DE 1986: Unse­re ein­zi­ge Welt

Ingrid Peters, DE 1986
Die Mager­süch­ti­ge

Sie fing schon mit einem Knal­ler an, die vom Baye­ri­schen Rund­funk leicht anrü­chig als “End­aus­schei­dung” apo­stro­phier­te Vor­auswahl 1986: gera­de groov­ten sich die Vor­jah­res­ver­tre­ter Wind (DE 1985, 1987, 1992, DVE 1998, 1999) auf der Büh­ne des Deut­schen Thea­ters zu Mün­chen zum Voll­play­back von ‘Für alle’ ein, da klemm­te bereits nach weni­gen Sekun­den das Band. Dazu hilf­los-nerv­tö­ten­des Gestam­mel von einer absurd auf­tou­pier­ten Frau mit dem spre­chen­den Namen Sabri­na Lal­lin­ger, wäh­rend ihre Komo­de­ra­to­rin der­ma­ßen grau­en­haf­te Lime­ricks stol­pernd vom Blatt able­sen muss­te, dass man sich die Ein­füh­rung der Scha­ria in Deutsch­land her­bei­sehn­te, um die hier­für ver­ant­wort­li­chen BR-Redak­teu­re mit Stock­schlä­gen bestra­fen zu dür­fen. Nicht aber die Able­se­rin, die char­man­te Wencke Myh­re (DE 1968, DVE 1983), die den Abend mit einem freud’schen Ver­spre­cher per­fekt zusam­men­fass­te: “Noch zwei Lie­der, dann haben die Zuschau­er die Wahl der Qual”!

Eine freund­li­che Leih­ga­be des Deut­schen Muse­ums zu Mün­chen, Abtei­lung anti­quier­te Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­nik: die Büh­nen­de­ko von That’s Life

Ralph Sie­gel steu­er­te gleich vier die­ser Qua­len bei. ‘Tele­fon’, von einer bunt zusam­men­ge­wür­fel­ten Trup­pe namens That’s Life unter Mit­wir­kung von Gabrie­le Thys­sen, spä­te­re Aga Khan, in den Sand gesetzt, hat­te unser Ralph bei sei­nem ver­stor­be­nen Vater und des­sen gleich­na­mi­gem 1957er Grand-Prix-Lied (dar­ge­bo­ten sei­ner­zeit von Mar­got Hiel­scher) abge­kup­fert, ergänzt noch um ein schrei­en­ma­chen­des “Din­ge lin­ge”. Nekro­lo­gi­schen Pla­gia­ris­mus nennt man das, und man muss als Kom­po­nist schon ziem­lich run­ter­ge­kom­men sein, um eine so boden­lo­se Lei­chen­fled­de­rei ein­zu­rei­chen. A pro­pos Lei­chen­fled­de­rei: auch die arg ange­g­am­mel­ten Res­te von Dschinghis Khan (DE 1979), mit dem Anhäng­sel Fami­ly ver­se­hen, reani­mier­te Sie­gel nach dem Mot­to ‘Wir gehörn zusam­men’. Das Publi­kum teil­te die­se Ansicht nur bedingt, viel­leicht weil sich Hen­ri­et­te Hei­chel gera­de von ihrem nun bei That’s Life mit­ma­chen­den Exmann Wolf­gang getrennt hat­te und damit sowohl den Song­ti­tel als auch den neu­en Namen der Sie­gel-Retor­ten­ka­pel­le Lügen straf­te: zwei­ter Platz.

Respekt: Bernd Mei­nun­ger ver­bau­te für die Dschinghis Khan Fami­ly sämt­li­che nur denk­ba­ren Text­kli­schees aus 30 Jah­ren gesam­mel­ter Grand-Prix-Geschich­te in nur einem ein­zi­gen Schla­ger!

Dem res­sour­cen­scho­nen­den Recy­cling fühlt sich Onkel Ralph übri­gens nach wie vor ver­pflich­tet: 2006 ver­wer­te­te er wei­te Tei­le die­ses Bei­trags für sein schwei­ze­ri­sches Euro­vi­si­ons­pro­jekt Six4One und mach­te dar­aus ‘If we all give a lit­te’, von generv­ten Euro­vi­si­ons­fans in ‘If we all hit Ralph Sie­gel’ umge­tex­tet. Beim 1986er Vor­ent­scheid goß Sie­gel indes sei­nen 1980er Euro­vi­si­ons­bei­trag ‘Thea­ter’ noch­mals auf und lie­fer­te einen wei­te­ren Grund dafür, ‘Clowns’ zu has­sen. Die gro­ße, fabel­haf­te Joy Fle­ming (DE 1975, DVE 2001, 2002) muss­te, anders sei­ner­zeit beim Song Con­test zu Stock­holm, dies­mal nicht mit einem schlim­men Wurst­pel­len­kleid und einem obsti­na­ten Orches­ter kämp­fen. Dafür jedoch mit einem lei­der sehr bana­len, mit den glei­chen aus­ge­lutsch­ten Text­kli­schees wie ‘Wir gehörn zusam­men’ auf­war­ten­den Schla­ger­chen namens ‘Mit­ein­an­der’ und einem kom­plett über­flüs­si­gen Duett­part­ner namens Marc Ber­ry (Blue Danu­be [AT 1980]). Sowie einer Chor­sän­ge­rin, die nach der Rückung der­ar­tig hoch krisch, als habe ihr gera­de jemand ihre Quer­flö­te abrupt rek­tal ein­ge­führt, so dass ab die­ser Stel­le das rest­li­che Lied in Lach­sal­ven unter­ging.

