DE 1979: Dann bleibst Du län­ger dran

Dschinghis Khan, DE 1979
Die Impe­ra­to­ren

In die­sem Jahr erb­te der Baye­ri­sche Rund­funk den inner­halb der ARD nach wie vor eher unbe­lieb­ten Grand Prix. Wie es dazu kam? Nun, im Vor­jahr hat­te Isra­el den Wett­be­werb gewon­nen, und für die Bericht­erstat­tung über das Nah­ost­land liegt die Zustän­dig­keit bei der Arbeit­ge­mein­schaft deut­scher Rund­funk­an­stal­ten in Mün­chen. Also bekam der BR auch den Con­test zuge­scho­ben. Logisch, oder? Die Bay­ern, das muss man ihnen zugu­te hal­ten, stell­ten sich der Auf­ga­be mit Bra­vour: sie pro­du­zier­ten eine TV-Vor­ent­schei­dung mit zwölf Teilnehmer/innen, größ­ten­teils die A-Lis­te des deut­schen Schla­gers. Außer­dem erkann­ten sie schon fast zwan­zig Jah­re vor der EBU, dass die Zeit der orga­ni­sier­ten Bevor­mun­dung durch Jurys abge­lau­fen war, und beauf­trag­ten das Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tut Infra­test, in einer tele­fo­ni­schen Reprä­sen­ta­tiv­um­fra­ge unter 540 vor­her aus­ge­wähl­ten Haus­hal­ten den Publi­kums­lieb­ling zu ermit­teln.

Prince hat ange­ru­fen und will sei­ne Rüschen­blu­se zurück: Rober­to Blan­co ver­wei­gert die Arbeit.

Dabei schnit­ten, erstaun­lich für das offi­zi­ell als beson­ders flei­ßig gel­ten­de Deutsch­land, zwei das süße Nichts­tun ver­herr­li­chen­de Bei­trä­ge recht gut ab. Zum einen, auf Platz 4, Rober­to Blan­cos (DVE 1970, 1973) Blau­ma­cher­schla­ger ‘Sam­ba si! Arbeit no!’. So ändern sich die Zei­ten: wag­te es in unse­rer heu­ti­gen Hartz-Vier-Gesell­schaft jemand, einen sol­cher­art leis­tungs­ver­wei­gern­den Auf­ruf zu sin­gen, er wür­de ohne viel Feder­le­sens von einem wüten­den, von der Bild auf­ge­wie­gel­ten Lynch­mob am Blitz­ab­lei­ter der ört­li­chen Arbeits­agen­tur auf­ge­knüpft! Gar auf den zwei­ten Rang schaff­te es die ent­spann­te Lang­schlä­fer­hym­ne ‘Take it easy, altes Haus’ der Coun­try­for­ma­ti­on Truck Stop. Die sym­pa­thi­schen Cow­boys von der Water­kant lie­fer­ten hier mit gol­de­nen Text­zei­len wie “Fang Dei­nen Tag doch spä­ter an, dann bleibst Du län­ger dran” mein Lebens­mot­to ab. Das Lob des Lie­gen­blei­bens reich­te sogar noch für unte­re Chart­rän­ge: Platz 38.

Es gibt nichts Schlim­me­res, als mor­gens auf­zu­stehn: Jungs, ihr ver­steht mich! (Und übri­gens, der Voll­bär­ti­ge am Hack­brett: woof!)

Die bei­den Schla­ger-Hero­in­nen Ingrid Peters (DE 1986, DVE 1983) und Pao­la del Med­ico (CH 1969, 1980, DVE 1982) berich­te­ten dazwi­schen, unter­legt von sen­sa­tio­nel­len Dis­co-Sound­ef­fek­ten, von ihren aktu­el­len Affä­ren mit einem ver­hei­ra­te­ten Mann (gar dem sel­ben?). Dabei nahm man der schö­nen Saar­län­de­rin die las­zi­ve Ver­füh­re­rin eher ab als der stets etwas fri­gi­de wir­ken­den Schwei­ze­rin, was ihr jedoch zum Nach­teil geriet. Denn das anschei­nend über­wie­gend aus eifer­süch­ti­gen Ehe­frau­en bestehen­de Infra­test-Publi­kum fand nur bedingt Gefal­len an Oden auf die Untreue: Rang 3 für die es bei einem ein­ma­li­gen One-Night-Stand belas­sen­de Pao­la (‘Vög­ler der Nacht’; ihr guter haus­frau­li­cher Rat: “Denn mit Gefüh­len / soll­te man nie­mals spü­len”), wäh­rend Ingrid Peters (‘Du bist nicht frei’), die sich ihren Ste­cher mit der Ehe­frau dau­er­haft zu tei­len beab­sich­tig­te, mit dem sechs­ten Platz abge­straft wur­de. Bei­de Sei­ten­sprung-Dra­men stamm­ten übri­gens aus der Feder des dies­be­züg­lich noto­ri­schen Kom­po­nis­ten Jean Frank­fur­ter, der schon Ire­en Sheer (DE 1978) mit dem ‘Feu­er’ hat­te spie­len las­sen.

