DE 1991: Und wir lern­ten zu ver­lie­ren

Atlantis 2000, DE 1991
Die Spar­kas­sen­an­ge­stell­ten

Das Jahr Eins nach der deut­schen Wie­der­ver­ei­ni­gung: die ursprüng­li­chen Plä­ne der Bür­ger­be­we­gung für eine eigen­stän­di­ge Deut­sche Demo­kra­ti­sche Repu­blik, die die­sen Namen auch ver­dient, waren zuguns­ten der schnel­len D-Mark und der berühm­ten “blü­hen­den Land­schaf­ten” (Hel­mut Kohl – wer ahn­te schon, dass er damit von Unkraut über­wu­cher­te, ein­ge­stürz­te VEB-Fabri­ka­ti­ons­hal­len mein­te?) zu Gra­be getra­gen. Das ehe­ma­li­ge Fern­se­hen der DDR war unter dem Über­gangs­na­men Deut­scher Fern­seh­funk (DFF) gera­de der ARD bei­ge­tre­ten. Die­se nutz­te die ver­meint­lich güns­ti­ge Gele­gen­heit und stell­te die Euro­vi­si­ons­vor­auswahl 1991 auf eine beson­ders brei­te Basis: sowohl der seit 1979 feder­füh­ren­de Baye­ri­sche Rund­funk als auch der im West­teil der Stadt behei­ma­te­te Sen­der Frei­es Ber­lin und eben der DFF ver­ant­wor­te­ten gemein­schaft­lich die im Ost­ber­li­ner Fried­rich­stadt­pa­last durch­ge­führ­te Ver­an­stal­tung. Doch vie­le Köche ver­der­ben bekannt­lich den Brei: die Vor­ent­schei­dung geriet zum Total­fi­as­ko.

Pro­duct Pla­ce­ment, über­flüs­si­ge Son­der­prei­se, ver­wech­sel­te Kom­po­nis­ten und ein mas­siv aus­ge­buh­ter Sie­ger: Hape Ker­ke­ling hat­te an die­ser Mode­ra­ti­on sicher­lich kei­ne Freu­de

Die zehn Final­bei­trä­ge beruh­ten nach Sen­der­an­ga­ben auf Vor­schlä­gen der Indus­trie. Was man kaum glau­ben mag, wenn man sich den von namen­lo­sem San­gesper­so­nal vor­ge­tra­ge­nen musi­ka­li­schen Son­der­müll vor Augen und Ohren führt, den die drei Anstal­ten hier dreis­terwei­se feil­bo­ten. Ande­rer­seits ver­dien­ten die deut­schen Schall­plat­ten­fir­men auch ohne Grand Prix ganz gut an der Wie­der­ver­ei­ni­gung: erfolg­reichs­te Sin­gle des Jah­res war ‘Wind of Chan­ge’ von den Scor­pi­ons, das sich eben­so wie David Has­sel­hoffs ‘Loo­king for Free­dom’ – eine Rück­über­tra­gung von Tony Mar­shalls (DVE 1976) ‘Auf der Stra­ße nach Süden’ – als Lied des Mau­er­falls eta­blie­ren konn­te. Zudem galt es, den Ami­ga-Kata­log nach Kult­schät­zen zu durch­fors­ten, wie bei­spiels­wei­se Nina Hagens ‘Du hast den Farb­film ver­ges­sen’, Man­fred Krugs ‘Wenn der Urlaub kommt’ oder Chris Doerks und Frank Schö­bels 1968er Schla­ger­knül­ler ‘Hei­ßer Som­mer’. Wel­chen Anlass hät­ten sie also gehabt, eta­blier­te Acts oder poten­ti­el­le Hits bei die­ser obsku­ren Ver­an­stal­tung zu ver­hei­zen?

Auch “drü­ben” konn­te man Schla­ger­film. Und im Gegen­satz zum ver­reg­ne­ten Wes­ten gab’s in der DDR anschei­nend tat­säch­lich hei­ße Som­mer.

