DE 1984: Mit Stolz in mei­nen Augen

Mary Roos, DE 1984
Die Geknick­te

Der knapp fünf­jäh­ri­ge deut­sche Lauf neig­te sich unauf­halt­sam dem Ende ent­ge­gen. Die Bei­trä­ge der dies­jäh­ri­gen Vor­ent­schei­dung, zu allem Übel auch noch mode­riert durch den per­so­ni­fi­zier­ten Sprech­durch­fall Sabi­ne Sau­er, zeich­ne­ten sich samt und son­ders durch musi­ka­li­sche Grau­sam­keit und inhalt­li­che Belang­lo­sig­keit aus. ‘Wo warst Du, als ich starb?’, die­se von einem Teil­neh­mer gestell­te Fra­ge konn­te stell­ver­tre­tend für den deut­schen Schla­ger ste­hen. Und aus Sicht der Zuschauer/innen beant­wor­tet wer­den mit: vor dem Fern­se­her. Und zwar – am Vor­abend des für April 1984 ter­mi­nier­ten Starts des von Leo-Kirch-Spezl Hel­mut Kohl mit Kanz­ler­macht durch­ge­drück­ten Pri­vat­fern­se­hens – in durch­aus beein­dru­cken­der Zahl. Das soll­te aber nicht mehr all zu lan­ge so blei­ben, und nach die­sem Offen­ba­rungs­eid der öffent­lich-recht­li­chen TV-Unter­hal­tung ver­wun­dert der Zuschau­er­schwund der Fol­ge­jah­re nicht.

Sabi­ne Sau­er sab­bel­te sich die Zun­ge wund bei ‘Ein Lied für Luxem­burg’

Außer der baye­ri­schen Schmu­se­sound-Kapel­le Relax (DVE 1992), einem falsch eti­ket­tier­ten Rest­pos­ten vom Grab­bel­tisch der mitt­ler­wei­le zu Tode gerit­te­nen Neu­en Deut­schen Wel­le, sowie der Schla­ger­alt­last Bern­hard Brink (DVE 19791987, 1988, 1992, 2002) kein bekann­ter Name dar­un­ter; die Sen­dung ein bedrü­cken­der Auf­marsch der Chan­cen­lo­sen und Ver­lie­rer der Popre­vo­lu­ti­on. Noch erschüt­tern­der erscheint die Lage, bezieht man die zwölf Titel ein, die es aus den angeb­lich knapp tau­send ein­ge­sand­ten Lied­vor­schlä­gen zwar nicht ins Deut­sche Thea­ter zu Mün­chen schaff­ten, aber in die Radio-Vor­run­de. Da fin­den sich neben so hübsch-skur­ri­len Num­mern wie dem lei­der drei Jah­re zu spät kom­men­den Der schöns­te Mann von Buddy’s Kolon­ne näm­lich auch schon ers­te apo­ka­lyp­ti­sche Vor­rei­ter der in den Neun­zi­gern so rich­tig aus­bre­chen­den volks­tüm­li­chen Schla­ger­höl­le, hier ver­tre­ten durch die noch blut­jun­ge, noto­ri­sche Kris­ti­na Bach, die den durch Prot­ago­nis­tin­nen wie sie beför­der­ten Zustand der abso­lu­ten Hoff­nungs­lo­sig­keit (‘Wenn es kein Licht mehr gibt’) auch noch besang.

Peter, Sue & Marc (CH 1979) haben ange­ru­fen und wol­len Pfu­ri, Gorps & Kni­ri zurück!

