DE 1975: Jeder Ton ist wie ein Stein

Joy Fleming, DE 1975
Die Bes­te. Auf ewig.

Nach dem Kata­stro­phen­er­geb­nis der haus­in­ter­nen Aus­wahl im Abbajahr 1974 (ein geteil­ter letz­ter Platz für den deut­schen Bei­trag von Cin­dy & Bert) besann sich sich der sei­ner­zeit ver­ant­wort­li­che Hes­si­sche Rund­funk dar­auf, dass er bereits 1970 und (in Zusam­men­ar­beit mit dem Sen­der Frei­es Ber­lin) 1972 glanz­vol­le öffent­li­che Vor­ent­schei­dun­gen auf die Bei­ne gestellt hat­te – und mit der dort jeweils aus­ge­wähl­ten Künst­le­rin einen nicht min­der glanz­vol­len Medail­len­platz beim euro­päi­schen Wett­sin­gen erziel­te. Mit die­sem Wis­sen im Rücken ging es in Frank­furt am Main frisch ans Werk: her­aus kam eine der bes­ten Ver­an­stal­tun­gen in der deut­schen Grand-Prix-Geschich­te! Zunächst ein­mal ver­zich­te­te man (die EBU tat das erst 1999) auf das anti­quier­te Orches­ter und griff auf das aus der ZDF-Hit­pa­ra­de bewähr­te Halb­play­back zurück: Musik vom Band, Gesang live. Das ein­ge­spar­te Geld inves­tier­te der hr in eine annehm­ba­re Stu­di­ode­ko­ra­ti­on. Außer­dem hol­te der Sen­der die Plat­ten­fir­men mit ins Boot. So dass es gelang, neben eini­gen No-Names hoff­nungs­vol­len Nach­wuchs­ta­len­ten auch zahl­rei­che Schlagersänger/innen von der aktu­el­len A-Lis­te anzu­lo­cken. 15 Künstler/innen tra­ten an, dar­un­ter Ver­zicht­ba­res und Füll­stoff, aber auch etli­che High­lights.

Eine pral­le Stun­de her­aus­ra­gen­den Musik­ge­nus­ses am Stück: der deut­sche Vor­ent­scheid von 1975 in vol­ler Län­ge.

Wie bereits 1972 mode­rier­te die hoch­char­man­te, hr-eige­ne deut­sche “Lot­to­fee” Karin Tiet­ze-Lud­wig, die heu­er aller­dings mit einem schreck­li­chen Haar­mopp und einer über­ra­schen­den Stock­steif­heit ver­stör­te, so als han­de­le es sich bei der deut­schen Vor­ent­schei­dung um ein juris­ti­sches Semi­nar und nicht um eine Unter­hal­tungs­sen­dung. Bereits bei der ers­ten von ihr annon­cier­ten Künst­le­rin woll­te man als Zuschau­er vor Ver­zü­ckung tot umfal­len: die kom­men­de Schwu­len­iko­ne Mari­an­ne Rosen­berg sang tat­säch­lich hier erst­mals im deut­schen Fern­se­hen ihr mitt­ler­wei­le legen­dä­res ‘Er gehört zu mir’. Nicht nur der ers­te Dis­co­schla­ger aus hei­mi­schen Gefil­den, nicht nur eine unsterb­li­che schwu­le Hym­ne, son­dern auch einer der Par­tyt­racks, die selbst voll­trun­ken heu­te noch aus­nahms­los jede/r Deut­sche text­si­cher mit­grö­len kann. Also ein Lied, das zwei­fels­frei so sehr zum Kul­tur­er­be die­ses Lan­des gehört, dass sein feh­ler­frei­es Nach­sin­gen ver­bind­li­cher Bestand­teil des Ein­bür­ge­rungs­tests wer­den soll­te.

Sie gehört (zu) uns: die gro­ße Mari­an­ne Rosen­berg.

