ESC 1978: Mei­le um Mei­le um Mei­le

Logo des Eurovision Song Contest 1978
Das Jahr des Weich­zeich­ners

Erst­ma­lig in die­sem Jahr­zehnt (und letzt­ma­lig über­haupt) kam das in den sech­zi­ger Jah­ren so vom Euro­vi­si­ons­er­folg ver­wöhn­te Frank­reich wie­der zu Gast­ge­ber­eh­ren. Was das aus einer auf­ge­don­ner­ten Schab­ra­cke und einem schät­zungs­wei­se weit über hun­dert­jäh­ri­gen Sport­re­por­ter mit dem schö­nen Namen Léon Zitro­ne bestehen­de Mode­ra­to­ren­paar (ein Euro­vi­si­ons-Novum: bis 1977 führ­te stets nur ein/e einzelne/r Gastgeber/in durch den Abend) zum Anlass nahm, die Zuschau­er zu beleh­ren, dass selbst­ver­ständ­lich ihr Land bis­lang am häu­figs­ten gewon­nen habe. Tja: Hoch­mut kommt vor dem Fall! Die Bild­re­gie des fran­zö­si­schen Fern­se­hens über­zog die Sen­dung mit einem Weich­zeich­ner­schlei­er nach Art der Zärt­li­chen Cou­si­nen, der sämt­li­che Dar­bie­tun­gen optisch zu einem ein­zi­gen pas­tell­far­be­nen Matsch zusam­men­schmolz, stim­mig ergänzt durch den bom­bas­ti­schen, unsau­be­ren Klang­brei, den das schon osten­ta­tiv des­in­ter­es­sier­te Orches­ter abson­der­te und der alle Bei­trä­ge auf sei­fi­ge Fahr­stuhl­mu­sik redu­zier­te. Da muss­te man sich schon sehr viel Mühe geben, um auf­zu­fal­len.

tages­schau-Mann Hans-Wer­ner Veigel kom­men­tier­te für die ARD den ESC 1978

Einer, der das schaff­te, war der Nor­we­ger Jahn Tei­gen. Der hat­te sich in sei­nem Lied vor­ge­nom­men, ‘Mil etter Mil’ zurück­zu­le­gen, was er dann auch hüp­fend und jog­gend auf der Büh­ne voll­führ­te. Sei­ne Auf­ma­chung war die eines Dorf­trot­tels in einem schlech­ten Kla­mauk­strei­fen: Mit­tel­schei­tel, Gre­ta-Gar­bo-Son­nen­bril­le, auf­ge­stell­ter Vater­mör­der­kra­gen, extrem dehn­ba­re Hosen­trä­ger und eine ange­klips­te gol­de­ne Stoff­ro­se bil­de­ten ein opti­sches Ensem­ble des Grau­ens, wel­ches sich mit der musi­ka­li­schen Nich­tig­keit sei­nes Songs, unmo­ti­vier­ten Luft­sprün­gen und sei­nem wir­ren Vokal­vor­trag, einer Mischung aus Flüs­tern, Sprech­ge­sang und dis­so­nan­tem Gekrei­sche, zu einem erschüt­tern­den Kon­glo­me­rat ver­band. Tei­gen ern­te­te für sei­ne Mühen aus Euro­pa exakt null Punk­te. Eine völ­lig gerech­te Bewer­tung, die ihn als ers­ten Nil­poin­ter in der Geschich­te des seit 1975 und noch bis heu­te gül­ti­gen Wer­tungs­sys­tems unsterb­lich mach­te. Aus purer Dank­bar­keit kehr­te Jahn, seit­her in sei­nem Hei­mat­land ein Kult­star, noch zwei Mal zum Con­test zurück.

