ESC 1985: Lass es schwin­gen

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Das Jahr der Drag­queens

Ein bedenk­li­ches Zei­chen: im zwei­ten Jahr in Fol­ge mach­ten beim Euro­vi­si­on Song Con­test nicht die (unter­ir­di­schen) Lied­bei­trä­ge von sich reden, son­dern die Mode­ra­to­rin der Show. Lil Lind­fors, die anbe­tungs­wür­di­ge coo­le schwe­di­sche Grand-Prix-Ver­tre­te­rin von 1966 (‘Nygam­m­al Vals’) und Gast­ge­be­rin des heu­ti­gen Abends, blieb bei der Anmo­de­ra­ti­on der Punk­te­wer­tung wie zufäl­lig an einem Trep­pen­ge­län­der hän­gen und riss sich den Rock ab, wor­auf­hin die Welt sie sekun­den­lang im Unterhös­chen bewun­dern durf­te. Doch schnell lös­te sie ein paar Fäden, zog ein paar Stoff­tei­le her­un­ter und – schwupps! – stand sie wie­der im schick­li­chen Bein­kleid da. “Ich woll­te Sie nur auf­we­cken”, bemerk­te sie süf­fi­sant. Der Weck­ruf erwies sich nach der vor­aus­ge­gan­ge­nen musi­ka­li­schen Dau­er­öd­nis aber auch als bit­ter nötig!

Der ein­zi­ge Höhe­punkt der 1985er Show: Frau Lind­fors’ Gar­de­ro­ben­fehl­funk­ti­on!

Dabei hat­te es ganz gut ange­fan­gen: die etwas zer­zaust fri­sier­te Son­ja Lum­me gab sich gleich an zwei­ter Stel­le mit dem leicht mor­bi­den, aber druck­vol­len ‘Elä­köön elä­mä’ ganz der fin­ni­schen Lust am Umlaut hin. Dank groß­zü­gig ein­ge­streu­ter Mit­klat­sch­ele­men­te, seit ‘Tom Tom Tom’ (1973) und ‘Lap­po­nia’ (1977) eben­falls eine belieb­te fin­ni­sche Spe­zia­li­tät, sowie für Grand-Prix-Ver­hält­nis­se bei­na­he rocki­ger Gitar­ren­riffs wirk­te ihr Bei­trag trotz­dem frisch und schwung­voll. Mit dem neun­ten Rang war sie am Ende nicht ganz so gro­tesk unter­be­wer­tet wie die Spa­nie­rin Palo­ma San Basi­lio, deren ‘La Fies­ta ter­minó’ exakt jene hoch­dra­ma­ti­sche, auf dem Ster­be­bett der Lie­be dar­ge­bo­te­ne Bal­la­den­af­fä­re ein­lös­te, die der Titel ver­sprach. Palo­ma hät­te gewiss einen Son­der­preis fürs Make-up ver­dient: der zeit­ge­nös­si­schen Losung “mehr ist mehr” fol­gend, erleg­te sie sich beim Auf­tra­gen ihrer Farb­schich­ten deut­lich weni­ger Zurück­hal­tung auf als selbst der deut­sche Inbe­griff schlech­ter Tra­ves­tie, Mary.

Frisch vom Fjord: Son­ja Lum­me (FI)

A pro­pos Tra­ves­tie: Ade­lai­de Fer­rei­ra aus Por­tu­gal stell­te eine wei­ße Phan­ta­sie­uni­form mit ver­schwen­de­ri­schen Stras­s­ap­pli­ka­tio­nen zur Schau sowie eine Fri­sur, bei der selbst Hei­ke Schä­fer (DVE 1985) vor Neid tot umge­fal­len wäre. Ergänzt von einem Maxi­rock aus Lamet­ta­fä­den, der den Blick auf ihre lan­gen Bei­ne frei­gab, sobald sie sich ein wenig nach hin­ten lehn­te. Dank ihrer sehr her­ben Gesichts­zü­ge und den Schul­tern eines Preis­bo­xers (die besag­ter Ope­ret­ten-Uni­form geschul­det waren) wirk­te sie den­noch wie eine bul­ga­ri­sche Tran­se. Selbst der deut­sche Lead­sän­ger Rai­ner Hög­lmei­er griff tief in den Rouge­topf: eine gan­ze Genera­ti­on von Drag Queens erhielt hier ihre Anre­gun­gen! 1985 schien neben dem Jahr der Schul­ter­pols­ter auch das der Tren­nun­gen zu sein: neben Palo­ma San Basi­lio und Ade­lai­de Fer­rei­ra for­der­ten auch Lia Vis­si aus Zypern und Lin­da Lepom­me aus Bel­gi­en ihren jewei­li­gen Liebs­ten mehr oder weni­ger ver­klau­su­liert (‘Laat me nu gaan’) auf, sich end­lich zu ver­pis­sen. Bis auf Palo­mas sehr klas­si­sche, kom­pe­tent gesun­ge­ne Grand-Prix-Bal­la­de konn­te aber keins der Lie­der einen Refrain vor­wei­sen, der die­sen Namen auch nur ansatz­wei­se ver­dient hät­te. So plät­scher­ten sie an allen Ohren vor­bei.