Bei 3:28 Min.: was ist nur in Joys Backing­sän­ge­rin gefah­ren?

Den Trash-Höhe­punkt der Show mar­kier­te indes ein ver­mut­lich als NDW-Par­odie gedach­ter Schla­ger mit dem revi­sio­nis­ti­schen Titel ‘Rein und klar, wie’s frü­her war’, dar­ge­bo­ten von einem als Robo­ter ver­klei­de­ten Men­schen mit dem spre­chen­den Namen Mis­ter Fis­to. Nun ja, eine Faust im Arsch tut im Ver­gleich zu die­ser Num­mer weni­ger weh. Für Mis­ter Fis­to (ganz ehr­lich: wer denkt sich sol­che Namen aus? Wel­che Dro­gen muss man da neh­men?) zeich­ne­te ein Kom­po­nist ver­ant­wort­lich, der eben­so wie Sie­gel die deut­schen Vor­ent­schei­dun­gen mit musi­ka­li­scher Aus­schuss­wa­re nur so über­schwemm­te: Gün­ther-Eric Thö­ner. 1973 schrieb er den hym­nen­haf­ten ‘Jun­gen Tag’ für die gro­ße Git­te Hæn­ning, danach ver­ließ ihn die Muse. Zwi­schen­zeit­lich hat­te er schon Schwie­rig­kei­ten, über­haupt noch jeman­den zu fin­den, der für sei­ne Musik­gur­ken das Gesicht hin­hal­ten woll­te. So muss­te er sei­nen nicht min­der mise­ra­blen Schla­ger ‘Du bist der Wind, der mei­ne Flü­gel trägt’ (das The­ma setz­ten die Mer­ci-Wer­be­tex­ter sowie die fabel­haf­te Bet­te Mid­ler Jah­re spä­ter dann sehr, sehr viel bes­ser um!) selbst sin­gen. Und es wür­de mich doch sehr wun­dern, wenn er nicht auch unter der Robo­ter­mas­ke von Mis­ter Fis­to steck­te!

Mehr Trash geht nicht: Mis­ter Fis­to

Ernst zu neh­men­de Pro­du­zen­ten und Künstler/innen mie­den die Euro­vi­si­on mitt­ler­wei­le so sehr, dass tat­säch­lich schon Hinz und Kunz ans Mikro durf­ten. So wie eben Stef­fi Hinz mit ‘Ich habe nie­mals nie gesagt’ (hät­te sie’s doch bloß mal getan!) und Mar­git Kunz Petrasch­ka mit dem selbst geschrie­be­nen Fehl­zün­der ‘Der Son­ne ent­ge­gen’. Ja, bit­te, ganz schnell, auf dass Du ver­glü­hen mögest! Es war zum Stei­ner­wei­chen. Kein Wun­der, dass der mit “mar­me­la­di­gem Pathos” (Jan Fed­der­sen) daher­kom­men­de Welt­frie­dens­schla­ger ‘Über die Brü­cke gehn’ von Ingrid Peters (DVE 1979, 1983) sieg­te: bei aller musi­ka­li­schen Alt­mo­disch­keit erwies er sich, wie übri­gens auch weni­ge Wochen spä­ter im nor­we­gi­schen Ber­gen beim Haupt­wett­be­werb, in einem depri­mie­ren­den Umfeld von viert­klas­si­gen Ver­zweif­lungs­lied­lein als ein­zi­ger wenigs­tens eini­ger­ma­ßen pro­fes­sio­nel­ler Bei­trag des Abends. Und blieb dem­entspre­chend auch der ein­zi­ge, von dem ein paar Sin­gles an den Mann gebracht wer­den konn­ten: die frü­he­re Sport­leh­re­rin fei­er­te damit ihren letz­ten Chart-Hit.

