DE 1970: Musst Du sie auch sehn!

Katja Ebstein, DE 1970
Die Weltverbessererin

Eine Veranstaltung wie ein Drogenrausch: kurz, bunt und knallig. Der Kontrast zur viel belächelten 1969er Kleintierzüchtervereinsvorstandssitzung, ebenso wie diese Show vom Hessischen Rundfunk produziert, hätte nicht krasser ausfallen können. Niemals zuvor und nie wieder danach atmete eine deutsche Eurovisionsvorentscheidung so intensiv den Duft der großen weiten Welt. Beziehungsweise, präziser gesagt: Londons. Von dort her flog der hr die aus der britischen Chartshow Top of the Pops bekannte Tanzformation Pan’s People ein, die in den Wertungspausen anstelle des preußischen Ehepaars Trautz das Publikum im Sendestudio (und vor den Bildschirmen) unterhalten sollte. Und wie sie das taten!

Im Spätsommer der Liebe: Pan’s People 

Knallig bunt und aufreizend knapp gekleidet, wirbelten sie zu den Klängen der Beatles bzw. des ‚Clapping Song‘ derart wild auf der Bühne herum, dass sich die Zuschauer/innen vor lauter Farben und Bewegung auf einem LSD-Trip (oder zumindest im Afri-Cola-Rausch) wähnen mussten. Augenscheinlich hatten die Leute des Pan dazu noch gleich das Frankfurter Sendestudio eingerichtet, denn bunt und psychedelisch wirkten auch die Projektionen auf der Videoleinwand, vor der die Interpret/innen dieser Vorentscheidung ihre Beiträge zum Besten gaben. Selbst die sechs Titel, wenngleich textlich allesamt eher banale Liebesschlager, wirkten doch durch ihren musikalischen Vortrag, nicht zuletzt durch die tatkräftige Hilfe des begleitenden Günter-Kallmann-Chores, der so spacig klang wie eben frisch von der Raumpatrouille entführt, geradezu revolutionär modern. Bereits die Eröffnungssequenz, eine verjazzte (und somit beinahe erträgliche) Instrumental-Interpretation des letztjährigen deutschen Beitrags ‘Primaballerina’ wies die Richtung.

Der swingende Topflappen: Mary Roos mit einer ihrer anbetungswürdig lässigen Performances, für die wir sie so sehr lieben

Die großartige, fantastische, nicht hoch genug zu lobende Mary Roos (→ DE 1972, 1984, Vorentscheid 1975, 1982) eröffnete das Feld mit Grandezza. In einen riesigen, handgehäkelten, FDP-farbenen Topflappen gewandet, mit gestufter Kurzhaarfrisur und Orion-Eyeliner sah sie nicht nur extrem stylish aus, sondern interpretierte ihr fabelhaftes ‘Bei jedem Kuss’ auch noch dermaßen übertrieben cool, als handele es sich um eine Aufforderung zum Trendclubhopping à la Petula Clark (‚Downtown‘). Nichts schlagerhaft Dumpfes haftete diesem Auftritt an, wie es in den Sechzigern noch üblich war: hier begann eine neue deutsche Eurovisionsära! Und das eher zufällig: eigentlich sollte Edina Pop (→ Vorentscheid 1972, DE 1979 als Teil von Dschinghis Khan) die Nummer singen, sie fiel jedoch kurzfristig krankheitsbedingt aus. Mary sprang als Interpretin ein, was vielleicht erklärt, warum sie diese funkelnd strahlende Vorentscheidungsperle leider nie auf Tonträger aufnahm. Roberto Blanco (→ Vorentscheid 1973, 1979), der „wunderbare Neger“, wie ihn der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) in der TV-Quasselbude Hart aber Fair einmal nannte (ziemlich hart, wenig fair), besang eurovisionstypisch die Liebe in allen Sprachen des Kontinents und wirkte dabei gar nicht so sehr wie der spätere Oktoberfest-Bierzeltstimmungssänger, sondern geradezu jetsetmäßig international.

