art und seine ans Theatralische grenzende, expressionistische Liedinterpretation bekannte Künstler, aufgrund seiner damaligen Erfolgssträhne bei sämtlichen Songfestivals im südeuropäischen Raum vom Sender direkt nominiert, legte zu seinem superben, hochdramatischen ‚Yo soy aquél‘ eine für mitteleuropäische Augen hochgradig amüsante, für die eher reservierten Skandinavier/innen womöglich sogar ein wenig befremdlich wirkende, ebenso hochdramatische Show mit glutvoll schmachtenden Blicken, exaltiertem Armgewedel und dem Faktor sechs auf der → Haldor-LægreidSkala hin, die sich ganz treffend mit dem abgewandelten Almodóvar-Filmtitel ‚Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs‘ zusammenfassen lässt, und stellte damit alles bisher Dagewesene in den Schatten. Inklusive der leidenschaftlichen Auftritte seiner Landsfrau Conchita Bautista (→ ES 1961, 1965), die sich gegen Raphael im Nachhinein wie eine brave Klosterschülerin ausnahm. Und exakt hier, liebe Leser/innen, vertiefte sich (wenn natürlich erst in der nachträglichen Rückschau, denn 1966 war ich gerade mal in Planung) meine bislang schon vorhandene hohe Wertschätzung für Spanien als Grand-Prix-Nation in unsterbliche Liebe! Raphael schaffte erstaunlicherweise sogar eine Platzierung in der ersten Tabellenhälfte, etwas, von dem die Iberer beim Eurovision Song Contest heute nur noch träumen können.

Nanu, was macht Helmut Kohl denn da am Taktstock? (ES)

Zwei weitere heutige → Big-Five-Nationen, die in den ersten beiden Dekaden üblicherweise außergewöhnlich gut abschnitten, fielen diesmal auf die Fresse. Die Grande Nation, vermutlich noch zufriedengestellt durch den Vorjahressieg ihrer Yéyé-Ikone France Gall, gab sich erkennbar wenig Mühe: der vor dem Contest völlig unbekannte Dominique Walter (geborener Gruère) verdankt seinen Einsatz als gallischer Repräsentant offenem Nepotismus: seine Mutter, die Sängerin Michèle Arnauld (→ LU 1956), saß mit im Auswahlkomitee des Senders. Walters Beitrag ‚Chez nous‘ legte beredt davon Zeugnis ab, dass die Franzosen auf keinen Fall gewinnen wollten. Die Juroren taten ihnen den Gefallen und spendierten ein einziges Pünktchen, bis heute der Negativrekord des Landes beim Grand Prix. Im Anschluss machte Walter mit solch poetischen Titeln aus der Feder von Serge Gainsbourg wie ‚Das Leben ist ein netter Scheiße-Toast‘ von sich reden, die für ein rasches Karriere-Ende sorgten. Anders verhielt es sich im Fall des bemerkenswerten britischen schottischen Vertreters des Vereinigten Königreichs, Kenneth McKellar, der nicht nur im Kilt auftrat, sondern auch über ein beeindruckendes Organ verfügte – und damit ist natürlich seine klassisch trainierte Stimme gemeint! Die machte allerdings seine so staubige wie aufdringliche Langweilerballade ‚A Man without Love‘ nicht besser. Die BBC hatte den vom Sender intern ausgewählten, ausgebildeten Opernsänger (†2010) allerdings nicht entsandt, um einen Sieg zu vermeiden. Vielmehr wollte der dortige Unterhaltungschef Tom Sloan endlich mal wieder jemanden, „der singen kann“. Sein Lied hatten ihm die Zuschauer/innen in einem aus fünf Titeln bestehenden Vorentscheid ausgewählt, und die überwältigende Mehrheit der vom Sender anschließend befragten Briten war sich sicher, mit der wie aus einem Operettenfilm der Vierziger klingenden Melodei, die allerdings das verzaubernd Fragile ihres späteren portugiesischen Pendants ‚Amar pelos dois‘ vermissen ließ, eine gute Wahl getroffen zu haben. „Nun, es ist mal eine Abwechslung zum üblichen zweiten Platz,“ merkte der britische Eurovisionskommentator maliziös an, als am Ende des Abends der neunte Rang feststand. Deutlich besser schlug sich der Repräsentant der Grünen Nachbarinsel, Dickie Rock, der mit ‚Come back and stay‘ zwar eine sehr konventionelle Schnulze im Stile US-amerikanischer Crooner vortrug und mit seinen beachtlichen Segelohren nicht ganz mit der natürlichen Anmut seines Vorjahreskollegen Butch Moore mithalten konnte, sein Ergebnis aber dennoch übertraf.

