DE 1992: Der Mann, der sei­nen Job ver­lor

Wind, DE 1992
Die Hartz-Vier-Boten

In den Wie­der­ver­ei­ni­gungs­wir­ren nutz­te der Baye­ri­sche Rund­funk die Gunst der Stun­de und schob die Ver­ant­wor­tung für die mitt­ler­wei­le arg unge­lieb­te, nur noch als Geld­ver­schlin­gungs­ma­schi­ne emp­fun­de­ne Ver­an­stal­tung eilends an den neu gegrün­de­ten “Mit­tel­deut­schen” Rund­funk, noch heu­te der füh­ren­de Schla­ger­sen­der Deutsch­lands, ab. Dabei kam den Baju­wa­ren zupass, dass die äußerst CDU-nahe Zonen­an­stalt unter maß­geb­li­cher Füh­rung der Mün­che­ner auf­ge­baut wur­de, die dort ele­gant ihre per­so­nel­len und pro­gramm­li­chen Alt­las­ten ent­sorg­ten. Zu denen zähl­te eben auch die Vor­ent­schei­dung zum Grand Prix Euro­vi­si­on.

Die Erfin­de­rin des Vokuhi­la-Klei­des: Lena Valai­tis

Den zag­haf­ten Ver­su­chen des MDR, zeit­ge­mä­ße Interpreten1)Zu Ver­gleichs­zwe­cken: die bei­den kom­mer­zi­ell erfolg­reichs­ten deutsch­spra­chi­gen Titel des Jah­res hie­ßen ‘Das Boot’ von U96 und ‘Die da’ von den Fan­tas­ti­schen Vier. nach Mag­de­burg zu locken, bleib auf­grund der fort­be­stehen­den Spra­chen­re­gel der Erfolg ver­sagt. Trotz noch­mals deut­lich redu­zier­ten Star­ter­fel­des kamen aus­schließ­lich Ver­lie­rer­vi­sa­gen, die auf dem deut­schen Musik­markt nichts, aber auch gar nichts mehr zu bestel­len hat­ten. So wie die von Han­ne Hal­ler (DVE 1979) geschick­te Susan Schu­bert mit einem schlim­men Schun­kel­schla­ger für den Tanz­tee im Senio­ren­stift oder die bra­ve Bay­ern­band Relax, (DVE 1984) die sich bereits zehn Jah­re zuvor, von ihrer Plat­ten­fir­ma im Rah­men der kurz­zei­ti­gen NDW-Eupho­rie ver­heizt, auf einer gemein­sa­men Tour­nee mit Mar­kus und Nena von rabia­ten Extra­breit-Fans aus­bu­hen las­sen muss­te. Und es den­noch ver­säumt hat­te, sich recht­zei­tig auf­zu­lö­sen. Sowie der unver­meid­li­che Bern­hard Brink (DVE 1984, 1987, 1988, 2002) schon wie­der, der spä­ter beim MDR sein Gna­den­brot als Schla­ger­show­mo­de­ra­tor ver­zeh­ren soll­te. Hier trat er mit einem graus­li­gen Pla­gi­at des alten Demis-Rous­sos-Hits ‘Good­bye my Love, Good­bye’ an.


Andrea Berg für Anfän­ger: Susan Schu­bert

Sie alle erhiel­ten von den Jurys (der Osten hat es bekannt­lich nicht so mit dem gan­zen Demo­kra­tie­quatsch und leg­te das Schick­sal des deut­schen Bei­trags flugs wie­der in die Hän­de von 121 Lai­en­ju­ro­ren, ver­teilt auf die elf Sen­de­an­stal­ten der ARD) kei­nen ein­zi­gen Punkt. Im Gegen­satz zu der vom MDR pro­té­gier­ten Zonen­band Blaue Engel, die natür­lich auch nur im Osten punk­te­te, und den bei­den Songs aus dem Hau­se Sie­gel. Elf Jah­re nach ihrer Grand-Prix-Teil­nah­me mit ‘John­ny Blue’ bekam die mitt­ler­wei­le nicht mehr son­der­lich prä­sen­te, wenn­gleich noch immer hin­rei­ßend schö­ne Lena Valai­tis (DE 1981, DVE 1976) mit ihrem schwa­chen Lale-Ander­sen-Auf­guß ‘Wir sehn uns wie­der’ kei­ne zwei­te Chan­ce. Dafür aber, bereits zum drit­ten Mal, Wind (DE 1985, 1987). Deren win­del­wei­ches ‘Träu­me sind für alle da’ spiel­te in men­schen­ver­ach­ten­der Wei­se auf die aktu­el­le Arbeits­markt­si­tua­ti­on in den neu­en Bun­des­län­dern an: “Und der Mann, der sei­nen Job ver­lor / Träumt, dass er’s allen zeigt / Wie Phö­nix aus der Asche steigt”. Schon klar: mehr als träu­men blieb den Ossis nach dem wie­der­ver­ei­ni­gungs­be­ding­ten Zusam­men­bruch ihrer Wirt­schaft auch nicht übrig. Selbst schuld: wer auf Oskar Lafon­tai­ne nicht hören will, muss eben mit Ralph Sie­gel füh­len!


