ESC 1969: Er machte Fröhliche melancholisch

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Das Jahr der vier Sieger

Das hatten sich die den 1969er Grand Prix eröffnenden Jugoslawen sehr clever gedacht. In acht europäischen Sprachen, einschließlich eines „Guten Tag“, begrüßten sie die Zuschauer/innen zum Auftakt des mit weitem Abstand absurdesten (und somit großartigsten) Contestjahrgangs aller Zeiten in der spanischen Hauptstadt Madrid, wo bereits die merkwürdige Bühnendekoration, eine krude Mischung aus althergebrachten Blumenbeeten, sakral anmutenden Orgelpfeifen und einer futuristischen Metallskulptur aus der Künstlerhand Salvador Dalís, auf das noch folgen sollende Chaos einstimmte.

Vorbildlich: nach nur fünf Minuten singt schon der erste Teilnehmer beim ESC 1969 (kompletter Contest)

‚Pozdrav Svijetu‘ (‚Grüße an die Welt‘), die hemmungslose – wenn auch wunderbar harmonisch gesungene – kroatische Punkteabgreifnummer, zündete bei den Jurys jedoch nicht wie erhofft. Was wohl vor allem an dem vollbärtigen Ivan lag (bürgerlich: Ivica Krajač, eigentlich ein gleichberechtigtes Viertel des „Vokalni Kvartet“ 4M, verdankte er seine Heraushebung als Leadsänger der damals noch gültigen Eurovisionsregel, die offiziell lediglich Solisten und maximal dreiköpfige Begleitchöre zuließ), der seinen Vortrag dermaßen affektiert und theatralisch gestaltete, dass es einem beim Zuschauen die Schuhe auszog: eine Acht auf der → Haldor-Lægreid-Skala. Nicht weiter verwunderlich, dass er seinen Song „allen Jungen aller Flaggen“ widmete, wie er sang: gemeint war wohl der bei Schwulen beliebte Hanky-Code, denn Mädchen fanden in seinem Lied keine Erwähnung. Besser schnitt da schon die Schweizerin Paola del Medico (→ CH 1980, Vorentscheid DE 1979 + 1982) ab, die auf eine ähnliche Thematik setzte.

Stand zu seiner inneren Lorielle: der Ivan (YU)

Ihr schwungvolles ‚Bonjour, bonjour‘, das wie für Caterina Valente geschrieben klang, erquickte den Hörer mit unbekümmertem, hormonumtostem, Alleinstehende allerdings achtlos ausgrenzendem Optimismus („Die Welt ist wunderbar, sie kann nicht schöner sein / Und sie gehört nur den Verliebten allein“), welchem die wie immer arg steif auftretende spätere Ehefrau von Kurt Felix und Mitmoderatorin der quälend unlustigen TV-Show Verstehen Sie Spaß? mit dem ihr so eigenen Gefrierlächeln nicht ganz gerecht werden konnte. Monaco schickte ein erst zwölfjähriges Milchbübchen namens Jean-Jacques Bortolaï, das seine ‚Maman‘ anflehte, bittebitte noch langelange an ihrem Rockzipfel kleben zu dürfen: da manifestierte sich wohl Heintjes unglückseliger (und in dessen Wahlheimat Belgien stets virulenter) Einfluss. Dieses Grauen machte die in einem augenschmerzgrünen Kleid vom Format eines Zirkuszeltes auftretende Irin Muriel Day vergessen, die sich mit einem ekstatischen Veitstanz die ‚Wages of Love‘ verdiente (#1 in den heimischen Charts).