Nein, Angst hat sie nicht, die fan­tas­ti­sche Ingrid Peters, auch nicht vor Schul­ter­pols­tern

The­ma­tisch folg­te der brü­cken­schla­gen­de Text dem von Joy Fle­ming bereits 1975 ein­ge­schla­ge­nen Pfad der Völ­ker­ver­bin­dung durch die Kraft der Musik. Und nun fällt es natür­lich schwer, ange­sichts sol­cher nai­ven Welt­ver­bes­se­rungs­phan­ta­si­en wie “Gute Gedan­ken / schmel­zen das Eis in den Her­zen / unse­rer Welt” nicht in Zynis­mus zu ver­fal­len: ach, wenn es denn bloß so ein­fach wäre! Dann bräuch­te man die Pegi­da-Demos und die Par­tei­ta­ge von AfD und CSU nur mit Peters’ Song in End­los­schlei­fe zu beschal­len; Angst und Hass wür­den aus den Her­zen und Hir­nen ent­wei­chen und selbst der fie­ses­te Neo-Nazi wür­de auf­hö­ren, Flücht­lings­un­ter­künf­te anzu­zün­den, und statt­des­sen “über die Brü­cke gehn / ande­re Men­schen ver­stehn”. Wie herr­lich! Einen wun­der­ba­ren und ver­söhn­li­chen Schluss­punkt unter die Ver­an­stal­tung setz­te schließ­lich das zerlau­fen­de Mas­ca­ra auf dem Gesicht der Saar­brü­cker Schla­ger­sän­ge­rin, als sie nach ihrer Sie­ges­ak­kla­ma­ti­on den spon­ta­nen Fluss der Freu­den­trä­nen nicht mehr stop­pen konn­te. Sowie das beherz­te Ein­grei­fen von Schla­ger­kol­le­gin Wencke, die sie noch auf der Büh­ne behut­sam wie­der tro­cken­tupf­te, so dass Ingrid die Sie­ger­re­pri­se prä­sen­ta­bel über­stand.

Schon im zwei­ten Jahr nach Ein­füh­rung des Pri­vat­fern­se­hens sinkt auch bei den Öffent­lich-Recht­li­chen das Niveau: wer hat die Lal­lin­ger nur ins Fern­se­hen gelas­sen?

Inso­fern hat­te sich der Abend am Ende ja doch noch irgend­wie gelohnt. Und das soll­te ihn in erheb­li­chem Maße von den Vor­ent­schei­den der nächs­ten Jah­re unter­schei­den, über die ich am liebs­ten den Man­tel des Schwei­gens aus­brei­ten möch­te, wenn mich nicht die Chro­nis­ten­pflicht dazu zwän­ge, die Trau­ma­ta noch­mals zu durch­le­ben…

Einer der deut­schen Top-Hits 1986: der Bei­schlaf­schla­ger ‘Ohne Dich’ der Mün­che­ner Frei­heit (DE 1993), der sich inhalt­lich mit “Kein Gela­ber, nur Sex” zusam­men­fas­sen lässt

Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1986

Ein Lied für Ber­gen. Sams­tag, 27. März 1986, aus dem Deut­schen Thea­ter in Mün­chen. 12 Teil­neh­mer. Mode­ra­ti­on: Sabri­na Lal­lin­ger und Wencke Myh­re.
#Inter­pretTitelPunk­tePlatzCharts
01That’s LifeTele­fon201112-
02Gün­ther-Eric Thö­nerDu bist der Wind, der mei­ne Flü­gel trägt289309-
03Dschinghis Khan Fami­lyWir gehörn zusam­men408802-
04Ingrid PetersÜber die Brü­cke gehn42360145
05ClownsClowns359706-
06Stef­fi HinzIch habe nie­mals nie gesagt276910-
07Mis­ter Fis­toRein und klar, wie’s frü­her war210211-
08Head­lineEuro­pa387105-
09Mar­git P.Der Son­ne ent­ge­gen292308-
10Chris Heart + BandDie Engel sind auch nicht mehr das, was sie warn402703-
11Fle­ming & Ber­ryMit­ein­an­der398904-
12Tie BreakKopf oder Zahl311807-

2 Gedanken zu “DE 1986: Unse­re ein­zi­ge Welt

  1. Rich­tig mie­ser, unter­ir­di­scher Vor­ent­scheid. Abso­lu­ter Tief­punkt unter vie­len Tief­punk­ten: die bedau­erns­wer­te Stef­fi Hinz, die ihren gru­se­li­gen Sado­ma­so-Wal­zer (“Du bist der ein­zi­ge Mann der mich zu neh­men ver­steht” “seit dei­ne Hand mei­ne Rich­tung bestimmt”) schein­bar sel­ber so hirn­ris­sig und grot­tig fin­det, dass ihr gegen Ende, als die Cho­se mit einem schie­fen Back­ground­chor so rich­tig den Bach run­ter­geht, ein pein­li­che berühr­ter Ele­fan­ten­seuf­zer ent­fleucht (3:57 im You­tube-Video: https://www.youtube.com/watch?v=yVgrx8pjQcs ). Arme Frau!

Oder was denkst Du?