ESC 1983: Wie­der holen ist gestoh­len

Logo des Eurovision Song Contest 1983
Das ver­fluch­te Jahr

Drei früh­zei­tig dahin­ge­schie­de­ne Teilnehmer/innen; zwei Nil­poin­ter; der ers­te kom­mer­zi­ell erfolg­lo­se Sie­ger­ti­tel seit über zwan­zig Jah­ren; ein Büh­nen­bild wie das Innen­le­ben eines Heiz­lüf­ters und eine sich stän­dig ver­has­peln­de Gast­ge­be­rin: es scheint, als läge ein Fluch über der Mün­che­ner Ver­an­stal­tung. Dabei woll­te man doch alles rich­tig machen und sich inter­na­tio­nal prä­sen­tie­ren nach dem ers­ten Sieg Deutsch­lands mit Nico­le. Deren so gut ange­kom­me­ne “spon­ta­ne” Ges­te, ihren Titel bei der Sie­ger­re­pri­se in meh­re­ren Spra­chen zu sin­gen, inspi­rier­te die als Mode­ra­to­rin gebuch­te Tän­ze­rin Mar­lè­ne Cha­rell (gebo­ren als Ange­la Miebs in Win­sen an der Luhe), es ihr gleich­zu­tun.

Vor­sprung durch Tech­nik: die ARD nutz­te den ESC 1983 für eine Prä­sen­ta­ti­on der neu­es­ten Groß­raum-Ver­ti­kal­heiz­lüf­ter

Das ging aller­dings kom­plett in die Hose, da Frau Cha­rell sowohl den Kom­po­nis­ten als auch den Tex­ter, den Diri­gen­ten und den Inter­pre­ten ein­zeln, jeweils drei­spra­chig, ansag­te. Und dies, ohne jede Rück­sicht auf die über­zo­ge­ne Sen­de­zeit und die bereits wund geklatsch­ten Hän­de des Publi­kums, krampf­haft bis zum bit­te­ren Ende durch­zog: “The Con­duc­tor / le Chef d’Orchèstre / es diri­giert”, gefolgt von einem hek­ti­schen Blick auf den Spick­zet­tel und einem gele­gent­lich auch mal erfun­de­nen Namen, wenn sie die rich­ti­ge Text­zei­le auf die Schnel­le nicht fand. Dann bestritt sie auch noch das Pau­sen­pro­gramm, wo sie zu einem Med­ley “deut­scher Hit-Melo­di­en” tanz­te! Wie anstren­gend pro­fes­sio­nel­les Bal­lett ist, hör­te man anhand ihres Schnau­fens aller­dings auch sehr deut­lich bei der sich anschlie­ßen­den Punk­te­ver­ga­be.

Mode­ra­ti­on, Pau­sen­pro­gramm, Punk­te­ver­ga­be, Blu­men­ar­ran­ge­ments: Mar­lè­ne mach­te ein­fach alles!

Eine hüb­sche Idee, jeden Star­ter bei der Ansa­ge mit einem eige­nen Blu­men­ar­ran­ge­ment in den Lan­des­far­ben zu prä­sen­tie­ren. Die Umset­zung jedoch führ­te zu sehr unter­schied­li­chen Ergeb­nis­sen: mal bas­tel­ten die beauf­trag­ten Flo­ris­ten mit gro­ßem hand­werk­li­chen Geschick die Flag­ge nach, mal gab es ein­sturz­ge­fähr­det aus­se­hen­de Hän­ge­gär­ten, mal nur pope­li­ge Sträu­ße. Und in Ein­zel­fäl­len leuch­te­ten auch schon mal rot die Toma­ten aus dem Gesteck! Am aller­schlimms­ten war jedoch der epi­sche Eröff­nungs­film, in dem der aus­füh­ren­de Baye­ri­sche Rund­funk gefühl­te vier Stun­den lang die pro­vin­zi­ells­ten Win­kel unse­rer Hei­mat (Schlös­ser, Seen, Ber­ge) sowie aller­liebst geschmück­te Kühe (!) und Trach­ten-Grant­ler mit pracht­vol­len Rau­sche­bär­ten zeig­te, um sämt­li­che Baju­wa­ren-Kli­schees auf das Nach­hal­tigs­te zu bestä­ti­gen. Nach­dem man noch die Interpret/innen aller 20 Teil­neh­mer­län­der zur gemein­sa­men Vor­stel­lung auf der Büh­ne ver­sam­melt hat­te, ging es dann um kurz vor Mit­ter­nacht auch schon los!