Nor­we­gens berühm­tes­ter Punk­ro­cker: der gro­ße Jahn Tei­gen! (NO)

Deut­lich mehr Punk­te kas­sier­te hin­ge­gen der Ire Colm Wil­kin­son, dem die Auf­ga­be zufiel, den Con­test zu eröff­nen. Er erlang­te vor allem als Musci­al­dar­stel­ler Bekannt­heit, so für sei­ne Haupt­rol­le in der Lon­do­ner und New Yor­ker Pro­duk­ti­on von Les Misé­ra­bles. Schon vor sei­nem Euro­vi­si­ons­auf­tritt spiel­te er in Lloydd-Web­ber-Musi­cals wie Jesus Christ Super­star und Evi­ta mit. Das merk­te man sei­ner Per­for­mance an: der voll­bär­ti­ge, in einem sehr kör­per­be­tont sit­zen­den Anzug ste­cken­de Wil­kin­son sang jede ein­zel­ne Sil­be sei­nes ego­zen­tri­schen Lie­des ‘Born to sing’ mit einer der­art expres­sio­nis­ti­schen Wucht, dass man als Zuschau­er die kom­plet­ten drei Minu­ten lang ban­ge auf den Moment war­te­te, da er vor schie­rer Über­span­nung unwei­ger­lich deto­nie­ren müs­se. Auch sei­ne drei Begleit­sän­ge­rin­nen, die ihn trotz sei­nes über­en­thu­si­as­ti­schen Ein­sat­zes mühe­los über­tön­ten, tausch­ten heim­lich besorg­te Bli­cke aus, die aus­zu­drü­cken schie­nen, was wohl jeder Zuschau­er dach­te: was hat der Mann nur?

Die nicht mehr zu top­pen­de Mess­lat­te für den Begriff “über­per­for­ma­tiv” (IE)

Die ita­lie­ni­sche Band Ric­chi e Pove­ri, die in den Acht­zi­gern ins­ge­samt acht Hits in den deut­schen Charts plat­zie­ren konn­te, punk­te­te mit einer auf­re­gend schö­nen Sän­ge­rin mit einer fabel­haf­ten Löwen­mäh­ne. Doch das fran­zö­si­sche Orches­ter zer­mansch­te ihr eigent­lich recht hüb­sches ‘Ques­to Amo­re’ genau­so wie den bereits zwei Jah­re (gefühlt: zwei­hun­dert Jah­re) alten Bei­trag des Gast­ge­ber­lan­des, der gesetzt war, um das unge­lieb­te Fes­ti­val mit die­ser komi­schen Musik nicht noch mal in Paris ver­an­stal­ten zu müs­sen. Was an den ver­greis­ten, stur fran­ko­phi­len Jurys bei­na­he geschei­tert wäre! Joël Pré­vost jeden­falls wirk­te wie die Tun­te aus Ein Käfig vol­ler Nar­ren, die sich zu die­sem Anlass aus­nahms­wei­se mal als Mann ver­klei­de­te. Por­tu­gal, das in der Ver­gan­gen­heit mit trau­rig ver­pack­ter Lyrik stets baden ging, pro­bier­te es dies­mal mit der belieb­ten Grand-Prix-Mischung aus Syn­chrontanz und inter­na­tio­nal ver­ständ­li­cher Laut­ma­le­rei: ‘Dai-li-dou’ erhielt trotz­dem nur fünf Punk­te. Lag es an der Män­ner­feind­lich­keit der Juro­ren? Die bei­den Mädels von Gemi­ni gin­gen 1982 als Teil der Girl­group Doce noch­mal an den Start, deut­lich erfolg­rei­cher. Spa­ni­en schick­te unter dem Tarn­na­men José Velez den groß­ar­ti­gen Stand-up-Come­di­an und Mode­ra­tor der Grand-Prix-Fan­club­tref­fen des ECG, Sascha Korf, dem es irgend­wie gelang, in sei­nem Song ‘Bai­le­m­os un Vals’ sowohl die Melo­die der Strauß-Ope­ret­te ‘Wie­ner Blut’ als auch die fran­zö­si­sche Lead­zei­le ‘Vou­lez-vous dan­ser avec moi’ unter­zu­brin­gen. Cha­peau!

