DE 1977: My Message will not be too late

Silver Convention, DE 1977
Die Discoköniginnen

1977 feierte die weltweite, aus dem schwulen Untergrund hervorgegangene Discowelle ihren kommerziellen wie künstlerischen Höhepunkt. Filme wie Saturday Night Fever mit John Travolta pushten die Hits der Bee Gees, Donna Summer stöhnte sich mit ‚I feel Love‘ durch alle Hitparaden und deutsche Komponisten wie Frank Farian (Boney M), Rolf Soja (Baccara [LU 1978, Melodifestivalen 2004]) oder Sylvester Levay, die zu den Pionieren der fröhlichen Revolution zählten, erzielten Welthits. Letzterer belieferte das von Michael Kunze produzierte Mädchentrio Silver Convention, dessen genialer, lediglich auf einem süchtig machenden Basslauf, harten Discogeigen und sechs Worten Text („Fly Robin fly, up up to the Sky“) basierender Kokainverherrlichungssong bereits 1975 Clubgänger auf dem ganzen Globus in ekstatische Verzückung getrieben hatte. Und sogar den ersten Platz der US-Charts erreichte!

Lieferte ‚Fly Robin fly‘ die Vorlage für die Choreografie zu ‚Dschinghis Khan‘ (DE 1979)?

Und nachdem im Vorjahr beim Grand Prix französische Discoschlager abräumten, während Deutschland mit Siegels saftlosem ‚Sing Sang Song‘ mal wieder ganz weit hinten landete, buchte der ARD-Eurovisionsbeauftragte Hans-Otto Grünefeldt die heimischen Discoheldinnen exklusiv, ganz ohne Vorentscheidung. Dumm für ihn: nur wenige Wochen vor dem Contest (und weit nach Vertragsabschluss) führte die European Broadcasting Union die seit Jahren außer Kraft gesetzte Regel wieder ein, wonach jedes Land in seiner Muttersprache antreten muss. Gerüchten zufolge habe gerade Deutschland zu den massivsten Befürwortern dieser antiquierten Nationaltümelei gehört. Silver Convention (bzw. ihr Produzent) bestanden jedoch darauf, ihren Titel ‚Telegram‘ ausschließlich auf englisch zu singen – oder gar nicht.

Die legendäre Saloontürchoreografie: ‚Telegram‘

Gegen seine innerste Überzeugung musste der hr-Mann in Genf um eine Ausnahmeregelung ersuchen, die man ihm gnädig gewährte. Weniger gnädig zeigten sich die europäischen Juroren: offenbar vergrätzt über die germanische Extrawurst, straften sie den deutschen Vorzeigeact bei der Punktevergabe ab und setzten damit den Wendepunkt für die Popularität des Grand Prix beim entscheidenden jüngeren Publikum. Grünefeldt gab danach die Verantwortung für den Eurovision Song Contest innerhalb der ARD ab. Kommerziell konnten Silver Convention mit ‚Telegram‘ nicht mehr ganz an ihren größten Erfolg anknüpfen, aber für ihren letzten Hit reichte es immerhin für Rang 27 in der deutschen und (höre und staune) #4 in der schwedischen Verkaufshitparade.

Ein europaweiter Nummer-Eins-Hit mit drei Millionen verkaufter Singles: ‚Yes Sir, I can boogie‘

Wie ich unlängst beim Hören der sehr empfehlenswerten Radiosendung Mein rosarotes Liebeslied (jeden dritten Sonntag um 17 Uhr auf dem nichtkommerziellen Frankfurter Lokalsender Radio X) erfuhr, reichte Sylvester Levay, den Anforderungen der ARD entsprechend, neben ‚Telegram‘ noch weitere Songvorschläge beim Hessischen Rundfunk ein. Darunter befand sich auch ein (für den Grand Prix abgelehnter) Titel, der noch im gleichen Jahr seinen Weg als Füllstoff auf einen Longplayer der gerade am Anfang der Karriere stehenden US-Girlgroup Sister Sledge (‚Lost in Music‘) fand: ‚My favourite Song‘, ein in seiner textlichen wie musikalischen Reduziertheit deutlich stärker an das Frühwerk von Silver Convention angelehntes Stück. Hier muss ich Hans-Otto Grünefeldt bzw. der hr-Jury ausnahmsweise einmal beipflichten: im Vergleich hierzu erwies sich ‚Telegram‘ als der grandprixeskere Beitrag.

Ihr liebstes Lied wurde dieser Titel vermutlich nicht: die Sledge-Schwestern mit dem vom hr zurückgewiesenen Beitrag

Doch zurück zu Silver Convention und ihren Sängerinnen: Rhonda Heath, die mittlere der drei Hupfdohlen, kam 1985 beim österreichischen und 1994 beim deutschen Beitrag nochmals als Chorsängerin zum Einsatz. Die gebürtige Klagenfurterin Gertrude Wirschinger, besser bekannt unter ihrem Künstlerinnennamen Penny McLean (‚Lady Bump‘), unter dem sie solo mehrere Disco-Hits landete, versuchte es 1979 mit dem von Ralph Siegel produzierten Kultschatz ‚Tut-Ench-Amun‘ bei der luxemburgischen Vorentscheidung, zu meinem größten Bedauern leider vergebens. In Thomas Hermanns sehr lesenswertem Buch ‚Für immer Disco‘ erzählte die extrem sympathisch und lebensklug herüberkommende Penny, dass sie über kein Rhythmusgefühl verfüge und das Synchrontanzen für sie immer die Hölle gewesen sei. Dafür hat sie das aber sehr überzeugend gemacht!

Wie gerne hätte ich das beim Contest gesehen! Penny McLean mit dem luxemburgischen Vorentscheidungstitel ‚Tut-Ench-Amun‘

Deutsche Vorentscheidung 1977
Wie hätten Sie’s denn gern? Samstag, 9. März 1977, aus dem hr-Sendestudio in Frankfurt. Ein Teilnehmer, Moderation: Hans-Joachim Kulenkampff (Songpräsentation im Rahmen der Show).

Oder was denkst Du?