ESC 1995: Auch die Nacht geht mal vorüber

Logo des Eurovision Song Contest 1995
Der historische Tiefpunkt

Möchte man den definitiven Tiefpunkt des Eurovision Song Contest verorten: hier ist er! Das Elend begann bereits Zuhause: der zuständige Zonensender MDR nominierte ohne jegliches Vorauswahlverfahren das christliche Songschreiberehepaar Cheyenne Stone und Glen Penniston (Stone & Stone), die Komponisten des in seiner Naivität irgendwie putzigen Drogen-sind-pfui-Hits ‚Julian‘, gesungen von der Eintagsfliege Mandy Winter. Das unterirdische, von den Stones selbst vorgetragene Preiset-den-Herrn-Liedchen ‚Verliebt in Dich‘ stellte die ARD – entgegen bisheriger Gepflogenheiten – noch nicht einmal in irgendeiner Show mehr vor. Vermutlich, um eine offene Revolte der deutschen TV-Zuschauer vor Dublin zu unterbinden.

Denn mir ist die brennende Pein noch in sehr lebhafter Erinnerung; das Magengrimmen, das Ohrensausen und die Schamesröte, die mich überfiel, als ich begreifen musste, dass tatsächlich dieses der deutsche Beitrag sein sollte. Noch nicht mal stoned & stoned konnte man dieses armselige, einfältige Gewinsel und diese markerschütternd schiefen Töne aushalten! Nie wieder, so schwor ich mir an diesem Abend, würde ich mich im europäischen Ausland als Deutscher zu erkennen geben. Reisen nach Spanien oder Holland: nur noch mit der Papiertüte über dem Kopf! Wobei: Malta soll ein schönes Urlaubsland sein. Eines, das man auch ohne Maske bereisen könnte. Denn die maltesische Jury zielte offensichtlich auf deutsche Touristen ab, als sie einen (!) ganzen (!!) Punkt (!!!) für den deutschen Beitrag vergab – den einzigen des Abends. Die Rechnung ging auf: zum Dank dafür, dass wir die hochverdiente Rote Laterne wenigstens nicht mit einer Null-Punkte-Wertung entgegennehmen mussten, stieg die Zahl der Malta-Touristen aus Deutschland in diesem Jahr um satte 20%.


Ich kann Europa nur um Vergebung anflehen: Stone & Stone (DE)

Zum Siegertitel von Secret Garden und dem Umstand, dass ausnahmsweise nicht Irland gewann, schrieb taz-Autor Ralf Sotschek: „Der echte irische Beitrag trat unter norwegischer Flagge an. ‚Nocturne‘, ein keltisches Stück, wurde von der irischen Violinistin Fionnuala Sherry vom RTÉ-Konzertorchester gespielt. Zur Tarnung ließ man die Norwegerin Gunnhild Tvinnereim 24 Worte auf norwegisch singen und verwirrte damit die Punktrichter. Prompt gewann Norwegen den Grand Prix.“ Dabei handelte es sich vermutlich um eine Absprache zwischen den TV-Anstalten der Grünen Insel und der bislang eher erfolglosen nordischen Öl-Milliardäre, denn der irische Sender war mittlerweile finanziell vollständig ausgeblutet. Zur doppelten Absicherung reichten die Iren ein so offensichtliches Plagiat ein (Eddie Friels ‚Dreamin“ glich dem 1973er Hit ‚Moonlight‘ von Julie Felix von der ersten bis auf die letzte Note), dass selbst die schwerhörige EBU es im Falle des Fehlschlagens der Secret-Garden-Finte hätte disqualifizieren müssen. Doch das Losglück zeigte sich den Kelten hold: Eddie bekam Startplatz zwei – den Todesslot.


Auch die Dunkelheit geht mal vorbei: Nocturne (NO)

Aufgrund der fehlenden Vorentscheidung fand der nicht einen einzigen Charthit abwerfende Jubiläumsjahrgang (immerhin der vierzigste Song Contest) in Deutschland praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Wofür man im Nachhinein dem MDR dankbar sein muss, denn so blieb den meisten unserer Landsleute sowohl der wichtigste Grund, sich seiner Herkunft zu schämen (richtig: Stone & Stone), als auch der Auftritt des russischen Ralph Siegel erspart. Phillip Kirkorov, Komponist beispielsweise von ‚Work your Magic‘ (BY 2007), die abgewrackteste männliche Schabracke, die jemals eine Eurovisionsbühne betrat, trug eine glanzweiße Seidenbluse, eine aufgedonnerte Katastrophendauerwelle und dickes Spachtel-Make-up. Er sang ein ‚Schlaflied für einen Vulkan‘, wobei man sich aufgrund seiner Bühnenshow des Eindrucks nicht zu erwehren vermochte, es gehe um den bevorstehenden Ausbruch seines eigenen „Vulkans“: eine schwer traumatisierende Erfahrung für jeden, der es sehen musste.