Bei Mari­an­nes Auf­tritt stimm­te schlicht­weg alles: gra­zil schweb­te sie im schwarz­ro­ten Maxik­leid die Stu­dio­trep­pe hin­un­ter, keck schüt­tel­te sie ihre cha­rak­te­ris­ti­sche Fön­fri­sur, kirsch­rot glänz­ten ihre sinn­li­chen Lip­pen, mit dezen­tes­ten Hüft­schwün­gen wies sie neckisch auf die Tanz­bar­keit des Titels hin (was das völ­lig apa­thi­sche Stu­dio­pu­bli­kum jedoch nicht im Gerings­ten zu inter­es­sie­ren schien) und ihre Stim­me war der reins­te Schmelz. Dass sie nicht aus dem Stand gewann, wenigs­tens Zwei­te wur­de (tat­säch­lich erreich­te sie in der Juryab­stim­mung nur den inak­zep­ta­blen zehn­ten Rang), erscheint aus heu­ti­ger Sicht völ­lig unbe­greif­lich. Frau Rosen­berg, die in ihrer aus­ge­spro­chen lesens­wer­ten Auto­bio­gra­fie ‘Koko­lo­res’ die ita­lie­ni­sche Grand-Prix-Diva Giglio­la Cin­quet­ti (→ IT 1964 und 1974) als ihr Vor­bild nennt, bewarb sich im Fol­ge­jahr mit dem Titel ‘Ciné­ma’ (deutsch: ‘Lie­der der Nacht’) in Luxem­burg, wo sie gegen ihren Kol­le­gen Jür­gen Mar­cus (→ Vor­ent­scheid 1974) den Kür­ze­ren zog. Wei­te­ren Ver­su­chen (mit aller­dings furcht­ba­ren Lie­dern) in den Jah­ren 19781980 und 1982 im Hei­mat­land soll­te eben­falls kein Glück beschie­den sein.

Denn wer sich liebt, hat auch ein Glied”: die­ses mir damals schänd­li­cher­wei­se unbe­kann­te Lied muss­te ich mal bei einer schwu­len Revue im Frank­fur­ter Gal­lus-Thea­ter auf der Büh­ne als Karaōke sin­gen. Dafür ent­schul­di­ge ich mich noch heu­te bei allen dama­li­gen Zuschauer/innen. Und bei Frau Rosen­berg. 

So um das Jahr 2003 her­um nah­men die Medi­en und die brei­te Öffent­lich­keit Notiz vom Musik­phä­no­men Bas­tard-Pop, dem Zusam­men­mi­xen zwei­er sti­lis­tisch völ­lig gegen­sätz­li­cher Musik­stü­cke, des­sen Wur­zeln Wiki­pe­dia in der Mit­te der Neun­zi­ger­jah­re ver­mu­tet. Dabei erfand Ralph Sie­gel die­se Tech­nik bereits 1975! ‘Alles geht vor­über’ täusch­te in der Stro­phe mit­tels Dis­cog­ei­gen und flot­ter Beats zunächst eine See­len­ver­wandt­schaft zu Mari­an­nes Phil­ly­sound vor – nur, um im Refrain in eine Dixie­land-arti­ge (eher: Dixi-Klo-arti­ge) Mit­klatsch­num­mer mit Furz­trom­pe­ten umzu­kip­pen. So, als habe Sie­gel das Stück aus zwei ein­zel­nen Rest­pos­ten, die noch in der Klang­werk­statt des Kom­po­nis­ten her­um­la­gen, zusam­men­ge­den­gelt. Ange­hörs des von ihr zu sin­gen­den Refrains “Tan­da­ra ti, tan­da­ra tei” kräu­sel­ten sich selbst der sturm­er­prob­ten Peg­gy March (‘Hey!’, → Vor­ent­scheid 1969) die Haa­re. Was sie jedoch nicht dar­an hin­der­te, mit vol­lem Kör­per­ein­satz und behelfs eines wei­ßen Cow­boy­fran­sen­klei­des die Jurys zu hyp­no­ti­sie­ren, um von die­ser musi­ka­li­schen Gräu­el­tat abzu­len­ken. Dazu flir­te­te sie scham­los mit der Kame­ra, was dem Auf­tritt jedoch ein sehr stim­mi­ges Flair ver­lieh: es war halt von vor­ne bis hin­ten bil­lig.