Jesus, um die­se Hüf­te kann ich ja mit einer Hand fas­sen! Ingrid Peters ist nicht frei, frei, frei.

Ralph Sie­gel über­flü­gel­te jedoch alle mit sei­ner Retor­ten­for­ma­ti­on Dschinghis Khan, die er pas­send zu sei­nem gleich­na­mi­gen, von Boney M.s ‘Ras­pu­tin’ inspi­rier­ten Impe­ra­to­ren­stamp­fer zusam­men­ge­stellt hat­te. Waren es die bun­ten Glit­zer­kos­tü­me vom Aus­ver­kauf im Thea­ter­fun­dus (Vor­bild hier: die Vil­la­ge Peop­le); der schim­mern­de Lip­gloss der bei­den “aus­geufer­ten Sekre­tä­rin­nen” Edi­na Pop (DVE 1972) und Hen­ri­et­te Hei­chel; die glück­lich machen­de, weil simp­le Tanz­cho­reo­gra­fie oder der noch im Voll­suff mit­singba­re, kli­schee­haf­te Ech­te-Ker­le-Phan­ta­si­en beför­dern­de Text mit vie­len “Hu-Ha“s und der rund­weg genia­len Eröff­nungs­zei­le “Sie rit­ten um die Wet­te mit dem Step­pen­wind”, der für den ers­ten ech­ten Sie­gel-Sieg sorg­te? Egal: dies­mal ging es voll und ganz in Ord­nung. Ich lieb­te die­se Num­mer damals heiß und innig (und mag sie noch heu­te), tanz­te vor dem Fern­se­her ent­fes­selt mit und wünsch­te mir nichts sehn­li­cher, als dass wir damit den Grand Prix gewön­nen. ‘Dschinghis Khan’ war mei­ne Ein­stiegs­dro­ge in den Euro­vi­si­on Song Con­test. Das sahen wohl auch ande­re so: die Sin­gle schoss an die Spit­ze der deut­schen Charts und konn­te sich unter ande­rem auch in Öster­reich (#8), der Schweiz (#3) und Nor­we­gen (#3) posi­tio­nie­ren.

Sie zeug­ten sie­ben Blin­de in einer Nacht: die grel­len Kos­tü­me von Dschinghis Khan

Dass die fünf Sänger/innen von Dschinghis Khan trotz enthu­si­as­tisch getanz­ter Cho­reo­gra­fie nicht hör­bar außer Atem kamen, wie spä­ter bei ihrem Auf­tritt in Jeru­sa­lem, hat­te einen simp­len Grund: das vom Baye­ri­schen Rund­funk enga­gier­te Tanz­or­ches­ter Heinz Kiess­ling tat sich bei den Pro­ben der­ma­ßen schwer damit, die mit moder­nen Sound­ef­fek­ten voll­ge­stopf­ten Arran­ge­ments auch nur eini­ger­ma­ßen annehm­bar zu repro­du­zie­ren, dass man für die Sen­dung kurz­fris­tig und not­ge­drun­gen aufs Voll­play­back zurück­griff. Beson­ders ohren­fäl­lig wird dies beim erst­mals prak­ti­zier­ten und tat­säch­lich live vom Orches­ter beglei­te­ten Schnell­durch­lauf: rich­tig ama­teur­haft klin­gen die quä­ki­gen Trom­pe­tenar­ran­ge­ments hier! Scha­de nur, dass der BR die­ses Fias­ko nicht zum Anlass nahm, bei der EBU auf die Abschaf­fung des Orches­ters zu drän­gen: wie vie­le ver­hunz­te, ent­stell­te Lie­der wären uns beim Grand Prix erspart geblie­ben!

Die schöns­te Fön­wel­le der Schweiz: Pao­la.