Das ist nicht mein Deutsch­land: die zehn fremd­scham­qual­volls­ten Minu­ten mei­nes jun­gen Lebens

Obwohl er im Vor­jahr bereits ‘Adieu’ sag­te, kehr­te die Nul­point-Legen­de Jahn Tei­gen (NO 1978, 1982) ein letz­tes Mal zurück. Es lohn­te sich: mit einer Locke­rungs­übung aus dem Musik­un­ter­richt, dem Auf­sa­gen der Ton­lei­ter ‘Do-Re-Mi’, errang er sei­ne bes­te Plat­zie­rung. Erhei­tert zeig­te sich der nor­we­gi­sche “Chef d’Orchèstre”, Sigurd Jan­sen, als Mar­lè­ne Cha­rell ihn als “Johan­nes… Skor­gan” ansag­te. Groß­bri­tan­ni­en schick­te einen pop­pi­gen Syn­thie-Schla­ger namens ‘I’m never giving up’, der sei­nem offen­sicht­li­chen Vor­bild ‘Making your Mind up’ nicht nur musi­ka­lisch wie ein Ei dem ande­ren glich. Die 1981er Sie­ge­sing­re­den­zi­en – Ein­weg-Retorten­grup­pe, flot­ter Rhyth­mus, tuck­i­ge Arm­be­we­gun­gen, viel Bein, aero­bikes­ke Cho­reo­gra­fie – ergänz­te man sicher­heits­hal­ber um das 1982er Sie­gesele­ment, den Hocker. Dass die drei Mädels von Sweet Dreams sich beim (kal­ku­lier­ten) Sturz von sel­bi­gem nichts bra­chen, hät­te sie allei­ne schon für die Spit­zen­po­si­ti­on qua­li­fi­ziert. Weni­ger schön hin­ge­gen, dass man – eine bri­ti­sche Spe­zia­li­tät – die Backing­sän­ge­rin Kit Rol­fe (Bel­le & the Devo­ti­ons, UK 1984) hin­ter der Büh­ne ver­steck­te.

Tur­nen mit Bar­ho­ckern: Sweet Dreams (UK)

Frank­reich, Ita­li­en und Grie­chen­land, die im Vor­jahr aus­ge­setzt hat­ten, kehr­ten zurück – alle drei aller­dings mit voll­kom­men ver­zicht­ba­ren Bei­trä­gen. Dafür fehl­te Irland: der von Bud­get­kür­zun­gen gebeu­tel­te Sen­der RTÉ ver­such­te, mit der Andro­hung des Aus­stiegs aus dem bei den Zuschau­ern sehr belieb­ten Con­test eine Gebüh­ren­er­hö­hung zu erpres­sen, was aber schei­ter­te. Für Schwe­den erschien erst­mals Ihre Hei­lig­keit, die hin­ter der Büh­ne flei­ßig in der Bibel lesen­de Caro­la Hägg­kvist (SE 1991, 2006). “Främ­ling, vad döl­jer du för mig?” (“Frem­der, was ver­steckst Du vor mir?”), die Auf­takt­zei­le ihres schwung­vol­len Schwe­den­schla­gers, lebt unter Euro­vi­si­ons­fans bis heu­te wei­ter: als Auf­rei­ß­er­spruch, am liebs­ten auf dem T-Shirt. Zumal der Text mit wei­te­ren inter­es­san­ten Fund­stel­len wie “Mach den ers­ten Schritt und zeig mir heu­te Nacht den Weg” auf­war­tet: ein Schatz­käst­lein für Con­nais­seu­re der schlüpf­ri­gen Dop­pel­deu­tig­keit! Trotz ihrer Vor­lie­be für pro­fa­ne Ver­gnü­gun­gen ging von der auf­ge­putscht wir­ken­den Schwe­din ein mehr als welt­li­ches Strah­len aus, wie es Euro­vi­si­ons­sie­ge­rin­nen öfters aus­zeich­net. Dass es in die­sem Jahr für die blut­jun­ge Chris­tin noch nicht reich­te, mag an ihrer etwas unglück­li­chen und wenig gla­mou­rö­sen Büh­nen­gar­de­ro­be gele­gen haben.