Chart-Watch: der deutsch­spra­chi­ge Top-Hit des Jah­res 1975 war der fan­tas­ti­sche Migra­ti­ons­schla­ger ‘Grie­chi­scher Wein’ des öster­rei­chi­schen Grand-Prix-Sie­gers von 1966, Udo Jür­gens – süf­fig pro­du­ziert von, jawohl, Ralph Sie­gel.

A pro­pos Öster­reich: auch Peter “Kauf­hof” Hor­ton (→ AT 1967) nahm erneut teil, mit der sel­ben Atze-Schrö­der-Bril­le und -fri­sur wie schon 1972, immer noch irgend­wie unsym­pa­thisch in der Aus­strah­lung, und dazu noch mit einem ätzend lang­wei­li­gen Lied. ‘Am Fuß der Lei­ter’: genau da hät­te Hor­ton blei­ben sol­len. Vor­aus­ge­setzt, die Lei­ter steht in den abge­le­gens­ten Win­keln der Kana­li­sa­ti­on und führt nicht hin­auf ins hel­le Schein­wer­fer­licht des hr-Sen­de­stu­di­os! Die nächs­ten bei­den Bei­trä­ge waren nicht der Rede wert: ein wei­te­rer ver­däch­tig nach Sie­gel klin­gen­der Bau­kas­ten­song, vor­ge­tra­gen von ein paar Schiffs­schau­kel­brem­sern namens Jokers, sowie Séveri­nes (→ MC 1971) so über­flüs­si­ger wie ver­geb­li­cher Come­back­ver­such als sin­gen­der Kul­ler­pfir­sisch. Joy Fle­ming, die Unver­gleich­li­che, wipp­te sich in einem figur­schmei­cheln­den schwar­zen Kleid mit lus­ti­ger bun­ter Zau­ber­dra­chen­schlep­pe (hät­te sie das mal anstel­le der kotz­grü­nen Wurst­pel­le in Stock­holm getra­gen!) eksta­tisch durch ihren sen­sa­tio­nel­len Soulknal­ler ‘Ein Lied kann eine Brü­cke sein’. Dass es die Zuschau­er bei der mit­rei­ßen­den Num­mer und die­ser fan­tas­ti­schen Stim­me nicht auf die Stüh­le trieb vor Begeis­te­rung, ver­mag ich mir nur mit äußerst groß­zü­gi­gen Gaben von Vali­um durch den hr erklä­ren!

Joy Fle­ming bei einem Come­dy-Auf­tritt (mit Rex Gil­do). Das Video des Ori­gi­nal­auf­trit­tes ist wegen irgend­wel­cher elen­der Cont­ent­wich­ser nicht ver­füg­bar. Obwohl die­ser Vor­ent­scheid, wie jedes ARD-Pro­gramm, von unse­ren Gebüh­ren bezahlt wur­de und damit der Öffent­lich­keit gehört!

Die bedau­erns­wer­te Mag­gie Mae müh­te sich im Anschluß, durch unko­or­di­nier­te Hyper­ak­ti­vi­tät von ihrer mar­ker­schüt­tern­den Kieks­stim­me und ihrem unter­ir­di­schen, “total ver­rück­ten” Stim­mungs­schla­ger abzu­len­ken, gegen den selbst Tina Yorks Spie­ßer­hym­ne ‘Wir las­sen uns das Stin­ken Sin­gen nicht ver­bie­ten’ noch intel­lek­tu­ell wirkt. Natür­lich war sie an die­ser Stel­le ver­lo­ren, eben­so wie der ledig­lich als Musik­pro­du­zent erfolg­rei­che Wer­ner Becker mit sei­nem selbst getex­te­ten Sim­pel­schla­ger über sei­ne geis­ti­ge Ein­falt (‘Heut bin ich arm’). “Eine Lie­be ist wie ein Lied, (…) manch­mal ver­ges­sen, wenn es ver­klun­gen ist” sang die rund­ge­bürs­te­te Mary Roos (→ DE 1972, 1984). Sie erwies sich damit in eige­ner Sache als pro­phe­tisch, denn so sehr ich Mary schät­ze: die­se lah­me Num­mer aus der Feder von Hans Blum ver­gaß man bereits wie­der, wäh­rend sie noch sang. Im Gegen­satz zu ihrem Kleid, des­sen Des­sin sich nicht so recht zwi­schen Geschenk­pa­pier von Wool­worth und einem Sofa­be­zug für die Gene­ra­ti­on 80plus ent­schei­den konn­te und das ob sei­ner Scheuß­lich­keit bis heu­te sei­nes Glei­chen sucht.

