DE 1994: Um so län­ger, um so lie­ber

MeKaDo, DE 1994
Das Guil­ty Plea­su­re

Die Mün­che­ner Frei­heit (DE 1993), einer der kom­mer­zi­ell erfah­rens­ten Euro­vi­si­ons­ver­tre­ter der letz­ten zehn Jah­re, hat­te es ver­ris­sen. Also kehr­te man bei der ARD, der Expe­ri­men­te und ohne­hin des gan­zen kost­spie­li­gen Wett­be­werbs über­drüs­sig, lie­ber zum Bewähr­ten zurück. Eine Vor­ent­schei­dung zu orga­ni­sie­ren, wür­de ohne­hin nur Geld kos­ten, die Ein­schalt­quo­ten nach unten und das Genör­gel der Öffent­lich­keit nach sich zie­hen. Und Ralph Sie­gel wür­de ohne­hin gewin­nen. Also bestell­te man bei ihm ein­fach direkt einen Bei­trag und spar­te sich das gan­ze Drum­her­um.

In des Meis­ters Kom­po­si­ti­ons­scha­tul­le stau­ben seit dem Ende sei­ner krea­ti­ven Hoch­pha­se Anfang der Acht­zi­ger nur noch zwei Roh­ent­wür­fe vor sich hin, aus denen er seit­her all sei­ne Grand-Prix-Bei­trä­ge durch­paust: die schwüls­ti­ge, kitsch­trie­fen­de Welt­frie­dens­bal­la­de sowie das zwangs­fröh­li­che Senio­ren­dis­co-Pot­pour­ri. Zur zwei­ten Sor­te zählt sein ‘Wir geben ‘ne Par­ty’, von Bernd Mei­nun­ger mit einem hor­mo­num­wall­ten Pseu­do-Spaß­ge­nera­ti­onstext ver­se­hen, der auf fuß­nä­ge­lauf­rol­lend pein­li­che Art zeigt, was her­aus­kommt, wenn ein älte­rer Herr krampf­haft ver­sucht, auf jugend­lich zu machen.


Lus­ti­ges Detail: Mela­nies Vater Ste­ve Ben­der pro­du­zier­te die­sen Titel

Um den­noch die erwünsch­te Credi­bi­li­ty vor­zu­täu­schen, cas­te­te Sie­gel drei jun­ge Mädels zusam­men: Mela­nie Ben­der, ihres Zei­chens Toch­ter von Dschinghis-Khan-Glat­ze Ste­ve Ben­der, der ihr 1996 das Euro­dance-Album ‘Cri­tique’ schrieb und pro­du­zier­te, mit­samt der Sin­gle­aus­kop­pe­lung ‘You just want Sex’; die Eva-Her­man-Dop­pel­gän­ge­rin Kati Kar­ney sowie das Schau­spiel-Stern­chen Dor­kas Kie­fer (DVE 1989). Ergab zusam­men: MeKa­Do. Die Pseu­do-Girl­group wur­de natür­lich von der jugend­li­chen Ziel­grup­pe kon­se­quent igno­riert: der Titel schaff­te es für genau eine Woche in die deut­schen Top 100 – auf Platz 100! Blüm­chen ließ man sich ja noch andre­hen und Tic Tac Toe, aber die wirk­ten gegen MeKa­Do auch gera­de­zu authen­tisch und echt. Zum Ver­gleich: die erfolg­reichs­te deut­sche Pro­duk­ti­on des Jah­res hieß ‘Omen III von Magic Affair (mit der Stim­me von Fran­ca Mor­ga­no, die es 2011 erfolg­los beim Schwei­zer Inter­net-Vor-Vor­ent­scheid ver­su­chen soll­te), die best­plat­zier­te deutsch­spra­chi­ge Sin­gle (‘Eins zwei Poli­zei’) stamm­te iro­ni­scher­wei­se vom Ita­lo-Dance-Pro­ject Mo-Do.


Three Lieb­chens from Ger­ma­ny: Me, Ka und Do

Wir geben ‘ne Par­ty’ funk­tio­niert aber als klas­si­sches Guil­ty Plea­su­re, und das sehr gut: natür­lich ist das mit kal­ter Berech­nung zusam­men­ge­zim­mer­ter, völ­lig unzeit­ge­mä­ßer Schrott. Selbst­ver­ständ­lich mag ich den Song aber trotz­dem: er ist flott, tanz­bar (funk­tio­niert bei Euro­vi­si­ons­par­tys immer!), catchy und camp bis zum Abwin­ken. Außer­dem lässt sich die von den “Three Lieb­chens from Ger­ma­ny” (so der bri­ti­sche Kom­men­ta­tor Ter­ry Wogan) vor­ge­führ­te Han­do­gra­phy sehr leicht nach­ma­chen. Wenn man die Num­mer also nicht ernst nimmt, macht sie rie­si­gen Spaß. Da unter­schei­det sie sich nur wenig von ‘Dschinghis Khan’. Außer, dass ich 1979 erst elf war und sol­che Kin­der­lie­der damals auch ganz offi­zi­ell gut fin­den durf­te. Seit­her dreh­te sich die Welt aber wei­ter, nur Ralph Sie­gel offen­bar nicht.

Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1994

Die gol­de­ne Eins. Sams­tag, 21. März 1994, aus dem Sen­de­stu­dio des MDR. Ein Teil­neh­mer, Mode­ra­ti­on: Max Schaut­zer (Song­prä­sen­ta­ti­on im Rah­men der TV-Show).

1 Gedanke zu “DE 1994: Um so län­ger, um so lie­ber

  1. Ich muss ja zuge­ben, dass ich die­sen Song, wenn mich kei­ner sieht/hört, heim­lich ger­ne höre – allein schon, weil es der ers­te deut­sche Bei­trag seit Dschinghis Khan 1979 war, der wie­der sowas wie Dri­ve besaß und der statt ‚wie in den Vor­jah­ren üblich, nicht mehr 100 Mil­lio­nen, son­dern nur noch 99 Mil­lio­nen Licht­jah­re von aktu­el­len Pop­ge­sche­hen ent­fernt war.

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