DE 1998: Die Zeit voll Har­mo­nie und Glück

Guildo Horn, DE 1998
Der Ret­ter

Mit dem Islän­der Paul Oscar, den die ARD als Star­gast zur deut­schen Vor­ent­schei­dung ein­flie­gen ließ, und der schel­misch “alle Swü­le” im Bre­mer Publi­kum grüß­te, wor­über sich Mode­ra­tor Axel “Alexis” Bult­haupt beson­ders strah­lend freu­te, hat­te der Grand Prix Euro­vi­si­on, schon seit jeher die jähr­li­che Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft der Schwu­len, im Vor­jahr end­lich sein offi­zi­el­les Com­ing Out geschafft. So erscheint die Teil­nah­me von Rosen­stolz an der dies­jäh­ri­gen Vor­ent­schei­dung nur fol­ge­rich­tig.

Das Ber­li­ner Duo, bestehend aus dem offen schwu­len Key­boar­der Peter Pla­te und der Sopra­nis­tin Anna Err, galt mit Chan­sons wie ‘Schlam­pen­fie­ber’ schon lan­ge als Geheim­tipp in der Sze­ne. Mit der grand­pri­x­es­ken, melan­cho­li­schen und bewe­gen­den Bal­la­de ‘Her­zens­schö­ner’ schaff­ten die Bei­den hier den Sprung in den Main­stream. Obwohl sie nur Zwei­te wur­den, ver­kauf­te sich ihre Sin­gle sehr gut – und öff­ne­te die Schleu­sen für einen bis zur Auf­lö­sung des Pro­jek­tes im Jah­re 2012 nicht mehr ver­sie­gen­den Strom deutsch­spra­chi­ger Hits.


Pro­fi­tier­ten von der Grand-Prix-Revo­lu­ti­on: Rosen­stolz

Im Grun­de fan­den in die­sem Jahr jedoch Guil­do-Horn-Fest­spie­le statt. “Der Meis­ter”, wie ihn sei­ne zahl­rei­chen Fans (zu denen selbst­ver­ständ­lich auch ich zäh­le) hul­di­gend nann­ten, konn­te sich an die Spit­ze einer eben­falls im schwu­len Unter­grund ent­stan­de­nen Kul­tur­re­vo­lu­ti­on set­zen: der lust­voll-iro­ni­schen Wie­der­ent­de­ckung des klas­si­schen deut­schen Schla­gers. Das bis dato hier­zu­lan­de vor allem in intel­lek­tu­el­len Krei­sen am meis­ten ver­ach­te­te Musik­gen­re bot näm­lich unge­zähl­te cam­pe Kult­schät­ze, und Horn hob sie. Durch iro­ni­sche Bre­chung, in dem er schweiß­damp­fen­de Rock­songs aus Schla­gern wie ‘Frem­de oder Freun­de’ oder Schla­ger aus Rock­songs wie ‘Rebel Yell’ (in sei­ner Ver­si­on: ‘Tanz den Horn’) mach­te, ver­lieh er der sich auf ihrem Höhe­punkt befind­li­chen Schla­ger­spaß­wel­le die ent­schei­den­den Impul­se und kämpf­te erfolg­reich den “Kreuz­zug der Zärt­lich­keit”.


Ich find Schla­ger toll: dem ist nichts mehr hin­zu­zu­fü­gen!

Für den Wett­be­werb ließ sich Horn vom inof­fi­zi­el­len Anwär­ter auf die Thron­fol­ge Ralph Sie­gels, Ste­fan Raab (DE 2000), das rund­weg bril­lan­te ‘Guil­do hat Euch lieb’ schrei­ben. Wie alle gro­ßen Meis­ter­wer­ke ein Ela­bo­rat mit Spalt­po­ten­zi­al: denn vie­le Men­schen hör­ten nur “Piep, piep, piep” und fühl­ten sich ver­arscht. Dabei mein­te es der Meis­ter mit Text­zei­len wie “Da wur­de Knud­deln und Knut­schen und Lie­ben / immer groß geschrie­ben” durch­aus auf­rich­tig: sei­ne ehr­li­che Fas­zi­na­ti­on am Schla­ger, die ihn bei allem Augen­zwin­kern so authen­tisch mach­te, rühr­te von den “klei­nen Fluch­ten” her, wel­che die gefühls­be­ton­ten Schla­ger­tex­te aus einer Welt bie­ten, in wel­cher übli­cher­wei­se “der Kopf sehr domi­nant” ist, wie er in vie­len Inter­views erklär­te. Eben “die Befrei­ung von der Ver­nunft”, so der Titel der Diplom­ar­beit des gelern­ten Päd­ago­gen.