Gar in die End­run­de schaff­te es der nicht min­der holz­pf­lock­wür­di­ge Hel­mut Frey, 1991 ein Sechs­tel von Atlan­tis 2000, dem zu mei­ner völ­li­gen Fas­sungs­lo­sig­keit der ver­gnügt mit dem Key­tar auf der Büh­ne ste­hen­de Die­ter Boh­len die Melo­die bei­steu­er­te. Und die klang kei­nes­wegs nach Modern Tal­king, son­dern viel­mehr nach den Flip­pers. ‘Hier ist einer zuviel’: das sah sicher­lich auch Ralph Sie­gel so. Mr. Grand Prix, der sei­nen künst­le­ri­schen Zenit nach einer beein­dru­cken­den Rei­he unsterb­li­cher Bei­trä­ge zum deut­schen Schla­ger­schaf­fen (‘Grie­chi­scher Wein’, ‘Fies­ta Mexi­ca­na’, ‘Du kannst nicht immer 17 sein’‘Mos­kau’) nun defi­ni­tiv über­schrit­ten hat­te, been­de­te bedau­er­li­cher­wei­se sei­ne selbst auf­er­leg­te Karenz­zeit und schick­te einen äußerst spre­chen­den Titel ins Ren­nen: den ‘Tin­gel Tan­gel Mann’, dar­ge­bo­ten von einer wei­te­ren leicht lenk­ba­ren Retor­ten­for­ma­ti­on namens Har­mo­ny Four (unter ande­rem mit, wenn mich nicht alles täuscht, Gary Lux [AT 1985, 1987] – und natür­lich dem Meis­ter am Kla­vier). Doch bereits nach einem Jahr Pau­se zeig­ten sich die Zuschau­er ent­wöhnt. Sie ver­sag­ten bei der schö­nen Vor­ent­schei­dungs­tra­di­ti­on Spot the Sie­gel und wähl­ten die uner­träg­li­che Num­mer ledig­lich auf den drit­ten Rang. Die­ser Feh­ler soll­te dem Mün­che­ner Fließ­band­kom­po­nis­ten so schnell nicht mehr unter­lau­fen.

Die Gedan­ken sind Staats­ei­gen­tum”: da stimmt der deut­sche “Ver­fas­sungs­schutz” sicher begeis­tert zu!

Einen klei­nen Hauch von Zeit­geist brach­te ledig­lich die Band Moni­tor in den Vor­ent­scheid, die sich – pas­send zum Orwell-Jahr 1984 – mit ‘Mensch aus Glas’ dem The­ma Über­wa­chungs­staat annahm und ihren aus heu­ti­ger Per­spek­ti­ve als sehe­risch zu bezeich­nen­den Lied­text in irgend­wo zwi­schen Kraft­werk und Alpha­vil­le chan­gie­ren­den Syn­the­si­zer-Melo­di­en gefäl­lig ver­pack­te. Nur, dass man auf die Aus­sa­ge des Songs gar nicht ach­te­te, weil man von dem mas­si­ven Sil­ber­blick des Lead­sän­gers so abge­lenkt wur­de. 1985 schaff­ten sie es mit dem deut­lich schwä­che­ren ‘Uto­pia’ nicht über die Radio­vor­run­de hin­aus. Äußerst scha­de, denn von die­sem Kali­ber hät­te man sich mehr gewünscht, wenn viel­leicht auch mit einer etwas zwin­gen­de­ren Hook­li­ne. So rag­te als ein­zi­ge, um so strah­len­de­re Aus­nah­me allei­ne der Sie­ger­ti­tel die­ser Vor­ent­schei­dung hell leuch­tend aus dem Sumpf des Grau­ens her­vor: Mary Roos’ (DE 1972, DVE 1970, 1975, 1982‘Auf­recht gehn’. Ein kraft­vol­ler Eman­zi­pa­ti­ons­schla­ger über eine Frau, die sich nach einer geschei­ter­ten Bezie­hung selbst wie­der aus den Nie­de­run­gen der Trau­er her­aus­zieht: berüh­rend, Mut machend und von Mary im schwarz-roten Pünkt­chen­kleid äußerst über­zeu­gend vor­ge­tra­gen.