Fie­le heu­te unter das Ver­mum­mungs­ver­bot: Palo­mas Kriegs­be­ma­lung (ES)

Das zwei­te gro­ße Leit­the­ma des Abends wid­me­te sich den hals­lo­sen Unge­heu­ern lie­ben Klei­nen. Gleich drei Län­der, näm­lich Öster­reich, Däne­mark und Luxem­burg, setz­ten scham­los auf den Kin­der­bo­nus. Søren Bund­gaard (Hot Eyes, DK 19841988) brach­te sein Blag gleich mit auf die Büh­ne. Das klau­te den Erwach­se­nen Schals und Gür­tel und kos­tü­mier­te sich selbst damit. Gele­gent­lich kräh­te es auch dazwi­schen, wenn die Gro­ßen san­gen. Anstatt ihm aber für die­se Dreis­tig­keit eins auf die Nuss zu geben, lie­ßen die Dänen ihren Schraz ein­fach gewäh­ren. So wird das nix mit der Erzie­hung! Gary Lux’ (AT 19831987‘Kin­der die­ser Welt’, eine schmie­ri­ge Kitsch­hym­ne wie direkt aus der Sie­gel-Werk­statt, ver­such­te es mit zuck­rig-ver­lo­ge­nen Text­zei­len wie “Mehr Blu­men im Asphalt / Gefüh­le statt Gewalt” und lös­te doch beim Zuhö­rer (also, jeden­falls bei mir) nur Gefüh­le voll Gewalt aus – näm­lich den heim­li­chen Wunsch, den Sän­ger mit einer Dampf­wal­ze in den Asphalt zu drü­cken, auf dass er end­lich auf­hö­re!

Frü­her war mehr Lamet­ta: Ade­lai­de Fer­rei­ra (PT)

Natür­lich war auch Sie­gel mit von der Par­tie: für das stets dank­ba­re Abneh­mer­land Luxem­burg schrieb er das beson­ders uner­träg­li­che, ver­bre­che­risch schlich­te Kin­der­lied ‘Kin­der, Child­ren, Enfants’, das ein namen­lo­ses, ver­zwei­felt künst­lich grin­sen­des Sex­tett abge­half­ter­ter Schlagersänger/innen unter straf­ba­rer Mit­wir­kung von Chris Roberts und Ire­en Sheer (LU 1974, DE 1978, DVE 1976, 2002) zum Vor­tra­ge brach­te. Sie­gel unter­lag, wie schon in der deut­schen Vor­ent­schei­dung, Han­ne Hal­ler (DVE 1979) erneut: das Gesül­ze lan­de­te auf dem drei­zehn­ten Rang. Um gänz­lich gewalt­freie Gefüh­le und deut­lich erwach­se­ne­re The­men ging es bei der Ver­tre­te­rin des aus­tra­gen­den Lan­des, Kikki Dani­els­son (SE 1982). Sie besang in ihrem typisch mun­te­ren Schwe­den­schla­ger die neu­es­te Erfin­dung der skan­di­na­vi­schen Sex­in­dus­trie, den Mas­sa­ge-BH (‘Bra Vibra­tio­ner’). Das kam an: Platz drei für das im pink­far­be­nen Schul­ter­pols­ter­ja­ckett antre­ten­de Schla­ger­pum­mel­chen.

Schwe­den­schla­ger von der Stan­ge: Kikki D.