Warnung: Anklicken auf eigene Gefahr! Keine Haftung für gesundheitliche Schäden! (RU)

Als noch traumatischer erlebte ich den zweiten Platz für die Spanierin Anabel Conde. Ihr ‚Vuelve conmigo‘ fällt auf CD als recht schlichtes Liebeslied nicht weiter auf. Auf der Bühne jedoch legte die gute Anabel überraschend so viel dramatische Leidenschaft, Hingabe und Verve in den Song, dass sie der SéverineRegel folgend zwingend hätte gewinnen müssen. So hemmungslos verausgabte sie sich im Schlußrefrain, dass man befürchten musste, sie könne den Unterkiefer nie wieder einrenken. ‚Vuelve conmigo‘ verdient alleine aufgrund der  Performance der in einem schlichten Sommerkleidchen auftretenden Frau Conde das Prädikat des besten spanischen Eurovisionssongs aller Zeiten. Unter allen zweitplatzierten Grand-Prix-Beiträgen ist er derjenige, dessen Vorbeischrammen am Sieg die allergrößte Ungerechtigkeit darstellt, noch vor ‚Johnny Blue‘ (DE 1981) und ‚Hi‘ (IL 1983). Wenige Jahre später scheiterte sie in der spanischen Vorentscheidung mit dem ähnlich berauschenden ‚No Fronteras, no Colores‘ und kam erst 2005 als Chorsängerin für das benachbarte Andorra wieder zum Einsatz, wo sie Marian van der Wal locker an die Wand sang. Einem erneuten Versuch bei der spanischen Vorauswahl im Jahre 2010 blieb das Glück leider versagt.


Waah! Was heißt hier, nur Zweite? Anabel Conde (ES)

Als deutlich weniger leidenschaftlich, dafür aber unter allen dreiundzwanzig1)Die EBU hatte aus Mitleid mit den Zuschauern das Starterfeld um zwei Plätze reduziert. Eine Zwangspause einlegen mussten die sieben am schlechtesten platzierten Länder des Vorjahres, dafür durften die 1994 Relegierten wieder mitmachen. Nummern die einzige der aktuellen Popmusik sehr entfernt nahestehende (wenn das mal kein schönes Oxymoron ist!), erwies sich der britische Beitrag ‚Love City Groove‘ der Gruppe Love City Groove (#7 in den UK-Charts); „Massive Attack für Fussgänger“, wie Thomas Hermanns treffend umriß. Hinreißend hingegen Aud Wilken mit ihrem außergewöhnlich schönen, sanften Lied ‚Fra Mols til Skagen‘, das die skurrile Geschichte einer durch die Witterungsverhältnisse behinderten Liebe einer süddänischen Frau zu einem norddänischen Mann erzählte. Die zu ihrer eher an Zwölftonmusik als an Pop erinnernden Ethnoballade dramatisch mit den Armen fuchtelnde Polin Justyna Steczkowska (hoffte sie auf Sonderpunkte aus den Niederlanden für die erfolgreiche Darstellung einer Windmühle?) toppte den Sirenengesang ihrer Vorgängerin Edyta Górniak nochmals: ‚Sama‘ enthielt stellenweise dergestalt hohe Töne, dass sie der Zuschauer gar nicht mehr wahr nahm – und sich wunderte, warum die Hunde in der Nachbarschaft plötzlich anfingen, zu jaulen. Sehr deutlich wahrnehmbar waren dagegen die schmerzhaft schiefen Blockflötentöne, mit denen das RTÉ-Orchester einen neuerlichen zweiten Platz für Polen wirksam verhinderte.


Die Blockflöte des Todes: Justyna (PL)

Fiepende Töne kamen auch aus Kroatien. Das setzte auf ‚Nostalgija‘, ein kitschiges Früher-war-alles-besser-Liedchen aus der Feder des Balkan-Siegels Tonči Huljić, mit ebenfalls sensationell hohem, am Ende aber etwas ausgeblutetem Schlusston. Huljić gründete extra für diese Nummer die (im Heimatland dann noch jahrelang sehr erfolgreiche) Eurovisionsretortenband Magazin, deren Leadsängerinnen Danijela Martinović (HR 1998) und Lidija Horvat sich als Schneeweißchen und Rosenrot verkleideten. Wie Fabelwesen erschienen auch der ungarische und der maltesische Vertreter – allerdings eher aus finsteren Schauergeschichten der Gegenwart entsprungen. Der sich wie John Travolta in ‚Pulp Fiction‘ hinter einer großen Spiegelsonnenbrille versteckende Csaba Szigeti und der glatzköpfige, wie der Bösewicht in ‚Nosferatu‘ stets diabolisch von unten angestrahlte Mike Spiteri sahen jedenfalls zum Fürchten aus. ‚Keep me in Mind‘, die Aufforderung des Maltesers, bewahrheitete sich in dieser Nacht sicherlich in vielen Alpträumen.