Hat­te wohl den­sel­ben Haarsty­lis­ten wie ihre Kol­le­gin Mari­an­ne Rosen­berg: Mary Roos, hier mit einem lei­der nur so mit­tel­gu­ten Schla­ger.

Für Hei­ter­keit beim Publi­kum sorg­te ein drei­ßigs­ekün­di­ger Strom­aus­fall im Stu­dio (Karin Tiet­ze-Lud­wig: “Bit­te, mei­ne Damen und Her­ren, haben Sie etwas Ver­ständ­nis für unse­re Situa­ti­on!”) sowie direkt dar­auf­fol­gend ein ner­vo­si­täts­be­ding­ter, tota­ler Stimm­aus­fall bei der zehn­ten Künst­le­rin des Abends, Ric­ci Hohlt, die sang, als ob gera­de ein Schwein abge­sto­chen wür­de (die­ses schö­ne Sprach­bild ver­dan­ke ich mei­ner Mut­ter, die das frü­her immer über mich sag­te, wenn ich zu Madon­nas ‘Mate­ri­al Girl’ inbrüns­tig mit­träl­ler­te. Dan­ke, Mama!). Von Ric­ci zu Ricky (Gor­don) sind es nur zwei Buch­sta­ben und zwei Zen­ti­me­ter, und auch die­ser in Bel­gi­en gebür­ti­ge Rum­mel­platz­tra­vol­ta konn­te fol­ge­rich­tig über­haupt nicht sin­gen, zum Amü­se­ment des Publi­kums aber auch über­haupt nicht tan­zen. Dafür trug er einen hal­ben Meter über­ste­hen­de, rasier­mes­ser­spit­ze Hemd­kra­gen. Was mei­ne Vali­um­the­se erhär­tet, sonst hät­ten die Zuschauer/innen rings­um näm­lich rei­hen­wei­se panisch in Deckung gehen müs­sen.

Ric­ci Hohlt kam in den Sieb­zi­gern als Chor­sän­ge­rin bei eini­gen Dis­co-Pro­duk­tio­nen von Rai­ner Pietsch, der auch ‘Ein Lied kann eine Brü­cke sein’ schrieb, zum Ein­satz. Dane­ben arbei­tet sie als Bou­le­vard­schau­spie­le­rin.

Sin­gen konn­te dage­gen Jür­gen Mar­cus (→ LU 1976), und das sogar sehr gut. Mein Glied Ein Lied zieht hin­aus in die Welt’, näm­lich gen Stock­holm und von dort aus durch ganz Euro­pa. So der Plan. Und das hät­te wohl auch geklappt – in jedem ande­ren Jahr, in dem nicht Joy Fle­ming jeg­li­che, auch gute, Kon­kur­renz gegen die Wand sang. Kos­mi­schen Aus­gleich erfuhr der sehr zur gro­ßen Ges­te und zum ver­rä­te­ri­schen gebro­che­nen Hand­ge­lenk nei­gen­de ehe­ma­li­ge Musi­cal­star auf kom­mer­zi­el­ler Ebe­ne: dort zog sein dick auf­tra­gen­des Lied näm­lich tat­säch­lich hin­aus in die Welt (naja, ein biss­chen) und ver­kauf­te sich in den Nie­der­lan­den (#17), der Schweiz (#4) und Öster­reich (#15). Zu Hau­se beleg­te es als erfolg­reichs­ter Titel die­ses Vor­ent­scheids gar Rang 3 der Charts, wäh­rend Mari­an­nes Sin­gle immer­hin noch #7 schaff­te. Unfass­li­cher­wei­se kam die 2017 ver­stor­be­ne Joy Fle­ming nicht über Platz 32 hin­aus: Geschmacks­be­hin­de­rung scheint in Deutsch­land eine Volks­krank­heit zu sein.