Statt­des­sen ent­sandt man No-Hoper wie die jun­ge Bar­ba­ra Cas­sy, eine offen­sicht­lich ver­hal­tens­ge­stör­te Son­der­schü­le­rin mit fal­schen Wal­le­haa­ren und Schred­der­rock, die im Ecsta­sy-Nebel durch ihren Bei­trag hüpf­te, den angeb­lich Lou­is Rod­ri­guez (aus dem Modern-Tal­king-Umfeld) geschrie­ben, in Wahr­heit aber ein defek­tes Com­mo­do­re-C64-Kom­po­si­ti­ons­pro­gramm aus sinn­lo­sen, unzu­sam­men­hän­gen­den Text­fet­zen, Musik aus der Tele­fon­war­te­schlei­fe und ein paar Beats auto­ma­tisch zusam­men­ge­wür­felt hat­te. In einem zeig­te sich die Inter­pre­tin sehe­risch: für die hier­für zu ver­ab­rei­chen­den Schlä­ge galt in der Tat ‘Haut­nah ist nicht nah genug’! Die bei­den ein­zi­gen leid­lich bekann­ten Teilnehmer/innen waren die bis dato mit simp­len Ein­deut­schun­gen stein­al­ter Beach-Boys-Hits in Erschei­nung getre­te­nen Strand­jungs, deren ‘Jun­ge Her­zen’ die zuvor durch­ge­führ­te Radio-Vor­ent­schei­dung gewann, und die ein­deu­ti­ge Saal­fa­vo­ri­tin (und Sie­ge­rin des Pres­se­prei­ses) Cin­dy Ber­ger (DE 1974, DVE 1972, 1973, 1988), deren ‘Nie allein’ sich aber lei­der auch nur als ver­ges­sens­wür­di­ges Schla­ger­lein ent­pupp­te.

Lyri­sche Sül­ze an soßi­ger Hym­nen­haf­tig­keit: Cin­dy Ber­ger

Im Gegen­satz zur hyper­ak­ti­ven Frau Cas­sy wirk­te die saar­län­di­sche Schla­ger­le­gen­de eher benom­men, so als habe sei zuviel Johan­nis­kraut geraucht. Viel­leicht lag es aber auch nur an dem lah­men Lied­lein. Die Abstim­mung erfolg­te in die­sem Jahr wie­der per Jury (immer­hin tau­send­köp­fig und von Infra­test angeb­lich nach reprä­sen­ta­ti­ven Maß­stä­ben aus­ge­wählt), weil das Bei­tritts­ge­biet noch nicht über ein aus­ge­bau­tes Tele­fon­netz ver­füg­te und ein gesamt­deut­sches Tel­e­vo­ting damit aus­schied. Cin­dy erreich­te, sehr zum Miss­fal­len des Stu­dio­pu­bli­kums (Hape Ker­ke­ling: “ja… das ist aller­dings… tja…”), ledig­lich Platz 7. Doch auch, wenn man kei­nen ein­zi­gen der zehn Bei­trä­ge als des Sie­ges wür­dig betrach­ten kann, lässt sich beim bes­ten Wil­len nicht nach­voll­zie­hen, wes­we­gen aus­ge­rech­net die offen­bar aus “Spar­kas­sen­an­ge­stell­ten, die mal Gla­mour spiel­ten woll­ten” (Jan Fed­der­sen) zusam­men­ge­stell­te Retor­ten­band Atlan­tis 2000 gewann (die tat­säch­lich, den Nerd in mir drängt es, zu erzäh­len, aus dem Kom­po­nis­ten, sei­nem Bru­der, dem Tex­ter und ein paar Studiosänger/innen bestand).

Die­ser Quark darf nie­mals leben: Atlan­tis 2000

Ihr Bei­trag ‘Die­ser Traum darf nie­mals ster­ben’ erwies sich als so erbar­mungs­los schlecht, als so unfass­bar mise­ra­bel und mala­de, so fern­ab von Gut und Böse, dass sich jeder wei­te­re Kom­men­tar dazu ver­bie­tet. Auf wehr­los am Boden Lie­gen­de prü­gelt man nicht noch wei­ter ein. Und bei die­ser Num­mer han­del­te es sich schlicht­weg um eine musi­ka­li­sche Tot­ge­burt. Ver­ständ­lich, wenn auch unfair, dass die Zuschauer/innen im Saal bei der Bekannt­ga­be ihres Sie­ges laut­hals anfin­gen zu buhen, fre­ne­ti­scher und unüber­hör­ba­rer als zehn Jah­re spä­ter bei Zlat­kos Grand-Prix-Ver­such. So wie die namens­ge­ben­de Stadt Atlan­tis einst im Meer ver­sank, ging die Sie­ger­re­pri­se der Dilet­tan­ten­ka­pel­le in einem Meer gel­len­der Pfif­fe unter. Selbst Son­ny­boy Hape Ker­ke­ling, der den Mist zu mode­rie­ren hat­te, stand die Fas­sungs­lo­sig­keit ins Gesicht geschrie­ben, und die galt nur bedingt dem Ver­hal­ten des Publi­kums (“Das müs­sen Sie unter sich aus­ma­chen”).