Auf dem Kurfürstendamm sagt man „ohne Gummi fuffzig, mit dreißig“

Die norwegische Dreifach-Repräsentantin Kirsti Sparboe (→ NO 1965, 1967, 1969), die im Vorjahr mit dem fröhlichen ‚Ein Student aus Uppsala‘ einen europaweiten Top-Hit landen konnte, erschien ebenfalls im quietschgelben Topflappen und gab einen von Drafi Deutscher erdichteten, schlimmen Schunkelschlager mit verklärender Pennerromantik über das sorgenfreie Leben der ach so glücklichen Berber von Paris zum Besten – da hatte Drafi beim Texten wohl dem französischen Landrotwein Marke “Pennerglück” etwas zu sehr zugesprochen… Nach so viel Internationalität mutete das 2007 verstorbene Schlagerfossil Peter Beil (→ Vorentscheid 1962, 1965) mit seinem drögen Anforderungskatalog an mögliche Gespielinnen, ‘Rote Augen, braune Lippen und kastanienblaues Haar’ (oder so ähnlich), doch ein wenig provinziell an. In dem zeitsprunghaft modernen Umfeld des diesjährigen Vorentscheids fühlte er sich wohl dergestalt verunsichert, dass er sich während des gesamten Vortrags ängstlich am Mikrofonkabel festklammerte und seinen Auftritt ziemlich vergeigte. Konsequenterweise erhielt er keinen einzigen Punkt.

Fabelhaft im hellblauen Maxikleid: Katja Ebstein regiert die Bühne

Die hinreißende, sensationelle, fantastische Katja Ebstein (→ DE 1971, 1980, Vorentscheid 1975, Moderation 1981) ließ bereits bei ihrem ersten Auftritt erkennen, dass nur sie die Königin des Abends sein könne: nicht eine Sekunde biederte sie sich beim Publikum an, hatte lediglich die vage Andeutung eines huldvollen Lächelns übrig – sie wusste sehr genau, dass niemand sie vom Material her schlagen konnte, dass sie über einen Jahrhundertsong verfügte. ‘Wunder gibt es immer wieder’, die Referenzklasse des deutschen Tröstungsschlagers, erhielt durch ihren stimmlich dramatischen wie bedeutungsschwer melancholischen Vortrag einen Tiefgang, der nochmals deutlich über den eigentlichen Text hinausging. Welcher im Gegensatz zu den vergleichsweise weinerlichen Paradies-wo-bist-Du-Schlagern der Sechziger die subtile Aufforderung zum aktiven Zupacken („…musst Du sie auch sehn“) enthielt. Und damit sagte: nimm Dein Leben selbst in die Hand, Du bist Deines Glückes Schmied! Das war neu im deutschen Schlager, der bis dato eher eine Art von schicksalsergebener Duldungsstarre propagierte. Musikalisch fand sich das spannungsgeladene Lied ohnehin Äonen vom üblichen Schlagereinerlei entfernt, in einer völlig anderen Galaxie.

Ich bin kein Hampelmann: der Reiner findet seine Schöne auch inmitten von Millionen

Auch Reiner Schöne, ein in Weimar aufgewachsener Schauspieler und Liedermacher, der 1968 aus der DDR rübermachte und in der Bundesrepublik Hauptrollen in aktuellen Musicals wie ‚Hair‘ und ‚Jesus Christ Superstar‘ sowie später in zahllosen Serien- und Filmproduktionen ergatterte, legte einen beachtlichen Auftritt hin. Selbst wenn er, wie schon weiland Cliff Richard (→ UK 1968), dabei gelegentlich den Eindruck erweckte, unter Diarrhö zu leiden, so geduckt, wie er dastand. Mit hippiesk langem Haupt- sowie schamlos freigelegtem Brusthaar sah er ein bisschen aus wie der friesische Blödelbarde Otto Waalkes auf Testosteron. Nur, dass Schöne deutlich besser singen konnte. Sein Beitrag ‘Allein unter Millionen’ beschäftigte sich im Grunde mit demselben Thema, mit dem zwei Jahre zuvor Karel Gott (→ AT 1968) für Österreich beim Londoner Contest baden ging: die Einsamkeit in der Großstadt. Wirkte Karels Schlager jedoch verzagt, so zeichnete sich Schönes optimistisch gestimmtes, kompetent vorgetragenes Angebot als eines aus, das Mut macht („…und das Glück wird mich belohnen“) und, wie Katjas Lied, die Zuhörer/innen auffordert, sich das pralle Leben mit beiden Händen fest zu greifen. Auch ihm wäre, ebenso wie Mary Roos, ein Sieg durchaus zu gönnen gewesen.