Wun­der gibt es immer wie­der: der Meis­ter

Mit Guil­do Horn brach auf ein­mal jemand mit Bun­des­li­ga­for­mat in die wäh­rend der letz­ten zehn Jah­re doch eher in der Frei­zeit­li­ga spie­len­den Ver­an­stal­tung ein. Ent­spre­chend groß fiel die media­le Auf­merk­sam­keit aus. Zumal die Bild treff­si­cher das Skan­dal­po­ten­ti­al des wegen sei­nes nicht main­stream­kom­pa­ti­blen Äuße­ren umstrit­te­nen Meis­ters erkann­te und die Spal­tung der Nati­on in Horn-Jün­ger und Horn-Has­ser mit Schlag­zei­len wie “Darf die­ser Mann für Deutsch­land sin­gen?” anheiz­te. Er durf­te: 61% der Anru­fer stimm­ten für ihn und sei­ne lus­ti­ge, von Horn enthu­si­as­tisch wie immer vor­ge­turn­te Kuschel­num­mer. Ein Ergeb­nis, von dem selbst die CSU nur noch träu­men kann. A pro­pos: älte­re und kon­ser­va­ti­ve Men­schen, die den Witz nicht ver­stan­den, reagier­ten ent­setzt. Die jün­ge­ren Zuschau­er jedoch, die zuletzt dem Euro­vi­si­on Song Con­test in Scha­ren fern­blie­ben, schal­te­ten wie­der in Mas­sen zu oder ver­folg­ten die Show gemein­sam fröh­lich fei­ernd auf rie­si­gen Open-Air-Par­tys. Der Meis­ter ver­wan­del­te den ver­pön­ten Wett­be­werb in Deutsch­land wie­der in ein rele­van­tes TV-Ereig­nis.


Aller­liebst: der Fok­ker

Neben Rosen­stolz und Horn ver­blass­te das rest­li­che Feld zur blo­ßen Staf­fa­ge. Aber­mals waren die Plat­ten­fir­men auf­ge­for­dert, ihre bes­ten Umsatzträger1)Erfolgreichste deutsch­spra­chi­ge Sin­gles 1998: ‘Män­ner sind Schwei­ne’ von den Ärz­ten, ‘Die Flut’ von Hepp­ner & Witt und das Grö­ne­mey­er-Cover ‘Flug­zeu­ge im Bauch’ von Soapstern­chen und Schla­ger­con­nais­seur Oli­ver Petszokat. ein­zu­rei­chen. Aber­mals schick­ten sie eher hoff­nungs­lo­se Fäl­le. Ralph Sie­gel, sich zu Recht bedroht füh­lend, schoss gleich mit drei Bei­trä­gen zurück, einer gräss­li­cher und nich­ti­ger als der ande­re. Tief­punkt des Grau­ens: eine zum aggres­si­ven Com­pu­ter­beat hys­te­risch dau­er­grin­sen­de und ‘Can-Can’-tan­zen­de Lur­ex­tri­ne, ver­mut­lich eine unfrei­wil­li­ge Reve­renz an Eve­lyn Hamanns Kult-Dar­bie­tung ‘Mei­ne Schwes­ter heißt Poly­es­ter’ aus Lori­ots Meis­ter­werk Ödi­pus­si. Sie­gels ver­zwei­felt wir­ken­de Num­mern ver­en­de­ten geschlos­sen auf den Rän­gen sechs bis acht. Knapp hin­ter Rosen­stolz lan­de­ten, wohl die Groß­müt­ter­stim­men auf sich ver­ei­nend, Die drei jun­gen Tumo­re. Ent­schul­di­gung: Tenö­re. Pope­ra: wann stellt man die­ses Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit end­lich unter Stra­fe?


Eine ech­te Vor­ent­schei­dungs­per­le: das Rezes­si­ons­lied von Maria Per­zil

Wind (ESC 1985, 1987, 1992), die Uner­müd­li­chen, ver­such­ten es mit einem selbst geschrie­be­nen Stück von erbar­mungs­wür­di­ger Schlicht­heit. Aber auch ihre Zeit war vor­über. Fein hin­ge­gen der von Annet­te Hum­pe (Ich & Ich) pro­du­zier­te ‘Gel-Song’ von Fok­ker, eine hüb­sche klei­ne NDW-Remi­nis­zenz, sowie das gera­de­zu sehe­ri­sche ‘Freut Euch!’ von Maria Per­zil, das aller­dings zwei Jah­re zu früh dran war: “Jetzt kom­men die schlech­ten Zei­ten” hät­te der Song zur Inter­net­bla­se sein kön­nen, die aber erst 2000 platz­te. Bei­de Lie­der erzähl­ten augen­zwin­kernd lako­ni­sche Ver­lie­rer­ge­schich­ten und pass­ten wun­der­bar in den aktu­el­len, iro­nie­ge­sät­tig­ten Zeit­geist. Anlass zur Hei­ter­keit bot zudem die ehe­ma­li­ge NDW-Iko­ne Nena Ker­ner, die auf sehr char­man­te Wei­se kolum­bia­nisch auf­ge­dreht durch die Show führ­te.


“Ich geh da nicht mehr hin!” Nena ist erbost, dass der Tumult nicht ihr gilt.