Mag anschei­nend dicke Schwän­ze (sie­he Hose): Caro­la (SE)

Es folg­ten zwei der inter­es­san­tes­ten, wenn auch nicht zwin­gend bes­ten Euro­vi­si­ons­bei­trä­ge aller Zei­ten. Die bar­fü­ßi­ge, in einen schlimm gestreif­ten Bade­man­tel gewi­ckel­te, spa­ni­sche Neo-Fla­men­co-Köni­gin Reme­di­os Ama­ya stimm­te mit ‘¿Quién mane­ja mi Bar­ca?’ (‘Wer managt mei­ne Bar­ke?’) einen enthu­si­as­tisch dar­ge­bo­te­nen Eth­no­bei­trag an, der fast aus­schließ­lich aus immer ein­dring­li­cher, gar zor­ni­ger wer­den­den Wie­der­ho­lun­gen der spi­ri­tu­el­len Ein­gangs­fra­ge bestand; näm­lich wel­cher ver­fluch­te Voll­idi­ot ihr beschis­se­nes Boot denn nun ver­dammt noch mal steue­re? Was auch Reme­di­os’ wütend-ankla­gen­de Mimik und ihr Her­um­ge­fuch­tel mit erho­be­nem Zei­ge­fin­ger erklärt. Gran­dio­se Show! Für nicht an Fla­men­co gewöhn­te Ohren (also die sämt­li­cher Euro­pä­er außer­halb Spa­ni­ens) klang das aller­dings ziem­lich schmerz­haft, ähn­lich dem Gesang tür­ki­scher Kla­ge­wei­ber.

Unge­bro­che­ner Stolz trotz häss­li­chen Block­strei­fen­fum­mels: Nil­poin­te­rin Reme­di­os Ama­ya (ES)

Die Tür­kei wie­der­um ver­irr­te sich zu sei­fi­gen Fahr­stuhl­klän­gen aus­ge­rech­net in die ita­lie­ni­sche ‘Ope­ra’, was nicht nur musi­ka­lisch unge­mein schräg wirk­te. Den ohne­hin hohen Camp-Fak­tor die­ser Num­mer stei­ger­te der Sän­ger Çetin Alp, der optisch als der unehe­li­che Sohn von Horst Tap­pert und Libe­r­ace daher­kam und eine Show abzog, wie sie die Gäs­te jedes sechst­klas­si­gen ame­ri­ka­ni­schen Revu­e­schup­pens nicht bes­ser hät­te zum Ver­zweif­lungs­sau­fen ani­mie­ren kön­nen, gera­de­zu ins Uner­mess­li­che. Jurys kön­nen grau­sam sein: sie straf­ten bei­de Län­der mit jeweils null Punk­ten ab. Was im Fall von Herrn Alp, wie Tim Moo­re in sei­nem Buch recher­chier­te, tra­gi­sche Fol­gen hat­te: der Sän­ger bekam in sei­nem Hei­mat­land kei­nen Fuß mehr an Deck. Egal, was er ver­such­te; egal, wie viel Anläu­fe er unter­nahm: er blieb stets nur der Mann, der ‘Ope­ra’ gesun­gen hat­te. Alp zog sich voll­stän­dig aus der Öffent­lich­keit zurück. Erst anläss­lich der ers­ten Aus­tra­gung des Euro­vi­si­on Song Con­tests durch die Tür­kei im Jah­re 2004 lud der Sen­der TRT Çetin Alp zu einer Show mit allen bis­he­ri­gen tür­ki­schen Grand-Prix-Teil­neh­mern ein – nur, um ihn dort erneut öffent­lich für sein bla­ma­bles Ergeb­nis von 1983 abzu­wat­schen. Die­ses nach­tra­gen­de Ver­hal­ten sei­ner Lands­leu­te nahm er sich so zu Her­zen, dass er nur drei Tage nach dem Con­test von Istan­bul sie­ben­und­fünzig­jäh­rig an einem Infarkt ver­starb.

