DE 1997: Wie schnell der Wind sich dreht

Bianca Shomburg, DE 1997
Die Unzeit­ge­mä­ße

In klei­nen Schrit­ten, aber um so beharr­li­cher tas­te­te sich Dr. Jür­gen Mei­er-Beer, Unter­hal­tungs­chef des NDR und Deutsch­lands neu­er Euro­vi­si­ons­ver­ant­wort­li­cher, in die rich­ti­ge Rich­tung vor. In Jan Fed­der­sens Euro­vi­si­ons­bi­bel ‘Ein Lied kann eine Brü­cke sein’ schil­dert er, wie sich bei der über­fäl­li­gen Refor­mie­rung des hoff­nungs­los ver­staub­ten Wett­be­werbs “in kaf­ka­es­ker Wei­se immer neue Euro­vi­si­ons­gre­mi­en” auf­ta­ten, die “haupt­säch­lich aus älte­ren Her­ren” bestan­den, wel­che im Grand Prix die Instanz zur Ret­tung irgend­ei­nes hohen Kul­tur­gu­tes sahen und sich JMB bei sei­nen Moder­ni­sie­rungs­plä­nen in den Weg stell­ten. Braucht halt alles sei­ne ‘Zeit’.


Micha­el Jack­son, NDW-Mar­kus, La-le-lu-Rüh­mann und Libe­r­ace in einem: Leon

In Deutsch­land hat­te er erst­mal die prin­zi­pi­ell rich­ti­ge Idee, die Bestü­ckung der Vor­ent­schei­dung den fünf umsatz­stärks­ten Plat­ten­fir­men zu über­las­sen – in der hoff­nungs­vol­len Annah­me, dass die­se ihre bes­ten Acts bei­steu­ern wür­den. Die Musik­ma­jors lie­ßen JMB jedoch schnö­de im Stich. Was auch damit zu tun hat­te, dass die beschrie­be­nen kaf­ka­es­ken Euro­vi­si­ons­gre­mi­en die von Mei­er-Beer nach­drück­lich ver­folg­te Auf­he­bung der Spra­chen­re­gel wei­ter­hin blo­ckier­ten. Dem­entspre­chend zeig­ten die Mul­tis wenig Inter­es­se, ihre natio­na­len Hauptumsatzträger1)Verkaufsstärkste deut­sche Titel 1997: ‘War­um?’ von Tic Tac Toe, ‘Du liebst mich nicht’ von Sabri­na Set­lur (DVE 2004) und ‘Engel’ von Rammstein. in einer ris­kan­ten Vor­ent­schei­dung zu ver­hei­zen (wo ein hin­te­rer Platz für einen Kar­rie­re­knick sor­gen könn­te), nur um sie dann zu einem Wett­be­werb zu ent­sen­den, der auf­grund die­ser Beschrän­kung kei­ne Chan­ce auf eine inter­na­tio­na­le Ver­mark­tung bot. Also schick­ten sie bloß Nach­wuchs­stern­chen und Aus­schuss­wa­re.


Manch­mal fällt ein wenig Hirn vom Him­mel: All about Angels

Ein Text­zi­tat aus Leons ‘Pla­net of Blue’, dem im Vor­jahr bei der inter­na­tio­na­len Vor­auswahl auf so skan­da­lö­se Wei­se geschei­ter­ten deut­schen Bei­trag, ver­half der Sen­dung zu ihrem Namen: “Der Count­down läuft”. Leon war auch dies­mal wie­der dabei. Sei­ne ‘Klei­ne Taschen­lam­pe’ erwies sich aber als zu harm­los-nied­lich (und viel zu schwul vor­ge­tanzt), um punk­ten zu kön­nen. ‘Im Auge des Orkans’ stand eine gewis­se Tan­ja Hewer, Schla­ger­freun­den auch als Michel­le (DE 2001) bekannt. Sie kam im fest­li­chen Abend­kleid und mit ihrem fie­pend gesun­ge­nen Schmacht­fet­zen auf den drit­ten Platz. Es soll­te nicht das Letz­te sein, was wir von ihr zu hören beka­men. Neben den Plat­ten­mul­tis durf­ten auch die vier best­plat­zier­ten Kom­po­nis­ten des Vor­jah­res je einen Bei­trag bei­steu­ern, wes­we­gen Ralph Sie­gel gleich zwei Eisen im Feu­er hat­te. Er schick­te sei­ne bei­den Patent­bei­trä­ge, das Senio­ren­dis­co-Pot­pour­ri und die Welt­frie­dens­kitsch­hy­me.