Ein „Schuljungen-Haarschnitt“ und dezentes Rouge sollten den beim ESC-Auftritt knapp Vierzigjährigen jünger erscheinen lassen. Half nix. (UK)

Den Vogel schoss jedoch die Holländerin Milly Scott ab. Die erste schwarze Sängerin in der Grand-Prix-Geschichte brachte zu ihrem Migrationsschlager ‘Fernando en Filippo’ als lebendige Illustration – ein weiteres Novum – zwei als vermutlich papierlose chilenische Landarbeiter verkleidete Männer mit auf die Bühne, die sie den Fernsehzuschauern mit unmissverständlichen Fingerzeigen als die beiden Besungenen vorstellte. Zudem verortete sie das im Lied mehrfach erwähnte Städtchen „San Antonio“ mit einer Daumenbewegung als direkt hinter der Bühne liegend. Wohin sie sich übrigens mitten im Vortrag selbst nervös tänzelnd begab. Wollte sie nachschauen, ob die Ausländerpolizei schon da stand? Oder plagte sie ein recht unaufschiebbares, menschliches Bedürfnis? Das würde auch die Eindringlichkeit erklären, mit der sie die unsterblichen Zeilen „Ri-ki tong-tong-tong ti-ki kong-kong“ schmetterte. Unglücklicherweise verhinderte das zu kurze Mikrofonkabel den erlösenden Abgang. Ihr skandalös schlechtes Ergebnis mit nur zwei Punkten schrieb die in den Niederlanden geborene Tochter surinamischer Eltern „rassistischen Juroren“ zu, was zwar leider nicht ganz auszuschließen ist, dennoch ziemlich unwahrscheinlich dünkt. Viel eher dürfte Milly an der Humorfalle gescheitert sein: war ihr Beitrag doch, so kündigte es zumindest der Kommentator an, als „Parodie“ auf die seinerzeit allseits beliebten und mit in der Tat rassistischen Klischees vom heißblütigen und arbeitsscheuen Latino nur zu gerne aufwartenden Mexiko-Schlager gedacht, was man durch die besonders exaltierte Show und die dadaistischen Gesänge zu visualisieren suchte. Vergeblich, wie wir nun wissen: schon im realen Leben sind leider neun von zehn Menschen unempfänglich für jede Form von Ironie. Innerhalb der Grand-Prix-Jurys dürfte diese Quote nochmals höher liegen.

Vorsicht, Filippo: dahinten warten sie, die Schengen-Häscher! (NL)

Rundheraus ein absoluter Spitzenjahrgang also mit fantastischen Beiträgen bis zum Abwinken und erstmals prominent erkennbaren Showelementen. Der steinige Weg vom staatstragend-drögen Chansonabend der ersten Dekade hin zur ernsthaften Unterhaltungssendung hatte den staubigen Teil hinter sich gelassen und öffnete sich langsam zum Prachtboulevard, auch wenn sich zu diesem Zeitpunkt noch niemand vorstellen konnte, dass er dereinst in Monstermasken, Trickkleidern und begehbaren Projektionswänden münden sollte. Und Udo Jürgens, der ausgebuffte Showhase, wusste bei der Siegerreprise ganz genau, bei wem er sich für seinen ersten Platz zu bedanken hatte: „Merci, Jury“!