Der tür­ki­sche Der­rick beim Besuch in der Oper: Nil­poin­ter Çetin Alp

Eine span­nungs­ge­la­de­ne, trei­ben­de und für fin­ni­sche Ver­hält­nis­se fast schon unskur­ri­le Pop­num­mer prä­sen­tier­te Ami Aspe­lund, die Schwes­ter der ‘Lap­po­nia’-Kult­sän­ge­rin Moni­ca (FI 1977). Mit Rang 11 sträf­lich unter­be­wer­tet, was aller­dings an dem grau­sa­men Over­si­zed-Kleid gele­gen haben dürf­te, in das man die Inter­pre­tin steck­te und in dem sie aus­sah wie eine Play­mo­bil-Figur. Zudem wat­schel­te sie beim Refrain in einem vor­aus­ei­len­den Anfall von Lore­enitis (SE 2012) selt­sam seit­wärts über die Büh­ne und ihre Backings schmis­sen die Köp­fe von links nach rechts. Mit Geschwis­tern ver­such­ten es auch die Deut­schen: die Gebrü­der Hoff­mann & Hoff­mann gaben in lege­rer All­tags­klei­dung und ohne Begleit­show ihren wun­der­hüb­schen, unkit­schi­gen Bezie­hungs­schla­ger zum Bes­ten, der den guten Rat ent­hielt, es doch mit mehr ‘Rück­sicht’ auf­ein­an­der zu ver­su­chen. Ob sie sich selbst dar­an hiel­ten, wis­sen wir nicht. Aller­dings zer­brach im Jahr nach dem Con­test die Bezie­hung von Gün­ther Hoff­mann (der Gut­aus­se­hen­de mit dem Por­no­bal­ken), wes­we­gen er sich trau­ri­ger­wei­se in Rio den Janie­ro das Leben nahm.

Die klei­ne Schwes­ter: Amy Aspel­zund (FI)

Die hals­lo­se Ber­na­det­te Kraak­man aus den Nie­der­lan­den zog beim Sin­gen nicht nur ein Gesicht wie bei einer Wur­zel­be­hand­lung. Sie ließ die Zuschau­er an die­sem Ver­gnü­gen teil­ha­ben, indem sie ihr ‘Sing me a Song’ (so der scham­lo­se Ver­such, die Spra­chen­re­gel zu umge­hen) in einer der­art schmerz­haft hohen Stimm­la­ge krisch, dass auch die sie beglei­ten­de San­dra Ree­mer (NL 1972, 1976, 1979) nichts mehr aus­rich­ten konn­te. An die­ser Stel­le wünsch­te man sich Reme­di­os Ama­ya zurück: die beherrsch­te ihr Hand­werk wenigs­tens! Zum ein­deu­ti­gen Saal­fa­vo­ri­ten avan­cier­te der Jugo­sla­we Dani­jel Popo­vić. Anders als Reme­di­os und Çetin ver­leug­ne­te er sei­ne kul­tu­rel­le Her­kunft und hat­te damit Erfolg: sei­ne ‘Džu­li’ über­zeug­te als maß­stabs­ge­treu­er Abklatsch des aktu­el­len Rock’n’roll-Revivals, mit dem Sha­kin’ Ste­vens gera­de die euro­päi­schen Hit­lis­ten auf­misch­te. Dani­el auch: Rang 13 in den deut­schen Charts (und damit 50 Plät­ze bes­ser als der Gewin­ner­ti­tel) sowie Top Five über­all sonst für die eng­li­sche Fas­sung ‘Julie’. Dass der aryth­misch arsch­wa­ckeln­de Kroa­te nicht sieg­te, quit­tier­ten eini­ge Mün­che­ner Zuschauer/innen mit Buh­ru­fen und dem vor­zei­ti­gen Ver­las­sen der Rudi-Sedl­may­er-Hal­le. Mag aber auch sein, dass sie ange­sichts der spä­ten Stun­de ein­fach nur die letz­te U-Bahn krie­gen woll­ten.