Ein Küss­chen von Jahn Tei­gen für die ita­lie­ni­sche Bo Derek (IT)

Die in einer Kako­pho­nie schrei­en­der Far­ben grell kos­tü­mier­te bri­ti­sche Band Co-Co erziel­te mit den ‘Bad old Days’ für ihr Land erst­mals ein Ergeb­nis unter­halb von Rang 10. Viel­leicht hät­te das König­reich doch lie­ber die in der Vor­ent­schei­dung A Song for Euro­pe letzt­plat­zier­te Punk­band Fruit Eating Bears geschickt: deren ‘Door in my Face’ war deut­lich ori­gi­nel­ler. Zumin­dest Che­ryl Baker konn­te die Schar­te drei Jah­re spä­ter als Teil von Bucks Fizz aus­wet­zen. Selbst wenn man unter­stellt, dass die Jurys aus lau­ter Hun­dert­jäh­ri­gen bestan­den, bleibt es den­noch unver­ständ­lich, wes­we­gen aus­ge­rech­net der 2014 ver­stor­be­ne Bel­gi­er Jean Val­lée (BE 1970) mit sei­nem bereits 1956 als ver­staubt hät­te gel­ten müs­sen­den ‘L’Amour, ça fait chan­ter la Vie’ den zwei­ten Platz beleg­te, wäh­rend das aller­liebs­te hol­län­di­sche Trio Har­mo­ny, bestehend aus einem sexy Schwar­zen (der auch den deut­schen Kom­men­ta­to­ren Wer­ner Veigel in ras­sis­ti­scher Pro­sa ent­flam­men ließ), der schwu­len Ver­si­on von Wol­le Petry und einem Mädel mit zeit­ty­pi­scher Kris­sel­dau­er­wel­le und dem schö­nen Vor­na­men Rosi­na, mit dem nied­lich getanz­ten Durch­hal­te­schla­ger ‘T is ok’ (#29 in den hei­mi­schen Charts) im Mit­tel­feld ver­en­de­te.

Fremd­schäm­kom­men­tar von Herrn Veigel: “Die Far­bi­gen haben wirk­lich den Rhyth­mus im Blut!” (NL)

Das tür­ki­sche Quar­tett Nazar brach­te das Kunst­stück fer­tig, ihre bei­den Sän­ge­rin­nen (eine davon die im Hei­mat­land über Jahr­zehn­te erfolg­rei­che Nilüfer Yum­lu, die ins­ge­samt rund 14 Mil­lio­nen Ton­trä­ger ver­kau­fen konn­te) auch ohne Kopf­tuch und Bur­ka koran­ge­recht zu ver­hül­len: sie steck­ten sie ein­fach in nicht tail­lier­te, zehn Num­mern zu gro­ße Folk­lo­refum­mel von sol­cher Häss­lich­keit, dass jeder Zuschau­er auto­ma­tisch den Blick abwen­den muss­te, um nicht spon­tan zu erblin­den. Das mone­gas­si­sche Duo Cali­ne Sau­vant und Oli­vi­er Tous­saint (der als Film­mu­sik­kom­po­nist etli­che fran­zö­si­sche Sieb­zi­ger­jah­re-Por­nos bestück­te, aber auch für die ‘Bal­la­de pour Ade­li­ne’ ver­ant­wort­lich zeich­net) tisch­te uns zu peit­schen­den Dis­co-Beats (na ja, so peit­schend, wie es das gelang­weil­te Orches­ter eben hin­be­kam) und einer hüb­schen Melo­die die faust­di­cke Tou­ris­mus-Wer­be­lü­ge auf, in den ‘Jardins du Mona­co’ trä­fen sich all­abend­lich die Film­stars der Welt auf ein roman­ti­sches Stell­dich­ein. Nur weil Fürst Rai­nier dort viel­leicht mal mit sei­ner Grace Kel­ly im Gebüsch ver­schwand?