Chartwatch 1970: Ob das die selbe ‚Anuschka‘ ist, der Inge Brück 1967 beim Contest in Wien Trost spenden musste? Schwerenöter Udo Jürgens (→ AT 1964, 1965, 1966) landete auch 1970 wieder einen Top-Ten-Hit in den deutschen Verkaufscharts. 

Die Wertung teilte sich in zwei Phasen auf: sieben Juror/innen durften zunächst jeweils drei Beiträgen einen Punkt geben; die drei bestplatzierten Titel kamen eine Runde weiter. Die langatmigen Erklärungen Hans-Otto Grünefeldts, man suche etwas Vorzeigbares für das internationale Parkett (ach, wie sehr wünschte man sich, die heutige NDR-Auswahljury für den deutschen Eurovisionsvorscheid zeigte sich vom selben Ziel beseelt, anstatt nur ängstlich darauf zu schielen, was auf heimischen Mainstream-Radiowellen laufen könnte), verfehlten ihre Wirkung nicht: tatsächlich flogen die drei eher klassischen Schlager von Blanco, Sparboe und Beil raus und die drei musikalisch wie inhaltlich anspruchsvolleren Beiträge der Roos, der Ebstein und des Schöne kamen ins Finale. Wobei der Sieg von Katja Ebstein, die sieben von sieben möglichen Punkten erhielt, eigentlich bereits zu diesem Zeitpunkt feststand.

Noch fabelhafter im Mini mit silbernen Stiefeln: Modekönigin Katja Ebstein in Amsterdam!

Trotzdem mussten alle drei ihre Songs in der Endrunde nochmals präsentieren. Und zwar, da wollte man sich seitens des Hessischen Rundfunks wohl Aufwand ersparen, mit exakt der gleichen Dramaturgie und denselben Kameraeinstellungen wie schon im ersten Durchlauf. Was die Show nicht gerade abwechslungsreicher machte. In der zweiten Wertungsrunde gingen Herr Schöne und Frau Roos dann fieser Weise völlig leer aus und Frau Ebstein durfte ihren Schlager ein drittes Mal an diesem Abend singen. Moderatorin Marie-Louise Steinbauer, der man diesmal erlaubt hatte, ihren Job zu machen und etwas lockerer zu plaudern als noch im letzten Jahr, freute sich aufrichtig, auch wenn sie das lethargische Studiopublikum zum Siegesapplaus erst gesondert auffordern musste. Mit einer Chorinterpretation von ‘Boom Bang A Bang’ ging der unter sechzigminütige Farben- und Klangrausch schließlich zu Ende.

Vorentscheid DE 1970

Ein Lied für Amsterdam, Samstag, 16. Februar 1970, aus dem Sendestudio des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main. Sechs Teilnehmer, Moderation: Marie-Luise Steinbauer.
#InterpretTitelPunktePlatzCharts
01Mary RoosBei jedem Kuss05 | 0002-
02Roberto BlancoAuf dem Kurfürstendamm sagt man "Liebe"01 | ----
03Kirsti SparboePierre, der Clochard03 | ----
04Peter BeilBlaue Augen, rote Lippen und kastanienbraunes Haar00 | ----
05Katja EbsteinWunder gibt es immer wieder07 | 070116
06Rainer SchöneAllein unter Millionen05 | 0002-

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