Eurovision Song Contest 1966

Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne. Samstag, 5. März 1966, aus dem Grand Auditorium de RTL, Luxemburg-Stadt, Luxemburg. 18 Teilnehmer. Moderation: Josiane Shen.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01DEMargot EskensDie Zeiger der Uhr0710
02DKUlla Pia NielsenStop! Mens Legen er god0414
03BETonia MertensUn peu de Poivre, un peu du Sel1404
04LUMichèle TorrCe Soir je t'attendais0710
05YUBerta AmbrožBrez besed0907
06NOÅse KlevelandIntet er nytt under Solen1503
07FIAnn Christine NyströmPlayboy0712
08PTMadalena IglésiasEle e ela0613
09ATUdo JürgensMerci, Chérie3101
10SELill Lindfors + Svante ThuressonNygammal Vals1602
11ESRaphael Martos SánchezYo soy acquél0907
12CHMadeleine PascalNe vois-tu pas?1206
13MCTéréza KesovijaBien plus fort0017
14ITDomenico ModugnoDio, come ti amo0017
15FRDominique WalterChez nous0116
16NLMilly ScottFernando en Fillipo0215
17IEDickie RockCome back to stay1405
18UKKenneth McKellarA Man without Love0809

6 Gedanken zu “ESC 1966: Zwingen kann man kein Glück

  1. Wie bitte? An sich ist der Artikel stimmig, aber dass die Juries ‚Nygammal vals‘ fair bewertet hätten, ist kompletter Blödsinn. Die Qualität mal komplett außen vor gelassen: Von den sechzehn Punkten, die das Lied bekam, stammten FÜNFZEHN aus Skandinavien! Jeweils fünf (die damalige Höchstwertung) aus Dänemark, Norwegen und Finnland. Sorry, aber das fair zu nennen grenzt schon an arglistige Täuschung.

  2. Nygammal vals Mmmmhhh: wenn ich meinen Text so durchlese, kann ich die Stelle leider nicht finden, an dem ich die Juryvoten für den hippen Schweinehirten als ‚fair‘ bezeichnet hätte. Fair war’s tatsächlich nicht, denn dann hätten die Schweden gewinnen müssen! Leider hatten aber nur die skandinavischen Juroren den richtigen Riecher, die restlichen Europäer zeigten sich mal wieder konservativer – leider!

  3. Aha. Soso. Juryschiebungen unter befreundeten Ländern sind also okay, solange das Lied gefällt, ja? Vielleicht kann ich diese Geschichte objektiver beurteilen, weil ich ‚Nygammal vals‘ nicht leiden kann. Andererseits: Geschmacksfragen und so. Mich stört es nur, dass die ansonsten so bissigen Kommentare über den Schwachsinn des Jurysytems plötzlich ins Gegenteil kippen, wenn der hippe Schweinehirt daherkommt, obwohl es wohl keinen zweiten Fall gibt, in dem ein Blick auf das Scoreboard so klar darlegt, dass die Skandinavier sich abgesprochen hatten, Schweden zu pushen. Aber sich dann über den Sieg von ‚Rock me‘ 1989 als ‚offensichtliche Schiebung‘ echauffieren, ja? (Da sind unsere Positionen vertauscht. Ich mag ‚Rock me‘ auch nicht so gern, aber in dem Feld war das als Sieger okay.)

  4. Solange (mir) das Lied gefällt, kann es sich bei der Höchstwertung ja logischerweise um keine Jury-Schiebung handeln, sondern um eine korrekte Bewertung. Die Schieberei bestand in diesem Fall ja darin, dass die nicht-skandinavischen Länder diese Perle nicht ebenfalls mit Punkten bedachten, sondern sie an unverdiente Beiträge verschleuderten. Logisch, oder? 😉

  5. Unglaublich, aber wahr: Svante Thuresson ist nur drei Jahre älter als Lill Lindfors!

  6. Ich hab’s nachgelesen: stimmt. Wie krass! Wieso sieht er dann mindestens doppelt so alt aus wie sie?

Oder was denkst Du?