Nur echt mit der Gold­kan­te: Cali­nes Gar­di­nen­kleid (MC)

Grie­chen­land, das heu­er erst­mals bei der­sel­ben Ver­an­stal­tung wie die Tür­kei auf­trat, ohne dass der Him­mel ein­stürz­te oder krie­ge­ri­sche Hand­lun­gen aus­bra­chen, ver­such­te sich an einer Ode an sei­nen bekann­ter­ma­ßen größ­ten natio­na­len Star ‘Char­lie Chap­lin’, von Tania Tsa­zi­ki Tsa­nakli­dou aus dem Dörf­chen Dra­ma (!) in stil­ech­ter Kos­tü­mie­rung vor­ge­tra­gen. Sie ersetz­te Anna Vis­si (CY 1982, GR 19802006), die eigent­lich die grie­chi­sche Vor­ent­schei­dung gewon­nen hat­te, aber nicht fah­ren durf­te, weil einem Ent­schei­dungs­trä­ger des Staats­sen­ders ERT ihr Lied ‘Mr. Nobel’ – ein wei­te­rer welt­be­rühm­ter Hel­le­ne – nicht gefiel. Die nach elf­jäh­ri­ger Absti­nenz wie­der star­ten­den Dänen schick­ten vier offen­sicht­lich geklon­te, lobo­to­mier­te Jungs namens Mabel, deren Ein­stiegs­fra­ge “Was stimmt mit mir nicht” bereits ein simp­ler Blick in den Spie­gel beant­wor­tet hät­te. Ihre sinn­los-fröh­li­che Nich­tig­keit ‘Boom Boom’ erfuhr mit dem sech­zehn­ten Rang eine genau­so gerech­te Bewer­tung wie die einen Platz bes­ser abschnei­den­de öster­rei­chi­sche Schla­ger­ka­pel­le Spring­time mit der grau­en­haft sinn­frei­en Lie­bes­er­klä­rung an die “Nobel­he­xe” (sprich: Edel­hu­re) ‘Mrs. Caro­li­ne Robert­son’. Grus­lig.

Das Moto­ren­ge­räusch im Hin­ter­grund stammt vom besun­ge­nen Stumm­film­star, der gera­de im Gra­be rotiert (GR)

Die deut­sche Ver­tre­te­rin Ire­en Sheer (LU 1974, 1985, DVE 19762002) die im Vor­feld nur wenig Unter­stüt­zung für ihren zün­den­den Dis­co­schla­ger ‘Feu­er’ erhielt, mach­te ihre Sache gut in Paris: im tief aus­ge­schnit­te­nen, lan­gen wei­ßen Kleid kam sie auf die Büh­ne, den dazu­ge­hö­ri­gen wei­ßen Kra­gen warf sie pünkt­lich zu Beginn des Refrains mit Schwung weg: somit ist nicht, wie in Euro­vi­si­ons­fan­club­krei­sen ger­ne behaup­tet, Kroa­ti­en der Erfin­der des Grand-Prix-Strips (der Teil­ent­klei­dung beim Sin­gen), son­dern Deutsch­land! Dazu leg­te sie das Köpf­chen schief und schüt­tel­te in äußerst pos­sier­li­cher Wei­se ihre äußerst pos­sier­li­che Fön­fri­sur. Scha­de nur, dass das Orches­ter ein unfass­lich schlep­pen­des Arran­ge­ment spiel­te, das mit dem Ori­gi­nal des Songs unge­fähr so viel zu tun hat wie Tos­ca mit einem Par­füm. Meu­chel­mord ist noch das Mil­des­te, was man über die Leis­tun­gen der fran­zö­si­schen Instru­men­ten­quä­ler sagen kann. Platz sechs war der Lohn für Ire­ens Mühen: im Lich­te der schwa­chen Kon­kur­renz ein doch arg ent­täu­schen­des Ergeb­nis, zumal es dies­mal ein Dis­co­song bis an die Spit­ze schaf­fen soll­te.

Wer hat mein Lied so zer­stört, Ma? (DE)