Vier Rän­ge dar­un­ter lan­de­te das Vor­zei­ge­ehe­paar der Ita­lo-Pop-Wel­le, Al Bano & Romi­na Power (IT 1976)Wie schon bei Ingrid Peters’ (DE 1986, DVE 1979, 1983) italo­phi­ler Vor­ent­schei­dungs­femmage ‘Viva la Mam­ma’ hat­te Micha­el Hoff­mann (von Hoff­mann & Hoff­mann, DE 1983) auch beim stein­öden ‘Magic oh Magic’ sei­ne Hän­de im Spiel. Nicht vom schon längst wie­der ver­ebb­ten Trend pro­fi­tier­te die Schweiz, die mit ‘Pia­no Pia­no’ auch ein beson­ders lang­wei­li­ges Exem­plar die­ser Gat­tung schick­te und im hin­te­ren Mit­tel­feld ver­en­de­te. Einen zwei­ten Ver­such star­te­te der israe­li­sche Euro­vi­si­ons­sie­ger von 1978, Izhar Cohen. Er ver­füg­te noch immer über sei­ne tol­le Mar­ge-Simp­son-Fri­sur und hat­te mit dem dan­kens­wer­ter­wei­se weder fuß­ball- noch san­gria­be­sof­fe­nen ‘Olé olé’ eine sehr flot­te Kib­buz­dis­co­num­mer dabei. Lei­der aber auch eine Back­ground­sän­ge­rin, deren fal­sches, hohes Gekreisch durch Mark und Bein ging. Zwar ver­ab­schie­de­te sich auf­grund des hek­ti­schen Her­um­ge­hop­ses der Israe­lis bereits nach dem ers­ten Refrain ihr ange­klips­tes Mikro­fon (man konn­te förm­lich dabei zuse­hen, wie es an der Sire­ne hin­un­ter­wan­der­te), aber da war es schon zu spät: Platz fünf.

Die im mint­grü­nen Dress ist es. Ach­ten Sie mal drauf! (IL)

Dass der gefühls­schwan­ge­re deut­sche Schla­ger­quark ‘Für alle’ in Schwe­den den zwei­ten Platz hol­te, spricht für die frag­wür­di­ge musi­ka­li­sche Qua­li­tät der kom­plet­ten Ver­an­stal­tung, ver­wun­dert ange­sichts der mise­ra­blen Kon­kur­renz aber nicht wei­ter. Zeit­wei­lig sah es bei der Wer­tung sogar so aus, als könn­ten Wind (DE 1987, 1992, DVE 1998, 1999) die Chan­son-Kro­ne mit ihrem depri­mie­ren­den Gejau­le nach Hau­se holen. Dem­entspre­chend zürn­ten die Deut­schen mal wie­der kol­lek­tiv ob des ver­pass­ten Siegs (Ralph Sie­gel: “So geht’s nicht wei­ter, da müs­sen Gesprä­che her!”) und stor­nier­ten aus Pro­test gar geplan­te Urlaubs­rei­sen in die obsti­na­ten, deutsch­spra­chi­gen Nach­bar­län­der Öster­reich und Schweiz. Nur weil die Ärms­ten den pein­li­chen Schwur­bel ver­ste­hen konn­ten muss­ten und uns fol­ge­rich­tig mit null Punk­ten abstraf­ten gerecht bewer­te­ten. Welch’ ein deli­ka­ter Fall kol­lek­ti­ver Selbst­täu­schung!

Ho – hey – ho: die Bob­by­socks (NO)

Es sieg­te das in der bis­he­ri­gen Euro­vi­si­ons­ge­schich­te ten­den­zi­ell meist hin­ten lie­gen­de Nor­we­gen; nament­lich das Frau­en­duo Bob­by­socks mit der fröh­lich-schwung­vol­len Num­mer ‘La det swin­ge (La det Rock’n’Roll)’. Zu Recht, denn als einer der weni­gen des gesam­ten Abends ver­brei­te­te die­ser Bei­trag aus­nahms­wei­se kei­ne gepfleg­te Lan­ge­wei­le. Natür­lich ging auch ‘La det swin­ge’ mei­len­weit am aktu­el­len Musik­ge­sche­hen vor­bei (Chart­plat­zie­run­gen: #47 DE, #44 UK, #30 CH, #14 AT) und klang nach einer Plat­te, die eher in der Tanz­schu­le gespielt wer­den dürf­te als im Radio. Es erwies sich jedoch auf­grund des strah­len­den Auf­tritts der bei­den enthu­si­as­tisch schun­keln­den Sän­ge­rin­nen Han­ne Krogh (NO 1971, 1991) und Eli­sa­beth Andre­as­sen (SE 1982, 1994, 1996) in kräf­tig lila­far­be­nen Glit­zer­jäck­chen (natür­lich mit Schul­ter­pols­tern) sowie lila-schwar­zen Rin­gel­söck­chen als mit­rei­ßend. Auch Lil Lind­fors freu­te sich auf­rich­tig über den nor­we­gi­schen Sieg, ins­be­son­de­re, da Eli­sa­beth Andre­as­sen ja Schwe­din sei!

Weg­werf­pop vor Neon-Dis­co-Deko: der ESC 1985

Aus ter­min­li­chen Grün­den fehl­ten gleich zwei Län­der in Stock­holm: die Nie­der­lan­de begin­gen zeit­gleich ihren natio­na­len Volks­trau­er­tag, in Jugo­sla­wi­en über­schnitt sich der Grand Prix mit den Staats­fei­er­lich­kei­ten zum fünf­ten Todes­tag Titos, also muss­te der bereits aus­ge­wähl­te Bei­trag ‘Poko­ra’ von Zori­ca Kon­dža zu Hau­se blei­ben. Da Grie­chen­land und Isra­el aber wie­der mit­mach­ten, blieb die Teil­neh­mer­zahl gleich hoch.