Jür­gen Mar­cus bei einem Auf­tritt in der ZDF-Hit­pa­ra­de. Das Video des Ori­gi­nal­auf­trit­tes ist, wie Sie sich den­ken kön­nen, wegen irgend­wel­cher elen­der Cont­ent­wich­ser lei­der gesperrt. Obwohl die­ser Vor­ent­scheid (erwähn­te ich es bereits?), wie jedes ARD-Pro­gramm, von unse­ren Gebüh­ren bezahlt wur­de und damit der Öffent­lich­keit gehört!

Hör wie­der Radio’: mit die­sem äußerst ein­gän­gig vor­ge­tra­ge­nen Impe­ra­tiv ver­such­te es die Love Gene­ra­ti­on, ein Me-too-Pro­dukt im Fahr­was­ser der über­aus erfolg­rei­chen Les Hum­phries Sin­gers (→ DE 1976, auch da trat die Love Gene­ra­ti­on noch­mals beim Vor­ent­scheid an). Mit dabei: der mit dem Kir­mes­schla­ger ‘It’s a real good Fee­ling’ (1980 eine Num­mer Eins in Deutsch­land) solo sehr erfolg­rei­che Peter Kent, der mit der cha­rak­te­ris­ti­schen, gefärb­ten Locke. Sowie die uns 1981 noch­mals als Teil der Hor­net­tes (‘Man­ne­quin’) begeg­nen­de, 2014 ver­stor­be­ne Git­ta Walt­her – die Fül­li­ge mit der gro­ßen Stim­me, die auch auf dem 1975er Dis­co-Welt­hit ‘Fly Robin Fly’ von Sil­ver Con­ven­ti­on (→ DE 1977) zu hören ist und im glei­chen Jahr den mar­kan­ten Schrei zu Pen­ny McLeans Num­mer-Eins-Hit ‘Lady Bump’ bei­steu­er­te. Die stüm­per­haf­ten Kos­tü­me und Cho­reo­gra­fie ver­rie­ten die Lie­bes­ge­ne­ra­ti­on, die es in den von stän­di­gen Umbe­set­zun­gen gepräg­ten neun Jah­ren des Bestehens die­ser Band nie zu nen­nens­wer­tem kom­mer­zi­el­len Erfolg brach­te, als Con­test-untaug­li­che B-Ware. Dafür lief ihr Wer­be­song für Oldie­wel­len natür­lich öfters im Radio.

Ich hal­te es da mit den Reynolds Girls: Gol­den Oldies, Rol­ling Stones, we don’t want them back / I’d rather jack, than Fleet­wood Mac!

Für Kat­ja Ebsteins Breit­wand­schmacht­fet­zen ‘Ich lie­be Dich’ sei es nach spä­te­rer Aus­sa­ge der Künst­le­rin nur vier Jah­re nach ihrer Dop­pel­re­prä­sen­ta­ti­on beim Grand Prix “noch zu früh” gewe­sen. Ange­sichts des Niveau­ver­lus­tes im Ver­gleich zu ihren dama­li­gen Songs bin ich eher geneigt, zu sagen: zu spät. Das mit ‘Wun­der gibt es immer wie­der’ (1970) und ‘Die­se Welt’ (1971) von der als sozi­al­kri­tisch posi­tio­nier­ten Schla­ger­tan­te vor­ge­ge­be­ne, sehr hohe künst­le­ri­sche Niveau konn­te die Gute trotz wei­te­rer Polit­schla­ger­per­len wie dem ‘Indio­jun­gen aus Peru’ natür­lich nicht all zu lan­ge hal­ten. Mit dem doch sehr volks­tüm­lich anmu­ten­den ‘Es war ein­mal ein Jäger’ lan­de­te sie bereits im Vor­jahr unsanft in den Nie­de­run­gen des deut­schen Schla­ger­mark­tes. Ihr dies­jäh­ri­ger Grand-Prix-Ver­such ‘Ich lie­be Dich’, musi­ka­lisch eine Art geron­ne­ner Sül­ze, bot dar­aus eben­so wenig Befrei­ung wie ihr drit­ter Euro­vi­si­ons­bei­trag im Jah­re 1980, das von Ralph Sie­gel ver­ant­wor­te­te, tin­gel­tan­gel­haf­te ‘Thea­ter’.