Bewe­gungs­le­g­asthe­ni­ker Dani­el und sei­ne Schick­sen (YU)

Die paten­tier­te eng­li­sche Mischung aus bil­li­gen Dis­co­schla­gern, krib­bel­b­un­ten Kla­mot­ten im aktu­el­len Aero­bic-Look und absur­den Schau­tän­zen prä­sen­tier­ten auch Däne­mark (die schluck­auf­ar­tig hüp­fen­de Gry Johan­sen mit ‘Klo­den Dre­jer’), Bel­gi­en (das beson­ders auf dem Kopf wie von Rat­ten ange­nagt aus­se­hen­de, bar­fü­ßi­ge Mäd­chen-Duo Pas de Deux und ihr anstren­gend-expe­ri­men­tel­les ‘Ren­dez­vous’, für das sie nach dem Sieg beim flä­mi­schen Vor­ent­scheid aus­ge­buht wur­den) sowie Öster­reich. Deren Bei­trag, Westends flau­en ‘Hur­ri­ca­ne’, darf man wohl mit Fug und Recht als erle­se­ne Trash­per­le und Spit­zen­bei­spiel für unfrei­wil­li­ge Komik bezeich­nen. Vier völ­lig syn­chron tan­zen­de Jungs (dar­un­ter der bei der dor­ti­gen Vor­ent­schei­dung auch solo ange­tre­te­ne Gary Lux [AT 1985, 1987]) mit ent­rück­ten Gesich­tern, ange­tan mit schrei­end bun­ten Pul­lis mit iden­ti­schen gra­fi­schen Moti­ven: damit das Gan­ze weni­ger schwul aus­sä­he, stell­te man ihnen noch eine Tän­ze­rin davor, die nicht mit­sin­gen durf­te. Dschinghis Khan (DE 1979) unter umge­kehr­ten Vor­zei­chen, qua­si. Ganz gro­ße Euro­vi­si­ons­kunst!

Bei den Kla­mot­ten kein Wun­der: “Die Ein­sam­keit von mor­gen / macht mir schon heu­te Sor­gen!” (AT)

Als nach Çetin Alp und Gün­ther Hoff­mann drit­tes Todes­op­fer die­ses Unglücks­jahr­gangs ist die Israe­lin Ofra Haza zu bekla­gen. Die in den spä­ten Acht­zi­gern im Rah­men der kurz­le­bi­gen Welt­mu­sik-Wel­le mit dem zunächst von Eric B. & Rakim auf der Hit­sin­gle ‘Paid in Full’ pro­mi­nent gesam­pel­ten und dar­auf­hin als Remix­ver­si­on neu ver­öf­fent­lich­ten ‘Im nin’alu’ (‘Ich leb von Ali­men­te’) zu inter­na­tio­na­len Hit­eh­ren (#1 DE, #15 UK) gekom­me­ne, hoch­ta­len­tier­te Sän­ge­rin starb im Febru­ar 2000 an den Fol­gen von Aids. Ihr vom Vor­jah­res­ver­tre­ter Avi Tole­da­no kom­po­nier­tes, dezent eth­no-ange­hauch­tes, den­noch sofort ins Ohr gehen­des und beschwing­tes ‘Hi’ (des­sen das Leben fei­ern­der Text mir im Ange­sicht ihres spä­te­ren Schick­sals das Blut in den Adern gefrie­ren lässt), das zudem mit einer wei­te­ren mus­ter­gül­ti­gen israe­li­schen Eng­tanz­cho­reo­gra­fie auf­war­te­te, wäre ohne jede Fra­ge der berech­tig­te Sie­ger­ti­tel gewe­sen. Doch die Jurys erwie­sen sich erneut als stock­kon­ser­va­tiv.