Euro­vi­si­on Song Con­test 1985

Euro­vi­si­on Song Con­test 1985. Sams­tag, 4. Mai 1985, aus dem Skan­di­na­vi­um in Göte­borg, Schwe­den. 19 Teil­neh­mer, Mode­ra­ti­on: Lil Lind­fors.
#LandInter­pretTitelPunk­tePlatz
01IEMaria Chris­ti­anWait until the Wee­kend comes09106
02FISon­ja Lum­meElä­köön elä­mä05809
03CYLia Vis­siTo kata­la­va arga01517
04DKHot EyesSku’ du spørg’ fra no’en04111
05ESPalo­ma San Basi­lioLa Fies­ta ter­minó03615
06FRRoger BensFemme dans ses Rêves aus­si05610
07TRMFÖAşık old­um (Didai didai dai)03614
08BELin­da Lepom­meLaat me nu gaan00719
09PTAde­lai­de Fer­rei­raPen­so em ti, eu sei00917
10DEWindFür alle10502
11ILIzhar CohenOlé olé09305
12ITAlba­no & Romi­na PowerMagic, oh Magic07807
13NOBob­by­socksLa det swin­ge12301
14UKVik­ki Wat­sonLove is…10004
15CHMari­el­la Far­ré + Pino Gas­pa­riPia­no, pia­no03912
16SEKikki Dani­els­sonBra Vibra­tio­ner10303
17ATGary LuxKin­der die­ser Welt06008
18LUMar­go, Frank Oli­vi­er, Chris + Mal­colm Roberts, Ire­en Sheer, Dia­ne Salo­monChild­ren, Kin­der, Enfants03713
19GRTakis Bina­risMiazo­u­me01516

6 Gedanken zu “<span class="caps">ESC</span> 1985: Lass es schwin­gen”

  1. Heja, Nor­ge! Eigent­lich ein nicht wei­ter erwäh­nens­wer­tes Jahr, wäre da nicht der Sie­ger­ti­tel. Nor­we­gen gewinnt? IN SCHWE­DEN? Es gibt da die­se net­te Anek­do­te, wonach Jahn Tei­gen (ja, DER Jahn Tei­gen) mit dabei war und wäh­rend der Abstim­mung, als sich das Ergeb­nis abzeich­ne­te, durch Göte­borg lief. Dabei wur­de er stän­dig gefragt, wer gewinnt, und bekam auf sei­ne Ant­wort ‘Nor­we­gen!’ nur Geläch­ter zu hören. Rache ist süß! Die­ser Sülz­pop­schla­ger namens ‘Für Alle’ ist für mich so eine Art Guil­ty Plea­su­re – ja, ich höre das ab und zu ganz gern. Aber sonst? Him­mel, was für ein schlech­ter Jahr­gang.

  2. Ach ja, Kor­rek­tur­na­zi vor­aus: Izhar Cohen hat nicht, wie im letz­ten Absatz behaup­tet, 1977 gewon­nen, son­dern 1978.

  3. Nor­we­gen gewinnt, das hät­te man ihnen wohl damals gar nicht zuge­traut – “La det swin­ge” ist aber auch ein ech­ter Ohr­wurm, höre ich sehr ger­ne! “Für alle” mag ich auch, viel­leicht spricht es ein­fach den Kirch­gän­ger in mir an. Aber ist doch auch ein schö­ner Schla­ger, also nichts wofür man sich als Deut­scher in Grund und Boden schä­men müss­te.

  4. Puh, fins­ter, fins­ter, fins­ter, die­ser Jahr­gang. Kei­ne Fra­ge, wir befin­den uns mit­ten in den Acht­zi­gern, und ich weiß gar nicht, war­um ich die­sen Jahr­gang in der Prä-You­Tube-Zeit immer als so toll in Erin­ne­rung hat­te – muss wohl an Lill Lind­fors und dem durch­aus nicht unver­dien­ten zwei­ten Platz für Wind gele­gen haben. Durch­aus nicht unver­dient des­halb, weil der Rest ja auch nicht bes­ser war. Nor­we­gen als Sie­ger hat­te was, aber mei­ne eigent­li­che Favo­ri­tin kam aus Finn­land, damals noch ein abso­lu­tes No-Go. Isra­el war noch wit­zig, wenn auch belang­los, den Rest kann man getrost durch die Pfei­fe rau­chen.

  5. Für mich klingt La det Swin­ge wie ein Pla­gi­at von Water­loo. Mer­ke auch mit leicht varier­ten Songs von frü­he­ren Sie­gern, kann man gewin­nen.

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