Wenn auch skan­da­lö­ser­wei­se nicht der des luxem­bur­gi­schen Euro­vi­si­ons­pro­jek­tes. Für den wohl­ha­ben­den Winz­staat gin­gen die in Deutsch­land pro­du­zier­ten und mit ‘Yes Sir, I can boo­gie’ bereits zu euro­pa­wei­tem Hit­ruhm gekom­me­nen spa­ni­schen Dis­co­kö­ni­gin­nen Bac­ca­ra an den Start. Ihr – musi­ka­lisch eng an ihren größ­ten Hit ange­lehn­ter – Song hieß ‘Par­lez-vous français?’. Was amü­sier­te, da es die Spa­nie­rin­nen offen­hör­bar nicht taten. Mit har­tem Akzent pflüg­ten sie durch den Text, der auch erst in der eng­li­schen Fas­sung sei­nen Witz rich­tig ent­fal­tet. Fran­zö­si­schen Mut­ter­sprach­lern dürf­te sich wäh­rend die­ser drei Minu­ten wohl mehr­fach der Magen umge­dreht haben. May­te und María tanz­ten dazu in ado­rie­rens­wer­ter Wei­se auf wol­ken­krat­z­er­ho­hen, blei­stift­dün­nen Pfen­nig­ab­sät­zen eine fan­tas­ti­sche, raum­grei­fen­de Cho­reo­gra­fie, bei der die Röcke ihrer 14.000 € teu­ren Dior-Klei­der (selbst­ver­ständ­lich in ihren Stamm­far­ben schwarz und weiß gehal­ten) nur so flo­gen. Allei­ne dafür, dass sie bei der letz­ten Dre­hung nicht über die Mikro­fon­ka­bel stol­per­ten, hät­te ihnen ohne Wei­te­res der Sieg gebührt.

Pah­le wu Franzäh? Bac­ca­ra schän­den die Spra­che der Lie­be (LU)

Dass sie selbst aus Deutsch­land kei­ne Punk­te erhiel­ten, belegt ein­mal mehr, dass man die Jury­mit­glie­der aus den Pfle­ge­sta­tio­nen der natio­na­len Alten­hei­me zwangs­re­kru­tier­te. Und zwar aus­schließ­lich unter jenen Pati­en­ten, die sowohl Seh- wie Hör­kraft bereits völ­lig ein­ge­büßt und bei denen der Alz­hei­mer jede Erin­ne­rung an die Zei­ten nach 1950 defi­ni­tiv aus­ge­löscht hat­te. Zumal ‘Par­lez-vous Français’ ein Hit wur­de (DE #21, AT #18, SE #8). Die­se gro­tes­ke Fehl­ent­schei­dung beschleu­nig­te natür­lich den bereits begon­ne­nen Pro­zess, dass eta­blier­te Künstler/innen dem Wett­be­werb zuneh­mend fern­blie­ben, bei dem Zeit­ge­mä­ßes nicht mehr gefragt war und man statt­des­sen die immer­glei­chen Kli­schees – ange­staub­tes fran­ko­phi­les Chan­son oder sinn­los flot­te lin­gu­is­ti­sche Nar­re­tei – bepunk­te­te. Lei­der folg­te die über­fäl­li­ge (und mitt­ler­wei­le zur Hälf­te zurück­ge­dreh­te) Reform des Wer­tungs­we­sens erst zwei Jahr­zehn­te spä­ter, nach­dem der Grand Prix jed­we­den Kre­dit end­gül­tig ver­spielt hat­te.

Auch wenn der deut­sche Kom­men­ta­tor Wer­ner Veigel hart­nä­ckig von “einem der füh­ren­den Kom­po­nis­ten Isra­els” sprach: Nurit Hirsch ist eine Frau! (IL)

Der Israe­li Izhar Cohen (IL 1985) und sein Begleit­chor Alpha-Beta san­gen ‘A Ba Ni Bi’ in einer Art Kin­der­spra­che und begrün­de­ten so das Gen­re der Kib­buz-Dis­co: ein juve­nil-fröh­li­ches Lied­chen, das die Lie­be unter den Men­schen und den Welt­frie­den the­ma­ti­siert, zu dem man sich gleich­zei­tig aber auch den Arsch abzap­peln kann. Und das in die­ser Art und Wei­se aus­schließ­lich die Israe­lis hin­be­kom­men. Um die Tanz­bar­keit ihres Titels zu demons­trie­ren, führ­ten der mit einem beein­dru­cken­den Afro aus­ge­stat­te­te Izhar und sei­ne Backgroundsänger/innen eine sehr syn­chro­ne, auf engs­tem Raum am jewei­li­gen Stand­platz hin­ter den Mikro­fo­nen zele­brier­te Kom­pakt-Cho­reo­gra­fie vor, der zum opti­schen Mar­ken­zei­chen aller israe­li­schen Bei­trä­ge avan­cie­ren soll­te. Sie galt es (gemein­sam mit den damals übli­chen haut­engen Hosen) beim Vor­ent­scheid des Lan­des auch bei Ched­va Amra­ni & Pil­pel Lavan zu bewun­dern, die punkt­gleich mit Izhar Cohen abschnit­ten, der aber auf­grund der höhe­ren Anzahl an Ein­zel­vo­ten nach Paris fah­ren durf­te.