1991 ein Top-Ten-Hit in Deutsch­land: der Camp-Klas­si­ker ‘Cru­ci­fied’ der schwe­di­schen Band Army of Lovers (Melo­di­fes­ti­va­len 2013)

Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1991

Ein Lied für Rom. Sams­tag, 21. März 1991, aus dem Fried­richs­stadt­pa­last in Ber­lin. Zehn Teil­neh­mer. Mode­ra­ti­on: Hape Ker­ke­ling und Syl­via Win­ter­grün.
#Inter­pretTitel%PlatzCharts
01Tan­ja JonakHand in Hand in die Son­ne09,506-
02Susan Schu­bertDu bist mehr10,805-
03Cin­dy Ber­gerNie allein06,407-
04Bar­ba­ra Cas­syHaut­nah ist nicht nah genug14,104-
05Con­ny & Kom­pli­zenJedes­mal02,810-
06Vox & VoxTief unter der Haut14,903-
07Ste­fan de WolffHerz an Herz03,709-
08Ziad + Sand­ri­naDie Wäch­ter der Erde15,202-
09Atlan­tis 2000Die­ser Traum darf nie­mals ster­ben18,501-
10Strand­jungsJun­ge Her­zen04,108-

3 Gedanken zu “DE 1991: Und wir lern­ten zu ver­lie­ren

  1. Oh Gott, was für ein furcht­ba­res Lied. Oder genau­er, was für eine schreck­li­che Per­for­mance – man mag mich jetzt stei­ni­gen, aber der Song an sich hät­te Poten­ti­al gehabt, wenn er in halb­wegs kom­pe­ten­te Hän­de gera­ten wäre. Sogar in der Stu­dio­fas­sung ist das Teil nahe­zu nicht anhör­bar – und live bricht die Fas­sa­de dann end­gül­tig zusam­men. Schlech­tes­ter Euro­vi­si­ons­bei­trag aus Deutsch­land aller Zei­ten? Ins­ge­samt betrach­tet: wahr­schein­lich ja.

  2. Ich kann mich noch gut an den Abend des Vor­ent­scheids erinnern…und an mein Ent­set­zen, dass DAS gewon­nen hat­te…
    Nach mehr­ma­li­gem Hören stel­le ich heu­te fest…das Lied an sich ist gar nicht sooo übel…nur die Inter­pre­ten sind übelst!
    Wer sind die? Wo hat man die gefun­den?
    Erin­nern mich doch ganz stark an Men­de­res von DSDS!
    Auch mit einem fähi­gen Inter­pre­ten hät­te die Num­mer nicht gegen Caro­la oder Ami­na anstin­ken kön­nen, aber mehr als 10 Punk­te hät­te es mit Sicher­heit gege­ben!

  3. Der Schnau­zer mit der Rund­bril­le ist der Kom­po­nist Alfons Wein­dorf, auch ver­ant­wort­lich ‘für den Frie­den die­ser Welt’ (AT 1994).
    Der mit den schlim­men wei­ßen Jacket­tär­meln ist der Tex­ter Hel­mut Frey (DVE 1987), als Song­schrei­ber und Pro­du­zent sehr umtrie­big im volks­tü­meln­den Schla­ger­be­reich (u.a. Wil­de­cker Herz­in­farkt­bu­ben, Spas­tel­ru­ther Kat­zen, Han­si Hin­ter­la­der, Nicki), singt aber auch selbst.
    Dann waren da noch der Bru­der vom Wein­dorf und ein paar Stu­di­o­sän­ger. Der Lang­haarz­ot­tel sang auch bei Ingrid Peters (DE 1986) schon im Chor (Quel­le: dig­gi­loo).

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