Gab es je eine ‘Zeit’ für die­se Flat­ter­lap­pen, Bian­ca?

Ken­nen Sie das Geräusch, wenn man Kat­zen im Wei­her ersäuft? Ich auch nicht, aber es muss sich unge­fähr so anhö­ren wie die Gesangs­küns­te der Sie­gel-Girl­group All about  Angels. Ihr besin­nungs­lo­ser Syn­thie­schla­ger ‘Engel’ bedien­te sich frei­zü­gig bei Cin­dy & Berts (DE 1974‘Immer wie­der sonn­tags’ und sei­nem legen­dä­ren “Dip a dip a dip dip, dip” sowie am Sound­ge­rüst des Vor­jah­res­vor­ent­schei­dungs­kult­knal­lers ‘Sur­fen – Mul­ti­me­dia’ der fabel­haf­ten Euro­cats. Die Trau­ben ern­te­te Sie­gel hin­ge­gen mit ‘Zeit’. Wie er spä­ter ver­riet, schrieb er die pom­pö­se Bom­bast­bal­la­de ursprüng­lich für Esther Ofa­rim (CH 1963), um sie als image- und punk­te­för­der­li­ches deutsch-israe­li­sches Aus­söh­nungs­pro­jekt ver­kau­fen zu kön­nen. Frau Ofa­rim for­der­te aber 50.000 € Gage: einen sol­chen Betrag konn­te woll­te Mr. Grand Prix nicht hin­blät­tern. Es sprang die über­per­for­ma­ti­ve Bie­le­fel­der Bank­kauf­frau Bian­ca Shom­burg ein, die Sie­gel im Rüsch­chen­blü­schen und mit Land­po­me­ran­zen­dau­er­wel­le als maß­stabs­ge­treue Nico­le-Kopie kos­tü­mier­te. So glaub­ten wohl vie­le TED-Anru­fer, mit ihr die ‘Zeit’ um 15 Jah­re zurück­dre­hen zu kön­nen. Natür­lich, auch wenn ich damit vor­grei­fe, ver­ge­bens.

Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1997

Der Count­down läuft. 27. Febru­ar 1997, aus der Musik- und Kon­greß­hal­le Lübeck. Neun Teil­neh­mer, Mode­ra­ti­on: Jens Rie­wa.
#Inter­pretTitel%PlatzCharts
01Ver­lieb­te JungsIch bin solo01,809-
02Michae­laEs lebe die Lie­be09,305-
03JeanaKein “Bit­te ver­zeih mir”05,806-
04All About AngelsEngel04,307-
05Michel­leIm Auge des Orkans11,803-
06LeonSchein (mei­ne klei­ne Taschen­lam­pe)13,002-
07Bian­ca Shom­burgZeit40,20190
08Vive­caKomm zurück02,508-
09Anke Lau­ten­bachZwi­schen Him­mel und Erde11,404-

Fußnote(n)   [ + ]

1. Verkaufsstärkste deut­sche Titel 1997: ‘War­um?’ von Tic Tac Toe, ‘Du liebst mich nicht’ von Sabri­na Set­lur (DVE 2004) und ‘Engel’ von Rammstein.

1 Gedanke zu “DE 1997: Wie schnell der Wind sich dreht

  1. Steht hier in Ö grad in jeder Zei­tung, dass die Schau­spie­le­rin Lili­an Kle­bow bei All About Angels dabei war 😀

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