Im Gegen­satz zur Kol­le­gin Mary Roos bewies Kat­ja Ebstein wenigs­tens beim Out­fit Geschmack.

Als ech­tes Euro­vi­si­ons­sch­man­kerl für Trash­gour­mets erwies sich die letz­te Num­mer in die­sem Con­cours: Shuki & Avi­va, ein sin­gen­des israe­li­sches Duo, bestehend aus einer Dop­pel­gän­ge­rin der US-ame­ri­ka­ni­schen Schau­spie­le­rin Lili Tom­lin (Zwei mal Zwei) und – tja, für ihn fal­len mir kei­ne Ver­glei­che ein, das muss man mit eige­nen Augen gese­hen haben! Yeti­fri­sur, Voll­bart, haut­enger (!) schwar­zer Cat­su­it mit einem fast bis zum Bauch­na­bel rei­chen­den Rund­aus­schnitt (sein Dekol­le­té reich­te deut­lich tie­fer als ihres), so dass das üppi­ge Brust­haar voll zur Gel­tung kam. Dazu ein Anhän­ger, von dem ich mir nicht sicher bin, ob er einen Säbel­zahn­ti­ger­sä­bel­zahn oder eine kon­ser­vier­te Chi­li­scho­te dar­stell­te. Bei­de natür­lich in meter­ho­hen Pla­teau­schu­hen, ihre am Bein als Domi­nastie­fel endend. Eine Tanz­cho­reo­gra­fie wie in einem Ams­ter­da­mer Ani­mier­schup­pen (mei­nen aller­höchs­ten Respekt, dass sie bei die­sen Klump­schu­hen über­haupt die Hufe hoch­be­ka­men!): schlicht­weg eine Sen-sa-tion!

Ein audio­vi­su­el­les Gesamt­spek­ta­kel, das sei­nes Glei­chen sucht: Shuki & Avi­va.

Shuki Levi kom­po­nier­te übri­gens spä­ter nicht nur den israe­li­schen Euro­vi­si­ons­bei­trag von 1981, son­dern auch die Musik für die Zei­chen­trick­se­rie Power Ran­gers, führ­te dort Regie und manag­te den Medi­en­kon­zern von Haim Saban, dem zeit­wei­lig die Pro­Sie­ben SAT.1 Media AG gehör­te. Er dürf­te finan­zi­ell wohl aus­ge­sorgt haben. Als weni­ger sen­sa­tio­nell bleibt das das Aus­zäh­lungs­ver­fah­ren in Erin­ne­rung: es gab eine Jury mit je vier Mit­glie­dern pro Lan­des­rund­funk­an­stalt, dar­un­ter – in einer Art dop­pel­ter Min­der­hei­ten­quo­te – auch je eine “jun­ge Dame”. Das Ers­te zeig­te jedoch die Stim­m­ad­di­ti­on nicht live, son­dern es unter­brach die Show für eine Stun­de und ließ anschlie­ßend nur das Gesamt­er­geb­nis ver­le­sen. Und auch wenn Frau Tiet­ze-Lud­wig nicht müde wur­de, zu beto­nen, das Gan­ze habe unter nota­ri­el­ler Beglei­tung statt­ge­fun­den (man war­te­te förm­lich dar­auf, dass sie sagt: “Der Auf­sichts­be­am­te hat sich vor die­ser Sen­dung von dem ord­nungs­ge­mä­ßen Zustand der Jury­mit­glie­der und der 15 Lie­der über­zeugt”): als ver­trau­ens­bil­den­de Maß­nah­me erwies sich das nicht.