Erzielt sicher einen guten Liebeslohn: die Muriel (IE)

Für Belgien beschmachtete Louis Neefs (→ BE 1967), der Mann mit dem vielleicht hässlichsten Toupet der Contestgeschichte, ein Londoner Mädchen namens ‚Jennifer Jennings‘. Er tat das mit stoischer Miene und völlig bewegungslos – bis zum ersten Refrain, als er ohne jede Vorwarnung plötzlich die Arme nach oben riss und in einer artistischen Verrenkung über dem Kopf zusammenschlug. Wie viele ältere Zuschauer dieser völlig unvorhersehbare Gefühlsausbruch in den Herztod schickte, ist nicht überliefert. Finnland entzückte mit einem putzigen Duo (und echtem Ehepaar) namens Jarkko & Laura und einer Ragtime-Ode an die gute alte Zeit. Jarkko hatte sich stilecht mit einem Kreissägenhut und einem Regenschirm kostümiert; beide lieferten dazu eine lustige Tanzeinlage, irgendwo zwischen Kung-Fu, Stummfilm und Stepptanz. Siw Malmkvist (→ SE 1960, Vorentscheid SE 1961, Vorentscheid DE 1962) schaute hingegen verzweifelt und trug ihr ältliches deutsches Schlagerlein namens ‚Primaballerina‘ vor, in dem sie die traurige Einsamkeit eines Porzellanpüppchens besang: ein wirklich sozialkritisch aufrüttelndes Lied. Dazu drehte sie sich selbst etwa so anmutig wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanpüppchenladen.

Gingen offensichtlich zum selben Friseur: Jarkko & Laura (FI)

Diese Reise durchs wilde Absurdistan bildete aber nur das Vorspiel für das unübertroffene Drama um die Punkteauswertung. Nach dem umstrittenen Sieg eines ‚La La La‘-Liedchens im Vorjahr setzten nun etliche Länder auf ähnliche Lautmalereien in ihren Beiträgen, wie die im Zwei-Jahres-Rhythmus antretende norwegische Kirsti Sparboe (→ NO 1965, 1967, Vorentscheid DE 1970) mit dem peppigen ‚Oj oj oj‘ (nein: keine Skinhead-Ode); die sich als verhinderte Opernsängerin gebärdende Portugiesin Simone de Oliveira (→ PT 1965), die im Refrain ihres Songs ‚Desfolhada‘ ebenfalls das ein oder andere „La La La“ und „Lay Lay Lay“ unterbrachte; oder die völlig überdrehte, kulleräugige Schottin Marie McDonald McLaughlin Lawrie, besser bekannt als Lulu (ihr → Choreografie-Vorbild bildeten offensichtlich diese „lustigen“ Katzenuhren, bei denen sich die Augen im Sekundentakt übertrieben hin- und herdrehen), deren Kardiologe ihr vor dem Wettstreit die beunruhigende Nachricht überbracht hatte, ihr Herz schlage ‚Boom Bang A Bang‘. Womit sie trotz ihres grauenhaften Krächzens einen der ersten Plätze belegte.

Vier gewinnt

Ääähh – wie bitte? Einen der ersten Plätze? Jawohl, denn es gab ganze vier Siegertitel an diesem Abend!

Freut sich, dass sie Europa so veräppeln konnte: Lulu! (UK)

Bei insgesamt 16 Teilnehmerländern – Österreich, drei Jahre zuvor noch der Sieger, befand sich in der ersten seiner zahlreichen eurovisionären Sinnkrisen und setzte aus – teilten sich vier Beiträge, also jedes vierte Lied, die Höchstwertung. Bei den weiteren Glücklichen handelte es sich um zum einen um den Vielfachgewinner Frankreich (Frida Boccara mit dem klassischen, mit absoluter Präzision und Hingabe gesungenen frankophilen Gefühlssturm ‚Un Jour, un Enfant‘) und um das Gastgeberland Spanien selbst, welches eine mit einem grotesken, mehrere Kilo schweren Röhrchenfummel bekleidete Naturtranse (also eine als Maria Rosa Marco Poquet geborene, biologisch echte Frau, die aber aussah wie ein überschminkter Transvestit mit pompöser Perücke) mit dem Künstlerinnennamen Salomé auf die Bühne schickte. Auch sie unterstützte ihren sonnigen, deutlich auf die Erfolgsformel von ‚La la la‘ (→ ES 1968) setzenden Eurovisionsschlager ‚Vivo cantando‘ mit etlichen „Hey!“s im Refrain. Wobei der Song in der Livefassung aus lediglich einer einleitenden Strophe und fünf sich stetig steigernden Wiederholungen des Kehrreims sowie gleich drei → Rückungen bestand. Sie toppte das Ganze mit einer schunkelnden Tanzperformance, bei der die metallicblauen Röhrchen an ihrem Hosenanzug nur so flogen – Sestre (→ SI 2002), hergeschaut: das ist echter Drag-Queen-Glamour!