Es gibt rund acht­zig­tau­send Schreib­wei­sen für den Song­ti­tel, aber nur eine Ofra Haza (IL)

Zwar press­te die für Luxem­burg sin­gen­de Fran­zö­sin Corin­ne Her­mès, die letz­te Inter­pre­tin des Abends, ihr ‘Si la Vie est Cadeau’ (soll­te ihre im Deut­schen als “Geschenkt und wie­der holen ist gestoh­len” bekann­te Rede­wen­dung “Cadeau don­né, Cadeau repris, Cadeu volé” ein [ver­geb­li­cher] Appell an die Adres­se Gün­ther Hoff­manns gewe­sen sein, das Geschenk des Lebens nicht weg­zu­wer­fen?) eher aus ihren zar­ten Lun­gen her­vor, als es zu sin­gen. Doch darf der Titel als Mus­ter­bei­spiel für die Gat­tung des beim Grand Prix seit jeher hoch bewer­te­ten fran­ko­phi­len Gefühls­sturms gel­ten. End­lich wohl­ver­trau­te Klän­ge für die Men­schen über Sech­zig also, nach all die­sem moder­nen Bumm­bumm und der schrei­en­den Spa­nie­rin! Auch dem baye­ri­schen Son­nen­kö­nig Minis­ter­prä­si­den­ten Franz-Josef Strauß, in der ers­ten Rei­he sit­zend und von den Kame­ras des aus­strah­len­den Baye­ri­schen Rund­funks oft und ger­ne ein­ge­fan­gen, habe das Lied kon­ve­niert, wie die Pres­se eil­fer­tig zu berich­ten wuss­te.

Haa­re wie im Wind­ka­nal gefönt: Corin­ne Her­mès (LU)

Dank­bar schau­fel­ten die wohl mehr­heit­lich der älte­ren Gene­ra­ti­on zuge­hö­ri­gen Juro­ren Frau Her­mès die Punk­te zu, auch wenn ihr Sieg mit nur sechs Punk­ten Abstand zu Ofra Haza deut­lich knap­per aus­fal­len soll­te als der von Nico­le im Vor­jahr. Nur: in den Charts flopp­te der Titel ziem­lich (Rang #67 in Deutsch­land), aus der von der jun­gen Frau mit dem teu­ren Namen und den dra­ma­tisch nach hin­ten gefön­ten Haa­ren erträum­ten inter­na­tio­na­len Kar­rie­re wur­de nichts. Der bis­lang sehr ver­kaufs­för­dern­de Hin­weis “Sie­ger beim Grand Prix” begann, sei­ne Strahl­kraft ein­zu­bü­ßen. Kein Wun­der, wenn man sich zu weit vom aktu­el­len Pop­ge­sche­hen ent­fernt!

Euro­vi­si­on Song Con­test 1983

Euro­vi­si­on Song Con­test. Sams­tag, 23. April 1983, aus der Rudi-Sedl­may­er-Hal­le in Mün­chen, Deutsch­land. 20 Teil­neh­mer­län­der, Mode­ra­ti­on: Mar­lè­ne Cha­rell.
#LandInter­pretTitelPunk­tePlatz
01FRGuy Bon­netViv­re05608
02NOJahn Tei­genDo-Re-Mi05310
03UKSweet DreamsI’m never giving up07906
04SECaro­la Hägg­kvistFräm­ling12603
05ITRicar­do Fog­liPer Lucia04111
06TRÇetin Alp & the Short WaveOpe­ra00019
07ESReme­di­os Ama­ya¿Quién mane­ja mi Bar­ca?00019
08CHMari­el­la Far­réIo così non ci sto02815
09FIAmi Aspe­lundFan­ta­siaa04111
10GRChris­tie Sta­si­no­po­louMou les03214
11NLBer­na­det­te Kraak­manSing me a Song06607
12YUDani­jel Popo­vićDzu­lie12504
13CYStav­ros & DinaI Aga­pi aho­ma zi02616
14DEHoff­mann & Hoff­mannRück­sicht09405
15DKGry Johan­senKlo­den dre­jer01617
16ILOfra HazaHi13602
17PTArman­do GamaEsta Bala­da que te dou03313
18ATWestendHur­ri­ca­ne05309
19BEPas de DeuxRen­dez-vous01318
20LUCorin­ne Her­mèsSi la Vie est Cadeau14201