Bleibt noch die maka­be­re Fra­ge, ob sich Lou­is Hen­rik Pot­gie­ter (†1994), der tan­zen­de Dschinghis Khan in Dschinghis Khan, und Tony Holi­day (†1990), der in einer pein­li­chen wei­ßen Cow­boy­fran­sen­ja­cke wenig glaub­wür­dig – und ent­spre­chend erfolg­los – ‘Zuviel Tequi­la, zu viel schö­ne Mäd­chen’ besang, bei die­ser Vor­ent­schei­dung näher ken­nen lern­ten und sich gegen­sei­tig infi­zier­ten? Denn bei­de, trau­ri­ge Chro­nis­ten­pflicht, es zu ver­mel­den, star­ben spä­ter an den Fol­gen von Aids. Auch die gute Han­ne Hal­ler weilt nicht mehr unter uns: die 2005 dem Krebs zum Opfer gefal­le­ne Sän­ge­rin gab hier mit ‘Good­bye, Ché­rie’ ein unbe­ab­sich­tig­tes Abschieds­lied, auch wenn sie als Kom­po­nis­tin noch ein paar Mal mit­ma­chen soll­te. 2008 erfuhr Han­ne ihr post­hu­mes Outing in der Bild durch ihre dama­li­ge Lebens­ge­fähr­tin Ramo­na Leiß. Ver­stö­rend beim Blick auf die Punk­te­ta­bel­le bleibt, dass der letzt­plat­zier­te Bei­trag der Gebrü­der Blatt­schuß (bekannt von den ‘Kreuz­ber­ger Näch­ten’) immer noch ein Drit­tel so viel Stim­men wie ‘Dschinghis Khan’ erhielt. Zwar kom­po­nier­te Ralph Sie­gel auch die­sen Titel, aller­dings erwies er sich als der­ma­ßen grot­tig, dass ich ein­fach nicht glau­ben kann, wie auch nur ein ein­zi­ger Mensch die­sem Müll frei­wil­lig eine ein­zi­ge Stim­me geben konn­te.

1979 lan­de­te Umber­to Toz­zi (IT 1987) mit ‘Glo­ria’ einen Top-Hit in Deutsch­land. 1982, ein Jahr nach ihrer erfolg­rei­chen Euro­vi­si­ons­teil­nah­me, gelang Lena Valai­tis mit der deut­schen (deut­lich schö­ne­ren) Ein­spie­lung erneut ein Hit

Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1979

Ein Lied für Jeru­sa­lem. Sams­tag, 17. März 1979, aus der Rudi-Sedl­may­er-Hal­le in Mün­chen. 12 Teil­neh­mer. Mode­ra­ti­on: Caro­li­ne Rei­ber und Tho­mas Gott­schalk.
#Inter­pretTitelPunk­tePlatzCharts
01Tony Holi­dayZuviel Tequi­la, zuviel schö­ne Mäd­chen280709-
02Han­ne Hal­lerGood­bye, Ché­rie300907-
03Gebrü­der Blatt­schussEin Blick sagt mehr als jedes Wort167312-
04Ingrid PetersDu bist nicht frei289408-
05Jer­ry Rix + Lin­da Thomp­sonWochen­en­de192011-
06Truck StopTake it easy, altes Haus43940238
07Jean­ne de RoyWas wir aus Lie­be tun211710-
08Bern­hard BrinkMade­lei­ne332606-
09Dschinghis KhanDschinghis Khan48070101
10Pao­laVogel der Nacht412703-
11Rober­to Blan­coSam­ba si! Arbeit no!346104-
12Orlan­do Riva SoundLady Lady Lady333605-

2 Gedanken zu “DE 1979: Dann bleibst Du län­ger dran

  1. Feh­ler im Text Der Vor­jah­res­bei­trag von Ire­en Sheer wur­de von Jean Frank­fur­ter geschrie­ben. In die­sem Jahr sang nicht Ingrid Peters einen Titel des Kom­po­nis­ten, son­dern die (immer etwas fri­gi­de wir­ken­de) Pao­la! Sie lan­de­te auf dem drit­ten Platz und die las­zi­ve Ver­füh­re­rin, also die Peters, hatt kei­nen irgend gear­te­ten Nach­teil! 😀

  2. Kor­rek­tur sor­ry !!!! bei­de Damen san­gen einen Titel von Jean Frank­fur­ter … Asche auf mein Haupt

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