DE 1978: Heut will ich’s wis­sen

Ireen Sheer, DE 1978
Die Strip­pe­rin

Im Jahr Eins nach Grü­ne­feldt herrsch­te bei der ARD in Sachen Grand Prix heil­lo­se Kon­fu­si­on. Der Hes­si­sche Rund­funk gab die Zustän­dig­keit für den Euro­vi­si­on Song Con­test ab, und nie­mand woll­te sie haben. Gegen sei­nen erklär­ten Wil­len erhielt der Süd­west­funk in Baden-Baden die Ver­ant­wor­tung zuge­scho­ben. Der ver­leg­te die Vor­ent­schei­dung ins Radio, nach dem man die ein­ge­reich­ten Songs als zu niveau­los für ein TV-Fina­le emp­fand. Und tat­säch­lich las­sen solch klin­gen­de Künst­ler­na­men wie die inter­na­tio­nal renom­mier­ten Brun­hil­de Lam­ber­ty, Alba­tros (mit dem Bei­schlaf­schla­ger ‘Bleib die Nacht bei mir und komm’) oder das deutsch-öster­rei­chi­sche Schla­ger­pär­chen Freya & Bernd Wip­pich (‘Ich tra­ge [schwer an] Dei­nem Namen’) hin­sicht­lich der Bei­trä­ge nichts Gutes erah­nen.

Ein schö­ner Rücken kann auch ent­zü­cken: Kult-Uschi Ire­en Sheer im Grand-Prix-Kleid!

Der Kom­po­nist Hans-Georg Mos­le­ner reich­te gleich zwei Titel ein, die sich direkt auf­ein­an­der bezo­gen: wäh­rend Schla­ger­sän­ger Tony (DVE 1980‘Mäd­chen wie Hele­na’ zusülz­te, erwi­der­te die ange­gra­be­ne Tsche­chin Hele­na Von­dráč­ko­vá: ‘Män­ner wie Du’. Und mein­te ver­mut­lich: …sind ein Grund, les­bisch zu wer­den. 2007 woll­te sie im zar­ten Alter von 60 Len­zen am ers­ten Vor­ent­scheid ihres Hei­mat­lan­des teil­neh­men, ihr Titel ‘Sam­ba’ wur­de aber dis­qua­li­fi­ziert. Die schwei­ze­ri­schen Ver­tre­ter von 1971, 1976, 1979 und 1981, Peter, Sue & Marc, ver­such­ten es ver­ge­bens mit einem Song zu Ehren von ‘Char­lie Chap­lin’. Der hat­te im Dezem­ber 1977 den Löf­fel abge­ge­ben und konn­te sich nun nicht mehr gegen eine der­ar­ti­ge Hom­mage weh­ren. Was auch die Grie­chen nut­zen, um in Paris das Ange­den­ken an den Stumm­film­star mit einem furcht­ba­ren Lied­chen zu beschmut­zen.

Mehr Punk­te als Kabat hät­te sie ver­mut­lich geholt: Hele­na Von­dráč­ko­vá

Aus den fünf­zehn Titeln der auf den Schla­ger­wel­len der ARD gespiel­ten Aus­wahl­lis­te kür­ten die Radiohörer/innen die unver­wech­sel­ba­re Ire­en Sheer (LU 1974, 1985, DVE 2002) und ihren zün­den­den Dis­co­schla­ger ‘Feu­er’ zum Sie­ger. Und zwar zu Recht: die fabel­haf­te Num­mer gehört schlecht­hin zu den bes­ten deut­schen Euro­vi­si­ons­bei­trä­gen! Eine gänz­lich ande­re Ansicht ver­tra­ten jedoch die so genann­ten “Exper­ten”. Der SWR hat­te es nicht las­sen kön­nen, par­al­lel zu den Radio­hö­rern auch eine acht­köp­fi­ge Jury mit so pro­mi­nen­ten und pop­kom­pe­ten­ten Mit­glie­dern wie dem Jaz­zer Knut Kie­se­wet­ter zu befra­gen, deren Wer­tung ursprüng­lich zu zwei Drit­teln zäh­len soll­te. Und die emp­fand alle 15 Titel, ein­schließ­lich Ire­ens hell lodern­dem ‘Feu­er’, als ästhe­ti­sche Zumu­tung. So lau­te­te die Emp­feh­lung des Gre­mi­ums, auf die Grand-Prix-Teil­nah­me gänz­lich zu ver­zich­ten. Typisch deutsch droh­te es gar mit Kla­ge, soll­te die Sheer den­noch fah­ren. Was für ein gro­tes­ker Fall von Selbst­über­schät­zung!