Träu­me sind Schäu­me: ein sehr lau­er Wind

Der Selbst­mit­leids­fak­tor reich­te für den Sieg. Car­men Nebel, das Ex-DDR-Äqui­va­lent zu Caro­li­ne Rei­ber, mode­rier­te alles in Grund und Boden (bedau­er­lich, dass nicht sie ihren Job ver­lor) und die Ein­schalt­quo­ten beweg­ten sich im nur noch mit dem Elek­tro­nen­mi­kro­skop sicht­ba­ren Bereich. Ein Lied für Mal­mö soll­te die letz­te Vor­ent­schei­dung für einen lan­gen Zeit­raum wer­den.

Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1992

Ein Lied für Mal­mö. Sams­tag, 30. März 1992, aus der Stadt­hal­le in Mag­de­burg. Sechs Teil­neh­mer, Mode­ra­ti­on: Car­men Nebel.
#Inter­pretTitelPunk­tePlatzCharts
01Bern­hard BrinkDer letz­te Traum0004-
02RelaxBlue Fare­well River0004-
03Susan Schu­bertShala­lai­ka0004-
04Blaue EngelLicht am Hori­zont0302-
05Lena Valai­tisWir sehn uns wie­der0103-
06WindTräu­me sind für alle da070159

Fußnote(n)   [ + ]

1. Zu Ver­gleichs­zwe­cken: die bei­den kom­mer­zi­ell erfolg­reichs­ten deutsch­spra­chi­gen Titel des Jah­res hie­ßen ‘Das Boot’ von U96 und ‘Die da’ von den Fan­tas­ti­schen Vier.

2 Gedanken zu “DE 1992: Der Mann, der sei­nen Job ver­lor

  1. Gro­be Fehl­ent­schei­dung Lena Valai­tis hät­te aus­ge­sucht wer­den sol­len. Zwar auch von Sie­gel, aber das weit­aus klas­si­sche­re und bes­se­re Stück. Sie hät­te uns mit Ele­ganz, Ernst­haf­tig­keit und Aus­strah­lung wür­dig ver­tre­ten (und hät­te sich zwi­schen den ande­ren Diven und Bal­la­dessen des Abends auch bes­ser gemacht). Im Gegen­satz zu Why me vielelicht zu unauf­dring­lich, aber wir haben ja gese­hen wo die wei­ner­li­chen, ver­schwur­bel­ten Lüft­chen am Ende gelan­det sind.

  2. Fal­scher Name Es ist zwar völ­lig unwich­tig, aber als Ein­ge­bo­re­ner muß ich eines klar stel­len: Es gibt kei­ne Rothe­horn­hal­le in oder um Mag­de­burg, weder offi­zi­ell noch im Volks­mund! Ver­an­stal­tungs­ort war die ‘Mag­de­bur­ger Stadt­hal­le’. Die fal­sche Bezeich­nung tauch­te plötz­lich beim neu­ge­grün­de­ten MDR auf und hat sich bei die­sem Sen­der bis heu­te gehal­ten. Grund dafür kann nur eine gewis­se Bor­niert­heit der dama­li­gen impor­tier­ten Sen­de­lei­tung sein. Die­se mein­te wohl, nur weil die Hal­le auf der Rothe­horn­in­sel liegt, müs­se sie auch so hei­ßen. Ist aber falsch und damit Ende der Chro­nis­ten­pflicht. Die Ver­an­stal­tung selbst war Müll. Lena Valai­tis war zwar die Bes­te, aber auch ihr Song war nur unte­rer Durch­schnitt. Wenigs­tens ihr Auf­tritt wäre beim ESC kei­ne Pein­lich­keit gewe­sen.

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