Da lach ich doch! Ich bin die Siegerin! (ES)

Die Niederländerin Lenny Kuhr mit ihrer folkigen, selbst getexteten Bänkelsängerballade ‚De Troubadour’, auch sie dem ein oder anderen “Lay lay lay” nicht abgeneigt, vervollständigte das Quartett der Erstplatzierten. Nach meinem Verständnis zählt sie als die echte Siegerin dieses Jahrganges. Leider erst im Nachgang zu diesem peinlichen Debakel erließ die European Broadcasting Union (EBU) die Bestimmung, dass bei einem künftigen Punktegleichstand derjenige gewonnen habe, der die höheren Einzelwertungen vorweisen kann. Eine mittlerweile ins Gegenteil (heute zählt die höhere Anzahl der Wertungen) gedrehte Regel, die erstmals 1991 zum Einsatz kam, als Amina Annabi (FR) und Carola Häggkvist (SE) mit jeweils 146 Zählern vorne lagen. Beide hatten je vier mal 12 Punkte kassiert; Carola konnte aber fünfmal 10 Punkte auf sich vereinen, Amina nur vier mal. So gewann Carola. Wendet man diese Zählweise retroaktiv auf den 1969er Contest an, wie ich es in allen meinen Tabellen (und nicht nur bei den Siegertiteln, sondern auch bei Punktegleichständen auf den unteren Plätzen) tue, ergibt sich ein eindeutiges Bild: Lenny Kuhr gewinnt mit der höchsten Einzelwertung (6 Punkte) vor Lulu (5 Punkte), Frida Boccara (4 Punkte) und Salomé (3 Punkte).

Ein bisschen Siegen: Lenny Kuhr (NL)

Anders verhielt es sich in den Charts: dort räumte lediglich Lulu (#8 in Deutschland, #2 in Großbritannien, #1 in Norwegen) richtig ab. An diesem Abend aber blieb es, zur erheblichen Belustigung des anwesenden Saalpublikums und zur endgültigen Überforderung der Moderatorin Laurita Valenzuela nach der Entscheidung des EBU-Schiedsrichters Clifford Brown ganz offiziell bei vier Siegerinnen, die auch alle vier eine Medaille erhielten (verfügte der ausrichtende Sender TVE etwa über seherische Kräfte?). Und zwar aus der Hand von Vorjahresgewinnerin Massiel, die sich extra für diesen Anlass in einen unglaublich protzigen, mit Goldapplikationen bestickten Pelz warf und sich überhaupt als eigentlicher Star des Abends gebärdete. Das Chaos auf der rasch überfüllten Bühne meisterte sie jedoch souverän, reihte die Mädels und ihre → Komponisten nach Körpergröße sortiert auf wie die Orgelpfeifen, verteilte Orden und Küsschen und hielt beruhigend Händchen, wo es nötig war.

Laurita Valenzuela glaubt es kaum: vier Sieger!