9 Gedanken zu “ESC 1983: Wie­der holen ist gestoh­len

  1. Wen­de­punkt des Grand Prix Mei­ner Mei­nung hat der ‘83er Con­test in Mün­chen den Nie­der­gang des Grand Prix begrün­det – anders lässt es sich nicht erklä­ren, dass es in die­sem Jahr mas­sig groß­ar­ti­ge Bei­trä­ge gab (allen vor­an Ofra Hazas fan­tas­ti­sches ‘Hi’, aber auch Dani­els flot­te ‘Dzu­lie’, Ami Aspe­lunds ‘Fan­ta­siaa’, Gry Johan­sens fröh­li­ches ‘Klo­den dre­jer’ und auch die zwei Null­punk­ter aus der Tür­kei und Spa­ni­en, die die inter­es­san­tes­ten des Abends waren und eine bes­se­re Posi­ti­on ver­dient hät­ten), im Fol­ge­jahr dar­auf plötz­lich aus­nahms­los nur noch Instant-Schrott und Weg­werf-Songs (Dig­gi-Loo Dig­gi-Ley!) ? Viel­leicht lag es an der Fehl­ent­schei­dung der Jury? An der schlech­ten Mode­ra­ti­on? Dem grau­sa­men Büh­nen­bild (so wie die Büh­ne schaut unser ein­ge­schal­te­ter Toas­ter evon Innen aus)? Jeden­falls war 1983 das letz­te gute Euro­vi­si­ons-Jahr, danach kam bis Ende der Neun­zi­ger eine lan­ge Durst­stre­cke.

  2. Geschmack­lo­se Juries Ich muss da mei­nem Vor­red­ner zustim­men. Wie die­se Plas­tik­bal­la­de ‘Si la vie est cadeau’ sich gegen ‘Khay’, ‘Främ­ling’, ‘Dzu­li’ etc. durch­set­zen konn­te, ist ein ewi­ges Rät­sel. Mal wie­der der letz­te Start­platz. Und das aus­ge­rech­net, wo Isra­el den Sieg (im Gegen­satz zu 78/79) wirk­lich ver­dient gehabt hät­te. Eine Merk­wür­dig­keit die­ses Con­tests: Offen­bar kön­nen sich die Leu­te nicht eini­gen, in wel­cher Rei­hen­fol­ge Cetin Alp und Reme­di­os Ama­ya auf­ge­tre­ten sind. Laut Scoreboard, und auch laut Tim Moo­res ‘Nul Points’, kam die Tür­kei näm­lich zuerst. Weiß das jemand?

  3. Was für ein Jahr­gang! Ich hät­te min­des­tens 13 Songs davon in mei­nen Top Ten und min­des­tens 4 Songs hät­ten mei­ner Mei­nung nach den Sieg ver­dient: Spa­ni­en, Isra­el, Finn­land, Schwe­den. Viel­leicht auch noch Jugo­sla­wi­en obwohl etwas zu retro. Die Sie­ger­bal­la­de gefällt mir zwar eben­falls (Titu­lie­rung von eini­gen als Plas­tik­bal­la­de hin oder her), ist aber im Ver­gleich zu dem Teil­neh­mer­feld die­ses Jahr­gangs wirk­lich nur zwei­te Wahl. Wenn man geht, dann mit einem Knall. Ich wünsch­te fast, die hät­ten sich etwas von der musi­ka­li­schen Qua­li­tät (oder auch ein­fach nur der Ein­gän­gig­keit und Gute-Lau­ne-Gefühls oder – im Fal­le der Tür­kei – des Camps, wobei da Anfang der 90er ja Jugo­sla­wi­en groß drin wird) auf­ge­spart für die kom­men­den Jah­re. Beson­ders Ende der 80er war es ja dann ganz schlimm. In den 90ern ging es dann lang­sam wie­der auf­wärts.

  4. Alpama­ya Doch, das stimmt auch: Cetin Alp trat vor Reme­di­os Ama­ya auf. Ich hab’s nur wegen des Text­flus­ses umge­dreht – ich han­de­le die Songs gene­rell nicht zwin­gend in der Start­rei­hen­fol­ge ab.