Musi­ka­li­scher Mehl­tau: Mari­an­ne Rosen­berg (DVE 1975, 1980, 1982) weint nicht

Selbst­ver­ständ­lich ließ sich unse­re zu allem ent­schlos­se­ne Kult-Uschi von den absei­ti­gen “Exper­ten” nicht abhal­ten, nach Paris zu rei­sen und eine der unver­gess­lichs­ten deut­schen Per­for­man­ces abzu­lie­fern: bra­vo, Ire­en! Und auch, wenn es beim Con­test dank der Sabo­ta­ge des fran­zö­si­schen Orches­ters ledig­lich für Platz 6 und in den Charts nur für Rang 39 reich­te, ist es doch ein neu­er­li­cher Beweis für die ohne­hin glas­kla­re The­se, dass in Sachen Pop­mu­sik das Publi­kum stets das bes­se­re, auf jeden Fall aber das maß­geb­li­che­re Urteil fällt als irgend­wel­che angeb­li­chen Fach­leu­te.

Pierre Kart­ner, der Kom­po­nist der nie­der­län­di­schen Euro­vi­si­ons­bei­trä­ge von 1973 und 2010, lan­de­te 1978 als Vader Abra­ham den deut­schen Top-Hit des Jah­res.

Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1978

Auf los geht’s los. Sams­tag, 15. April 1978. Eine Teil­neh­me­rin. Mode­ra­ti­on: Joa­chim Fuchs­ber­ger (Song­vor­stel­lung im Rah­men der TV-Show nach vor­aus­ge­gan­ge­nem Radio-Fina­le mit 15 Teil­neh­mern).
#Inter­pretTitelPunk­tePlatzCharts
01Cin­dy & BertWas die Ster­ne lenkt5,1505-
02Jochen Brau­er GroupLie­der, die aus dem Radio klin­gen4,0711-
03Mari­an­ne Rosen­bergNein, wei­nen werd ich nicht5,0307-
04TonyMäd­chen wie Hele­na4,5109-
05Andy Nor­denSusann3,8114-
06Alba­trosKomm und bleib die Nacht bei mir4,1610-
07Hele­naMän­ner wie Du3,9812-
08Peter, Sue & MarcChar­lie Chap­lin5,3103-
09Brun­hil­de Lam­ber­tyKennst Du die Zeit?3,7015-
10Freya & Bernd Wip­pichIch trag Dei­nen Namen3,9113-
11Sun­ri­seLiver­pool5,3402-
12John­ny HillLou­sia­na4,9008-
13Ire­en SheerFeu­er5,560139
14Cin­dy & BertChan­son d’Été5,3004-
15Roy­al Bre­we­ryEin Lied für Euro­pa5,0406-

3 Gedanken zu “DE 1978: Heut will ich’s wis­sen

  1. 1–2-3–4- Fire! Kei­ne Fra­ge, einer der bes­ten deut­schen Bei­trä­ge über­haupt. Ein­gän­gig, flott und erstaun­lich unspie­ßig (ver­gli­chen mit dem, was spä­ter noch an deut­schen Bei­trä­gen fol­gen soll­te). Lei­der ver­hunz­te am Final­abend das schlicht­weg desas­trö­se Pari­ser Orches­ter die­se Top-Num­mer mit einem völ­lig inak­zep­ta­blen Arran­ge­ment zu einem ein­zi­gen Enten­tanz. Scha­de – denn Ire­en sang hin­ge­bungs­voll und der Kapu­zen­wurf hat ja mitt­ler­wei­le Geschich­te geschrie­ben. Klei­ne Anek­do­te am Schluss: lan­ge, lan­ge Zeit habe ich zu Beginn der ers­ten Stro­phe immer ver­stan­den: ‘Ich lass’ mir nie mei­ne Mäh­ne dres­si­ern / hab ich geschwo­ren’. Oweh!

  2. Hat jemand das Lied von ‘Roy­al Bre­we­ry’? Hal­lo, bit­te mel­den, wenn jemand das Lied ‘Ein Lied für Euro­pa’ von Roy­al Brwe­ry hat. Dan­ke, Gruß, who­no­se

  3. Ich habe damals den Fern­seh­ton der deut­schen Vor­ent­schei­dung in Ste­reo auf Ton­band auf­ge­nom­men, auch die Roy­al Bre­we­ry. Inzwi­schen habe ich’s in mp3 umge­wan­delt.
    Gruß Klaus.Kuckuck@gmx.de

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