Chart-Watch: Ger­tru­de Wir­schin­ger ali­as Pen­ny McLean mit dem von Git­ta Walt­her (Love Gene­ra­ti­on) gelie­he­nen Schrei bei ‘Lady Bump’, einem Num­mer-Eins-Hit im Jah­re 1975.

Lus­ti­ges Detail: da es ins­ge­samt 36 Abstim­mungs­be­rech­tig­te gab, die für jedes Lied min­des­tens einen Punkt ver­ge­ben muss­ten (maxi­mal fünf), sum­mier­te sich die zu errei­chen­de nied­rigs­te Zahl auf (Sie rech­nen mit? Rich­tig): 36. Ricky Gor­don erhielt gera­de mal 37 Punk­te, was ja nichts ande­res heißt, als dass ledig­lich ein ein­zi­ger Juror die Ansicht ver­trat, sein Bei­trag sei nicht völ­lig indis­ku­ta­bel, son­dern ein­fach nur grot­ten­schlecht. Dass Herr Gor­don zumin­dest beim Kopf­rech­nen über eine gewis­se Bega­bung ver­füg­te, wenn schon nicht beim Sin­gen, konn­te man in sei­nem Gesicht able­sen. Joy hin­ge­gen durf­te ihren Titel abschlie­ßend noch mal sin­gen, beim Schluss­vers deko­ra­tiv umrahmt von ihren Konkurrent/innen, die sich erkenn­bar Mühe gaben, ihre Mord­ge­dan­ken zu unter­drü­cken und den fai­ren Ver­lie­rer zu spie­len. Joy focht das nicht an: sie schwenk­te enthu­si­as­tisch den etwas wel­ken Sie­ge­rin­nen­blu­men­strauß und freu­te sich einen Ast. Noch.

Chart-Watch: Einen Num­mer-2-Hit in Deutsch­land lan­de­ten 1975 die ehe­ma­li­gen fran­zö­si­schen Euro­vi­si­ons­teil­neh­mer Alain Bar­riè­re (1963) und Noël­le Cor­dier (1967). Die deut­sche Ver­si­on ‘Du gehst fort’ san­gen Adam & Eve (→ Vor­ent­scheid 1980).

Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1975

Ein Lied für Stock­holm. Sams­tag, 3. Febru­ar 1975, aus dem Sen­de­stu­dio des Hes­si­schen Rund­funks in Frank­furt. 15 Teil­neh­mer. Mode­ra­ti­on: Karin Tiet­ze-Lud­wig.
#Inter­pretTitelPunk­tePlatzCharts
01Mari­an­ne Rosen­bergEr gehört zu mir0861007
02Peg­gy MarchAlles geht vor­über12802-
03Peter Hor­tonAm Fuß der Lei­ter07911-
04JokersSan Fran­cis­co Sym­pho­ny05712-
05Séveri­neDreh Dich im Krei­sel der Zeit09407-
06Joy Fle­mingEin Lied kann eine Brü­cke sein1340132
07Mag­gie MaeDie total ver­rück­te Zeit09407-
08Wer­ner BeckerHeut bin ich arm, heut bin ich reich05413-
09Mary RoosEine Lie­be ist wie ein Lied1150350
10Ric­ci HohltDu03814-
11Ricky Gor­donSon­ja03715-
12Jür­gen Mar­cusEin Lied zieht hin­aus in die Welt0900903
13Love Gene­ra­ti­onHör wie­der Radio11503-
14Kat­ja EbsteinIch lie­be Dich11005-
15Shuki & Avi­vaDu und ich und zwei Träu­me10806-

3 Gedanken zu “DE 1975: Jeder Ton ist wie ein Stein

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