Sie wur­de zum ers­ten Opfer der sich bei der Sie­ger­re­pri­se freie Bahn bre­chen­den Meis­ter-Eupho­rie: “Men­no, die haben mich ein­fach umge­rannt, die­se Schwach­köp­fe!”, konn­ten die Zuschau­er ihre empör­ten Hil­fe­ru­fe übers noch offe­ne Hand­mi­kro ver­neh­men, nach­dem Jour­na­lis­ten und ent­hemm­te Horn-Jün­ger in nicht enden wol­len­den Strö­men auf der Büh­ne ein­fie­len und der Abend im Cha­os ver­sank. Erst nach lan­gen Minu­ten der blan­ken, unge­fil­ter­ten Anar­chie konn­te Horn, ein­ge­kes­selt von zwei NDR-Kame­ras, die ihn not­dürf­tig gegen die Fan-Hor­den abschirm­ten, sei­nen Song noch mal zu Gehör brin­gen, wäh­rend die Mas­sen auf der Büh­ne fröh­lich wei­ter­fei­er­ten. War das ein Fest­tag!

Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1998

Count­down Grand Prix. Sams­tag, 26. Febru­ar 1998, aus der Stadt­hal­le in Bre­men. Zehn Teil­neh­mer. Mode­ra­ti­on: Axel Bult­haupt und Nena.
#Inter­pretTitel%PlatzCharts
01Sha­naEs reg­net nie in Texas*09-
02Ball­houseCan-Can*06-
03Maria Per­zilFreut Euch!*10-
04Dia­na + WindLaß die Her­zen sich berüh­ren*05-
05SharonKids*08-
06Guil­do HornGuil­do hat Euch lieb61,00104
07Rosen­stolzHer­zens­schö­ner10,60234
08Köpe­nickKar­ne­val*07-
09Fok­kerGel-Song (Klei­ne Melo­die)*04-
10Die 3 jun­gen Tenö­reDu bist ein Teil von mir10,203-

*Hin­weis zur Tabel­le: der NDR ver­öf­fent­lich­te nur die Pro­zent­an­ga­ben zu den ers­ten drei Plät­zen, der Rest ist Hören­sa­gen.

Fußnote(n)   [ + ]

1. Erfolgreichste deutsch­spra­chi­ge Sin­gles 1998: ‘Män­ner sind Schwei­ne’ von den Ärz­ten, ‘Die Flut’ von Hepp­ner & Witt und das Grö­ne­mey­er-Cover ‘Flug­zeu­ge im Bauch’ von Soapstern­chen und Schla­ger­con­nais­seur Oli­ver Petszokat.

1 Gedanke zu “DE 1998: Die Zeit voll Har­mo­nie und Glück

  1. Free at last! Es muss wohl der Tag nach dem Vor­ent­scheid gewe­sen sein. Seit dem Gru­sel-Grand Prix 1984 hat­te ich die­se Ver­an­stal­tung gemie­den – und daher auch von die­sem Vor­ent­scheid nix mit­be­kom­men. Aber wie gesagt, mut­maß­lich am Tag danach, ich war gera­de nach Hau­se gekom­men und woll­te mir mein Abend­essen machen, klin­gel­te jemand Sturm. Das konn­te eigent­lich nur mei­ne Nach­ba­rin sein. Sie war es, und sie war vol­ler Eupho­rie: ‘Stell dir vor, der Guil­do fährt zum Grand Prix!’ – Ich stutz­te: ‘Wer fährt zum Grand Prix?’ – ‘Na, der Guil­do Horn!’ O.K., den Namen hat­te ich schon mal gehört, aber viel anfan­gen konn­te ich damit nicht. Mei­ne Nach­ba­rin zerr­te mich am Arm: ‘Ich hab’s auf Video, das musst du sehen!’ Wir also rüber in ihre Woh­nung, der Fern­se­her lief schon, sie spul­te die Cas­set­te etwas zurück. Na ja, und dann ging unwill­kür­lich ein brei­tes Grin­sen über mein Gesicht, als ich den Auf­tritt des Meis­ters sah, und ich dach­te mir: ‘Das ist ja mal ein Schrat – die­ser Grand Prix könn­te ja echt inter­es­sant wer­den.’ Seit­dem habe ich kaum einen ESC ver­passt, und bereut habe ich das noch weni­ger als mei­ne lan­ge Absti­nenz in den dunk­len Jah­ren zuvor. Und auch wenn in den letz­ten Jah­ren die Punk­te­ver­ga­be ein wenig span­nungs­arm war, so war das musi­ka­li­sche Ange­bot doch jeweils sehr gut und vor allem sehr divers. Ob aber – ange­sichts von 50% Jury­vo­ting – so unge­wöhn­li­che Bei­trä­ge wie, um nur ein paar Bei­spie­le zu nen­nen, die von Lor­di, Zdob si Zdub, Ver­ka Ser­duch­ka oder auch Athena auch nur noch den Hauch einer Chan­ce haben wer­den, in Zukunft noch unter die Top Ten zu kom­men, wage ich zu bezwei­feln. Viel­leicht muss ich mich wie­der auf eini­ge Jah­re Absti­nenz ein­rich­ten.

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