Sala­ma­l­ei­kum, Wod­ka du Scha­lom” (oder so ähn­lich): Ched­va Amra­ni & Pil­pel Lavan beim israe­li­schen Vor­ent­scheid

Der Sieg der Israe­lis, den sie vor allem der Kom­po­nis­tin Nurit Hirsch ver­dank­ten, der es in ihrer Dop­pel­rol­le als Diri­gen­tin als Ein­zi­ger gelang, das fran­zö­si­sche Orches­ter zu bän­di­gen und zu so etwas wie annehm­ba­ren Leis­tun­gen zu bewe­gen, lös­te im Hei­mat­land einen tage­lang andau­ern­den natio­na­len Freu­den­tau­mel aus. Und zahl­te sich auch in klin­gen­der Mün­ze aus: #22 in Deutsch­land, #21 in Öster­reich, #20 im Ver­ei­nig­ten König­reich und gar #4 in den schwei­ze­ri­schen Charts.

Euro­vi­si­on Song Con­test 1978

Con­cours Euro­vi­si­on de la Chan­son. Sams­tag, 22. April 1978, aus dem Palais des Con­grès in Paris, Frank­reich. 20 Teil­neh­mer­län­der. Mode­ra­ti­on: Déni­se Fabre und Leon Citron.
#LandInter­pretTitelPunk­tePlatz
01IEColm Wil­kin­sonBorn to sing08605
02NOJahn Tei­genMil etter Mil00020
03ITRic­chi e Pove­riQues­to Amo­re05312
04FISei­ja Simo­laAnna Rak­kau­del­le tilai­suus00218
05PTGemi­niDai-li-dou00517
06FRJoël Pré­vostIl y aura tou­jours les Vio­lons11903
07ESJosé VelezBai­le­m­os un Vals06509
08UKCocoBad old Days06111
09CHCaro­le Vin­ciViv­re06510
10BEJean Val­léeL’Amour ça fait chan­ter la Vie12502
11NLHar­mo­ny‘T is okay03713
12TRNilüfer Yum­lu + NazarSevin­ce00219
13DEIre­en SheerFeu­er08406
14MCCali­ne & Oli­vi­er Tous­saintLes Jardins du Mona­co10704
15GRTania Tsa­nakli­douChar­lie Chap­lin06608
16DKMabelBoom Boom01316
17LUBac­ca­raPar­lez-vous Français?07307
18ILIzhar Cohen + Alpha BetaA Ba Ni Bi15701
19CHSpring­timeMrs. Caro­li­ne Robert­son01415
20SEBjörn SkifsDet blir all­tid vär­re framåt Nat­ten02614

12 Gedanken zu “<span class="caps">ESC</span> 1978: Mei­le um Mei­le um Mei­le”

  1. Oh Him­mel. Ein Sie­ger, der in die Top 5 der unwür­digs­ten ESC-Sie­ger aller Zei­ten gehört (genau­so wie der des Fol­ge­jah­res). Ein deut­scher Bei­trag, der bis an die Schmerz­gren­ze bei Abbas ‘Money, Money, Money’ abge­kup­fert war. Ein luxem­bur­gi­scher Bei­trag, mit dem Bac­ca­ra Auto­kan­ni­ba­lis­mus der übels­ten Sor­te betrie­ben. Ein­zi­ge Höhe­punk­te: der groß­ar­ti­ge Jahn Tei­gen (und übri­gens, in der Stu­dio­fas­sung ist das Lied hör­bar. Die grau­sa­me Orches­trie­rung und der etwas extra­va­gan­te Auf­tritt haben es rui­niert) und die Grie­chin. ‘Char­lie Chap­lin’ ist genau die Sor­te Lied, die man auf Grie­chisch sin­gen soll­te: flott, mit einer Ohr­wurm­me­lo­die und einem sehr ein­gän­gi­gen Text (ja, auf Grie­chisch. Go figu­re). Ansons­ten war­fen hier die Acht­zi­ger ihren Schat­ten vor­aus.