Berührend: die bereits 1996 im Alter von nur 55 Jahren an einer Lungenentzündung verstorbene Französin Frida Boccara, schon beim ersten Gesangsvortrag, aber auch bei der Siegerinnenreprise mehr als beeindruckend in ihrer feinen Balance aus stimmlichem Können und wohl dosierter Mimik, leuchtete bei der Überreichung ihrer Medaille für drei Sekunden von innen heraus so, als sei genau dieser Moment der beste, wichtigste und schönste ihres gesamten Lebens. Was er ja vielleicht auch war. Den Trubel um sie herum vollständig ignorierend, erschaffte sie nur durch ihren Gesichtsausdruck einen kurzen, stillen Augenblick des Glücks; so fragil, dass ich selbst beim wiederholten Anschauen an dieser Stelle jedes Mal unwillkürlich den Atem anhalte, um ihn nicht versehentlich zu zerstören. Mit dieser winzigen, feinen Geste gab sie dem ganzen Abend seine Würde zurück und setzte einen berauschenden Schlusspunkt unter einen nie wieder zu toppenden Jahrgang meines Lieblingsevents.

Dennoch bekommen alle vier Siegerinnen ihre Medaille!

Eurovision Song Contest 1969

Gran Premio de la Canción de Eurovision. Samstag, 29. März 1969, aus dem Teatro Real in Madrid, Spanien. 16 Teilnehmerländer. Moderation: Laurita Venezuela.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01YUIvan + 3MPozdrav Svijetu0513
02LURomuald FiguierCathérine0711
03ESSaloméVivo cantanto1804
04MCJean-Jacques BertolaiMaman1106
05IEMuriel DayThe Wages of Love1007
06ITIva ZanicchiDue grosse Lacrime bianche0514
07UKLuluBoom Bang a Bang1802
08NLLenny KuhrDe Troubadour1801
09SETommy KörbergJudy, min Vän0809
10BELouis NeefsJennifer Jennings1008
11CHPaola del MedicoBonjour, bonjour1305
12NOKirsti SparboeOj oj oj, så glad jeg skal bli0116
13DESiw MalmkvistPrimaballerina0810
14FRFrida BoccaraUn Jour, un Enfant1803
15PTSimone de OliveiraDesfolhada 0415
16FIJarkko + LauraKuin Sillon ennen0612

4 Gedanken zu “ESC 1969: Er machte Fröhliche melancholisch

  1. Heutiger Stand So, wie das heute offenbar geregelt ist, hätte nicht Lenny Kuhr gewonnen. Heutzutage wird erst mal geschaut, aus wie vielen Ländern das Lied überhaupt Punkte bekommen hat, bevor die Höchstwertungen verglichen werden. Danach ergibt sich folgendes Bild: 1. Frankreich (Punkte aus neun Ländern, darunter zweimal vier Punkte); 2. Spanien (ebenfalls neunmal Punkte, aber immer höchstens drei); 3. Großbritannien (achtmal Punkte); 4. Niederlande (nur siebenmal Punkte).

  2. Die heutige Regelung ist aber scheiße und wird deswegen von mir komplett ignoriert. Das ist so eine typisch grünalternative, politisch korrekte, windelweiche Konsenssülze, die beim Streit um den Putzplan in einer WG oder die Frage, in welcher Szenekneipe die Mädelsclique heute Abend ihr Geld für überteuerten Kaffee mit italienischem Namen zum Fenster rauswirft, angemessen sein mag. Bei einem Wettbewerb (!!!) aber völlig fehl am Platze ist. Selbstverständlich zählt da die höchste Einzelwertung und sind einmal 12 Punkte mehr wert als zwölf mal ein Punkt. Das die von Dir skizzierte, schwachsinnige Regelung heute gilt, illustriert, das es mit dem Feminisierung der Gesellschaft doch zu weit gegangen ist.

  3. re: Die heutige Regelung ist aber scheiße! Selbstverständlich zählt da die höchste Einzelwertung und so sind einmal 12 Punkte mehr wert als zwölf mal ein Punkt.

    Absolut richtig!!!

  4. Naja. Das ist Ansichtssache. Was ist besser – in einem Land richtig einschlagen, oder in fünfen brauchbar punkten? Gibt sich insgesamt nicht viel. Ich jedenfalls habe Verständnis dafür, dass erst mal geschaut wird, wo überhaupt Punkte herkamen. Eine Nullwertung ist auf ihre Weise genauso aufschlussreich wie ein Zwölfer.

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