Mein Vor­bild: Mary geht auf­recht durch die Dun­kel­heit ins Licht

Die­ser Schla­ger hat zudem für immer einen beson­de­ren Platz in mei­nem Her­zen, weil er nicht nur als Trost­spen­der für Tren­nungs­ge­schä­dig­te funk­tio­niert, son­dern auch als Kraft geben­de schwu­le Hym­ne. ‘Auf­recht gehn’ führ­te mich als damals Sech­zehn­jäh­ri­gen – zu einer Zeit, als Schwu­le in den Medi­en noch aus­schließ­lich als Kin­der­schän­der oder Gewalt­op­fer vor­ka­men und es noch kei­ne kar­ne­vals­ähn­li­chen CSDs oder offen schwu­le Außen­mi­nis­ter gab – mit sei­nen herz­er­wär­men­den Durch­hal­te­pa­ro­len (“Mit Stolz in mei­nen Augen / Und trotz Trä­nen im Gesicht / Auf­recht gehn durch die Nacht ins Licht”) durch die Irrun­gen und Wir­run­gen der ers­ten Com­ing-Out-Pha­se und gab mir auch in Zei­ten der Ver­zweif­lung (“Noch klingt auch mein Lachen etwas schrill / Noch sind in mei­ner See­le Split­ter / Noch sehe ich kein Ziel / Jedoch, ich will”) Halt und Mut. Gemein­sam mit den Songs von Bron­ski Beat gehör­te er zum Lab­sal spen­den­den Sound­track mei­ner Jugend, wes­we­gen er mei­nem klei­nen Euro­vi­si­ons­spiel­platz auch sei­nen Namen geben durf­te. Und ich sage an die­ser Stel­le auf­rech­ten Her­zens: Dan­ke, Mary!

1984 ein deut­scher Num­mer-Eins-Hit: ‘Jen­seits von Eden’ von Nino de Ange­lo (DE 1989, DVE 2002), hier in einer gelun­ge­nen Neu­be­ar­bei­tung mit Rap­per Eko Fresh

Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1984

Ein Lied für Luxem­burg. Sams­tag, 29. März 1984, aus dem Deut­schen Thea­ter in Mün­chen. 12 Teil­neh­mer, Mode­ra­ti­on: Sabi­ne Sau­er.
#Inter­pretTitelPunk­tePlatzCharts
01Cosi + RelaxOh, I woas net294909-
02Jür­gen Ren­fordtAls die Erde war gebo­ren350508-
03Har­mo­ny FourTin­gel Tan­gel Mann385203-
04Made­lei­neHalt mich fest267411-
05Hel­mut FreyHier ist einer zuviel307207-
06Gior­gia Lau­daJeder muß sein Leben leben335006-
07Frank Dani­elsWo warst Du, als ich starb266910-
08Mary RoosAuf­recht gehn41240156
09Pas de BasPri­ma­bal­le­ri­na259912-
10Moni­torMensch aus Glas375404-
11Anne-Karin Mey­erNie­mand366905-
12Bern­hard BrinkLie­be ist…400302-

5 Gedanken zu “DE 1984: Mit Stolz in mei­nen Augen

  1. Aufrechtgehn.de Inter­es­san­te und schö­ne Erläu­te­rung zum Titel die­ses für ESCler unaus­weich­li­chen Blogs ! 🙂

  2. Also dass Ralph Sie­gel “Grie­chi­scher Wein” kom­po­niert haben soll, ist mir neu. Ich den­ke, Herr Jür­gens hät­te etwas gegen die­se Behaup­tung!!!!

  3. Dan­ke, bidel­de­bin­ka! Du hast natür­lich recht, er hat’s nicht kom­po­niert – das war in der Tat Herr Jür­gens him­s­elf – son­dern pro­du­ziert. Vie­len Dank für den Hin­weis.

  4. Musi­ka­li­sche Grau­sam­keit”? Das sah der BR aber anders:

    Die Titel sol­len in die­sem Jahr auch neue Trends wider­spie­geln. So fan­den sich auf der Lis­te der letz­ten 24 Bewer­ber auch Grup­pen wie “Franz K.” mit dem fre­chen Song “Rock ‘n’ Roll im Bun­des­tag” und die “Hen­ry Cad­dy Band” mit “Jeder Tag ver­geht so schnell”. Damit woll­te man dem Ruf ent­ge­gen­ar­bei­ten, nur Opas Hit­pa­ra­de zu sein.” (Quel­le: Fern­seh­zei­tung vom 29.03.1984)

  5. Neue Trends” ist natür­lich sehr, sehr lus­tig: Rock’n’Roll war ja viel­leicht mal in den Fünf­zi­gern “neu und frech”. In den Acht­zi­gern war das schon klas­si­sche Spie­ßer­mu­sik (vgl. Bade­salz ‘Die Gaby und ich’). Dass der BR sich damit als am Puls der Zeit prä­sen­tie­ren woll­te, illus­triert ja um so schö­ner das Pro­blem. 🙂

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