  2. Kann da Ospe­ro nicht ganz zustim­men: ich fin­de das der israe­li­sche Sie­ge­ti­tel klar der bes­te Bei­trag des Abends war – allein schon weil es einer der weni­gen Songs war, den das unfä­hi­ge Orches­ter nicht kom­plett zu einem fla­chen Sound­matsch zusam­men­schmolz. Und ja, die Choeo­gra­phie fin­de ich zum hin­kni­en! Außer­dem soll­te es vor­erst für län­ge­re Zeit der letz­te Bei­trag sein, der wenigs­tens noch ein biss­chen an aktu­el­len Musik­ge­sche­hen ange­legt war (in die­sem Fal­le Dis­co). Hörens­wert waren/sind mei­ner Mei­nung nach auch die Sheer (D), Nazar (TR) und das put­zi­ge ‘Jar­din du Mona­co’ (MC), zumin­dest in der Stu­dio­ver­si­on, live war’s natür­lich drei Klas­sen schlech­ter.

  3. Gut, zum The­ma, wie es am Abend selbst rüber­kam, kann ich mich lei­der nur sel­ten äußern. Ich habe nun mal nicht alle ESCs auf Video oder DVD, und das war irgend­wie vor mei­ner Zeit (ich bin Jg. 1979). Stimmt aber schon, das Orches­ter war ent­setz­lich.

  4. @Ospero: Mil etter Mil Du hast übri­gens Recht, was die Hör­bar­keit der Stu­dio­fas­sung von ‘Mil etter Mil’ angeht. Die Tage lief das zufäl­li­ger­wei­se auf mei­nem iPod. Ich hab das erst gar nicht erkannt, bis der Refrain ein­setz­te. Dach­te aber: ‘och, was für ein hüb­sches, sanf­tes, unauf­dring­li­ches Lied’. 😀

  5. Ich habe jetzt mal bei­de Ver­sio­nen von ‘Feu­er’ nach­ein­an­der gehört. Das grenzt ja wirk­lich schon fast an Sabo­ta­ge, was das Orches­ter mit unse­rem Lied gemacht hat. 😯

  6. Feu­er Money, money, money Da möch­te ich Ihnen, was den Ver­gleich betrifft wider­spre­chen, Ospe­ro; ‘Feu­er’ und ‘Money, money, money’ sind zwar bei­de in Moll, bei bei­de begin­nen die Stro­phen mit einem Syn­the­si­zer-Intro, das Sie wohl vor allem mei­nen, und das mit der Quin­te, aber ansons­ten besit­zen die­se bei­den Lie­der kaum Gemein­sam­kei­ten. Was das Orches­ter betrifft – in der Tat haar­sträu­bend – aus nicht nach­voll­zieh­ba­ren Grün­den anschei­nend ange­wie­sen, ‘Feu­er’ in der Art eines Tan­go zu spie­len, aller­dings als einen gar nicht feu­ri­gen.

  7. Dafür kann ich lei­der nicht die Lor­bee­ren ein­heim­sen; dar­auf hat mich Tim Moo­re gebracht. Eben­so wie auf die musi­ka­li­schen Qua­li­tä­ten von “Ald­ri i livet” und “Antes do Ade­us” sowie die zumin­dest inter­es­san­te Kon­struk­ti­on von “Ope­ra”.

    Ich habe kürz­lich end­lich mal ange­fan­gen, mir die 1970er-ESCs anzu­hö­ren. Ich muss mei­ne Mei­nung von oben revi­die­ren, die­ser Jahr­gang bie­tet doch tat­säch­lich noch zwei Lie­der, die ich inzwi­schen sehr mag: “Boom Boom” (wie beim von mir aus­ge­gra­be­nen You­tube-Clip behaup­tet, heut­zu­ta­ge ein Kult­hit in Däne­mark, und das kann ich abso­lut nach­voll­zie­hen) und – Guil­ty-Plea­su­re-Alarm! – “Mrs. Caro­li­ne Robin­son”. “Feu­er” ist eben­falls nicht so ver­kehrt.