  5. Lang­wei­lig Gewon­nen hat das für mich lang­wei­ligs­te Sie­ger­lied der dama­li­gen ESC-Geschich­te. Hier hät­te Isra­el haus­hoch gewin­nen müs­sen. Ich saß an die­sem Abend fas­sungs­los vor dem Fern­se­her und frag­te mich, wer so einen Sch. wählt. Die­se Fra­ge soll­te ich mir spä­ter noch öfter stel­len.

  6. Mein Infor­ma­tik­leh­rer sieht genau­so aus wie Gün­ther Hoff­mann und die­ser Leh­rer kam ein oder zwei Jah­re nach dem Tod Gün­ther Hoff­manns zur Welt :O

  7. Was für ein span­nen­des Jahr!! Und hau­fen­wei­se rich­tig gute Bei­trä­ge oder wenigs­tens rich­tig lus­ti­ger Schrott. Mein abso­lu­ter Lieb­ling die­ses Jahr kam aus­nahms­wei­se mal von uns sel­ber, aber auch Isra­el und Jugo­sla­wi­en waren rich­tig klas­se, Schwe­den und Finn­land eben­falls gut. Und dann gewinnt die­ser Breit­wand­schlonz aus Luxem­burg?!? Wenn ich mei­ne per­sön­li­che Sym­pa­thie für den Bei­trag der Hoff­män­ner mal bei­sei­te las­se (der aller­dings eben­falls wesent­lich wei­ter nach oben gehört hät­te), dann hät­te Isra­el ZWIN­GEND gewin­nen müs­sen! 

    Ein Wort noch zu den Null­poin­tern: Bei­de gehör­ten sicher­lich, wie Du oben schon geschrie­ben hast, zu den span­nends­ten Bei­trä­gen aller Zei­ten. Und ich den­ke, dass zumin­dest Reme­di­os Ama­ya, wenn sie heu­te mit die­sem Bei­trag antre­ten und so auf­tre­ten wür­de, klar in der Top Ten wäre. OK, der Block­strei­fen­fum­mel geht gar nicht, aber mei­ne Güte, was hat­te denn Rona Nish­liu an?! Dem damals noch deut­lich weni­ger zyni­schen Ter­ry Wogan hat es ja offen­sicht­lich gefal­len. Und die Tür­kei hat mit “Ope­ra” ja nun wirk­lich das abge­fah­rens­te Gesamt­kunst­werk der Euro­vi­si­ons­ge­schich­te abge­lie­fert, das sich mei­ner Mei­nung nach auch heu­te noch jeder Bewer­tung ent­zie­hen wür­de. Oder um noch­mal auf Ter­ry W. zurück­zu­kom­men: “The magic of the Euro­vi­si­on. Whe­re else were you going to get some­thing like this?”

    Über den Rest der Mün­che­ner Ver­an­stal­tung brei­ten wir mal gnä­dig den Man­tel des Schwei­gens.

  8. Was war das? Eine völ­lig ver­un­glück­te Mode­ra­ti­on und ein bil­li­ger Sie­ger.
    Dabei waren vie­le Juro­ren kei­ne Wich­ser und gaben Punk­te an Schwe­den, Isra­el und Jugo­sla­wi­en. Aber man war dann doch unver­bes­ser­lich.

    Und dann die nie­der­län­di­sche Abstim­mung: Erst Häme über den einen Punkt für Luxem­burg (etwas, dass sich zwan­zig Jah­re spä­ter in Riga wie­der­hol­te, als die schwer ver­hass­ten t.A.T.u. – Pseu­do­les­ben zur let­ti­schen Scha­den­freu­de nur einen Punkt aus Hol­land beka­men) und sofort drauf die zwei Punk­te für Frank­reich, die von Frau Cha­rell als “Fran­ce, dou­ze points” beti­telt wur­den. Sie bemerk­te aber schnell ihren Feh­ler und sag­te: “Frank­reich natür­lich nur zwei Punk­te”.
    Dat war nix!

  9. Mode­ra­ti­on und Sie­ger­ti­tel und alles: schlimm! Doch mein all time favou­rite stammt und ist aus die­sem Jahr: “Ren­dez-Vous”!

Oder was denkst Du?