Naschte vom bitteren Honig: Alex Panayi (CY)

Als verlässliche Lieferanten dramatischer Ethnolieder etablierten sich erneut die Hellenen. Der Zypriote Alexandros Panayi (CY 2000 als Teil von Nomiza), der 2009 hinter der Bühne den griechischen Beitrag singen sollte, während Sakis Rouvas vorne zu ‚This is our Night‘ schweißtreibend tanzte und lippensynchron den Mund bewegte, outete sich im selbst verfassten ‚Sti Fotia‘ als „der Grieche, der kämpft“. Er verschaffte sich ein unvergessliches Entree, in dem er zunächst zwei Backings mit einer Tischdecke wedelnd den geheiligten Eurovisionsbühnenboden vom Staub seiner unwürdigen Vorgänger befreien ließ und dann königsgleich durch ein mit derselben Tischdecke improvisiertes Spalier herein schritt. Auch seine restliche Show gestaltete sich dermaßen theatralisch, dass man noch Stunden später mit dem Abwischen der Lachtränen beschäftigt war. Elina Konstantopoulou bewies erneut, dass die Griechen nicht nur die längsten Nachnamen, sondern auch die unumschränktesten Eurovisionsgöttinnen produzieren. „Manche wollten meinen Thron“, so die schöne Elina, die sich selbst ob dieses „Sakrilegs“ versöhnlich zeigte: „Welches Gebet soll ich für ihre Sünden aufsagen?“


Sphärisch, panflötig, dramatisch, gut: Pia Prosefhi (GR)

Das konnten die Israelis natürlich nicht auf sich sitzen lassen: mit dem hymnischen ‚Amen‘ machte Liora Fadlon bei all dem in diesem Jahr massiv um sich greifenden geistlos-gottgefälligen Gesäusel ein für alle mal klar, welches Land in der Eurovision das alleinige Copyright für religiöse Themen besitzt. In Ewigkeit! Das deutsche Gotteslob und sein letzter Platz sorgte unterdessen zu Hause für beißenden Kanzlerspott (Helmut Kohl: „Stellen Sie sich vor, ich komme von einer internationalen Konferenz mit nur einem Punkt nach Hause“) – und für den Wechsel der Zuständigkeit: der MDR schmiss das Handtuch. Jürgen Meier-Beer, Unterhaltungschef des NDR, hob es auf.

Eurovision Song Contest 1995

Eurovision Song Contest. Samstag, 13. Mai 1995, aus dem Point Theatre in Dublin, Irland. 23 Teilnehmerländer, Moderation: Mary Kennedy.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01PLJustyna SteczkowskaSama01518
02IEEddie FrielDreamin'04414
03DEStone & StoneVerliebt in Dich00123
04BADavor PopovićDvadeset prvi vijek01419
05NOSecret GardenNocturne14801
06RUPhilip KirkorovKolibjeljnaja dlja Vulkana01717
07ISBo HalldórssonNúna03115
08ATStella JonesDie Welt dreht sich verkehrt06713
09ESAnabel CondeVuelve conmigo11902
10TRArzu EceSev02116
11HRMagazin + LidijaNostalgija09106
12FRNathalie SantamariaIl me donne Rendez-vous09404
13HUCsaba SzigetiÚj név a régi ház falán00322
14BEFrédéric EtherlinckLa Voix est libre00820
15UKLove City GrooveLove City Groove07610
16PTTó CruzBaunhila e Chocolate00521
17CYAlexandros PanayiSti Fotia07909
18SEJan JohansenSe på mig10003
19DKAud WilkenFra Mols til Skagen09205
20SIDarja ŠvajgerPrisluhni mi08407
21ILLiora FadlonAmen08108
22MTMike SpiteriKeep me in Mind07611
23GRElina KonstantopoulouPia Prosefhi06812

Fußnote(n)   [ + ]

1. Die EBU hatte aus Mitleid mit den Zuschauern das Starterfeld um zwei Plätze reduziert. Eine Zwangspause einlegen mussten die sieben am schlechtesten platzierten Länder des Vorjahres, dafür durften die 1994 Relegierten wieder mitmachen.

1 Gedanke zu “ESC 1995: Auch die Nacht geht mal vorüber

  1. Seit genau einer Woche war ich da auf der Welt und dann gleich mal so ein grottiger, in den Ohren schmerzender deutscher Beitrag. Toller Empfang! Danke, Penistons oder Pennistons oder wie ihr heißt -.-
    Verdienter letzter Platz.

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