    Und was bit­te ist mit den gan­zen Vide­os los? Da wur­den nicht nur die Clips ent­fernt, son­dern (der Feh­ler­mel­dung zufol­ge) gleich das gan­ze You­tube-Kon­to auf­ge­löst. Ich hof­fe doch, das fin­det sich irgend­wann wie­der.

  8.  Das war damals wohl üblich. Das BBC-Orches­ter 1982 war genau­so übel, wenn nicht sogar noch schlim­mer. Löst in mir immer wie­der Erstau­nen aus, wenn Leu­te die Rück­kehr des Orches­ters for­dern. Als Opti­on, viel­leicht, aber bit­te zwingt die Künst­ler nicht dazu.

  9. Dan­ke für den Hin­weis! Das wird wirk­lich immer schlim­mer mit dem YT-Kon­ten-löschen. Ich arbei­te mich gera­de durch die Jahr­gän­ge und bes­se­re nach, wo ich kann und noch eine Quel­le fin­de. Immer in der Hoff­nung, dass die nicht auch noch gelöscht wird. Lang­sam macht’s echt kei­nen Spaß mehr.

  10. Ich kann das Monie­ren  über die Juries nicht nach­voll­zie­hen. Man kann wirk­lich nicht behaup­ten, dass die “Reform” der Bewer­tung der Song­bei­trä­ge ein Gewinn für den ESC ist. Seit die­se Rege­lung ein­ge­führt wor­den ist, gibt es eine rei­ne Bewer­tung die abso­lut vor­her­seh­bar ist. Ich möch­te zu Beden­ken geben, dass Deutsch­land über Jah­re hin­weg die Tür­kei mit hohen Punkt­zah­len ver­wöhnt, ganz egal ob der Bei­trag gut oder schlecht ist. Das glei­che Mus­ter erkennt man auch in Spa­ni­en, Öster­reich, den Exju­go­sla­wi­schen Län­dern und und und. In sofern sind Juries um län­gen gerech­ter, aber es ist auch logisch, dass der Aus­gang eines ESC nicht für jeder­manns Geschmack gerecht ist.

    Ich per­sön­lich kann das schlech­te Abschnei­den des Öster­rei­chi­schen Bei­trag nicht ganz ver­ste­hen. Denn er ähnelt dem von 1976 Mei­ne klei­ne Welt doch sehr und jenes Lied war durch­aus erfolg­reich. Bei­des sind für mich gelun­ge­ne Aus­tro­schla­ger. Was Joel Pre­vost angeht, fin­de ich die im Text beschrie­be­ne Auf­ma­chung doch sehr anma­ßend und über­flüs­sig.

  11. Lies dir mal die hie­si­gen Ein­trä­ge zum The­ma Block­vo­ting durch. Es hät­te durch­aus alter­na­ti­ve Lösun­gen für die Punk­te­scha­che­rei gege­ben, aber die haben sich nicht durch­ge­setzt, weil man bei der EBU wohl nicht auf die Tele­fon­ein­nah­men ver­zich­ten woll­te. Ich bin Ver­fech­ter des aktu­el­len Sys­tems, aber ich bin auch der Ansicht, dass man eher auf rei­nes Tele­vo­ting als auf rei­ne Jurys zurück­ge­hen soll­te, wenn man es wie­der ändern will.

  12. Wenn man Wiki­pe­dia Glau­ben schen­ken darf, hat die Blon­de (Mari­na Occhie­na) von Ric­chi e Pove­ri des­we­gen Anfang der 80er die Grup­pe ver­las­sen (bzw. wur­de gegan­gen, wie man so schön sagt), weil sie ein Ver­hält­nis mit dem Mann der Brü­net­ten (Ange­la Bram­ba­ti) ange­fan­gen hat. Aber als Trio hat­ten sie ja kei­nes­wegs weni­ger Erfolg.

Oder was denkst Du?